Montag, Juni 19, 2017

Klimawandel

Johannes Hartl hat die Frage nach der Beurteilung des Klimawandels gestellt. Ein paar Gedanken dazu.

Bei der Beurteilung des Klimawandels gibt es einige grundsätzliche Probleme.
Eines: die fehlende Beobachtbarkeit im Detail. Es gab jedes einzelne der Phänomene schon so oder ähnlich in früheren Zeiten. „Hier und jetzt sehen Sie den Klimawandel an dem und dem Phänomen!“ – diese Aussage verbietet sich daher.
Weiterhin: die fehlenden Vergleichsmöglichkeiten. Sollte es das Phänomen geben, ist es in der Zeit der wissenschaftlichen Beurteilung Neuland. Es gibt keine empirischen Daten, auf die man Phänomene zurückführen könnte, sondern nur Modellberechnungen. Jede Verifizierung ist damit schwer.
Zudem: wissenschaftlich gibt es wohl keine einzige Theorie, zu der es nicht auch mindestens eine plausibel erscheinende Gegentheorie gibt.
Wie soll man nun etwas beurteilen, das sich nicht plausibel darstellen lässt, nicht einmal konkret vorhersagbar ist und zu dem es Gegenstimmen gibt? Hier ist auf die Struktur der Diskussion zu achten, die in großen Teilen am Problem vorbeigeht. Dabei ist die Gesellschaft eigentlich mit einer solchen Problematik vertraut. So gibt es Lungenkrebs bei Rauchern und Nichtrauchern. Anfangs reagierte die Tabakindustrie genau wie manche in der Gesellschaft jetzt: solange eine Erkrankung nicht ausdrücklich auf das Rauchen zurückgeführt werden konnte, wurde die Verbindung als nicht erwiesen betrachtet und mit diesem Einzelfall gleich der ganze Zusammenhang angezweifelt. Gegentheorien wurden präsentiert und wissenschaftlich untermauert. Doch dann wurde klar, dass es Zusammenhänge gibt, die sich durch Häufung zeigen, ohne dass der Einzelfall beweisbar wäre. Der größte Teil der Gesellschaft hat das begriffen. So gesehen könnte man sarkastisch fragen, wie viele vernichtende Stürme die Welt erleben muss, bis man die Häufung als Symptome eines Wandels akzeptiert. Doch dann wäre es zu spät: Handeln ist angesagt, bevor der Klimawandel sich klar manifestiert. Voraussetzung: es gibt ihn, er ist menschengemacht und man kann etwas Sinnvolles dagegen tun. Da gibt es eine Menge Konjunktive.
Allerdings: eine unbekannte Gefahr wird nicht dadurch ungefährlich, dass man feststellt, dass man noch nichts Genaues weiß. Ein Luftfahrtingenieur, der errechnete Gefahren für Flugzeuge ignoriert, bis es zu Abstürzen kommt, landet im Gefängnis, selbst wenn er als Grund anführt, das Problem habe sich so noch nie gestellt und er habe deshalb keine verlässlichen Daten gehabt. Der gesunde Menschenverstand lässt uns ein Brett über den Brunnen legen, bevor ein Kind hineinfällt. Das Fehlen von Beweisen mag ein Schwachpunkt in der Verstehbarkeit des Klimawandels sein – ein Argument gegen das Handeln ist es nicht.

Was aber ist mit Beispielen, die eher das Gegenteil der düsteren Prognosen nahelegen? Das prognostizierte Waldsterben hat so nicht stattgefunden. Das kann man nun interpretieren, wie man möchte. Tatsache ist, dass die Ursachen mit einigem Erfolg bekämpft, aber keinesfalls vollständig beseitigt wurden. Tatsache ist auch, dass es Schäden gab und gibt, die jedoch weit hinter den Prognosen zurückbleiben. Manche sehen darin ein Indiz dafür, dass es in der Natur größere Selbstheilungskräfte gibt, als in der Panikmache anerkannt wurde. Andere sehen darin gar einen Beweis dafür, dass derartige Prognosen substanzlos sind, dass sie möglicherweise gar bewusst falsch in die Welt gesetzt wurden. Wieder andere finden es ermutigend, dass man etwas bewirken kann. Die Frage, die bleibt, ist die Übertragbarkeit. Wieder gilt: das hatten wir noch nicht. Ist der Wald ein Indiz für den Sinn von umweltbestimmtem Handeln oder eines dafür, dass genau das überflüssig ist? Oder, um ein Bild zu wählen: befinden wir uns auf einer Straße, auf des es gilt, voranzuschreiten, und der Klimawandel ist ein unverantwortliches Ausbremsen? Oder befinden wir uns auf dünnem Eis und nehmen die Tatsache, dass wir noch leben, gerade als Indiz dafür, dass auch die nächste Scholle trägt, obwohl viele warnen, sie sei zu schwach?
Unser Problem ist, dass wir das im Letzten nicht wirklich wissen. Keiner von uns.

Worauf also sollen wir unser Urteil stützen? Es gibt zwei sehr verschiedene Dinge, die mir da plausibel erscheinen.
Zum einen: es gibt bessere Indizien als den Wald. In der Natur gilt, dass ein System umso empfindlicher auf Störungen reagiert, je stabiler es normalerweise als System ist. Pflanzen, die regelmäßig großen Temperaturunterschieden ausgesetzt sind, vertragen in dieser Hinsicht einiges. Pflanzen, die immer im gleichen Klima leben, sind empfindlicher. Das stabilste System, das wir haben, sind die Meere. Schon deshalb, weil sie so groß und damit träge sind, dass Veränderungen sich nur sehr langsam vollziehen. Folglich haben sich die dort lebenden Wesen an extrem stabile Verhältnisse gewöhnt und mussten kaum Toleranz gegen Abweichungen entwickeln. Vielleicht am spektakulärsten sind da die Korallenriffe; der artenreichste Lebensraum der Erde, angepasst an stabile Temperaturen, die bis zur Grenze ausgereizt werden. In diesem Zusammenhang googele man einmal die Stichworte reef, coral und bleaching: in den letzten 50 Jahren starben über 80% des Great Barrier Reefs, dass 50.000 Jahre lang wuchs. Im Indischen Ozean schwinden die Riffe. Die Malediven, einst ein Paradies, sind großenteils von toten Riffen umgeben. Es wird manche Insel ihre Existenz kosten, da die natürlichen Wellenbrecher fehlen. Es wird die Fischerei beeinträchtigen, weil die Kinderstuben der Fische fehlen. Und es kostet die Welt ein unersetzliches Stück Vielfalt und Schönheit. Die Ursache ist wissenschaftlich untersucht und klar: Das Wasser wird zu warm.
Kein Beweis für unsere Verantwortung, aber ein starkes Indiz. Es passt ins Bild, das vorhergesagt wurde und erhöht dessen Plausibilität auf traurige Weise. Das Riffsterben ist für mich ein entscheidender Punkt: davon brauchen wir nicht noch mehr.
Damit bin ich beim zweiten für mich entscheidenden Punkt: es gibt ein Motiv, das handeln lässt, ohne das letzte Beweise vorliegen: die Liebe. Eine errechnete Gefahr für meine Kinder, eine unbekannte Bedrohung für meine Frau ließen mich als Familienvater handeln. Eine Schöpfung Gottes, von Ihm geliebt, über die ich verantwortlich eingesetzt wurde, muss ich schützen.
Wie man da argumentieren soll, ohne dass es pathetisch oder schwülstig klingt, weiß ich nicht. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wie man die Augen vor der Vernichtung von so viel Schönheit verschließen kann, mit dem lapidaren Hinweis, das habe es schon immer gegeben. Nein, es gab das noch nie, denn diesmal ist es mir anvertraut, was da vernichtet wird. Auch wenn es Feuer schon immer gab, will ich nicht zusehen, wie mein Haus bedroht wird. Da tue ich lieber etwas Überflüssiges, als dass ich Notwendiges auslasse. Wenn der mögliche Beweis das Eintreten eines Unglücks ist, besteht die Tugend des Handelns darin, nicht erst auf diesen Beweis zu warten.

