Samstag, März 09, 2019

Gendern wir es an


Es ist eigentlich nicht zu verstehen, warum ein ausgeprägtes und differenziertes Geschlechterverständnis und -bewusstsein nur für Menschen gelten sollte. Als Primat inter pares nimmt der Mensch biologisch und verhaltensphysiologisch keine Sonderstellung ein. Was für ihn diskriminierend ist, gilt entsprechend im Tierreich und wird dort zu ähnlichen Frustrationserlebnissen mit nachfolgenden Verhaltensstörungen führen. Davor gilt es zu schützen!
Doch im Naturschutz steckt das Bewusstsein für diese Problemebene noch in den Kinderschuhen. Die Sprache nivelliert und diskriminiert unkorrigiert und unbeeindruckt selbst an den sensibelsten Stellen. Wo bleiben die weiblichen Tiere, wenn von 30.000 bis 40.000 gewilderten Elefanten die Rede ist? Die Getöteten Elefantinnen mussten das Geschlecht wechseln, um wenigstens statistisch erfasst zu werden? Wenn das Eis unter Pinguininnen wegschmilzt, ist es keine Pressenotiz wert. Hat es auf den Meeresspiegel keine Auswirkungen? Man liest jedenfalls nichts davon.
Bereits die Namen, die der Mensch den Tieren ungefragt überstülpte, lassen jede Sensibilität vermissen. Ist es so schwer, von Papageientauchenden, Vielfressenden und Blindschleichenden zu sprechen? Die Amerikaner sind da weiter – ihre Software „Word“ erkennt diese Tiernamen als richtig geschrieben an. Auch Goldregenpfeifende und Siebenschlafende, ja sogar Tiefseeangelnde werden als korrekt erkannt. Ein Anfang.
Geschlechtersensibilität im Naturschutz - ein Thema zum Profilieren, das die Parteien im Europawahlkampf nicht verpassen dürfen, wenn es ihnen ernst ist, ein aufgeklärtes Bewusstsein in der Bevölkerung wecken und unterstützen zu wollen. Wir hängen zurück – es gibt viel zu tun. Gendern wir es an.

