Mittwoch, November 13, 2013

Die Handreichung und eine Geschichte

[Von Bastian]
In meiner Kindheit habe ich einmal eine Geschichte gehört, die mich bis heute immer wieder verfolgt hat.

Ein Mann trifft nachts einen anderen, der unter einer Straßenlaterne den Boden absucht. „Was suchen Sie? Kann ich Ihnen helfen?“ fragt er. „Ich habe meinen Haustürschlüssel verloren!“ sagt der andere. Beide suchen eine Weile intensiv. Dann meint der Helfer: „Hier ist er nicht. Sind Sie sicher, dass Sie ihn hier verloren haben?“ „Nein!“ entgegnet der andere. „Ich habe ihn dort drüben am Gebüsch verloren.“ – „Warum um Gottes Willen suchen Sie denn dann hier?“ fragt der Helfer. Darauf der andere: „Weil hier Licht ist!“ 

Tiefe Symbolik und hehre Moral sollten das sein – so kam mir das immer vor. Unser Lehrer fand es rührend und menschlich. Wir sehnen uns nach Licht und so weiter. Doch die einzige Lebensweisheit, die ich daraus entnehmen konnte, war, dass der Sucher komplett blöd ist. Selten habe ich mich als Kind so geärgert – es ist mir noch lebhaft in Erinnerung.

Heute allerdings fiel mir diese Geschichte zum ersten Mal als passend ein. In einer Flut von Informationen, Belastungen, Hektik und Unsicherheit, umgeben von der Realität tausender scheiternder Ehen und Beziehungen und verzweifelter Neuanfänge haben viele den Schlüssel zum katholischen Glauben verloren. Viele in der Kirche versuchen, ihnen beim Suchen zu helfen. Die Freiburger Handreichung ist für mich ein Beispiel dafür, wie man dort suchen kann, wo die Lösung nicht ist, wo es aber ein wenig heller aussieht. Mit so einer Handreichung ist alles nicht mehr so bedrückend – da strömen die Menschen hin. Es scheint tatsächlich menschlich zu sein. Und dort wird weiter gesucht, auch wenn es heißt: „Hier liegt der Schlüssel nicht, geht und sucht an der richtigen Stelle.“ (LINK)

Und nun? Ich kann, wie als Kind, feststellen, dass die alle blöd sind. Ich bin nämlich überzeugt vom katholischen Lehramt. Das wäre nicht im Sinne Jesu: „Geht und lehret alle Völker“ beinhaltet zwar ganz klar eine Lehre, ist aber trotzdem mit „Geht und schimpfet über alle Irrenden“ unzureichend übersetzt. Im Sinne Jesu ist wohl eher, dass ich mich frage, warum es dort, wo ich den Schlüssel vermute, so dunkel erscheint. Wirklich nur, weil die alle zu doof (ungläubig, liberal, konservativ, verstockt, unkatholisch, romfixiert) sind, das wahre Licht zu erkennen? Gleichwie: mein Job scheint es zu sein, dass es dort, wo ich Gott erkenne, auch für andere heller wird. Und dazu reicht es nicht, mich zu vergewissern, dass ich Recht habe und die anderen nicht.

Oft will mir scheinen, mit dem Argument der Lehramtsuntreue soll den Menschen nicht nur klar gemacht werden, dass sie an der falschen Stelle suchen, sondern auch gleich, dass sie erst gar nicht suchen sollen. Das kann schnell so verstanden werden, dass sie in der Kirche nichts zu suchen haben – verhängnisvoll. Sollte das bei meinem Versuch herauskommen, alle Völker zu lehren, wäre der ziemlich kläglich gescheitert.

Mir stellt sich die Frage, ob ich denn eine Antwort habe auf all die Scheidungen und Beziehungskrisen, auf zwischen den Eltern zerrissene Kinder und sexuelle Orientierungslosigkeit, die ich immer wieder hautnah und schmerzhaft miterlebe, gleich mehrfach derzeit in meinem Umfeld. Offenbar habe ich eine, denn ich bin glücklich verheiratet, und das nicht, weil immer alles leicht ist oder ich ein besonders liebenswerter Mensch wäre.
Doch was genau hält mich da? Und was kann ich tun, damit das als Licht leuchtet? Damit auch hier gesucht werden kann? Das hat Christus doch gemeint, als er sagte, wir sollten unser Licht nicht unter den Scheffel stellen, sondern es allen leuchten lassen.
Ich muss darüber unbedingt nachdenken.

1 Kommentar:

  1. Diese Gedanken zu dieser Jahreszeit sind derart gut! Ich danke Ihnen herzlich! Jetzt weiß ich auch, warum mich manche Suchaktionen lieber Mitmenschen so fürchterlich zum "kochen bringen". Das hat die Geschichte da erklärt!

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