Sonntag, November 24, 2013

Gewissensfreiheit und Gott – wo steht Franziskus?

[Von Bastian] Eine der päpstlichen Aussagen, an denen sich die Geister scheiden, ist die, auch ein Nichtglaubender müsse auf sein Gewissen hören und «sich dafür entscheiden, dem Guten zu folgen und das Böse zu bekämpfen, so wie er es versteht». Dazu gab es auf Facebook eine kleine Diskussion über das Gewissen, über die ich mir Gedanken mache.
Ich begegne bei diesem Thema zwei Argumentationslinien, die beide schlüssig sind.

Einmal scheint die Sache klar: selbstverständlich soll man seinem Gewissen folgen. Die alternative Forderung, im Zweifelsfall stattdessen der göttlichen Lehre zu folgen, ist ein doppelter Widerspruch in sich. Einmal ist Gottes Lehre die Lehre der Liebe. Gegen mein Gewissen lieben kann ich nicht. Zudem: erfüllte jemand tatsächlich gegen alles innere Bestreben Gottes Gebote – was wäre seine Motivation? Woraus schöpfte er den Willen und die Kraft, das zu tun? Wenn ich massiven Druck von außen ausschließe, wäre das, worauf er hört, genau das, was wir Gewissen nennen. Doch ein Appell an das Gewissen, sich gegen das Gewissen zu entscheiden, ist logischerweise ebenfalls Unsinn. Am Gewissen komme ich nicht vorbei: ich kann das Gute überhaupt nur in den Grenzen meines Gewissens tun – alles andere ist in sich absurd. Das Problem dieser Argumentation: es gibt in ihr außer der Gewissenlosigkeit keine Schuld.

Nun wurde in der folgerichtig Diskussion das Argument gebracht, dann seien auch Hitler und Stalin gerechtfertigt, wenn sie denn auf ihr Gewissen gehört hätten. Ich halte das in diesem Zusammenhang nicht für ein Totschlagargument mit Klischees, sondern für einen sehr guten Einwand: die zweite Argumentationslinie. Wenn ich nämlich nur dem Gewissen verpflichtet bin, gerate ich in den nächsten Selbst-Widerspruch. Hitler und Stalin stehen synonym für Verbrechen und Schuld. Irgendwo muss diese Schuld angesiedelt sein, ganz gleich, was die beiden dachten. Es muss eine Art objektiver Schuld geben, sonst empört sich gerade das geforderte Gewissen. Das Gewissen kann offensichtlich nicht autark sein. Es braucht eine Richtschnur, an der es sich ausrichtet. Das ist logisch: eine moralische Instanz, die alles für moralisch erklären kann, hat sich im selben Moment selbst abgeschafft, denn es gibt nichts mehr, dass sie klären müsste.

Nun baut sich ein Dilemma auf. Ich kann nur innerhalb meines Gewissens handeln, und brauche doch den übergeordneten Maßstab. Auf dieses Dilemma stoße ich allenthalben. Viele Ungläubige finden die Idee einer Lehre, nach der sich das Gewissen richten soll, absurd; sie lehnen den Glauben aus Gewissensgründen ab. Viele Christen hingegen lehnen ein Gewissen ohne Lehre ab. Die Diskussionen sind schwierig, denn beide haben mit ihren Gründen Recht, wenn sie auch beide, so denke ich, oft die falschen Schlüsse daraus ziehen. Denn weder das Ablehnen jeder Lehre als Bevormundung ist die Lösung, noch ihre Verkündigung ohne Rücksicht auf das Gewissen anderer. In beiden Fällen hat man, so meine ich, Gott vergessen.

Blickt man auf Gott, ist man nicht mehr selbst-bezogen. Die ganzen Widersprüche fallen in sich zusammen, wenn Er selbst ins Spiel kommt. Kenne ich Gott, so hat er selbstverständlich in meinem Gewissen einen Platz. Im selben Moment ist der übergeordnete Maßstab, den ich brauche, Teil meines Gewissens. Das Gewissen ist aus sich selbst heraus nicht mehr auf sich selbst fixiert. Gott erweitert es. Er schafft die Voraussetzung dafür, dass die Lehre als sein Wille erkannt und umgesetzt wird.
Dazu jedoch brauche ich Gott als Gegenüber. Gott Abstraktum, das ich in mir selbst finde, ist keine Hilfe. Der Blick ginge wieder nur auf mich selbst und das Gewissen wird letztlich haltlos. Zu erleben ist das im New-Age, wo viele Ideen erst einmal idealistisch und positiv erscheinen, sich letztlich aber als gegen Christus gerichtet entpuppen. Sie müssen den bekämpfen, der ihnen sagt: Ihr seid nicht euer eigener Herr, sondern Ich bin es. Doch auch die Vorstellung, die Lehre sei alles, kann Gottes ermangeln. Auch sie kann zum Kreisen um eigene Ideen werden, die man anderen wie eigenen Ideen verkaufen will und sich wundert, warum sie nicht angenommen werden, wo sie doch so wichtig sind. Vor meinem selbst-bezogenen Gewissen wird der andere schuldig, weil er nicht auf mich hört. Er soll jedoch auf Gott hören.