Man kann dem entgegenhalten: So lässt sich die Menschheit mit erdachten Bedrohungen steuern, wie man möchte. Doch man kann auch sagen: schaut auf die Riffe und überlegt, ob ihr wirklich mehr davon wollt. Wer eine Lebensgefahr bewiesen haben will, ist erst dumm und dann tot.


Donnerstag, Mai 11, 2017

Entweder - Oder

[Ein älterer Text, der mir selbst gefällt.]

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie der Mensch zum Sein kommen kann: Schöpfung oder ein Weg ohne Schöpfung. Die Alternative hat Folgen.

Woher komme ich?
Angenommen, es gibt den Schöpfer. Wie vollzöge sich eine Schöpfung? Da sind die unterschiedlichsten Dinge denkbar. Jedes individuelle Ding und Wesen könnte sozusagen eine Einzelanfertigung sein. Der Schöpfungsakt könnte aber auch im Anstoß einer Entwicklung bestehen, die alles Gewollte hervorbringt: Der Beginn ist der Urknall, aber Gott hat es knallen lassen, und er wusste, was er tat. Auch allerhand Zwischenstufen sind denkbar. Auf jeden Fall aber wäre das, was ist, gewollt, wie es ist, und da, weil es gewollt ist.
Angenommen, es gibt keinen Schöpfer. Wie vollzöge sich eine Nicht-Schöpfung? Steven Hawking berechnete, dass das Universum keinen Anfang hat, weil im Urknall die Zeit erst beginnt und es daher kein „vor“ dem Universum gibt. Dasselbe gelte für sein einzig mögliches Ende – einen erneuten Zusammensturz. Es gibt weder ein „vor“ oder „nach“, noch ein „außerhalb“ des Universums. Es ist einfach da. Seine Entwicklung folgt den Gesetzen, die es hat, ohne dass diese Gesetze gewollt wären – auch sie sind einfach da. Diese Gesetze sind anfangs der Zufall, später die Qualifikation. Die Entwicklung aufgrund dieser Gesetze nennt man Evolution. Sie läuft so ab, dass sich (logischerweise) das weiterentwickelt, was dafür am besten qualifiziert ist. Dass man existiert, ist nicht gewollt, sondern ein Zeichen von Erfolg: man hat sich als eine von unzähligen Möglichkeiten durchgesetzt.

Was bin ich?
Angenommen, es gibt den Schöpfer. Der wäre dann Herr über die Schöpfung. Selbst wenn er seiner Schöpfung die völlige Freiheit ließe – er hätte zumindest festgelegt, was die Schöpfung ist, indem er sie so geschaffen hat. Die Frage, was ich eigentlich bin, wäre am sinnvollsten dem Schöpfer gestellt. Der könnte mir sagen, was mein Wesen ist, und ich hätte in seinem Wort einen Wegweiser, den zu befolgen mich tiefer in meine Freiheit und zu mir selbst führen würde. Um recht zu leben, müsste ich meinem Schöpfer folgen. Mein Leben hätte einen Sinn, weil es ein Ziel hätte. Ethik wäre das Erkennen des Ziels, Moral die Wegbeschreibung zu meinem Schöpfer.
Angenommen, es gibt keinen Schöpfer. Dann wäre ich grundsätzlich mein eigener Herr. Wegweiser auf meinem Weg durchs Leben kann nur meine eigene Beurteilung aufgrund meiner eigenen Erfahrungen sein. Was ich wirklich bin, kann ich nur selbst entdecken. Der Sinn meines Lebens wäre letztlich das Leben selbst, wenn man das einen Sinn nennen will. Um recht zu leben, müsste ich mir selbst und meinem Leben folgen. Ethik wäre die Erkenntnis, wie sich das Leben weiter entfalten kann, Moral die Wegbeschreibung hin zu mir selbst.

Wohin gehe ich besser nicht?
Angenommen, es gibt den Schöpfer. Was mir dann nicht passieren sollte, ist der Versuch, mein Leben abseits seiner Ideen zu gestalten. Da ich selbst eine dieser Ideen wäre, bedeutete jede Trennung vom Schöpfer einen Konflikt in mir selbst. Jeder Irrtum würde mich von meinem Ziel, nämlich ihm, entfernen.
Angenommen, es gibt keinen Schöpfer. Was mir dann nicht passieren sollte, wäre, in eine evolutionäre Sackgasse zu geraten. Aus dem Sieger würde der größtmögliche Verlierer.
So weit, so vereinfacht.