Samstag, Februar 23, 2019

Christentum als Luxus

[Von Bastian]
Dunkel fängt es an. Der Glaube ist das eine – das Leben das andere. Der Glaube ist frei, das Leben hingegen hat seine Zwänge, also hat das Leben Vorrang. Heraus kommt Unschönes. Beruflich durch die Umstände gezwungen muss ich vielleicht verkaufen, wovon ich weiß, dass es Geeigneteres gäbe, muss Konkurrenten verdrängen, und sei es in die Arbeitslosigkeit, zumal wenn sie besser und damit gefährlich sind, muss mich in den Vordergrund drängen, um, andere möglichst verdeckend, selbst gesehen zu werden, muss gleichsam töten, um zu leben. So geht es in allen Bereichen, ungern natürlich; niemand tut so etwas gern. Doch gern oder nicht – ich tue es. Verschreckt von mir selbst nehme ich die Moral zu Hilfe, wandele mit ihr meine Sünden wenigstens optisch in gute Taten; so mobbe ich nicht, sondern stelle Mobber ins Abseits, ich verdränge nicht, sondern bereinige, rede nicht schlecht, sondern beklage nur, die falsch über andere reden (und stelle damit klar, dass nur Üble Übles über mich verbreiten; jeder soll wissen, wo er mich und die einzuordnen hat). Kurz, ich kaufe das vermeintlich gut erscheinende, doch zahle in der geforderten Währung der Weltlichkeit, sammle Werte auf einem Konto des Gutseins, von dem ich doch nur wieder Weltliches abheben kann (auf das ich dennoch nicht mehr verzichten möchte), und verstricke mich immer tiefer in dem, was ich eigentlich ablehne. Das ist so – machen kann man da nichts. Täte ich das nicht, geriete ich selbst ins Hintertreffen: getrieben, andere nicht zu behandeln, wie ich gern behandelt würde, muss ich ihnen stattdessen antun, was sie sonst mir täten: Nur einer bekommt den Deal. Was du nicht willst, dass man dir tu, füg‘ vorsichtshalber andern zu – die Goldene Regel, wie nicht die Bibel, sondern das Leben sie schreibt, von dem unsere Gesellschaft lernt: die sich wie die Letzten benehmen, werden die Ersten sein. Wer ist da gerne Außenseiter? Christus allerdings muss ich mit ein wenig Gewalt in ein derartiges Gedankensystem zwingen und ihm einen Platz zuweisen, an dem er, gut sichtbar zwar für das Gewissen, nicht stört.
Seine Aufgabe ist, die schöne Verpackung zu sein, der buntglänzende Lack auf meinen Verstrickungen, denn alle eigenen Untaten zum Sachzwang zu erklären und so als Notwendigkeit zu bejahen, mit dem Religiösen aber, das von dieser Wirklichkeit abgekoppelt wurde, äußerlich aufzuhübschen, das ist der übliche Versuch. Gott bekommt Zutritt zu dem Bereich, in dem ich ihn mir zu leisten vermag, finanziell wie gesellschaftlich. Eine Art spirituelles Steckenpferd, ein Luxus, den ich mir und meinem Gewissen geistlich gönne. Ich faste bei vollem Kühlschrank und spende vom vollen Konto, in dem Wissen, dass ich es mir erlauben kann. Doch als Hobby taugt der Glaube nicht. Er eignet sich nicht als Zuckerguss auf einem ansonsten weltlichen Leben, denn die Oberfläche ist nicht sein Platz; er drängt nach innen und in die Tiefe, will nicht auf Basis von Anderem existieren, sondern selbst Fundament sein. Christus, das Licht der Wahrheit, lässt sich nicht beliebig fokussieren; es breitet sich aus, will überall hin. Er tut uns nicht den Gefallen, das eine zu beleuchten, das andere aber nicht, auch wenn wir beim Versuch, theologisch und seelsorgerisch auf der Höhe der Zeit zu sein, ihm genau das vorzuschreiben trachten. Jeder Scheinwerfer, und sei er noch so ausgerichtet, erleuchtet zugleich immer ein wenig von der näherem Umgebung und – schlimmer noch – er setzt das Dunkel erst richtig in Szene. Nichts macht den Wald in der Nacht so undurchdringlich finster, wie eine Taschenlampe es tut. Auch wer schon einmal im Dunklen tauchte, kennt es: Der kleine Lichtkegel, den man mit seiner Lampe produziert, ruft vor allem die schwarze Tiefe des Ozeans ins Bewusstsein und lässt einen die Weite des Abgrunds spüren, über dem man schwebt. Man ahnt, dass nur ein paar Meter entfernt, am Rande des Sichtbaren, große Schatten vorüberziehen und wieder im Dunkel verschwinden, kaum erkennbar; man sieht sie nicht, aber weiß sie ganz nah. Was dabei für den Taucher noch eine Gänsehaut mit Genuss sein mag, ein Spiel mit der eigenen Angst, ist für einen Schiffbrüchigen, der mit einer trüben Funzel im Meer treibt und kein Floß findet, ein Albtraum. Die Angst ist real, die Gesellschaft irrt, wenn sie uns mit Büchern, Filmen und Tabus einbläuen möchte, es sei alles gut: Wir sind der Schiffbrüchige.
So finster es klingt – geradeso ist es mit jedem von uns. Es gibt den Bereich, den ich sehe, und drum herum all das, was zu mir gehört, ohne dass ich es anschauen möchte. Manchmal ahne ich schwach, dass der Unterschied zwischen einem Verbrecher und mir wohl darin besteht, dass ich nur symbolisch über Leichen gehe, doch in düster-klaren Augenblicken beginnen diese Leichen lebendig zu werden und mich zu verklagen: uns gibt es wirklich, und wir werden dir begegnen. Es ist der Moment, in dem die Schatten durch den Lichtkegel ziehen; jetzt ist unser ganzer Wunsch nur, möglichst schnell zum gewohnten Denken zurückzufinden, in dem die Notwendigkeiten des Alltags so wohltuend den Abgrund überdecken. Fort, Glaube, aus Bereichen, die dir nicht Zustehen! Das zu beleuchten ist unangemessen, es ist ungesund!
Ein Irrtum, wenn auch einer, der gern begangen wird, um unliebsame Gedanken loszuwerden. Ungesund ist nicht die Entdeckung der Wahrheit darüber, wie weit ich mein innerstes, verunstaltetes Wesen gottlos im Dunkel lasse. Das ist noch Erkenntnis, bitter zwar, doch echt. Die Fehler beginnen in dem Moment, an dem ich glaube, zuerst komme das Aufräumen, danach erst Christus, das Licht; er wolle und dürfe nur scheinen, wo alles schon hell ist. Das aber wäre ein Zirkelschluss, der uns gefangen hält, eine Falle, die leider nur zu real ist, bestückt mit einem perfiden Köder: der Angst, dass Gott uns nicht vollendet, sondern fertig macht, falls wir uns unfertig zu ihm kehren.
