Dienstag, Oktober 29, 2013

Mir fehlen die Worte!

[Von Bastian]
Nein, ganz im Ernst: mir fehlen Worte. Und zwar in gut-christlich-katholischem Zusammenhang.

Da ist ein Typ, der ernsthaft denkt, es drehe sich alles um ihn. Der bemerkt, dass er die Welt nicht geschaffen hat, doch anstatt dem Schöpfer zu danken, dankt er sich selbst dafür, dass er ihren Mittelpunkt so grandios ausfüllt. Er ist stolz.
Und da ist ein Typ, der mit viel Aufwand, Mühe und Arbeit sein erstes Studienreferat fertiggestellt hat und – wer hätte es erwartet: es ist eine glatte Zwei. Er ist – ja, was ist er? Spontan würde man sagen: stolz. Doch damit wäre nicht die Sünde gemeint, sondern ein angemessenes Gefühl der Freude und Zufriedenheit mit sich und der eigenen Leistung.

Für diesen guten und richtigen „Stolz“ gibt es kein angemessenes Wort. Und da kein normaler Mensch (ausgenommen Politiker, wobei sich die Frage stellt, ob viele von ihnen noch normal… aber lassen wir das), also weil kein normaler Mensch sagen würde „Ich empfinde ein angemessenes Gefühl der Selbstzufriedenheit und Freude über meine erbrachte Leistung“, sagt er eben: „Ich bin stolz darauf!“ Und er begibt sich damit in einen verbalen Bereich, der großenteils negativ besetzt ist, und das zu Recht.
Ich erlebe es bei der Kindererziehung: die Grenze ist nicht leicht zu kriegen. Wie erklärt man einem Kind, dass es stolz auf sich sein soll, aber sich vor Stolz hüten muss? Selbst dieser Unterschied zwischen Adjektiv und Substantiv trifft es nicht richtig. Zudem wäre es fragwürdig, wenn grammatikalische Kenntnisse die Voraussetzung zum Vermeiden einer Sünde wären.
(Persönliche Anmerkung: es gibt allerdings Folgen grammatikalischer Unkenntnis, die ich durchaus als Sünde empfinde, aber das nur am Rande.)

Stolz ist ungleich Stolz. Da fehlt uns ein Wort.
Oder fehlt es nur mir? Wer kann helfen?

Kommentare:

  1. Efoi: Das trifft's voll, da hilft auch der Katechismus nicht weiter ...

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  2. Stimmt genau.
    Wobei ich mit fortschreitender Vergreisung immer mehr dahin komme, für "berechtigten Stolz" einfach "Dankbarkeit" einzusetzen. Aber das ist wieder was anderes.

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  3. Heike/Polly: Ich kann es nur für mich erklären:
    Mein Stolz darf sich nicht über andere Menschen erheben. Nicht einmal als klammheimliches Gefühl. Aber mein Stolz darf verhindern, dass andere Menschen sich über mich erheben suchen.
    Ich darf stolz sein, wenn ich meine Talente gut nutze, also sozusagen mit ihnen gut wirtschafte. Ich darf nicht stolz auf meine Talente selbst sein, denn nicht ich war es, der sie mir gegeben hat.

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  4. Lass den Jungen einfach stolz sein! der weiss bestimmt den Unterschied...

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  5. Friedlon7:57 vorm.

    Beim ersten Absatz dachte ich noch, es ginge um den Stadtdekan einer deutschen Finanzmetropole, aber ...

    Die Schwierigkeit mit der Unterscheidung rührt vielleicht daher, dass Stolz beide Bedeutungen haben kann, wie Adelung (http://lexika.digitale-sammlungen.de/adelung/lemma/bsb00009134_2_3_3059) erläutert:

    "In weiterer Bedeutung ist "stolz" = "seiner Vorzüge bewußt", und dieses Bewußtseyn durch sein Äußeres verrathend, wo es so wohl in gutem als nachtheiligem Verstande gebraucht wird.
    (1) Im guten oder wenigstens gleichgültigen Verstande: sich wahrer Vorzüge bewußt und diesem Bewußtseyn gemäß handelnd.
    (2) Im nachtheiligen Verstande ist man stolz, entweder, wenn die Vorzüge, deren man sich bewußt zu seyn scheinet, nicht wirklich vorhanden sind, oder wenn man durch seine Handlungen ein höheres Gefühl seiner Vorzüge verräth, als sie verdienen, ingleichen in dieser Denkungsart gegründet; im Gegensatze des bescheiden."

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  6. Das eine ist Stolz, das andere ist Selbstüberhebung.

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