Was heißt das jetzt für mich?
Ich sollte mir klar sein, wo meine Lebensvorstellungen angesiedelt sind, und sie im Licht meiner Überzeugungen betrachten.
Die Folge eines gelungenen Lebens in der Evolution ist der Arterhalt: Erfolg ist, Nachkommen mit Nachkommen zu haben. Wenn man es einmal so in den Grundzügen beleuchtet, wird deutlich, dass es für die Ideen wie die der Kinderlosigkeit in der evolutionären Logik keinerlei Grundlage gibt. Kinderlosigkeit trägt gleichsam als Tatstrafe die totale Exkommunikation in sich: wer keine Nachkommen hat, stirbt, und das gründlich: er stirbt aus. Homosexualität beispielsweise oder auch jede andere Art von Ausstieg aus der Entwicklungskette sind evolutionär gesehen Sackgassen. Sie werden gnadenlos aus dem Weg geräumt. Es gibt nur einen erfolgreichen Weg: den der Fortpflanzung, denn er erhält das einzige, was in der Evolution Bestand haben kann: den Genpool, die Art. Der Einzelne ist bedeutungslos. Hmm…
Vor Gott hingegen ist Kinderlosigkeit durchaus eine Möglichkeit. Nicht das Leben selbst ist der Maßstab, sondern das rechte Leben gemäß dem Willen des Schöpfers. Eine Schöpfung hat Platz für individuelle Lebensentwürfe. Gott hat Interesse am Einzelnen. Man braucht keine Kinder, um geliebt zu sein: es gibt viele Wege. Hmm…
Wenn es also überhaupt einen Platz geben kann, an dem beispielsweise Homosexualität vertretbar ist, liegt dieser Platz im Religiösen. Irgendwie scheinen die Dinge anders zu liegen, als sie gemeinhin dargestellt werden.

Was heißt das jetzt allgemein?
Wie also gehen Religion und Evolution mit Dingen um, die nicht ins System passen?
Die Religion hat es einfach: sie kennt Fehler und Systemabweichungen. Man nennt sie Sünde und Schuld. Sie offenbaren das System als Bereich, von dem man sich entfernen kann. Umkehr und Vergebung ermöglichen die Rückkehr ins System. Schuld und Sünde ändern im Grundsatz nichts. Das System bleibt und bietet dem Einzelnen Orientierung. Der Weg mündet in die (hoffentlich gelingende) Ewigkeit.
Die Evolution hat es noch einfacher: es gibt gar nichts außerhalb des Systems (solange man keine Schöpfung nachweist). Alles, was es gibt, ist alleine deshalb richtig sein, weil es existiert - schließlich hat es sich als evolutionärer Vorteil entwickelt. Fehlentwicklungen gehören zum System wie Weiterentwicklungen. Die einen verschwinden, die anderen bleiben. Wenn man in der Evolution eine Sünde formulieren wollte, wäre es die der Fortpflanzungsunfähigkeit. Die Evolution antwortet auf solche Abweichungen einfach und gnadenlos mit dem Todesurteil. Die Evolution bietet dem Einzelnen keinerlei Orientierung. Sein „Überleben“ besteht bestenfalls im Weiterbestehen seiner Art. Wenn er sich aus dem Genpool kegelt, erfährt er das Schicksal der totalen Bedeutungslosigkeit: nichts bleibt von ihm.

Drei Möglichkeiten...
Wie gehen die Menschen damit um? Warum argumentieren die Menschen, die sich am stärksten für „individuelle Lebensentwürfe“ stark machen, dann nicht religiös? Warum berufen sie sich auf eine Logik, die sie ausrottet? Der Grund ist einfach: die Evolution lässt sie zu Lebzeiten in Ruhe. Sie hat Zeit und begnügt sich mit dem natürlichen Wegsterben. In ihr regieren Arten und Genpools – das Individuum ist belanglos. Die Religion hingegen stellt den Menschen in eine Verantwortung, die das tägliche Leben betrifft. Man kann nicht tun und lassen, was man will. Oder besser: man kann schon. Nur dass man die Folgen selbst tragen muss.
Man hat also drei Möglichkeiten. Man kann sich der Evolution entsprechend sinnvoll verhallten und mich vermehren, oder man kann machen, wozu man gerade Lust hat und sich naturwissenschaftlich als Verlierer outen, oder man kann sich dem Schöpfer unterwerfen und verantwortlich sein.

... und ihre (unerwünschten) Folgen.
Viele Menschen wollen nichts dergleichen: keine Kinder, kein Verlierertum und vor allem: keine Verantwortlichkeit vor Gott (weil sie die als lästige Abhängigkeit empfinden). Sie suchen „Selbstbestimmung“ und, wenn sie den Mut haben, über sich nachzudenken, dafür eine Rechtfertigung. Doch hier begehen sie einen tragischen Irrtum. Sie suchen nämlich nicht Rechtfertigung vor Gott dafür, was sie sind (die ließe sich finden, und sie ist großartig!), sondern Rechtfertigung vor sich selbst dafür, wie sie sind.
Die Religion scheidet so von vorneherein aus, denn in ihr bin ich zwar grundsätzlich gewollt, doch eben verantwortlich dafür, wie ich bin. Bleibt nur die Evolution, die plötzlich alternativlos ist und sich so von der Theorie zum Paradigma wandelt. Sie muss daher passend gemacht werden, koste es, was es wolle.
Auf Stammtischniveau geschieht dies durch Behauptungen. Da werden Dinge geltend gemacht wie ein „Schwulengen“. Banale Einwände wie „Ein Gen, dass die Vermehrung verhindert, wäre doch sofort aus dem Genpool verschwunden“ werden freundlich übersehen oder aggressiv verteufelt (was mangels Teufel nicht einfach ist, dafür um so lautstärker). Besonders in intellektuellen Kreisen wird viel über Evolution geredet, doch wenig darüber gewusst. Man stellt sich darunter eine Art permanenter Inzucht vor: ein paar Starke überleben, während der Rest wegstirbt. Dass da nichts zusammenpasst, ist egal: man ist wissenschaftlich, und da sind die Dinge eben komplizierter.
Diese Komplikationen bekommen die Menschen mit Wissen zu spüren, die Wissenschaftler, die etlicher Kunstgriffe bedürfen, die Idee der Nicht-Vermehrung als Vorteil für den Arterhalt darzustellen. Geradezu komödiantisch ist der Versuch, ernsthaft zu behaupten, Gene, die zur Nicht-Vermehrung führen, hätten sich durch Selektion durchgesetzt. Die wenigsten Menschen haben eine Vorstellung davon, was man inzwischen aus der Evolutionstheorie geworden ist: es ist eine Sammlung von Teiltheorien, die oft kaum vereinbar sind, die Sonderfälle zur Regel erheben und tausend Gründe dafür finden, dass Unzulänglichkeiten und Widersprüche eben doch zutreffen. Doch was tut man als Wissenschaftler nicht alles, wenn man seinen Job behalten will und Gott gegenüber keine Verantwortung hat: auf ein wenig Unsinn kommt es da nicht an, wenn das Publikum ihn doch so sehr wünscht.

