Dienstag, November 12, 2013

Begriffe, die mich nerven 3: Augenhöhe

[Von Bastian]
„Augenhöhe“ ist derzeit ein gern und viel gebrauchter Begriff. Er stellt für viele die Grundlage für Dialog schlechthin dar, für andere scheint er eine große Provokation gegen notwendige Hierarchien zu sein. Spontan habe ich auf diesen Begriff ablehnend reagiert. Ich habe mich oft gefragt, was mir daran Kopfschmerzen bereitet. Heraus kam: es ist nicht der Begriff selbst, sondern die Art, wie er eingesetzt wird.

„Auf Augenhöhe“ kann einmal bedeuten: mit gleichem gegenseitigem Respekt und gleicher gegenseitiger Wertschätzung. Da bin ich sofort dabei. „Auf Augenhöhe“ wird jedoch auch oft im Sinne einer Gleichheit in Autorität und Kompetenz verwendet, die vor einem Dialog herzustellen sei, damit es wirklich ein Dialog wird und kein Diktat. Das halte ich für Unsinn, denn Unterschiede existieren. Sie zu nivellieren bedeutet Augenwischerei, nicht Augenhöhe.

Wer Kinder hat, kennt es ganz genau: bei Kompetenz und Autorität gibt es ein Gefälle, das man nicht wegdiskutiert bekommt. Dennoch liebt man sie definitiv auf Augenhöhe und keinesfalls herablassend – das bekäme man gar nicht hin! Diese Gleichwertigkeit in der Eltern-Kind-Beziehung macht es möglich, dass die Kinder vom Vorsprung der Eltern in vielem profitieren können, ohne sich zu verbiegen. Umgekehrt ermöglicht sie es den Eltern, von ihren Kindern all das zu lernen, was die nun einmal besser können. Diese „Augenhöhe“, die Gleichwertigkeit in der Unterschiedlichkeit, macht die Beziehung fruchtbar. Eine vermeintliche Kompetenz- und Autoritätsgleichheit hingegen könnte nur mit viel dummem Geschwätz herbeigeredet bzw. wider alle Tatsachen behauptet werden. Es wäre eine Illusion und würde die Familie zerstören. Die Leidtragenden wären alle.
Die Augenhöhe, die Unterschiede nicht leugnet, sondern fruchtbar machen kann, ist also Ausdruck einer gelungenen Beziehung. Sie hilft Chefs und Untergebenen, Jung und Alt, Lehrern und Schülern, Düsseldorfern und Kölnern. Sie ist der Ausdruck für etwas sehr positives. Doch wie erreicht man sie? Ist sie überhaupt immer zu erreichen? Und: ist sie immer anzustreben?

Augenhöhe wird regelmäßig eingefordert. Einmal fordert man sie von Menschen, von denen man nicht möchte, dass sie eine Richtung vorgeben können. Dies wäre das die künstliche Nivellierung vorab. Sie wird aus Misstrauen heraus gefordert, weil man vor falschen Ergebnissen Angst hat und mitentscheiden möchte. Doch das ist problematisch: sollte so eine tatsächliche Autorität nivelliert werden, fehlte den getroffenen Entscheidungen die Basis. Sollte es jedoch sich bei dem, von dem man die Augenhöhe fordert, nicht um eine wirkliche Autorität handeln – warum will man dann gerade seine Entscheidung?
Zum anderen wird Augenhöhe aber auch als Anspruch an sich/uns selbst formuliert: wir sollen anderen gleichwertig begegnen. Auch hier wird wieder kräftig Gleichwertigkeit mit Gleichheit vermischt. Wenn von einem christlichen Missionar gefordert wird, er dürfe anderen nicht einfach von Christus erzählen, sondern müsse sich zusammen mit ihnen auf die Suche nach Gott machen, ist das Unsinn. Dazu müsste der Missionar entweder seinen Glauben vergessen (unwahrscheinlich, wenn er deswegen seine Berufswahl traf), oder er müsste seine Gesprächspartnern vorgaukeln, man sei gleich, um das Gespräch langsam in die richtige Richtung zu lenken - das wäre bewusst vorgespielte, aber keine wahre Augenhöhe. Selbst wenn das ein gangbarer Weg wäre – im Lichte einer geforderten Augenhöhe wandelte er sich in Falschheit. Der Lehrer, der mit seinem Mathe-Kurs die Lösung für eine Gleichung sucht, kann das nur, weil er menschlich, aber nicht fachlich mit seinen Schülern auf Augenhöhe ist. Wäre er es auch fachlich, würden seine Schüler auf ihn herab schauen – mit Recht.
Es läuft immer wieder darauf hinaus: Gleichwertigkeit ist gut und fruchtbar, doch das Leugnen faktischer Unterschiede schafft Verwirrung und verhindert Wachstum.

Zudem gibt es Bereiche, da ist Augenhöhe ein unnötiges Abstraktum, und es ist egal, ob sie erreicht wird. Es ist – beispielsweise - in unserem Land niemandem, nicht einmal einem Hartz4-Empfänger, dem die Leistungen gekürzt wurden, möglich, einem Inder aus den Slums von Kalkutta auf Augenhöhe eine Spende zu geben. Nahezu jeder, der hier unter der Armutsgrenze lebt, ist für diese Menschen unermesslich reich. Wenn wir da von Augenhöhe reden, ist das Kosmetik für unser Gewissen. Den Verhungernden ist es völlig egal. (Ich vermute übrigens, mit Martins Bettler war das ähnlich.) Als ich in diesen Ländern war, habe ich es erlebt: solange es ums Geld geht, ist Augenhöhe unerwünscht. Im Gegenteil: ich sollte ja gerade als überlegener Reicher möglichst spendabel sein. Sobald es aber zu Gesprächen kam, war es natürlich so, dass wir gleichwertig waren, und das war hochinteressant. Augenhöhe: gegeben. Hätte ich jedoch versucht, auf Augenhöhe zu spenden – es wäre danebengegangen. Hätte ich nichts gegeben, weil ich es für entwürdigend gehalten hätte, wäre man mit allem Grund sauer auf mich gewesen.

Eigentlich ist es einfach: schafft das, was man Augenhöhe nennt, menschliche Gleichwertigkeit über alle Unterschiede hinweg, ist es gut. Es ist sogar ein Teil der Wahrheit, denn Menschen sind gleichwertig. Sollen jedoch bestehende Unterschiede künstlich nivelliert werden, verfälscht man Ergebnisse und belügt sich selbst.
Leider wird diese Differenzierung in der Öffentlichkeit oft gezielt unterschlagen: jedem, der auf seine faktische Autorität pocht, wird vorgeworfen, er gestehe seinen Gesprächspartnern nicht ihre Würde zu. Jeder, der nicht in meinem Sinne entscheidet, ist ein Dialogverweigerer. Den Begriff der „Augenhöhe“ nehme ich daher derzeit wie eine Frucht wahr, die zur Hälfte lebenswichtige Vitamine enthält und zur anderen Hälfte giftig ist.

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