Mit Schuld beladen geht es sich schwer durchs Leben, besonders wenn zum Gewicht der eigenen Taten noch der Zuckerguss kommt, der dick sein muss, damit man auch ein wenig nachbohren kann, ob unsere zur Schau getragene Anschauung denn echt ist. Den ganzen Leichen, die unseren Weg säumen, begegnen wir auf diesem Gang wieder. Man begegnet sich immer zweimal, heißt es, beim Treffen und bei der Abrechnung. Sie kommt, ob wir sie wünschen oder nicht, am für sie angemessenen Ort: bei Christus am Kreuz. In ihm sammeln sich alle Schulden und Anklagen, alle Ängste und Leichen, doch nicht als Vorwurf, sondern aus wunderbarem Grund: er liebt uns und jeden Einzelnen leidenschaftlicher, als wir selbst es können, er war und ist uns und jedem unserer Opfer innerlicher, als wir selbst es sind. Was wir Anderen zudachten, traf zehnfach ihn. So macht ihn die Liebe zum Hauptbetroffenen; er wurde von uns mehr verletzt als die Menschen, auf die wir zu zielen glaubten, wir töteten ihn gründlicher, als die Leichen, die wir im Keller begruben, doch er lebt. Die Begegnung mit unseren dunklen Tiefen, die wir fürchteten, ist da, mitten in seiner Hinrichtung, deren Henker wir sind. Der Delinquent ist unser Hauptgläubiger, durch Liebe zugleich Herr über unsere Schulden und Opfer unserer Taten, die sich hier unverhüllt zeigen; nur er kann jetzt noch entscheiden, was die Folgen für unser Tun sind. Und es geschieht: Während er sterbend alles durchleidet, was wir ihm antaten, willentlich oder nicht, spricht ein Mensch ihn an, der mit ihm sterbend das eigene boshafte Leben erkennt, er sagt nur zu ihm: „Du hattest recht, denk an mich!“ Und er bekommt dafür das Paradies.
Die Liebe endet nicht am Kreuz, das wir aufrichteten, sondern vollendet sich dort, will nichts Trennendes mehr wissen. All unsere zwielichtigen Intentionen und Taten realisieren sich auf Golgatha, um vergeben zu werden, gerade da, wo sie ungeschminkt ihr Wesen zeigen, denn nur dort ist die Vergebung vollständig. Das auferstehende Ostern ist der Tag der Abrechnung, Erlass der Schulden die Antwort auf unsere Dunkelheiten. Mag sein, dass wir im Licht von Christus vor der Größe des Abgrundes in uns erschrecken, mag sein, dass Arbeit ansteht, doch unheimlich ist es nicht mehr und auch nicht gefährlich, denn alles wird von nur einem erhellt: dem Wunsch, uns zu heilen und zu lieben. Der weite innere Ozean, bedrohlich in der Finsternis, wird uns zum farbenprächtigen, fischreichen Grund, zum Reichtum und zur Fülle.
Gott, es mag erstaunlich erscheinen, liebt uns samt dunklem Abgrund, denn was für uns die größte Bedrohung ist, das persönlich Abscheuliche, ist für ihn unerlöste Freude. Genau das will er von uns haben, genau dort will er hin. Wir sollen nicht geheilt werden, wo wir gesund sind, sondern wo wir krank sind, eine theologische Banalität, die einem aber leichter als angemessen über die Lippen kommt, ist doch der Arzt, der uns untersucht, säubert, näht, einrenkt und operiert, wo es weh tut, nicht gern gesehen. Wir glauben, er verurteile uns, wenn er angesichts unserer Verletzungen zischend die Luft einzieht, er strafe uns, wenn er therapiert, und wolle uns los sein, wenn er uns erst einmal für eine Zeit ins Bett steckt; ihn beschuldigen wir für den Schmerz, nicht die Erkrankung. Lieber wäre uns eine Art religiöser Diätberater, mit dessen Anleitungen zum ausgeglichenen, moralischen Leben wir unseren Zuckerguss pflegen und sogar mit ein paar Kirschen verzieren, damit wir auch einmal naschend „sündigen dürfen“, ohne wirklichen Schaden zu hinterlassen. Lieber ein guter Mantel, unter dem wir unsere Verletzungen behalten können, ohne das jemand daran rührt. Finger weg von meinen Dunkelheiten! Die Angst ist so groß, dass wir den Abgrund in uns eher selbst verurteilen, als erhellen zu lassen, um dann in dunklen Stunden aus dieser verurteilten Tiefe heraus Gott für seine Strenge zu verklagen; wir schließen den Vorhang und beschimpfen dafür die Sonne. Doch so verpassen wir, worum es geht. Wir verzichten auf den strahlenden Ozean, zu dem hin Christus uns erlösen möchte, denn weniger als das ist die verheißene ewig sprudelnde Quelle in uns nicht. Wir verzichten darauf, weil wir es uns einfach nicht vorzustellen vermögen: Dass so viel Licht und Freude auf uns warten könnte, bewusst erlebt, wie wir jetzt in unseren schlimmsten Träumen an Dunkelheit in uns ahnen, und noch viel mehr: Gott wird uns wachsen und Frucht bringen lassen; nicht umsonst werden Fromme von ihm mit Bäumen verglichen. Ein Blick auf das Kreuz würde uns helfen, aber davor schrecken wir zurück; dort wissen wir unsere eigenen Taten unverhüllt und fürchten, der Anblick werde uns erst recht tief in die Dunkelheit stoßen. Doch diesen Mut brauchen wir, um erstaunt festzustellen, dass genau da das Licht der Vergebung strahlt, das nur darauf wartet, dass wir ganz hineintauchen. Das Dunkel wird hell.
Teilwahrheiten sind Taschenlampen, die die Dunkelheit vertiefen; kein Mensch braucht sie noch, wenn es Tag wird. Christus, beschränkt auf ausgewählte Bereiche unseres Lebens, inszeniert die Finsternis des Restes, doch nur, damit wir ihm gestatten, weiter vorzudringen, immer tiefer in uns den Morgen anbrechen zu lassen, bis das Fundament von allem Licht ist. Einzig gefährlich, ihm das nicht zu erlauben: Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel, einer, der einen Luxusglauben hatte, als falsche Grundlage, auf der er sein Leben Baute. Er will seinen Zuckerguss gerettet wissen, nicht aber sich alles vergeben lassen, denn es ist der Boden, auf dem er steht; gerade durch die Vergebung fällt er ins Bodenlose. Tragisch ist es, nur - keiner von uns, der das nicht selbst erlebt. Doch ist das Gleichnis erst mit den Nachsätzen vollständig: Petrus erkennt, dass diese Schuld jeden verurteilt, und tut das Entscheidende; er spricht es aus, stellt sich auf die richtige Seite, die des Sünders, blickt auf Christus. Und Christus ist es, der verheißt: Was dem Menschen unmöglich ist, das ist Gott möglich.

