Mittwoch, Januar 29, 2014

Ganz verstehen tu ich’s nicht.

[Von Bastian]
Also ich war dabei, als Kardinal Meisner die Familien des Neokatechumenalen Weges für ihren Kinderreichtum mit den Worten lobte: „Eine Eurer Familien ersetzt mir drei muslimische Familien!“. Jetzt sind viele Leute böse. Aber warum?

Wenn der Kardinal Kinderreichtum für lobenswert hält, hat er damit beide gelobt, weil sie viele Kinder haben, denn die Muslime wurden als Beispiel für Kinderreichtum herangezogen. Würde der Kardinal jedoch Kinderreichtum ablehnen, hätte er das so nicht gesagt, denn dann wäre es der totale Verriss derer gewesen, die er loben wollte.
Es wurde also erst einmal etwas grundsätzlich nett Gemeintes ausgesagt. Wo ist jetzt die Beleidigung?

Die Empörungen gehen hoch, aber sie sagen wenig, worüber sie eigentlich empört sind. „Das hätten wir mal sagen sollen“ ist da wenig ergiebig. Hätte ein Muslimischer Sprecher tatsächlich genau das gesagt, wäre es reichlich komisch gewesen. Hätte er aber gesagt, eine muslimische Familie ersetze ihm drei christliche – kein Hahn hätte danach gekräht. Warum auch.
Einige haben es wohl gemerkt, dass da eigentlich wenig Ergiebiges drin steckt. Ministerin Löhrmann zog daraufhin an den Haaren eine „abgestufte Wertigkeit von Familien und damit von Kindern je nach Herkunft oder Religionszugehörigkeit“ herbei, die verfassungswidrig sei. Peinlichkeit und Dummheit sind allerdings auch nicht verfassungswidrig. (Gott sei Dank kann ich als Wähler ab und an eine abgestufte Bewertung von Politikern auch nach der parteilichen Herkunft vornehmen.)

Was also ist daran provokativ? Warum bin ich bei der Aussage zusammengezuckt und habe mir gedacht: jetzt gibt es wieder Ärger? Die Stimmung war hervorragend. Fröhlich und offen. Es war jedem klar, dass da keinerlei Hintergedanken drin waren. Doch die Aussage hat eines getan, was heute gar nicht geht, was so unkorrekt ist wie nur möglich: sie hat eine Gruppe als Beispiel für irgendetwas herangezogen. Sie hat aus den Muslimen ein Klischee gemacht.
Bei so etwas fragt niemand, wofür - alleine dass es so war, legt es fest: das war übel. Zu behaupten, allein ein solcher Vergleich beweise eine krude Geisteshaltung und schreie nach Entschuldigung, zeugt allerdings irgendwie von geringer Kritikfähigkeit. Das ist, als beurteile man den Inhalt eines Pakets nach dem Packpapier und wisse ohne hineinzuschauen schon allein deshalb, dass das Innere schlecht sei.
Zudem sind bestimmte Aussagen überhaupt nur klischeehaft möglich. Jedes statistische Ergebnis beispielsweise ist so, weil es den Einzelfall nicht berücksichtigt. Eine entsprechende Statistik würde aber auch aussagen, dass muslimische Familien im Schnitt mehr Kinder haben, als deutsche, und dass Familien im Neokatechumenat im Schnitt noch mehr Kinder haben. Ein vergleichendes Zitieren von Statistiken hätte nur leider nicht zur Stimmung gepasst.

Es ist auch kein Geheimnis, dass auch „die Deutschen“ für allerlei herhalten müssen. Für Kinderarmut beispielsweise, und das mit Recht. Dem kann auch ich als vierfacher Vater zustimmen, ohne mich klischeehaft angepisst zu fühlen. Erstens identifiziere ich mich nicht in allen Einzelheiten mit „denen“, auch wenn ich zu ihnen gehöre, und zweitens ist oft was an solchen Aussagen dran. Muss man das alles so bierernst nehmen? Kann man nicht einmal halblang machen?

Was mir hier fehlt, ist ein Mindestmaß an Souveränität und, wenn die mal überstrapaziert werden sollte, an Humor. Den fordern viele derer, die sich jetzt empören, doch auch von uns, wenn in Comedy und Satire, größtenteils weit unter Herrn Meisners Niveau, über „die Katholiken“ abgelästert wird.
Es drängt sich der Verdacht auf, hier habe einfach der falsche Mann gesprochen, und seine Gegner haben einen Ansatz für ihre Hebel gefunden. Dass sie einen solch mickrigen Ansatzpunkt wählen mussten, zeigt eigentlich mehr, dass sie keinen besseren gefunden haben.

Kommentare:

  1. Ich finde den Satz blöd, weil keine Familie und kein Individuum andere Familien und Individuen "ersetzt", weil er sehr ungeschickt formuliert ist, weil er tatsächlich - wenn aus dem Zusammenhang gerissen - ziemlich herablassend klingt.
    Nur: Das ist alles kein Aufreger für mich. Ich ärgere mich ein bißchen, weil ein gescheiter Mensch einen dummen Satz sagt (finde ich), und weil ich das immer schade und ärgerlich finde.
    Aber das ganze Pressebohei sagt nur eines: da wollen es Leute, die nicht so genau wissen, was Katholiken eigentlich sind, es den Katholiken (die ja total böse sind) mal wieder so richtig zeigen.
    Nichts Neues unter der Sonne.

