Freitag, März 20, 2015

Katharina 2.0?

Der offene Brief „Eminenz Marx, I have a dream“ (LINK) spricht mir in vielem aus der Seele. Auch ich halte den Ausspruch von Kardinal Marx für sehr missverständlich (mindestens!) und zu Interpretationen in jeder Richtung geradezu einladend. Er macht mir Bauchweh. Auch ich denke, dass der Kirche in Deutschland oft mehr Klarheit über das, was sie denn glaubt, gut täte. Derzeit sehe ich da oft eher die Tendenz, vor lauter Lust auf Niedrigschwelligkeit, Dialog und Augenhöhe die Bordwand des Schiffes Kirche bis mindestens auf Höhe des Wasserspiegels einzureißen. So dass die zu Rettenden leicht hinein können, am besten ohne das Wasser überhaupt verlassen zu müssen (LINK, LINK). Dass so das Boot kaum noch einem Sturm standhalten kann, wird offenbar leicht vergessen. Hier stimme ich zu. Aber dennoch kann ich mich mit diesem Brief nicht anfreunden.

Ich könnte eine Antwort darauf mit den Worten beginnen: Liebe, sehr geehrte Frau Bonelli, Sie als Studentin der Kommunikationswissenschaften schreiben so weiblich intuitiv, überlegt und tief, dass ich armer Architekt eigentlich nur mehr… schweigen kann. Nun, ein Blick auf die Länge dieses Beitrags zeigt, dass ich genau das nicht vorhabe, genauso wenig wie die Autorin des oben verlinkten offenen Briefes es vorhatte. Ein solcher Anfang dient dazu, das Folgende als klein und etwas demütig hilflos hinzustellen. Nur: genau das ist es nicht.
Die Autorin schreibt zwar, sie könne die Aussage „… auf der theologischen und intellektuellen Ebene natürlich nicht abschließend beurteilen. Dazu bin ich weder befugt noch befähigt.“. Sie schreibt, sie könne eigentlich nur schweigen, und stellt ihre eigenen Ideen als Traum hin (um damit im Nebensatz Martin Luther King für sich in Anspruch zu nehmen). Doch sie schreibt als Schluss: „Als Kommunikationswissenschaftlerin garantiere ich Ihnen damit neben der notwendigen Richtigstellung die volle mediale Aufmerksamkeit, viele nachdenkliche Gesichter und vielleicht auch die eine oder andere Bekehrung“.
Darin sind drei klare Aussagen enthalten: einmal „Ich weiß es sachlich besser und Sie täten gut daran, Ihre Aussage richtig zu stellen“, dann „Ich verstehe von Kommunikation mehr als Sie“ und zudem „Ihre Theologie reißt niemanden vom Hocker, aber meine könnte Menschen bekehren“. Das zu denken und zu sagen ist jedermanns gutes Recht. Aber dann soll man es bitte auch aussprechen. Was mich massiv stört, ist der Stil, zu versuchen, die Ohrfeige als untertänige Streicheleinheit zu verkaufen. Wie eine Freundin schrieb: „Beleidigungen schreibe ich nicht zwischen „Eminenz“ und „Ihre ergebenste“.

Die Schreiberin unterscheidet sehr zwischen männlicher und weiblicher Denkweise. „Mut gemacht hat mir neben meinem wachsenden Wissen als Kommunikationswissenschaftlerin auch das Bewusstsein meiner Weiblichkeit: ich glaube, Männer können gut (zu-) ordnen und systematisieren, aber Frauen erspüren mehr“ und „Sie haben diesen markigen Satz recht männlich-selbstbewusst ausgesprochen, der sich entsprechend medial verbreitet hat".
Abgesehen davon, dass Kardinal Marx diesen Satz („Wir sind keine Filiale von Rom“) wohl auch mit größter Anstrengung nur ziemlich unvollkommen weiblich-intuitiv hätte aussprechen können, steht der Brief dazu in krassem Widerspruch. Die Schreiberin hat zwar, ganz weiblich, dabei „als Frau trotzdem ein ungutes Gefühl“, doch was folgt, ist eine knallharte kommunikationswissenschaftliche Analyse, Systematisierung und Zuordnung des Steins des Anstoßes. Bis hin zur Gefahr durch Diktatoren und das, wie ich finde, ohne allzu viel Feingefühl. Sachlich teils interessant, doch mehr als deutlich haut sie dem Kardinal eine Zusammenstellung von Kirchenvätern, Synodenvorbereitungen, Aussagen, Psychologie und Wissenschaft um die Ohren, dass es eine Freude ist, wenn man an so etwas Freude hat. Es kann nur ein Ergebnis dabei heraus kommen. Wieder wird ein Anspruch auf Einfachheit und Schlichtheit erhoben, der in keiner Weise umgesetzt wird.