Montag, Dezember 11, 2017

Einladung zum Gebetstreffen für die Pfarrei

Da manche auch in meinen Blog schauen, wenn ich sehr selten schreibe, veröffentliche ich den Aufruf zum Gebet für unseren Pfarrverband auch hier. Jeder ist willkommen.

Gott will in unseren Gemeinden die Einheit stärken. Er will das Gebet aufleben und die Liebe wachsen lassen, zu ihm und untereinander, um mit uns und durch uns den Glauben auszubreiten. Davon bin ich fest überzeugt; in dieser Zuversicht lade ich zum Gebet ein.


Wir sind reich beschenkt: zwei Kirchen, die beide regelmäßig voll sind, Geistliche, die mit uns täglich die Messe feiern, Mitarbeiter voll Elan, Messdiener voll Eifer und nicht zuletzt viele ehrenamtlich Engagierte, die so vieles organisieren und möglich machen. Das ist viel mehr, als die meisten Gemeinden in unserer Zeit haben: Oft herrscht Mangel an Priestern, Messen und allem, was eine Gemeinde trägt und zusammenhält; ein Thema, das auf unserem ganzen Kontinent aktuell ist. Schon vor Jahren hat unser Kardinal begonnen, Wege zu suchen, mit dieser Mangelsituation im Bistum umzugehen, einem Mangel, der über kurz oder lang auch unsere Gemeinden betreffen wird. Wir alle sind aufgerufen, diesen Pastoralen Zukunftsweg mitzugehen und mitzugestalten, wenn wir nicht irgendwann vor vollendeten Tatsachen stehen wollen. Auch wenn wir derzeit noch reich sind: Es ist dringend an der Zeit aufzubrechen.


Wir haben Impulse, ja drängende Appelle von unserem Kardinal erhalten. Sie zeigen uns, wie wir uns auf diesen Weg machen können, der unsere Zukunft als Gemeinde prägen wird. All diesen Appellen ist eines gemeinsam: der Aufruf zu eigener Spiritualität und zu missionarischem Einsatz, in dieser Reihenfolge. „Gemeindliche und kirchliche Erneuerung ist insofern kein administrativer Vorgang, sondern ein geistlicher Weg, der in der Begegnung mit dem Herrn in Gebet, Heiliger Schrift und der Feier der Hl. Eucharistie gründet. Denn nur wer Christus persönlich begegnet ist, kann ihm auch ein Gesicht, nein, sein Gesicht geben.“ (Kardinal Woelki, Fastenhirtenbrief 2015). Wir sollen eine Kirche werden, „die auf allen Ebenen aus dem Wort Gottes lebt und eine in der Hl. Schrift begründete Spiritualität pflegt. Das Wort Gottes ist die Quelle und der Maßstab, nicht ein Impuls unter vielen.“ (Präambel der PGR-Satzung). „Ich lade Sie ein, die Fragen, die an dieser Stelle aufbrechen, wie einst Abraham als Verheißungen zu begreifen:  Wie möchte Christus, dass wir in dieser sich beständig verändernden Welt heute Kirche sind? […]“ (Kardinal Woelki, Fastenhirtenbrief 2016).
Die Antworten, die wir heute brauchen, liegen in Christus. Was möchte er? Wir können nicht erwarten, dass Menschen durch uns Christus begegnen, wenn wir ihm nicht immer wieder selbst begegnen. Grundlage allen Handelns soll unser Glaube sein, unsere Freundschaft mit Christus. Nur auf dieser Basis können wir losgehen, nur auf dieser Basis ergibt jede Aktion oder Organisation Sinn. So können wir der Gefahr entgehen, uns um uns selbst zu drehen.

Ora et labora – bete und arbeite. Beides muss sein, sich durchdringen. „Dazu wird der Pfarrgemeinderat in jeder Sitzung ein angemessenes Maß an Zeit und Raum dem Hören auf Gottes Wort widmen.“ (PGR-Satzung). Diese angemessene Zeit möchten wir ergänzen und erweitern. Wir möchten, dass alle Arbeit für unsere Gemeinde von Gebet getragen ist, dass wir gleichsam ein spirituelles Rückgrat haben, nicht nur jeder für sich, sondern auch gemeinsam.
Deshalb wird es in den Monaten, in denen es keine reguläre Sitzung des Pfarrgemeinderates gibt, stattdessen die Möglichkeit zu einem Treffen in einer unserer Kirchen geben, zum Gebet für unsere Pfarrei und ihre Anliegen, zum Ausrichten dieser Anliegen auf ihr eigentliches Ziel. Ein Treffen mit Christus, der in der Eucharistie bei uns sein wird.

Das erste dieser Treffen wird am Dienstag, dem 12.12.2017 um 19:00h – 21:00h in der Herz-Jesu-Kirche Urdenbach sein; die weiteren Gebetszeiten werden längerfristig angekündigt. Jede und jeder von Euch und von Ihnen ist eingeladen teilzunehmen, wer auch immer sich für unsere Pfarrei im Sinne Gottes einsetzen möchte.