Und jetzt?
Das, was der Kirche jahrelang vorgehalten wurde, nämlich dass sie die Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen will und entgegen sinnvoller Einwände ein ideologisches Weltbild gegen die Vernunft aufrecht erhält – genau das kann man heute life in wissenschaftlichen Kreisen bewundern. Die Wissenschaft tut etwas, was ihr zutiefst zuwider läuft: sie beobachtet nicht, um daraus Schlüsse zu ziehen, sondern sie sucht nach Beweisen für Schlüsse, die vorher feststehen. Gegenargumenten wird dementsprechend nicht sachlich, sondern ideologisch begegnet: man wolle wohl wieder ins Mittelalter zurück und eine flache Erde propagieren, sei ein Kreationist (incl. aller negativen Eigenschaften), sei homophob und dergleichen hochkarätige Einwände mehr. Die Evolutionsforschung wäre heute wahrscheinlich viel weiter, wenn sie nicht ständig das Ergebnis vorweg nehmen würde.

Und damit sind wir am Ende angekommen. Wenn Du den Schöpfer glaubst, tust Du gut daran, den Glauben zu bewahren. Selbst wenn Du dich irren solltest, ist Dein Glaube derzeit die offenere, beweglichere und damit für die Wahrheit freiere Haltung.
Wenn Du nicht glaubst, solltest Du dich bemühen, das wirklich ehrlich zu tun und die Konsequenzen zu sehen. Gib Dich nicht damit zufrieden, dass andere Dir erzählen, nicht zu glauben legalisiere, was der Glaube verbiete. Halte Dich nicht daran fest, alles sei gut, weil es da ist. Die Evolution, die Dir den Grund liefert, wird Dich auch auf die Folgen blicken lassen. Es ist der Blick in den Abgrund völliger persönlicher Bedeutungslosigkeit. Unglaube führt geradewegs auf das Abstellgleis der Evolution. Dass Du dort machen kannst, was Du willst, liegt nur daran, dass nicht einmal sie sich noch darum kümmert. Die vermeintliche gesellschaftliche Reputation, die Du fühlst, ist die Anerkennung durch Haltlose, die Belanglosigkeiten beklatschen. Nach Dir die Sintflut? Nein, nicht einmal das. Nach Dir gar nichts. Du bist ausgeschieden. Die Evolution hat Dich abgeschrieben – Gott nicht.

Mittwoch, April 26, 2017

Nein heißt angeblich immer noch nein...

Im Drogenrausch kommt es zu einer Vergewaltigung. Der Täter wird freigesprochen. Grund: es bestehen Zweifel daran, dass er erkannte, dass das Opfer es mir seinem Wehren ernst meinte. Kein nachweisbarer Vorsatz. Emma berichtet, ich verlinke es nicht - zu widerlich.
Trotzdem hole ich einen alten Artikel wieder hoch, den ich schrieb, als es um die gesetzliche Verankerung von "Nein heißt nein" ging und der genau das voraussagte. Nein, ich bin kein Prophet, sondern habe nur 1+1 addiert...

Nein heißt nein. Eine erstaunliche Erkenntnis, die jetzt sogar ins Gesetz soll. Da sage noch einer, wir seien kein Volk von Denkern mehr.
Die wichtige Sache, um die es dabei geht, ist der Sex. Eine Sache, bei deren Durchführung es allerdings weniger ums Denken an sich geht. Offensichtlich sind wir auch ein Volk von – nun ja, lassen wir das.
Der Anlass zu dieser geradezu philosophischen Herangehensweise an den Sexualtrieb, ein im wahrsten Sinne des Wortes drängendes Thema, ist das gehäufte Vorkommen von Fällen, in denen die Grenze zwischen Beischlaf und Vergewaltigung oder die zwischen Flirt und Nötigung zu verschwimmen beginnt oder massiv durchbrochen wird. Es sind schlimme Dinge, die da geschehen! Zurück bleiben Verletzungen, die es zu vermeiden gilt. Und die Gesellschaft, die sich mit Händen und Füssen dagegen wehrt, dass ihr irgendjemand ins Sexualleben hineinredet, sucht plötzlich nach gesetzlichen Regelungen. Wie soll das zusammengehen?
Man kann erst einmal durchaus eine Logik erkennen: ein großer Freiraum braucht eine starke Grenze, die die Freiheit schützt, indem sie die Unfreiwilligkeit aufs Schärfste sanktioniert: alles ist erlaubt, außer Zwang. Die Folge: da man, so ist es Konsens, nicht vorschreiben will, wer mit wem darf, wird eben geregelt, wer hinterher für was bestraft wird. Klingt komisch? Ist es auch, denn dies ist eine Logik, die nicht greift. Angesichts von Vergewaltigungen führt die gute deutsche Gesellschaft abstruse Diskussionen darüber, wie das verhindernde Nein denn formell auszusehen hat. Sagen? Wehren? Reicht ein Gesichtsausdruck? Oder gar ein ungutes Gefühl danach? Nur in den seltensten Fällen produzieren Gerichte etwas Sinnvolles, wenn sie nachträglich entscheiden sollen, was im Rausch der Sinne legitim war. Es ist absurd. Wie soll man in einem Rechtsstaat, in dem der Beklagte im Zweifelsfall freigesprochen wird, etwas verurteilen, für das es nur die Aussagen der Betroffenen gibt? Unser Rechtsverständnis bedeutet hier schlicht Pech für die Opfer, die keinen Beweis vorlegen können. Doch das kann es ja wohl nicht sein. Die ganze Diskussion geht offenbar am Ziel vorbei.

Vor Jahrzehnten befreite sich unsere Gesellschaft aus der sexuellen Bevormundung. Ihr Argument: man dürfe Liebe nicht verbieten. Doch diese gegenseitige Liebe ist längst nicht mehr Grundlage für Sexualität; schon bald wurde sie reduziert auf das Einverständnis der Partner zum sexuellen Vergnügen. Erlaubt war in den Augen der Gesellschaft, was beiden Spaß macht. Wozu lieben? Der/die hat doch sein/ihr Vergnügen, das reicht. Doch was macht dem Partner Spaß? Was ist erlaubt? Offenbar alles, wozu er/sie nicht nein sagt. Das ist zu wenig? Nun, genau darum scheint es aber zu gehen, denn genau das versuchen wir verzweifelt zu regeln: wie sagt man nein?
Dem Sexualtrieb, einem wilden Gaul, der ohnehin oft kaum zu reiten ist, wurden die Zügel abgenommen: zügellose Sexualität. Doch was als Befreiung gefeiert wurde, ging nach hinten los. Der Gaul tritt um sich und die Gesellschaft, die von einem heißen Rodeo auf seinem Rücken träumte, findet sich unter seinen Hufen wieder und ruft verzweifelt "nein, nein!". Und so treibt die selbstbezogene Leidenschaft im Bett und anderswo ihre traurigen Blüten.