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  2. Zustimmung. "Ersetzen" ist ein schwieriges Wort, wenn es auf Menschen angewendet wird. Nur, dass die Stimmung locker war. Da war einfach kein Falsch drin.

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  3. Böse in den Augen der skandalisierenden Medien und Politiker ist hier nur, dass der Neokatechumenale Weg angeblich "konservativ" ist. Also wie Opus Dei. Oder so. Beim Signalwort "konservativ" (oder noch schlimmer: "rechts") setzt bei vielen Menschen das Denken aus.

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  4. Wann und in welchem Kontext hat der Kardinal das eigentlich gesagt, Bastian? Die freundlichen Medien verschweigen uns das ja ...

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    1. Gegen Ende der Veranstaltung hat der Kardinal den Kinderreichtum der Neokats hervorgehoben, den er toll fand. Auch bei Muslims findet er gut, dass sie oft mehr Kinder haben, als die meisten Deutschen. In diesem Zusammenhang gab es die Aussage, in lockerer Stimmung.

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  5. Aussage hin - Aussage her — Bedauern hin - Bedauern her… Das ist die eine Seite, die ich nun gar nicht so wichtig fand.

    Etwas anderes empfand ich viel interessanter. In der Meldung in den TV-Nachrichten (ich glaube es war die Tagesschau) wurde gesagt, daß Meisner die Aussage vor einer konservativen Gruppe oder Gruppierung gesagt habe.

    Ich dachte, er hätte das vor Familien des Neokatechumenalen Weges gesagt…

    *flöt*

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  6. Ich habe es nur ohne Zusammenhang in den Nachrichten gesehen und da klang es sehr, sehr unangemessen. Über den Zusammenhang kann ich nichts sagen, aber was das "Ersetzen" angeht, teile ich die Meinung von Kalliopevorleserin. Wenn es anders gemeint war - umso besser, aber ärgerlich ist es trotzdem, denn dann wird wieder auf "die Kirche" geschimpft - was mich bei solchen Äußerungen aber auch echt nicht wundert...
    Problematisch finde ich auch folgenden Satz:
    "Eine entsprechende Statistik würde aber auch aussagen, dass muslimische Familien im Schnitt mehr Kinder haben, als deutsche". Staatsangehörigkeit und Religionszugehörigkeit sind zwei paar Schuhe, und es gibt bestimmt nicht wenige, die muslimisch und deutsch sind. Das ist so ähnlich, wie wenn man die Siedlungspolitik Israels kritisierte und dann als Antisemit bezeichnet wird. Diese 2 Ebenen sollte man trennen, finde ich jedenfalls.

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  7. Das mit den deutschen Muslimen stimmt.
    Es müsste also wohl präziser heißen: In Deutschland lebende Familien muslimischen Glaubens im Vergleich zu hier lebenden Familien anderen Bekenntnisses.
    Aber im Ernst: ist das wirklich ein Problem? Reicht es heute nicht mehr, so zu reden, dass man verstanden wird? Muss man so reden, dass man nicht missverstanden werden kann?

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  8. Hallo :-)

    Ich war bei der Tagung selbst nicht dabei und habe den Vorfall dementsprechend nur über die Medien mitbekommen. Wenn man den Satz für sich betrachtet - außerhalb seines Kontextes -, also genauso wie es in der Berichterstattung geschehen ist, dann klingt er einfach nur grausam! Es wird ganz klar impliziert, dass es Menschen erster und zweiter Klasse gibt - damit verbunden ist dann natürlich ein latenter Rassismus. Angesichts der paulinischen Botschaft, angesichts von Nostra aetate und vielen anderen Aspekten und Beispielen kriege ich als gläubiger Katholik und Theologiestudent dann tatsächlich ganz schreckliche Kopfschmerzen! Wie gesagt, alles aus der Perspektive heraus, dass ich den genauen Kontext nicht kenne (da bin ich aber bei weitem nicht der Einzige).
    Ich will jetzt hier in einem Kommentar nicht näher darauf eingehen; ich habe zu dem Thema einen eigenen Artikel in meinem Blog verfasst: http://www.durchgedacht.net/2014/01/eminenz-das-ging-zu-weit.html

    Am Ende noch ein Gedanke: Es ist ja allseits bekannt, dass die Katholische Kirche in Deutschland nicht den besten Ruf hat und vieles negativ gegen sie verwendet wird. Da stellt sich mir zwangsläufig die Frage: 1.: Warum wird ein Video mit solchem Sprengpotential vom Domradio überhaupt ins Internet gestellt? Und 2.: Wenn der Kontext bzw. die Intention des Satzes eine ganz andere als in der Berichterstattung beschriebene ist, warum gibt es dann von Seiten des Erzbistums Köln keine Richtigstellung?

    Viele Grüße
    Matija

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