Mit herzlichen Grüßen

Dienstag, November 14, 2017

Lebenswirklichkeit als Teil der Offenbarung?

Ein paar Gedanken dazu, die mir vorhin spontan kamen.
Wenn mein Glaube überhaupt einen Sinn haben soll, dann braucht es dazu zweierlei: den, an den ich glaube, und dessen Überlegenheit über mich.
Ich kann keinem Stein einen Glauben entgegenbringen, der über ein Für-wahr-halten hinausgeht. Ich glaube, dass es ihn gibt. Sowie der Stein jedoch etwas Spirituelles bekommt, weist er über sich hinaus auf etwas, das mir überlegen ist. Es gibt zwar viele Glaubensgespräche, die sich in der Frage erschöpfen, ob es Gott nun gibt oder nicht, doch das wird der Sache nicht gerecht. Gott ist nur interessant, wen er mir was zu sagen hat, was ich noch nicht weiß. Damit ist der Begriff der Offenbarung schon einmal festgemacht: Von außen kommt etwas zu mir, was von mir nicht kommen konnte. Erst in der Offenbarung sehe ich, was mir vorher verborgen war. Ich sehe mehr, erkenne mehr und komme so der Wirklichkeit näher. Der, an den ich glaube, kennt Welt und Wirklichkeit besser als ich, und er offenbart mir das. Die Offenbarung erklärt mir Welt und Wirklichkeit meines Lebens, meine Lebenswirklichkeit. Tut sie das nicht, taugt sie nichts.
Deshalb ist das Gute am Glauben, dass er nie wirklich zu mir passt. Er kann nicht passen, denn er ist immer größer als ich selbst es bin. Ist er deshalb eine ständig unzufriedene Anforderung an mich, der ich immer unvollkommen bin? Nein, er ist eine ständige Verheißung auf mehr.

Die „Lebenswirklichkeit“, wie sie in die theologische Diskussion eingeführt wurde, ist das Gegenteil davon: sie ist der unerweiterte Bereich. Der Bereich, den es zu dehnen gilt, wenn der Glaube und Gott etwas taugen sollen. Wie aber soll der Bereich, den ich ohnehin erlebe, plötzlich dazu dienen, sich selbst zu erweitern? Das geht nicht. Die Lebenswirklichkeit ist eine Wirklichkeit, die nicht erweitert werden kann, und gerade darauf ist sie stolz: genau so, sagt sie, sieht die Wahrheit aus. Sie will nicht gemessen werden, sondern im Gegenteil selbst zum Maßstab werden, und zwar zum Maßstab über das, was meinen Horizont eigentlich erweitern soll. Wenn aber das kleine Gefäß das Maß für die große Gabe ist, ohne bereit zum Wachstum zu sein, wird die Große Gabe zum sinnlosen Unsinn. Das aber ist das genaue Gegenteil von Offenbarung.

Um hier nicht zwei unterschiedliche Bilder eines Begriffs zu haben, die Lebenswirklichkeit als erweiterbaren Raum für Offenbarung und die Lebenswirklichkeit als Summe der unerweiterten Gegebenheiten möchte ich die letztere umbenennen: sie ist nicht die Lebenswirklichkeit, sondern die Erlebenswirklichkeit. Das trifft besser, was gemeint ist: die Summe dessen, was ich erlebe, was meine Umstände sind, was erst einmal für mich da ist. Sie ist die Welt, wie ich sie erlebe. Als Maßstab für eine Offenbarung taugt sie nichts. Als Maß, an dem jeder Versuch, Offenbartes weiter zu geben, sich messen lassen muss, ist ihre Kenntnis hingegen unverzichtbar. Denn angesprochen werden kann ich nur in der Wirklichkeit, die ich erlebe.

Dienstag, September 05, 2017

Wahlkampf

An einem Sonntagabend, den sich Millionen im Voraus frei halten, erfährt man live, was unsere Kanzlerkandidaten zu sagen haben. Aha. Es war schon immer aussagekräftig, was Politiker reden. Besonders vor Wahlen. Erfahrungsgemäß hat das mit der Wirklichkeit so wenig zu tun, dass mir dazu kein Vergleich einfällt.

„Herr Doktor, mir bleibt immer öfter die Puste weg!“
„Tja, Sie sind jetzt bald 70. Das ist normal.“
„Aber mein Freund ist schon 74 und erzählt, er joggt noch täglich 10km.“
„Dann erzählen Sie das doch einfach auch!“
So läuft Wahlkampf.
Die einzigen Stellen im Kanzlerduell, die etwas mit der Realität zu tun hatten waren:
Merkel: „Nach der Wahl ist es anders als im Wahlkampf, wo jeder den anderen mit noch etwas mehr Härte übertrumpfen will.“
Schulz: „Vor der letzten Wahl wussten wir genau, dass die Maut nicht kommt.“
Klar: beide sehen den Fehler nur beim anderen. Und auf eigentümliche Weise faszinierend: die scheinen wirklich nicht zu begreifen, dass ihre Wirklichkeitsfremdheit die Menschen nur noch nervt. So bleibt mir als einziges Resümee des Abends: es ist eine unglaubliche Werbeleistung der Sendeanstalten, dass sie es schaffen, Millionen vor den Bildschirm zu holen, um Politiker reden zu hören. Genauso erstaunlich, dass die Kandidaten mitmachen, denn wer, bitte, wählt freiwillig jemanden, der ihm einen Sonntagabend sinnlos wegquatscht?