Am Schluss des langen Briefes endlich steht das, was die Schreiberin für die Lösung hält: ihr „dream“, eine Rede des Kardinals, die sie sich wünscht. Die Deutschsprachige Kirche sei „dekadent, lau und feige geworden“. „Die Theologen brauen ungehorsam ihr eigenes selbstgefälliges Süppchen“. „Bischöfe fürchten mehr die Medien als Gott“. „den Laien geht es mehr um eitle Ämter und angesehene Positionen und als um den Dienst und das Gebet“. Eine schlimme Verallgemeinerung, wie ich finde. Damit bin ich gemeint. Damit ist jeder Katholik hier gemeint. Damit sind alle gemeint, die in diesem Land mit seinen Verführungen und Versuchungen leben und darin um ihren Glauben ringen. Damit sind alle gemeint, die den Wunsch Roms (ohne dass es laut Schreiberin nicht geht!) nach Evangelisierung ernst nehmen und versuchen, auf die Menschen zu zugehen. Die unter Seelsorge und Mission mehr verstehen, als dem geknickten Halm klar zu machen, er sei eine ungläubige Flasche, die gerade im Zeitgeist versinkt.

Zum Schluss versuche ich es jetzt selbst einmal „weiblich“, wie die Autorin es offenbar versteht, und schreibe einfach meine intuitiven Gefühle dazu auf.
Auch wenn er sicher nicht so gemeint ist: der „dream“ ist für mich eine Unverschämtheit, die ihresgleichen sucht. (Entschuldigung für die harten Worte.) Diese Art der vorgegebenen Schlichtheit und Rechtgläubigkeit, hinter der sich ein gewaltiges Recht-Haben zu verbergen sucht, empfinde ich wie eine Klammer, die sich um das Herz legt. Wie eine Wand, die ich angeblich überwinden muss, um glauben zu können. Rechtgläubigkeit erscheint mir hier so moralinsauer, dass sie beinahe ungenießbar wird. Und sie erhebt einen Anspruch, der ihr nicht zusteht: Christus rettet, nicht dir Richtigkeit. Für mich kommt erst die Freundschaft mit Gott, dann deren Ausgestaltung. Theologie in allen Ehren, so sehr sie mich interessiert und so wichtig sie ist.

Kommentare:

  1. Finde ich mutig, sich so gegen den Strom zu positionieren, Glückwunsch.

    M.E. muss man diese Dinge distanzierter sehen und sich von dieser Art Medienpropaganda nicht zu sehr in den Bann schlagen lassen.

    Schau, du selbst schreibst ja auch manchmal kontroverse oder einseitige Beiträge, veröffentlichst (ärgerlicherweise) sogar Artikel auf kath.net usw. Aber man merkt dir an, dass du kein Bot bist, kein Propagandainstrument im Dienst eines bestimmten Lagers (selbst wenn du zu einem gehören solltest), sondern ein Mensch, der dahinter steht, was er sagt, und sich halt auch mal verrennt oder ungeschickt ausdrückt oder eben Sternstunden hat. Man spürt, dass *Du* es bist, der hinter den Texten steckt, der um seine Position ringt, der Dinge be- oder verurteilt, kritisiert, lobt oder auch veralbert. Das alles wirkt authentisch und nötigt einem Respekt ab, auch wenn man die Meinung vllt. gar nicht teilt. Und man kann sich als Leser ein einigermaßen überzeugendes Bild von der Person machen, die hinter den Texten vorscheint.

    Bei solchen Figuren wie Bonelli und seiner neunmalklugen Frau ist das anders. Das sind durchkonzipierte, professionell aufgebaute mediale Masken, Identifikationsfiguren, die trendgerecht und auf Wirkung bedacht ein bestimmtes Publikum ansprechen und bestimmte Entscheidungsträger unter Druck setzen sollen. Da ist nichts echt, das ist spürbar manipuliert und soll manipulieren.

    Victoria ist vielleicht privat eine super nette und gar nicht so oberflächliche junge Frau (es gibt ja ein paar frühe Videos von ihr als Teenager, wo sie etwas natürlicher rüberkommt, allerdings auch damals schon jedes Wort und jede Geste in den Dienst ihres Mediums stellt), In echt kommt sie womöglich gar nicht so arrogant und besserwisserisch oder pseudonaiv daher, wie ihre Artikel wirken. Über diese in deinen und meinen Augen vllt. eher unangenehmen Eigenschaften muss man sich nicht aufregen, die sind sowieso nicht echt, sondern eine aufgesetzte Masche, die sie nur spielt, weil es eine Klientel gibt, der sowas gefällt und dem sie aus der Seele sprechen soll.

