Sonntag, März 11, 2012

Wen betrachte ich beim Beten des Kreuzwegs?

[Von Bastian]

Freitag kam ich in unserer Gemeinde zur Abendmesse zu früh und bekam noch die letzten Stationen des Kreuzwegs mit.

Die Meditation lief immer nach demselben Schema ab: erst wurde das Leiden Christi beschrieben, dann wurden Beispiele für Dinge in meinem Leben aufgezeigt, die mit ähnlichen Worten beschreibbar wären, meist in Frageform. Sätze wie: „Bin ich nicht auch manchmal wie festgenagelt an den Urteilen über mich? Bin ich bereit, dem zu helfen, der unter der Last seines Lebens zusammenbricht, und ihm die Last abzunehmen?“. Dass folgt ein Gebet, quasi als Antwort „Herr, lass uns…“.

Am Ende der Kreuzwegsbetrachtungen stehe dabei ich selbst, es endet als Sebstbetrachtung. Ich kann damit nichts anfangen. Zum einen kommt es mir immer künstlich und moralistisch vor. Zum anderen kann ich nicht mich betrachten, wenn es um das Kreuz Christi geht – im Gegenteil. Die Wendung zu mir selbst ist für mich wie Nebel, der das Wesentliche unsichtbar macht: die Gemeinde spricht sich so in der Betrachtung selbst Verständnis und Vertrauen zu, doch sie verpasst den verzeihenden Blick vom Kreuz, den man sich selbst nicht schenken kann. Der Blick aufs Kreuz ist ein Blick auf meine Erlösung. Warum sollte ich ihn durch einen Blick auf mich und meine Probleme ersetzen? Weil ich dem Blick aufs Kreuz nicht standhalte? Es ist ein schwerer Blick, denn nirgendwo sonst ist Sündenerkenntnis stärker und klarer als vor dem Kreuz. Aber wenn ich schon einen Gott habe, der sich für mich töten lässt – wie sollte ich da versuchen, auch nur das kleinste Stück von mir zurückzuhalten? Das innere Ringen vor dem Kreuz kann nicht im Abwenden des Blickes bestehen – es kann nur der Kampf darum sein, immer offener zu werden.

Ich wünsche mir eine Kreuzwegsandacht ohne Moral, ohne mich selbst, die Christus betrachtet, den Blick bei ihm ruhen lässt, leise danke sagt und endet.

Kommentare:

  1. Genau so! Das eine ist Psychologismus - das andere Glaube.

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  2. So hart würde ich das nicht sagen. Da ist oft sehr viel Glaube. Ein Glaube, der mir sogar sehr imponiert, weil er mit so wenig auskommt. Denn die Menschen, die dort treu zur Kreuzwegsandacht kommen, tun das nicht aus irgendeiner Ideologie. Aber mir fehlt trotzdem viel dabei...

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