Montag, August 06, 2012

Kinder zum Frieden erziehen.

[Von Bastian}

Der Appell von Vatikan und der DBK lautet: Erzieht Eure Kinder zum Frieden. Für mich ein Anlass, zu überdenken, ob ich das wohl tue. Denn: wie macht man das?
Wie erzieht man überhaupt zu irgendetwas? Bereden? Antrainieren und Rituale aufbauen? Regeln aufstellen? Abweichungen Sanktionieren? Selbst Vormachen? Eine gute Mischung aus allem, abgestimmt auf die Eigenschaften des jeweiligen Kindes?
Zumindest der letzte Punkt klingt weise und hat einiges an Wahrheit in sich, doch das Wichtigste fehlt. Spätestens in der Pubertät wird Besprochenes hinterfragt, Antrainiertes bezweifelt, werden Regeln gebrochen und Sanktionen herausgefordert und wird Vorgemachtes durch Provokation und Belastung auf seine Echtheit geprüft. Und diese Echtheit wird zum Hauptkriterium. Sie ist das Wichtigste.
Die Pubertär ist weit mehr als ein Hormonhaushalt, der sich einpendeln muss. Es ist sozusagen der Abgabetermin für die Erziehung. Der/die Heranwachsende nimmt sich die eigene Erziehung und damit den Grund, auf dem das Leben bisher stand vor, um zu prüfen, ob er für eigene Schritte stabil genug ist. Geprüft wird: war das echt, oder war es vorgetäuscht? War mein Vater wirklich selbst friedlich oder hat er etwas gefordert, was er selbst eigentlich nicht wollte? War sein Wunsch nach Frieden echt oder ein Betrug und Manipulationsversuch an mir?

Kinder werden ihren Eltern nicht immer gehorchen, aber sie werden sie immer nachahmen. War das Erziehungsziel nur vorgespielt, ist die Botschaft nicht: „Sei friedlich“, sondern sie ist: „Tue so, als wärest Du friedlich“. Auch das kann zur Grundlage des Handelns werden.
Es gibt leider eine ganze Reihe von „Als-Ob-Botschaften“, die in der Erziehung heute modern sind.
„Tu so, als sei es falsch, über andere zu reden (und schaue, wer das alles falsch macht)“
„Tu so, als ob schulische Leistungen egal seien (aber sei gut!)“
„Tu so, als ob Geld eher unwichtig sei (aber nimm bloß keinen Beruf, in dem man schlecht verdient!)“
„Predige Toleranz! (Und lehne alles ab, was deinem Bild von Toleranz widerspricht)“
„Tu so, als seist du nicht das Wichtigste (solange du dafür genug Zustimmung erntest)“
„Tu so, als seien alle Menschen gleichwertig (und definiere für alle, was das bedeutet)“
Jede leere Verkündigung von Prinzipien in der Erziehung rächt sich, indem sie entweder aufgedeckt oder ins Gegenteil verkehrt wird.

Für mich bedeutet das für die Erziehung: jedes Ziel, das ich da habe, muss ich erst einmal bei mir selbst finden. Meine Kinder sollen Gott vertrauen? Dann muss ich das tun, nicht verkünden. Meine Kinder sollen den Frieden suchen? Dann muss ich es tun. In der Erziehung wird, so denke ich, in besonderem Maße das Schriftwort wahr: wer im Kleinen treu ist, wird es auch im Großen sein. Was ich im täglichen Leben lebe und bin, kann zur Lebensgrundlage für meine Kinder werden. Für alles, was ich versäumt habe, muss ich mich bei ihnen entschuldigen: auch hier ist Aufrichtigkeit gefragt.

Das ist meiner Meinung nach das Wichtigste: Aufrichtigkeit. Ein Satz aus einen christlichen Erziehungsbuch, der mich besonders prägte, ist: „Egal, was du tust: sei nie zu stolz, um dich bei deinem Kind zu entschuldigen.“ Die Erziehungsmethoden sind sicher wichtig, aber letztlich zweitrangig, solange Kinder wissen, dass ich sie liebe und es gut für sie meine, und sie sich in diesem Wissen nicht täuschen.

Kommentare:

  1. Sicher ist es immer eine Gratwanderung. Solange ein Kind zu klein ist, zu verstehen, warum es nicht zwischen parkenden Autos auf die Straße rennen darf, muß man ihm das schlicht verbieten - und zugleich so sein, daß das Kind einem vertraut.
    Vor allem darf man Kinder nicht anlügen. Man kann ihnen sagen "Das kann / will ich dir noch nicht erklären", sogar "Das verstehst du später" - aber niemals eine wohlfeile, aber falsche Erklärung geben. Die meisten Kinder merken eh ziemlich schnell, wenn man schwindelt.

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  2. Bei der Erziehung zum Frieden stellt sich mir die Frage "was ist das?"

    Grosser Tiger wurde ein halbes Jahr von einem Mitschüler drangsaliert. Riemen vom Ranzen abgerissen (das war ein Scout-Ranzen- wie sehr muss man reissen damit da was abgeht?), Hausaufgaben zerrissen, Jacke in den Schlamm geworfen, verprügelt, geschubst, was auch immer. Der Rat der Lehrerin: "Dann geh einfach woanders hin wenn der J. dich wieder ärgert". Ergebnis: J. bekam spitz, dass er ihn über den Schulhof jagen konnte.
    Gewaltfreiheit ist ja schön und gut und äusserst erstrebenswert, aber hier war eine andere Lösung gefragt. Das war die erste Klasse, wie sollte das sowohl mit dem J. als auch mit dem Tiger weitergehen? Was brachten wir diesen Jungen bei?
    Also gab es ein Vater-Sohn-Gespräch über das sich-Wehren. Und die väterliche Anweisung, das nächste Mal "Stop" zu sagen und danach die Fäuste sprechen zu lassen (Vater instruierte auch, was auf keinen Fall geht).
    Grosser Tiger hielt sich an die väterliche Weisung und schlug zurück.
    Anruf der Lehererin: Aggressionsproblematik, Erziehung zur Gewaltfreiheit, pädagogische Zielsetzung, Schulkonzept.
    Anruf der Mutter: "Ihr Sohn hat!"-Vorwürfe.

    Erziehung zum Frieden bedeutet nicht, alles hinzunehmen. Frieden ist schliesslich nicht der Zustand wo keiner sich traut, sich zu wehren.
    Wir hoffen, dass wir das vermitteln können und die Empathie, sich in den Bedrohten hineinzuversetzen und ihm zur Seite zu stehen.

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    1. Zustimmung.
      Das Problem kenne ich: auf keinem Boden wachsen kleine (und große) Tyrannen so gut wie auf falsch verstandenem Frieden.
      Ich verstehe den Kommentar als Ergänzung, denn ich denke, dass im Posting nirgends etwas anderes gesagt wurde.

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  3. Das schoss mir dazu durch den Kopf. Nicht widersprechend, sondern assoziierend und ergänzend.

    Geärgert hat mich, dass das Problem erst zum Problem wurde als der Tiger zurückgeschlagen hat. Vorher war alles in bester Ordnung. Was ist denn das bitte für eine Problemwahrnehmung?

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