Was also könnte denn Grundlage für eine Wahlentscheidung sein? Im Wahlkampf interessiert mich nur, wer am realistischsten auftritt. Ich wähle NICHT den, der mir am überzeugendsten erklärt, dass es das Beste für ALLE ist, wenn ICH am meisten Geld bekomme.

Was also tue ich?
Solange es um Ökologie geht, mag ich die Grünen. Da ich die Umweltproblematik nicht für ein Phantasiegebilde von Verschwörungstheoretikern halte, sondern für ein existenzielles Problem der gesamten Menschheit, gehört sie angemahnt, ständig und nachdrücklich. Die Grünen deshalb bitte in die Opposition. Dort können sie poltern und sind sehr erfolgreich: wie kein anderer geben sie Themen vor. Sehr oft sehr gut. Wenn sie allerdings ihr Menschenbild auspacken, fasse ich sie nicht mit der Zange an.
Fazit: nötig.

Wenn es um klare Worte geht, mag ich die FDP. Auch Blödsinn kann klar formuliert werden und hebt sich dann wohltuend vom Rest der Reden ab. Ab und zu ist auch Sinnvolles dabei. Das Menschenbild kann mir auch hier gestohlen bleiben. Allerdings sind sie die einzigen, die erkennen, dass überflüssige Bürokratie Freiheitsberaubung ist, und begreifen, dass auch sie selbst nicht überall gebraucht werden. Eine wohltuende Abgrenzung zu den Grünen, die meinen, man könne ohne sie und ihre Erkenntnisse kein Frühstücksei kochen.
Fazit: nötig, aber mit Bauchweh.

Wenn es um Konservativismus geht, liebe ich die Linken. Niemand pflegt das Alte wie sie! Fast schon reaktionär halten sie an alten Ideen, Strukturen und Feindbildern fest. Die pressen noch jedes Problem in die alten Formeln. Die Resultate sind so abstrus, dass man selbst nie darauf käme und schon fast ein Aha-Erlebnis hat. Sie haben oft gute Redner. Wenn man sich um Inhalt keine Sorgen machen muss, lässt sich der Rest leicht geschliffen formulieren.
Fazit: hoffentlich bald Geschichte.

Wenn es darum geht, Stimmungen aufzudecken, ist die AfD hilfreich. Sie hat zwei Seiten: Problembewusstsein und Umsetzung. Das Problembewusstsein ist in einigem (bei weitem nicht in allem!) dringend nötig. Sie mischt den Laden gewaltig auf, denn was sonst niemand ausspricht, fasst sie in Worte. Leider in oft sehr üble Worte. Sie kämpft gegen die allgegenwärtige politische Korrektheit (sehr nötig!), doch sie bietet als Alternative zur Pest die Cholera: muffiges Spießertum mit Hang zur intern bejubelten Menschenverachtung. Die anderen Parteien leben recht gut mit ihr, denn sie können sich gegenseitig die Schuld daran zuzuschieben. Was wiederum die AfD am Leben hält. Wahlkampf lebt nun einmal von Übeln, an denen die anderen schuld sind.
Fazit: eine Peinlichkeit für unser System, doch logische Folge des Handelns aller anderen Parteien.

Wenn es um Träume geht, mag ich die SPD. Solange es im Abstrakten bleibt, ist die vorgegebene Richtung oft sehr gut. Sie hat immer wieder Köpfe, die in der Lage sind, Teile der Träume umzusetzen (Ostentspannung) und Notwendigkeiten zu erkennen und anzugehen (Mindestlohn). Ihre politischen Analysen decken mühelos das gesamte Feld zwischen genial und abstrus ab. So zwingt sie den Wähler zum Mitdenken (wäre das Taktik, wäre es richtig gut!). Ihre Überzeugung, nicht erreichbare Zustände einfach vorschreiben zu können, macht sie gefühlt zum Herrn über die Logik und faktisch nur begrenzt regierungsfähig.
Fazit: ohne Sie läuft nichts.

Die CSU ist wie Cidre. Sie hat den Konservativismus als Chance erkannt: lässt man denselben Saft lange genug stehen, gärt er und wird plötzlich spritzig. So wirkt die Partei, die am altbackensten ist, häufig am lustigsten. Das tut sie gekonnt und hat damit etlichen Erfolg. Sie hat einen deutlichen Hang zu Stammtischen: das ist nun einmal der Ort, an dem Dinge wie Apfelwein konsumiert werden, da gehört sie hin. Dass sie häufiger einen Kater hat, zurückrudert und sich für das gestern Abend gesagte schämt, bleibt nicht aus.
Fazit: eine Bereicherung.

