Montag, Juli 16, 2012

Die Umkehr, u.a. mathematisch betrachtet.

[Von Bastian]
„Kehret um und glaubt!“ fordert der Herr uns auf.
Noch einmal ganz langsam: erst umkehren, dann glauben? Scheint so. Beginnen wir also mit der Umkehr.

Wenn der Navi sagt: „Kehren Sie wenn möglich um!“ meint er (oder besser sie – bei mir redet da eine Frau, kurz „Tante“ genannt) damit, ich solle die Fahrtrichtung um 180° ändern und somit dorthin fahren, wo ich herkomme. Das klingt in diesem Zusammenhang schön symbolisch: zurück zum Ursprung, der Gott ist.
Doch Umkehr ist mehr als symbolisch gemeint: es ist ein praktischer Vorgang. Tatsächlich bedeutet er für die meisten: mache das Gegenteil dessen, was Du gerade tust, oder mache es zumindest gründlich anders. Das ist unangenehm, denn ich tue die Dinge so, wie ich sie tue, weil es für mich passt und ich es so will. Die Botschaft der Umkehr wird so zu: Tue, was du eigentlich nicht willst, was dir nicht liegt, denn was du machst, ist falsch.

Es gibt ein paar übliche Weisen, damit umzugehen.
Eine ist, die Aufforderung schlicht abzulehnen und als unmenschlich zu bekämpfen. Eine populärere Weise.
Eine andere ist, Christus auf das Christliche einzudampfen, dem man dann den Status einer Lebensweisheit zugesteht. Aus der Umkehr des ganzen Menschen wird dann ein leichtes Drehen des Kopfes: man schaut auch mal links und rechts und nicht nur auf sich und ist stolz darauf. Eine beliebte Methode, ungefährlich für die eigene Lebensführung.
Es gibt auch die Möglichkeit, Umkehr zum Lebensprinzip zu erheben. Man kehrt nicht zu etwas um, sondern dreht sich quasi aus einem Geist der Umkehr heraus ständig um sich selbst. Nie zufrieden mit dem eigenen Glauben wird man so auf christliche Weise selbst zum persönlichen Lebensmittelpunkt. Eine Methode für Grübler.
Die Deutsche Bischofskonferenz hat letzthin eine weitere Methode hinzugefügt: die zweifache Umkehr. Erst die Umkehr in Sachen Weltbild, dann die Umkehr in Sachen Arbeitsplätze. 2x180° ergibt 360° - also weiter wie bisher, verkauft als Umkehr. Eine ausbaufähige Methode.

Gott jedoch hat keine dieser Methoden gemeint. Er käme nie auf die Idee, zu fordern, man solle tun, was man nicht will. Umkehr und Glaube sind keine Abfolge, sondern Gleichzeitigkeit. Man kehrt um, indem man glaubt, und sich so die Maßstäbe des Lebens verändern. Der Glaube ist der Umkehr dabei sogar eine Nasenlänge voraus: schon die Idee, sich auf diesen Veränderungsprozess einzulassen, ist der erste Teil des Glaubens.
Glaube und Umkehr sind eins: im Glauben erkenne ich die wirkliche Wahrheit als Handlungsgrundlage, und indem ich mich darauf einlasse und mein Leben sich ändert, wächst mein Glaube. Die wachsende Erkenntnis führt dann zu weiterer Umkehr. Und in diesem faszinierenden ersten Anblick Gottes ist ein Leben der Umkehr genau das, was ich will.

Die Umkehr wird im Glauben sichtbar, nicht in einem unbequemen Leben.

Kommentare:

  1. Bastian, Deine Texte sind einfach nur wohltuend und sie sprechen mir direkt aus der Seele. Es drückt genau das aus, als ich letztens darüber nachgedacht habe, was sich in den 7 Jahren nach meiner Heimkehr eigentlich für mich geändert hat... Und Dein Text trifft es auf den Punkt.
    Danke!

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  2. Aus dem Artikel von D. Hattrup in der Zeitschrift "Theologie und Glaube" (ThGl 94 [2004]) mit dem Titel 'Karl Rahner zum Hundertsten'

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    Nun plötzlich sah ich, daß überall diese Autonomie bei ihm herrschte, nicht nur in der Schöpfungslehre. War nicht die Anthropologie, die Gnadenlehre, die Spiritualität autonom aufgebaut? Von Gottes Handeln war eigentlich immer weniger die Rede, deshalb auch immer weniger von der Bekehrung des Menschen. Das heißt, es war schon die Rede davon, denn Offenbarung heißt bei Rahner die Selbstmitteilung Gottes. Aber sie war ausgegossen über die ganze Geschichte, daß die spezielle Offenbarung, die kategoriale, wie es hieß, nichts besonders Heilbringendes mehr an sich hatte. Jetzt verstand ich: Der anonyme Christ war die logische Folge. Jeder Mensch durfte bleiben wie er ist, da ihm die besonderer Offenbarung in Christus nichts Besonderes mehr zu bieten hatte.
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    Vielleicht ist die Welt heute etwas Verrahnert!?

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    1. Interessanter Kommentar!
      Wenn das wirklich Rahner ist, dann ist die Welt verrahnert. Und nicht nur etwas!

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    2. Ich sehe gerade, daß der ganze Text im Internet zugänglich ist.
      www.theol-fakultaet-pb.de/thgl/thgl2004/4_05hattrup-hundert.pdf

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