Bringe den Menschen die Lehre, rede ihnen ins Gewissen, und sie finden Gott – das mag immer wieder funktionieren. Doch ich vermute, viel häufiger muss es heißen: bringe den Menschen Gott, und in ihrem Gewissen wird Platz für die Lehre sein. Und so groß, wie unsere Lehre ist, braucht sie viel Platz!
Wie ich Papst Franziskus verstehe, will er dazu anregen, anderen Menschen diese Begegnung mit Gott zu vermitteln, die alles ändert. Dazu ruft er auf. Er respektiert den Ungläubigen, aber nicht, damit er es bleiben soll. Er tut es, damit dessen Gewissen, mit dem er Gott folgen soll, dafür intakt bleibt. Mir scheint, dass oft die Lehre dadurch verfälscht wird, dass sie wie eine Sammlung von Fakten vertreten wird, durch die nicht mehr hindurchscheint, dass es die Lehre der Liebe ist.
Für mich ist das Anliegen des Papstes Mission aus Liebe, und ich muss sagen, es spricht mich sehr an.

Kommentare:

  1. Nun, es gibt auch den Begriff der Gewissensbildung! An dieser Stelle ist Erziehung und irgendwo auch das, was hinter der kirchlichen Lehre steht, die Liebe, aus der heraus bestimmte Werte entstehen, von Bedeutung. Und bleibt dies aus, kann die Gewissensbildung rudimentär bleiben. Durch bösartige Handlungen kann das Gewissen eines Menschen wohl auch abgetötet werden (Killer, die ohne Schuldempfinden töten). Dann stellt sich die Frage, ob ein solcher Mensch überhaupt schuldig sein kann?! Ein spannendes Thema!

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  2. Da hilft vielleicht die 8. große Fürbitte vom Karfreitag, an die der Papst wohl gedacht haben mag:

    8. Für alle, die nicht an Gott glauben
    Lasst uns auch beten für alle, die Gott nicht erkennen, dass sie mit seiner Hilfe ihrem Gewissen folgen und so zum Gott und Vater aller Menschen gelangen.
    (Beuget die Knie. - Stille - Erhebet euch.)

    Allmächtiger, ewiger Gott,
    du hast den Menschen geschaffen,
    dass er dich suche und in dir Ruhe finde.
    Gib dich zu erkennen
    in den Beweisen deines Erbarmens
    und in den Taten deiner Gläubigen,
    damit die Menschen trotz aller Hindernisse dich finden
    und als den wahren Gott und Vater bekennen.
    Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

    und vielleicht auch dieses:

    http://www.hoye.de/christentum/lieferung16.pdf

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  3. Friedlon8:20 vorm.

    Eigentlich ist in http://stjosef.at/kkk/update/KKK/KKK%201776-1802.pdf alles schön zusammengefasst und den genannten (Schein)Argumente schon entgegnet.

    1. Hitler und Co. handelten nach ihrem Willen, aber nicht nach ihrem Gewissen, denn das Hören auf das Gewissen verlangt Innerlichkeit (1779)
    2. Das Objektive (die Moralkriterien) - das ist die Lehre. Die Leistung des Gewissens ist die korrekte Anwendung auf den Einzelfall (1780)
    usw.

    Wenn man durchgeht, müsste eigentlich alles geklärt sein.

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  4. Sie haben die Sache auf den Punkt gebracht: Das Gewissen braucht eine Norm, und die erste Gewissensfrage ist, welcher Norm ich mich unterwerfe. So hat ein Christ keine Gewissensnöte, wenn er (in Maßen) Wein trinkt, bei einem gläubigen Moslem sollte sich das Gewissen allerdings melden. Wie abwegig die heute bei allen ethischen Fragen immer ins Gespräch gebrachte Forderung ist, den Menschen nach seinem Gewissen entscheiden zu lassen, zeigt sich in der Frage der Abtreibung. Auch hier wird, wie z. B. von „Wir sind Kirche“, der Gewissensentscheidung der Frau eine höhere Priorität eingeräumt als dem Lebensrecht des Kindes. Wie absurd, das Lebensrecht eines Menschen von der „Gewissensentscheidung“ eines anderen abhängig zu machen. Ich bin da ganz Ihrer Meinung, dass das Beispiel „Hitler“ in diesem Zusammenhang durchaus angemessen ist. Was man heute als „Gewissensentscheidung“ verkauft, ist nichts anderes als das Zugeständnis, sich seine ethischen Normen selbst zu setzen.

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