Noch diskutieren wir darüber, wie man einem ausschlagenden Gaul mit einem entschiedenen Nein gegenübertritt. Noch spricht kaum einer aus, was auf der Hand liegt: Sinnvollerweise redet man beim Sex vom Ja, nicht vom Nein. Die einzig richtige Regel wäre: nur ein ausdrückliches Ja darf die Grundlage sein. Doch damit tut man sich schwer: wie soll man das regeln? Mit einem kleinen Standardvertrag, in dem man vorher kurz gemeinsam die einvernehmlichen Praktiken, Techniken und Hilfsmittel ankreuzt? Mit einer Art Sex-AGB? Und wie dokumentiert man die Einhaltung der Vereinbarung?
Man kann es drehen und wenden, wie man möchte: beim Sex begibt man sich in einen Lebensbereich, der gesetzlich nicht zu fassen ist. In dem die einzige Sicherheit, die man hat, das Vertrauen den Partner/die Partnerin ist. Das Wohl des anderen muss dem eigenen Vergnügen mindestens ebenbürtig sein - eine Haltung, die zwischen Menschen, die sich lieben, selbstverständlich ist. Das Ja muss die Grundlage sein, damit es unnötig wird, ein Nein rechtlich durchzusetzen.
Jeder sexuelle Verstoß gegen das Wohl des Partners ist ein Vergehen, jeder gewaltsame Verstoß ein Verbrechen, sei es körperliche oder seelische Gewalt. Selbstverständlich muss es Sanktionen geben, doch in vielen Fällen wird ein Opfer nicht zu seinem Recht kommen – weder die direkten Opfer von Gewalt, noch die Opfer falscher Aussagen. Ein gesetzlicher Schutz, so wichtig er ist, wird niemals ausreichen.
Deshalb ist die Gesellschaft dringend gefragt, den Gaul wieder einzufangen: ein zügelloser Sexualtrieb, der überall und in jeder Form als auslebenswert hofiert und gepriesen wird, hat mit sexueller Freiheit so viel zu tun, wie Fressucht und Übergewicht mit gesunder Ernährung. Es ist erschütternd, dass die Gesellschaft zunehmende Nötigungen und Vergewaltigungen braucht, um anhand der verursachten Verletzungen langsam den Wert und die Tiefe der Sexualität wieder zu entdecken. Und doch ist es ein kleines Hoffnungszeichen.

Für diejenigen, die nicht warten können, bis die nötige Vertrauensbasis da ist, empfiehlt sich mittelfristig, beim One-Night-Stand für eine ausreichende Anzahl von Zeugen zu sorgen und zur Dokumentation wenigstens eine Tonaufnahme mitlaufen zu lassen. So ist man auf der rechtssicheren Seite. Alle anderen sollten überlegen, ob es vielleicht irgendwo eine Orientierung gibt, in der Sexualität, Verbindlichkeit, Liebe und Vertrauen zusammengehören und man mehr auf den Partner schaut, als auf sich selbst.

Dienstag, März 14, 2017

Stimmt teilweise immer noch.

Wir haben einen neuen Papst!
Ein sympathischer Mann, der aus einem anderen Kulturkreis stammt. So anders, dass Weihnachten dort ein Sommerfest ist und Ostern etwa dort liegt, wo wie Erntedank kennen. Wo Armut nicht anhand des Durchschnittseinkommens definiert und in Berichten festgehalten, sondern auf der Straße erlebt wird. Wo… kurz: es ist anders.

Dieser Papst hat mir viel Neues beizubringen. Wenn aber etwas neu ist, tue ich gut daran, es mir genau anzuschauen und zu versuchen, es zu verstehen, denn ich kenne es nicht: so geht Lernen.

Wie Lernen hingegen NICHT geht, erläutert am Beispiel der Multiplikation:
  • missbilligen, dass man sie nicht kennt.
  • missbilligen, dass etwas anderes als bei der Addition herauskommt.
  • fragen, ob es überhaupt erlaubt ist, zu multiplizieren.
  • dem Mathelehrer die Ehrfurcht vor der Addition absprechen.
  • feststellen, dass das x für „mal“ anders aussieht als das + für „und“ und deshalb anzweifeln, dass es sich noch um Mathematik handelt.
  • darüber diskutieren, ob Multiplikation nun die Fortführung der Addition oder ein Bruch damit ist.
  • hoffen, dass der Papst endlich die Subtraktion abschafft oder die persönliche Fußnote zur Grundrechenart erhebt.
Das vor Augen kommt man beim Lesen in den Medien schnell zu dem Schluss, dass große Teile unserer Bevölkerung hochgradig lernresistent sind, denn: genau so wird diskutiert. Absurd, das Ganze? Ja.

Offenbar erscheint Ungewohntes gefährlich, auch wenn es vom Heiligen Geist eingefädelt wurde. Könnte ja sein, dass der im Konklave nicht stark genug war oder nicht ganz bei der Sache.
Den Ausweg haben die Medien jedoch längst gefunden. Die gefahrlose Alternative zum Lernen ist das Spekulieren. Da brauche ich mich nichts Neuem zu öffnen, sondern kann die Dinge getrost von meiner gewohnten Warte aus im Hypothetischen halten. Es reicht, festzustellen, was anders ist, um den Unterschied dann anhand des Bekannten zu verwursten. Darauf stürzen sich derzeit die Medien! Denn Medien können sich sehr viel vorstellen, nur eines nicht: dass sie selbst zu einem Urteil noch nicht in der Lage sind.
Und so wird vor allem über das geredet, was nicht ist: nicht da, wie rote Schuhe, nicht mehr, wie Benedikts Art, Papst zu sein, oder noch nicht, wie das, was aus Georg Gänswein einmal werden könnte. Wird dann tatsächlich einmal über Franziskus geredet, dann fast immer im Zusammenhang mit einem „Nicht“: ob er die Fortführung vom Nicht-Mehr-Papst ist oder nicht, ob seine Bescheidenheit echt ist oder nicht etc. pp. Es wird spekuliert ohne Ende.
Das Schönste ist, dass man, gerade indem man nichts weiß, den Papst dabei viel besser zu verstehen glaubt, als er es selbst kann. Dadurch, dass er ständig mit unpassenden Maßstäben gemessen wird, erscheint auch alles unpassend und fremd, was er so tut. Man könnte den Eindruck gewinnen, der Papst sende unentwegt Zeichen aus, deren tiefen Sinn er selbst jedoch nicht ganz versteht. Dabei sind es in Wahrheit wir selbst, die gleichsam mit einer Karte von Deutschland durch Argentinien fahren, und, intelligent, wie wir sind,  feststellen, dass die Straßen falsch gebaut sind. Wir sind es, die es vorziehen, alles durch den Filter der Gewohnheit zu betrachten, anstatt Neues zu lernen. Durch diese Filter passt Franziskus nicht, und schon läuten die Alarmglocken. Kein Wunder, dass mancher sich Sorgen macht.

