Montag, Dezember 03, 2012

Einspruch, Euer Ehren!

[Von Bastian]

Darf man Kinder belügen? Nein, meint Jan-Uwe Rogge in einem „Expertentipp“. Man darf es nicht – man muss es. (LINK)

„Süddeutsche.de: Herr Rogge, dürfen Eltern ihre Kinder über Weihnachtsmann, Christkind und Engelsscharen anschwindeln?
Jan-Uwe Rogge: Kinder zwischen drei und neun Jahren sind in einer magisch-realen Phase. Zum einen sehen sie sehr realistisch, dieser Baum ist ein Baum. Zugleich können sie sich vorstellen, mit dem Baum zu reden oder seine Blätter flüstern ihnen etwas zu. Auch an den Weihnachtsmann und an das Christkind glauben die Kinder nicht nur einfach so, sie wollen daran glauben. Also lügen Eltern ihre Kinder nicht an, sondern bereichern vielmehr ihre Traumwelt. Der Glaube an das Christkind hört mit dem Ende dieser magischen Phase von allein auf.“

 „Trotzdem wollen manche Eltern ihren Kindern die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen, auch über den Weihnachtsmann. Was bedeutet das für die Kinder?
Das sind Eltern, die sich pädagogisch besonders wertvoll verhalten wollen. Leider bestrafen sie ihre Kinder eher damit - und werden scheitern, denn die Kleinen denken sich dann selbst ihre Märchen aus.“

Mit der magisch-realen Phase wird vieles begründet. Meistens Dinge, die das Erziehen vermeintlich einfacher machen, oder für die Kinder schöner. Dahinter steckt ein massives Missverständnis: die Alternative „Magisch-reales Bewusstsein“ gegen „bestrafende Ehrlichkeit“ existiert nicht.

Diese Phase ist auf dem Weg zu einer erwachsenen Weltsicht ein wichtiger Schritt – sie ist aber kein Selbstzweck. In dieser Phase setzt sich das Kind mit der Welt auseinander, wie es sie erlebt. Das eigene Erleben wird beobachtet und in eigene, magisch anmutende Regeln und Geschichten gefasst. Es ist eine Annäherung an die Realität, keine romantische Spinnerei. Diese Phase dient nicht dazu, von Erwachsenen mit Kitschvorstellungen gefüttert zu werden, sondern dazu, sich mit den Tatsachen des Lebens auseinanderzusetzen. Kinder in der magischen Phase mit Magie zu füttern (oder dem Murks, den eine vermeintlich aufgeklärte Denkweise davon übrig lässt) ist etwa so sinnvoll, wie Kinder, die nicht sicher laufen können, in einer Gummizelle zu halten, damit sie sich beim Fallen nicht stoßen. "Die Kinder denken sich selbst ihre Märchen aus." Ja, Kinder denken auch in dieser Lebensphase selbstständig. Die Ergebnisse als Märchen zu betrachten zeugt dabei nur von der eigenen Phantasielosigkeit.

Weihnachten verliert nicht durch die Wahrheit – es gewinnt. Auch in der magisch- realen Phase. Denn was ist für ein Kind verzaubernder als die Weihnachtsgeschichte, wie sie in der Bibel steht? Mit dem Stall, den Hirten, den Engeln? Und die Geschenke: nichts vermittelt eine unmittelbarere Teilnahme am erlebten „magischen“ Lebensprinzip, als selbst den Eltern eine Überraschung zu bereiten! Da ist man selbst Teil des Geheimnisvollen. Viele Eltern werden es bestätigen: gerade für kleine Kinder ist der Moment, in dem Mama und Papa ihre Geschenke auspacken, der spannendste des ganzen Weihnachtsfestes. Wer das erlebt hat, käme nie auf die Idee, dem Kind diese Chance zu nehmen, indem anonyme Engelchen die Geschenke bringen, die halt auch was für die Eltern haben. Und wer die Freude und das Bedürfnis Gesunder Kinder, für ein schönes Geschenk zu danken, erlebt hat, wird nie auf die Idee kommen, die Geschenke von jemandem bringen zu lassen, dem man nicht danken kann.
Das Christkind und der Weihnachtsmann unterschätzen Kinder gnadenlos, indem sie deren Weltbild mit Weltfremdheit gleichsetzen, mit Unmündigkeit. Was das Kind als Liebeserklärung erleben könnte, wird zum Märchen degradiert. Was es selbst an Liebe schenken könnte, wird nicht anerkannt. Dabei befähigt gerade ihre Denkweise die Kinder, Zusammenhänge zu erkennen, die Erwachsene oft so einfach gar nicht formuliert bekommen. „Wie bitte? Jesus hat Geburtstag und wir kriegen die Geschenke?“ Dieser Gedanke stammt von einer 5-jährigen aus einem katholischen Kindergarten. Sie hat das Weihnachtsfest erkannt und ihr Staunen darin entdeckt – ohne jeden schmalzigen Zusatz. Ihr altersgemäßes Denken hat das Fest bereichert und sie wird diese Erkenntnis wohl kaum wieder vergessen. Auch nicht, wenn diese Lebensphase zu Ende geht.

Ein armes Kind, das seine „magischen“ Vorstellungen hinter sich lässt, weil es sie als Täuschung erkennen musste, und nicht als bereichernden Schatz des Staunens über die Welt im Leben mit sich trägt.



1 Kommentar:

  1. Ich finde es traurig und peinlich, wenn das Liebenswürdigste, was in einer Familie geschehen kann, zum Märchen erklärt wird. Und ich bin froh, daß ich zu Hause diesen Weihnachtsmann-und-Christkind-Kram nie gelernt habe. Mir wurde die Bedeutung von Weihnachten so klar gemacht, wie respektvolle Agnostiker es können, es wurde als wunderschöne Tradition gesehen - und Geschenke gabs, weil man einander liebt. Nicht weil bärtige Männer mit roten Kapuzen sie bringen.

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