    Über sie selbst erfährt man aus ihren Briefen ja nichts, es ist nur ein gemachtes Image, das da redet, ein Kunstbild, das sich verkaufen soll, reine Makulatur.
    Wenn man Victoria Bonelli kritisieren will, sollte man nicht so sehr auf dieses Image anspringen (das vielen sympathisch ist, das ist so gewollt; dass es andere eher abstößt, ist einkalkuliert). Das ist nicht sie selbst, sondern ein genau auf diese Wirkung hin bedachtes und berechnetes Bild. Kritisieren sollte man eher die betreffenden Medienmacher, die solche Figuren produzieren, um ihre kirchenpolitischen Ziele zu verfolgen (und gleichzeitig die Medien kritisieren, wo sie diese Techniken ja herhaben).

    AntwortenLöschen
  2. Das ist ja ein großes Kompliment, für das ich mich sehr bedanke! Es entspricht dem, was ich wünsche: Authentizität. Gott mag Augen und Ohren der Leser verschließen, wenn ich Unsinn schreibe. Gewollt ist es nicht.
    Nur eines: ich finde es durchaus nicht ärgerlich, auf Kath.net zu schreiben. Im Gegenteil. Für diese Seite gilt für mich das, Was Du oben geschrieben hast. Ich muss nicht allem zustimmen, aber ich unterstütze diese Website. Sie erfüllt eine wichtige Funktion, oder sogar mehrere. Es kommen Menschen zu Wort, die sonst nicht gehört würden. Dass sich dort auch schräge Typen tummeln, ist kein Nachteil, sondern ein Vorteil. Im Glauben sammeln sich die schrägen Typen, und sollte ich nicht als einer davon gelten, dann höchstens deshalb, weil ich etwas mehr Mainstream bin. Wir sind eine Kirche der Sünder, und das darf man auch ruhig hören und lesen. Ich bin dankbar für jede Stimme im Chor, die sich aus Liebe zu Gott und zum Glauben erhebt und deren Sprecher/Schreiber beten. Das trifft auf Kath.net zu.
    Sie füllen ihre Position aus, Ignorieren oder am besten zum Schweigen zu bringen war noch nie ein guter Weg für Christen.

    AntwortenLöschen
  3. "Für mich kommt erst die Freundschaft mit Gott, dann deren Ausgestaltung."

    Das sagt mein Nachbar auch, mit dem Hinweis, dass er keine Sonntagsmesse oder Kirche braucht um ein Freund Gottes zu sein. Mit dem Wissen, dass meine Frau und ich jeden Sonntag den einsamen Gang zum Gotteshaus antreten. Nun könnte ich hingehen und an der Ausgestaltung seiner Freundschaft zu Gott Kritik anbringen. (was nützt mir ein Freund, zu dem ich nicht hingehe?) Gehe jede Wette ein, dass ich dann zumindest ein Neunmalkluger in den Augen meines Nachbarn bin.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Was soll es bringen, jemandem, dem die Beziehung zur Kirche fehlt, das anzukreiden? Wozu? Wenn ich gern zur Messe gehe, ergibt die Treue zum Kirchgang Sinn. Wenn nicht, ist dort der Hebel anzusetzen. Oder sollen wir die Kirche als eine Liste von Pflichten verkaufen?

      Löschen
  4. Mein Nachbar, von dem ich oben sprach, hat ja eine Beziehung zur Kirche. Er bezeichnet Gott als Freund und ist als Katholik getauft. Nur mit den regelmäßigen Besuchen bei seinem Freund hat er es nicht so. Soviel ich weiß ist es die Pflicht eines gläubigen Katholiks die Sonntagsmesse zu besuchen, wenn ihn nicht Krankheit oder andere körperliche Gebrechen daran hindern. Das sollen wir auch so "verkaufen"! Dann allerdings sind wir schnell im Neunmalklugmodus. Mehr wollte ich nicht sagen.

    AntwortenLöschen
  5. Ein Beitrag wie ein Donnerschlag, der mich eigentlich dazu bringen müsste, meine eigenen alten und neuen Beiträge jeweils daran zu messen und sie notfalls in den Rundordner zu befördern. Ich lebe weiter mit der Schwäche der Eitelkeit und des Stolzes, gelobe aber, an mir zu arbeiten. Danke für diesen Beitrag!

    AntwortenLöschen