Es ist, denke ich, an der Zeit, sich Zeit zu lassen. Nicht nur der Papst braucht sie, sich in sein neues Amt zu finden – auch wir brauchen Zeit, ihn kennen zu lernen. Ihn und seine Art, Papst zu sein. Wir sollten uns selbst nicht so stressen! Nicht der vorschnelle Verdacht ist Stärke, nicht das Urteil ohne Basis, das gefällt wurde, bevor die Zeit dazu reif war, das Vorurteil. Hier liegt die katholische Kraft wirklich in der Ruhe, die nicht fragt „Was macht der Papst alles falsch“, sondern fragt: „Heiliger Geist, was willst Du von MIR?“

Donnerstag, Februar 09, 2017

Aaah – ja!

„NRW will Polizistinnen besser schützen“ titelt RP online (LINK).
Das macht mich grübeln. Also die Polizei – die schützt uns nicht, sondern die braucht Schutz? Der alte Schupo hat offenbar ausgedient, und das gründlich. Hmm.
Wie wäre es damit, die Polizistinnen unter Polizeischutz zu stellen? Ach nee, geht ja nicht. Denn wer schützt dann diese Polizei?

Die emanzipierte Polizei, die endlich 40% Frauenanteil hat, muss notgedrungen diese Frauen unter Männerschutz stellen: jetzt sollen künftig die Polizistinnen nur noch in Männerbegleitung auf die Straße. War früher schon in der Gesellschaft so, fanden alle doof und unemanzipiert – jetzt kommt es als Lösungsvorschlag in der Polizei wieder zurück. Nur: in der Gesellschaft war das OK, es hatte was von gutem Benehmen. Bei der Polizei hingegen ist das ein Armutszeugnis.
Auf die gleiche Baustelle verweist ein anderer Abschnitt des Berichts:
„Innenminister Ralf Jäger … hingegen verwahrt sich gegen den Begriff (= No-Go-Area) und verweist darauf, dass es in NRW und ganz Deutschland keine Gegenden gibt, die von der Polizei gemieden werden. "Wir können in solche Gegenden aber nicht nur Frauen zu Einsätzen hinausschicken", betont ein Kriminalhauptkommissar.“
A-ha! Es gibt diese Gegenden nicht, aber wir können nicht nur Frauen hinschicken. Lieber Herr Minister, wenn es solche Gegenden nicht gibt, müssen wir eigentlich überhaupt niemanden hinschicken.

Lieber Herr Minister Jäger, wir müssen die Polizei nicht schützen. Es würde reichen, den Polizisten wieder die Mittel an die Hand zu geben, uns zu schützen. Und damit ist keine verstärkte Bewaffnung gemeint, sondern in erster Linie eines: Rückgrat der Politik. Vorgesetzte, die Einsätze unterstützen, nicht nachträglich auf Opportunität prüfen.
Wenn eine Polizistin nicht ernst genommen wird, liegt das nicht daran, dass sie schwächer ist, als ein Mann. Es liegt daran, dass sie nicht mehr mit der Autorität auftritt, die sie haben müsste. Sie vertritt nicht mehr den Staat, sondern muss sich gegen den Staat verteidigen, wenn sie einen Fehler machen sollte, wobei die Politik sich nicht zu schade ist, nachträglich festzulegen, was denn nun ein Fehler war.

Und so beschert uns die Politik Unisex-Klos und gemischte Polizeistreifen in Gegenden, die es nicht gibt und die Vorschrift zum Kavaliersdienst in gemischten Hundertschaften. Der Lichtblick: langsam beginnt die Komik des Ganzen die Tragik zu überstrahlen. Wir saufen kichernd ab. Wenigstens etwas.

Dienstag, Januar 24, 2017

Make America What? Again?

Trump ist Präsident. Die einen wissen, dass ab sofort alles schiefgeht, sind aber erstaunlicherweise ziemlich deckungsgleich mit der Fraktion, die jede Art beispielsweise christlicher Prophetie als Humbug abtut. Die anderen sind, häufig religiös und wertebewusst, eher offen für Prophetien, derzeit aber auch für Häme, tut es doch gut, dass die linken Befürworter jeder Vielfalt endlich einmal eins zwischen die Hörner bekommen, müssen sie doch notgedrungen eine Vielfalt akzeptieren, die sie so gar nicht mögen.
Kurz: die einen schäumen, die anderen freuen sich, klammheimlich bis offen. Trump spaltet, und alle machen mit. Daher auch ich: bei derart vielen Meinungen macht eine weitere, die ungehört bleibt, wirklich nichts mehr aus.

Was die Politik Trumps angeht, erlaube ich mir kein Urteil. Wie auch – er hat schließlich noch keinerlei Politik betrieben. Zwar sind da durchaus Bedenken angebracht: ohne Übung wird man kein Meister. Trump erinnert da etwas an den Typen, der auf die Frage, ob er Klavier spielen könne, antwortete, er wisse es nicht, denn er habe es noch nie versucht, doch könne es nicht schwer sein, im richtigen Moment den richtigen Knopf zu drücken. Andererseits haben die Profi-Politiker bisher keine allzu heldenhafte Rolle gespielt, was schnell deutlich wird, wenn man sich die Welt anschaut. Mag sein, dass es Zeit wird, dass jemand den Laden einmal gründlich aufmischt, damit er neu sortiert wird. Prüfet alles, das Gute aber behaltet – könnte sein, dass Trump hier die Rolle der Prüfung spielt. Alles Weitere wird die Zukunft zeigen, und der lasse ich erst einmal Zeit sich zu zeigen. Urteile später.

Was mir allerdings sauer aufstößt, sind zwei Ankündigungen Trumps, was mich verwundert, ist, dass ich dies noch nirgends las: Diese beiden passen einfach nicht zusammen: „Make America Great Again“ und „America First“.
Denn was machte Amerika groß, das es zweifellos lange war und eigentlich in vielem auch heute noch ist: seine Konsequenz bis hin zum heldenhaften Edelmut, wenn es darum ging, das zu verteidigen, was es für gut hielt. Das Ansehen Amerikas in der Welt als wertebildende Institution beruhte auf seiner Bereitschaft, NICHT immer zuerst an sich zu denken. Vermischt mit einer puritanischen Moral, einem teils nervenden Sendungsbewusstsein, wirtschaftlichen Interessen und einer doch etwas schrägen Mentalität waren viele amerikanische Aktionen schwer auszuhalten, doch alle hatten sie irgendwo eine moralische Seite. Amerika mag üble Fehler begangen haben – sein Ringen um Moral war immer spürbar. Dieses Ringen ist Amerikas Größe. Wie wichtig es auch gerade den Amerikanern selbst ist, mag ein banales Beispiel zeigen: nahezu jeder amerikanische Spielfilm hat es letztlich zum Thema.
Und jetzt kommt Trump und will genau diese Größe abschaffen, indem er die Wirtschaft an die Stelle setzt, die bisher die Moral innehatte. Immer hat in den USA das Geld irgendwo der Moral gedient, und sei es nur, indem es das System finanzierte. Jetzt jedoch wird die Moral ausdrücklich dem Geld untergeordnet. Hätte der Slogan „Good for America“ gelautet – er wäre in Ordnung gewesen. „America First“ hingegen ersetzt die allgegenwärtige Priorität der Moral durch die Priorität des Geldes.
Amerika wird möglicherweise dadurch reicher – mit Sicherheit wird es moralisch kleiner. Great? Nein. Es wird kleiner, als es je war. Again? Auch nicht. Schade, Amerika.