Der CDU hat man nachgesagt, sie sei die erste Wahl, wenn einem alles gleich sei. Ein Computerprogramm sei zu diesem Schluss gekommen. Und alle fanden das treffend - Fake-News mit hohem Wirklichkeitsgehalt. Die CDU polarisiert, allerdings nur innerhalb des eigenen Klientels. Während die einen meinen, sie sei endlich modern, stecken die anderen sie nostalgisch ins frühere Outfit. Sie ist die einzige Partei, die es geschafft hat, viele der eigenen Wähler zu überzeugen, sie sei an der AfD schuld, und trotzdem gewählt zu werden. Das Menschenbild kann ich nicht einmal mit der Zange anfassen, weil ich keines finde. Ihre Stärke ist ihre Trägheit: in unruhigen Wassern sucht man sich das dickste Schiff. Der Postillon schrieb: Merkel so beliebt wegen ihrer hohen Beliebtheitswerte. Da ist was dran. Ihr Regierungsfazit ist schwer zu beurteilen, denn wie will man Erreichtes mit dem vergleichen, was hätte sein können? Sie hätte, sie müsste, sie sollte - da ist jeder Schluss legitim und falsch zugleich. Sinnlose Diskussionen. Vieles würde ich mir anders wünschen, doch die anderen Parteien hätten es meistens noch schlimmer gemacht, wie sie zumindest stolz verkünden. Wir könnten wahrscheinlich besser fahren, aber definitiv auch schlechter.
Fazit: die Frage ob nötig oder nicht stellt sich nicht. Derzeit einfach nicht wegzudenken.

Und jetzt habe ich die Wahl.

Freitag, September 01, 2017

Erinnerungen an ein Seminar

Es gibt letztlich nur einen einzigen Grund, an Christus zu glauben: man ist überzeugt, dass es wahr ist.
Die Zustimmung dazu bleibt meist aus, was beunruhigend ist. Nein!, heißt es erleuchtet. Glaube ist viel mehr, als ein Für-wahr-Halten. Glaube ist Beziehung! Glaube ist Befreiung! Glaube ist innere Heilung! Daran ist nichts falsch, außer dem Nein vorne dran; das allerdings ist sehr falsch. Daran ist nichts bedenklich, außer der Tatsache, dass es als Widerspruch angesehen wird – das allerdings ist höchst bedenklich!

Vor einigen Monaten wurde im Rahmen eines christlich-philosophischen Seminars die Frage aufgeworfen, warum man denn glaube. In den Antworten, die daraufhin gegeben wurden, schwang etwas mit, das schwer zu greifen war: eine subtile Ich-Bezogenheit in den Aussagen, als sei man selbst der Grund dafür, dass es richtig sei, zu glauben. Als sei es eine Frage der persönlichen Wahl, was wahr ist. Die Qualität einer Beziehung wurde daran festgemacht, dass sie MIR etwas brachte; auf eine kaum zu fassende Weise wurde von Gott gesprochen, ohne dass er anwesend war.
Ich machte daraufhin mit ungefähr folgender Wortmeldung einen provokanten Versuch: Es sei mir erst einmal gleich, was der Glaube mir bringe. Denn bevor ich die Folgen betrachte, wolle ich erst einmal wissen, ob das denn stimmt, was ich da glauben soll. Ich hätte kein Interesse an Heilung durch jemanden, den es nicht gebe, denn dann wäre sie nichts als eine Selbsttäuschung. Für Gebete zu einem Gegenüber, dass gar nicht da sei, sei ich mir zu schade; Selbstgespräche könne ich auch ohne derlei Spielchen führen. Zudem fände ich diese Haltung Gott gegenüber, wenn es ihn denn gebe, reichlich unverschämt: ihm zu sagen, es sei gleich, ob er nun da sei oder nicht, solange nur die rechten Folgen für mich dabei herauskämen, wenn ich so tue, als halte ich ihn für anwesend. Kurz, ein Glaube, der letztlich eine Selbsttäuschung darstelle und zudem Gott gegenüber sehr ungehobelt sei, sei uninteressant. Ich glaube, ich schloss: „Um mich selbst zu verarschen, brauche ich Gott nicht.“
Spontanes Grinsen bei einigen, betretenes Schweigen bei anderen. Ich habe mir mit dieser Wortmeldung keine neuen Freunde gemacht, außer Gott sei Dank den hervorragenden Seminarleiter. Man fand das sehr befremdlich, wo doch der Glaube etwas so wohltuendes sei. Und plötzlich stand mehr oder weniger klar im Raum: Glaube funktioniert für viele genauso gut auch ohne Gott, solange die Endorphine fließen.

Ich habe über diese Situation viel nachgedacht. Ich habe natürlich keinerlei Einblick in die Tiefe dieser Menschen. In ihrem Glauben kann eine große Liebe und Treue liegen. Es kann darin eine Standhaftigkeit vorhanden sein, von der ich nur träumen kann. Dennoch halte ich es für eine der wesentlichen Grundlagen unseres Glaubens, dass er auf Tatsachen beruht, nicht auf Suggestionen. Er ist kein Denksystem mit positiver Wirkung, dass so viel Hoffnung bringt, wie positives Denken – er ist die Wahrheit. Wir müssen uns nicht, bildlich gesprochen, Äpfel vorstellen, um uns satt zu fühlen, sondern wir haben einen Baum, der sie wirklich hervorbringt. Wenn wir beten, meinen wir nicht Wohlfühl-Meditationen für unser kurzes Hier-und-Jetzt. Wir reden mit dem, der uns das Ewige Leben schenken will. Und, für mich entscheidend: ein Glaube, der nur solange sinnvoll, ja existent ist, solange ich ihn hervorbringe, kann mich im Tod nicht tragen, denn er stirbt mit mir. Spätestens im Tod stellt sich plötzlich die Frage mit aller Vehemenz: Gibt es Dich, Gott, und wenn ja, hast Du Gutes mit mir vor? Für viele wird diese erste Frage, die eigentlich Grundlage allen Glaubens sein sollte, erst als letzte Frage interessant.