Disclaimer: auch dies beruht auf Annahmen, die die Wirkung einzelner Worte in die Zukunft extrapolieren. Der Artikel ist damit nichts als eine Prophetie, die durch nichts gestützt wird als die Meinung des Autors.

Freitag, Januar 13, 2017

Neues Interview S. E. Bischof Oesterhagen

Presse: Herr Bischof, was halten Sie von der Mehr-Konferenz?

Bischof Oesterhagen: Ach wissen Sie – für manche Dinge bin ich einfach zu alt. Deshalb…

Presse: Haben Sie denn einen Teil im Internet verfolgen können?

Oesterhagen: Bitte lassen Sie mich doch ausreden. Deshalb habe ich darauf verzichtet, zu tanzen, und mich immer ganz hinten auf die Tribüne gesetzt. Inkognito, damit ich keine Interviews geben musste.

Presse: Sie waren tatsächlich selber dort? Was war Ihr Eindruck?

Oesterhagen: Nun, einige der Aussagen waren mir etwas fremd.

Presse: Sie hatten theologische Probleme mit den Referenten?

Oesterhagen: Nein, eher grammatikalische mit den Besuchern. Wenn junge Leute im Gespräch begeistert kundtun, der heiße Lobpreis sei einfach cool oder sie seien ganz weg von der Idee, einfach da zu sein, dann glaube ich zwar zu verstehen, was sie meinen, aber ich würde es doch anders formulieren.

Presse: Damit sind wir gleich bei einem der Kritikpunkte: ist eine solche Sprache, ist ein solcher Stil geeignet, Menschen zurück in die Kirche zu führen? Das fragen sich viele, die sehen, dass sogar die Messe mit dem Bischof so gestaltet wurde.

Oesterhagen: Wo soll ich anfangen? Schauen Sie, wenn dort 8000 Menschen zusammen mit dem Bischof die Heilige Messe feiern – wie sollen die zurück in die Kirche? Sie sind doch gerade drin, oder? Also zumindest, wenn ich als Bischof die Messe feiere, habe ich schon den Eindruck, es finde im Rahmen der Kirche statt. Sie nicht?

Presse: Äh... sicher, doch… Aber Ihre Messen laufen auch anders ab.

Oesterhagen: Tun sie das? Schuldbekenntnis, Kyrie, Gloria, Lesungen, Evangelium, Homilie, Eucharistiefeier, Segen – das mache ich doch genauso.

Presse: Bei Ihnen ist es stiller…

Oesterhagen: Das hoffe ich doch nicht! Wenn in der Messe das Kyrie kein Schrei zu Gott ist, das Gloria kein Jubel und die Predigt keine flammende Ermutigung, dann taugt sie nichts. Dann ist die Eucharistiefeier eine Einladung an den Herrn in eine Gruppe, die ihn anschweigt oder ihm bestenfalls freundlich zunickt. Er kommt, denn er ist treu. Aber wir haben unseren Job nicht getan. Eine Messe muss laut sein. Laut vor Gott. Der Herr misst Lautstärke nicht in Dezibel, sondern in Leidenschaft. Wissen Sie, wenn wir am Hochaltar im Dom die Messe in der außerordentlichen Form zelebrieren, an unserem wunderbaren Hochaltar, den wir gerade von wirklichen Künstlern instandsetzen ließen, denn die Farbe wurde vom Weihrauch angegriffen, und billig war das nicht – aber wo war ich? Ach ja, richtig: warum tun wir das und feiern dort? Weil es für viele Menschen der Ort ist, an dem sie wahrhaft beten können. Form, Ruhe und Stille sind der Raum, in dem es laut vor Gott wird: Dank, Jubel, aber auch Hilfeschreie kommen von dort vor ihn. Und er kommt zu uns. Das ist Messe. Und genauso war es auf der Konferenz.

Presse: Doch in Ihrer Messe muss nicht jeder an allem teilnehmen, was die anderen denken. Lieder entarten nicht zum Geschrei, Gebete nicht zum öffentlichen Outing. Wo ist die Würde der Feier?

Oesterhagen: Ja, genau das ist die Frage: wo ist die Würde? Worin liegt sie? Sie liegt nicht in uns, sondern in Gott. Wir haben in jeder Messe zu Beginn ein öffentliches Outing: Herr, ich habe gesündigt. Ich bin ein schlechter Mensch. Und ich bitte alle Anwesenden, seien sie lebendig oder beim Herrn, dringend um Gebet. Ist es würdig, mit der eigenen Sünde hausieren zu gehen? Ja, weil Gott sie vergibt. Die Idee, ich könnte selbst würdig sein, ist absurd. Fällt denn niemandem auf, dass wir in jeder Messe, selbst nach einer Beichte, nachdem wir fast eine Stunde würdig beteten, sangen, knieten, saßen und standen, bekennen: Herr, ich bin NICHT würdig… Und erst dann begegnen wir ihm.

Presse: Müssen wir da nicht unterscheiden zwischen den Menschen und dem Ritus? Im würdigen Ritus kommt Gott zu unwürdigen Menschen.

Oesterhagen: Das haben Sie schön gesagt. Genauso ist es. Wann also ist der Ritus würdig? Oder besser: für wen soll er würdig sein? Ich denke, man kann es ganz kurz sagen. Es gibt zwei Voraussetzungen: er muss vollständig sein und er muss Gott gefallen. Vollständig, weil ich vom Heil nichts abschneiden kann, ohne es letztlich zu verlieren, und gottgefällig, weil ER uns in der Feier begegnet.

Presse: Man hat jedoch den Eindruck, dass diese Vorträge und diese Lieder eher dazu angetan waren, den Menschen zu gefallen. Dass es doch sehr um eine gute Stimmung ging.

Oesterhagen: Nun, ich begreife immer weniger, was Sie wollen. In jeder Messe freut man sich, wenn die Musik gut ist. Mir ist noch nie jemand begegnet, der sich nach der Kirche für schlechtes Orgelspiel bedankt hätte oder dafür, dass ich heiser gesungen habe. Für eine gute Predigt habe ich Gott sei Dank schon ein paarmal Lob bekommen, für eine schlechte hat sich noch keiner bedankt. Über Schlechtes wird sich beschwert. Hier soll auf einmal der Gute falsch sein? Wo ist Ihre Logik geblieben!

Presse: Es ist halt nicht jedermanns Sache, solche Musik… Unwürdig, wie manche meinen.

Oesterhagen: Nein, es gefällt nicht jedem. Oder man hat andere Schwerpunkte. Ich höre am liebsten Palestrina und Bach. Das macht aber nichts, das ist in Ordnung, denn die Lieder werden nicht für die Kritiker gesungen, sondern für Gott. Wissen Sie, als ich ein junger Kaplan war, war ich Mitarbeiter bei einem alten Priester. Und der schickte mich regelmäßig an die Orgel, wenn er die Messe feierte, obwohl ich kaum spielen konnte. „Zur Ehre Gottes!“ sagte er. Ich sagte, man solle Ihn doch lieber mit guter Musik ehren, nicht mit einem solchen Gejaule. Er antwortete, er schicke mich so lange an die Orgel, bis ich gelernt hätte, dass man Gott nicht mit Perfektion, sondern mit Liebe ehrt. Ich könne natürlich auch versuchen, so gut Orgel zu lernen, bis es Gott imponiere. Es hat eine Weile gedauert, bis ich es wirklich begriffen hatte, aber es war heilsam. Gott muss es gefallen. Und ich versichere Ihnen: dieser Lobpreis war randvoll mit Liebe!

Presse: Man könnte Ihre Position im Streit um den Sinn solcher Konferenzen also wie folgt zusammenfassen:…

Oesterhagen: Nein! Kann man nicht.

Presse: Äh…

Oesterhagen: Sehen Sie, ich beziehe keine Position in einem Streit. Das wäre nicht im Sinne des Herrn.

Presse: Es gibt sie aber schon, diese Differenzen um Events dieser Art.

Oesterhagen: Wir reden über Liebe. Wenn ein junger Mann sich bis über beide Ohren verliebt – welch ein Event! Was tut er? Ich werde Ihnen sagen, was er NICHT tut. Er wird NICHT seine Freunde anrufen, um ihnen zu erklären, was gerade psychologisch in ihm vorgeht und warum das Kribbeln im Bauch eigentlich unwichtig ist, ja als schwärmerisches Gefühl sogar von der wahren Liebe ablenkt. Er wird hingegen seinen Freunden von seiner Liebsten vorschwärmen. Er wird die Blumen, die er ihr schenkt, selbst lieben, weil sie für SIE sind. Und wenn seine Freunde gute Freunde sind, werden sie ihn verstehen. Und wenn er ausruft: „Dieser Freu MUSS man einfach Blumen schenken!“, dann werden sie sich für ihn freuen. Was die Freunde NICHT tun werden: ihn zur Rede stellen und ihm vorwerfen, er sei unfrei, denke nur an sein Vergnügen und nötige sie zudem, einer unbekannten Frau Geschenke zu machen. Als gute Freunde werden sie erkennen, dass er gerade ganz besonders frei ist, weil er liebt.

Presse: Und zugleich werden sie wissen, dass dies nicht der Alltag ist.

Oesterhagen: Und wenn sie lebensklug sind, werden sie bedenken, dass eine Ehe in schweren Zeiten umso besser besteht, je mehr die Ehepartner in der Lage sind, sich einfach aneinander zu freuen. Wer im Überschwang des Glücks zu trinken vermag, steht Durststrecken besser durch. Eine sehr kluge alte Frau hat mir einmal das Geheimnis ihrer gelungenen Ehe verraten: Liebe, sagt sie, ist wichtig und gut. Aber ein wenig Verliebtheit muss man sich immer erhalten. Sehen Sie, der junge Mann gibt Zeugnis von seiner Liebe. Und seine Freunde erkennen das und lassen es als das stehen, was es ist. Daraus einen Streit zu machen wäre absurd. Ich hoffe sehr, dass ich in diesem Gespräch nicht wirke wie einer, der erklären will, warum Liebe sinnvoll ist, sondern wie einer, der liebt. Und darum beziehe ich keine wie auch immer geartete Position. Gott gefällt es, wenn wir Zeugen sind. Anwälte braucht er nicht.

Presse: Gefällt es Gott denn auch, wenn Katholiken und Freikirchler zusammen versuchen, an einem Strang zu ziehen? Besteht da nicht eine erhebliche Diskrepanz zwischen der katholischen Lehre und der aggressiven, der europäischen Frömmigkeit fremden Inszenierung eines Ben Fitzgerald, wie Magnus Striet sagte?

Oesterhagen: Sie erinnern sich daran, dass Ben Fitzgerald erzählte, wie er zusammen mit einem Katholischen Priester für einen Kranken betete?

Presse: Sie wollen doch nicht etwa sagen, das waren SIE?

Oesterhagen: Das sollten Sie jedenfalls nicht ausschließen.

Presse: Herr Bischof, ich höre an dieser Stelle lieber auf. Wir bedanken uns für dieses Interview.

Montag, Januar 02, 2017

Grüne erkennen Straftäter am Geruch.

GrünInnen-Chefin Simone Peter sprach sich nachdrücklich dagegen aus, potentielle Straftäter aufgrund ihres Aussehens zu beurteilen und rief damit einen Sturm der Entrüstung hervor. Doch zeigt Peter damit letztlich eine beispielhafte Konsequenz. So wird verständlich, warum die GrünInnen gegen Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen sind: aufgrund von Filmaufnahmen können Täter ausschließlich aufgrund ihres Aussehens gefunden werden – für Peter und ihre ParteigenossInnen ein Unding.
Man mag dieser Betrachtungsweise kritisch gegenüber stehen, doch sollte man sie verstehen, um sie richtig und differenziert beurteilen zu können. Die GrünInnen erkennen Straftäter nämlich am Geruch. Dabei gehen sie sehr klar und eindeutig vor: wer ihnen stinkt, ist ein Gefährder oder Täter. Wer ihnen hingegen nicht stinkt, muss geschützt werden. Teils hängt das von der Richtung ab, in der gesellschaftlich gerade der Wind weht, teils stinken bestimmte Gruppen für GrünInnen aber auch meilenweit gegen den Wind.
So ergibt sich ein eindeutiges Täterprofil. Die Polizei täte gut daran, es zu beachten, wenn sie nicht weiter an den Pranger gestellt werden will.