Wenn ich jetzt eines wünschen darf, Herr, dann: lass mich mit der ersten Frage nicht bis zum Schluss warten. Lass mich im Blick auf das Kreuz niemals zweifeln, dass Du mit Deiner Liebe mich meinst, und lass mich Dich niemals wie einen eigenen Gedanken behandeln. Ich behandele Dich ohnehin schon schlecht genug. Alles Leiden dieser Welt ist wie ein Tropfen gegen den Ozean von Freuden, den Du für uns bereithältst. Leeres Geschwätz für den, der seine Wahrheit selber machen muss. Doch was für eine Verheißung, wenn es stimmt, was wir glauben.

Dienstag, August 15, 2017

Gedanken

Ich sehe in der Gesellschaft eine grundsätzliche Schieflage, der die Christen bislang eher wenig entgegen setzen.
Derzeit stehen in allen Diskussionen der Mensch und sein Wert im Mittelpunkt. Dabei geht man von eigentlich christlichen Grundlagen aus, wie einer unantastbaren Würde, persönlicher Freiheit und dem Vorrang des Gewissens. Das alles kann ein Christ unterschreiben. Doch plötzlich treiben in der Gesellschaft diese guten Grundsätze Blüten, die nicht mehr zu verantworten sind, wie Euthanasie und Abtreibung. Diskutiert man mit deren Befürwortern, berufen die sich auf dieselben Grundsätze, die uns dergleichen eigentlich unmöglich machen sollten. Es entstehen massive Diskussionen, in denen einer dem anderen die logische Konsequenz abspricht und jeder seine Moral bestätigt sieht. Und die erfahrungsgemäß wenig bis gar nichts bringen.
Der Mensch ist so wertvoll, dass nichts ihm schaden darf, aber nicht aus sich selbst. Er ist wertvoll, weil er geliebt ist. Wäre er letzter Grund in sich selbst, wäre er der Herr über sich selbst, aber er müsste sich auch selbst definieren, und das kann er nicht. Seine Freiheit bedroht sich selbst, das Ungeborene schränkt die Mutter ein und das Leiden die Würde. Die Gesellschaft sucht nach Auswegen und richtet sich notgedrungen gegen die Freiheit selbst. Die Selbstdefinition ist wie ein Hund, der sich in den Schwanz beißt.
Als Geliebter Gottes hingegen ist der Mensch nicht letzter Herr, sondern bezieht seine Würde von außerhalb. Doch diese Würde gibt Halt, denn sie treibt nicht, sondern steht sicher.

An dieser Stelle bleiben die Christen der Welt etwas schuldig, nämlich die Erkenntnis, worum es eigentlich geht. Kein vernünftiger Mensch gibt die Herrschaft über sich selbst auf, ohne dafür etwas Besseres zu bekommen. Kein Mensch tauscht seine Freiheit gegen Enge ein. Doch anstatt zu bezeugen, dass wir Geliebte Gottes sind, die nichts mehr wünschen, als dass alle anderen es auch werden, argumentieren wir mit dem, was man erst als Geliebter überhaupt verstehen kann: Lehre und Regeln. Die vom Gesetz frei gekauft wurden, argumentieren, als sei der Katechismus die neue Gesetzessammlung. Wir sind zum Festmahl eingeladen, doch anstatt unseren Gastgeber auch anderen vorzustellen versuchen wir, ihnen vorab Tischsitten beizubringen. Wie kann es sein, das wir Eingeladenen vergessen, dass man sich gut benehmen WILL, sobald man diesen Gastgeber auch nur flüchtig kennt?
Ohne die Verkündigung Gottes haben wir der säkularen Gesellschaft nichts entgegenzusetzen. Ich sehe eine große Gefahr darin, dass sich viele Christen in endlosem Ringen um Richtig und Falsch verlieren, weil sie für die Frage „Geliebt oder ungeliebt?“ nicht mehr offen sind.
Ich befürchte, dass diesen ganzen Fragen letztlich zuerst an uns gestellt werden, nicht an die Gesellschaft, die so verloren scheint. Wie gemütlich haben wir es uns in einer „christlichen“ Gesellschaft gemacht, zwischen Wohlstand und geforderten Menschenrechten? Wie sehr verwechseln wir inzwischen unsere eigene Weltanschauung mit dem, der uns senden will? Wie sehr definieren wir „Sendung“ inzwischen selbst und machen uns zum Gesandten in letztlich eigener Sache?
Nicht die Suppe ist schuld, wenn sie nicht salzig ist, weil das Salz schal ist. Nicht die Suppe wird von Christus gewarnt, sondern das Salz. Vielleicht braucht nicht die Gesellschaft eine Reinigung, sondern wir.