Montag, September 17, 2012

»We need to stamp out all religion!«

1938. Unbescholtene Mitbürger beim Outstampen einer unliebsamen Religion

(von Peter Esser) In einer Diskussion vertrat eine amerikanische Atheistin den schönen Satz: »We need to stamp out all religion.« Ein deutscher Mitdiskutant widersprach dem nicht, äußerte aber die Besorgnis, daß er die Verwirklichung dieses hehren Zieles nicht mehr erleben werde. Ich gehe also davon aus, daß unter Atheisten ein gewisser Grundkonsens in dieser Frage besteht.

To stamp out bedeutet nach meinem englisch-deutschen Konversationslexikon, daß man etwas – ein Feuer zum Beispiel – austritt oder ein Übel ausrottet. Stamp out bedeutet »ausmerzen«. Insofern hat diese Bemerkung etwas durchaus Brachiales, Gewaltsames. Auf jeden Fall schildert sie nicht das konstruktive Miteinander zweier Weltsichten, sondern einen zumindest in geistiger Hinsicht brutalen Akt.

Daß geistigen Gewaltmaßnahmen auch physische Gewalt folgt, dieser alten Erfahrung gibt das bekannte Sprichwort von der Bücher- und Menschenverbrennung beredten Ausdruck.

Es ist ja nicht so, daß eine religiöse Weltsicht auf der Ebene politischer Überzeugungen läge, die man wechseln könnte, wenn man nur mit genügend guten (subjektiv wahrnehmbaren!) Argumenten konfrontiert wäre. Glauben ist zwar ein ein subjektiver Akt, der aber eine übersubjektive Begründung hat. Er ist Vertrauen. Vertrauen hat man aber auch, wenn man gerade einmal nicht versteht – oder wenn man mit einer Übermacht mehr oder weniger guter, mehr oder weniger begründeter Argumente konfrontiert wird. Vertrauen-Glauben ist eine seelische Haltung.

Wer den Glauben ausradieren und ausrotten will, muß also tief in die Seele des Glaubenden eingreifen.  Ja, ich kann ad hoc mindestens hundert Personen nennen, die man selber ausradieren müßte, wenn man ihren Glauben ausradieren wollte.

Immer wieder bin ich, wenn auch mit heimlichem Schaudern über die intellektuelle Selbstüberschätzung der Atheisten amüsiert. Als ginge es darum, die bigotten Christen erst einmal über Naturwissenschaft, Geschichte, Philosophie, Epistemologie und Logik zu belehren … und dann werde sich ihr Aberglaube auflösen wie ein Nebel vor der aufsteigenden Sonne.

Atheisten, ihr überschätzt eure eigenen intellektuellen Fähigkeiten. Bei weitem.



Kommentare:

  1. Stamp out, indeed.
    Um die Leute, die das am eindrucksvollsten vorgemacht haben - Stalin gehört dazu, Kim Il Sung, Mao Zedong - hat es allerdings starken Personenkult gegeben (am bizarrsten wohl in Nordkorea).

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  2. Es sage bitte niemand, ich zeichne hier einen Buhmann – weit jenseits der Realität. Nehmen wir ein aktuelles Beispiel ausgerechnet aus »God’s Own Country«, den Vereinigten Staaten. Was katholisches Pflegepersonal und christliche Ärzte gerade erleben – den staatlichen Druck, in einer lebenswichtigen Frage gegen ihr Gewissen zu handeln – ist Teil dieser unguten Dynamik.

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  3. Als Atheist entsetzt mich die Idee, Religion in irgendeiner Weise "auszumerzen" - und finde weder Stalin, noch Kim Il Sung, noch Mao Zedong in irgendeiner Weise toll und nachahmenswert. Ich habe NULL Verständnisse für verbale oder sonstige Entgleisungen auf atheistischer Seite.

    Ich möchte aber weder missioniert werden, noch möchte ich, dass
    meine bürgerlichen Freiheiten oder Menschenrechte auf Betreiben von Religiösen eingeschränkt werden; dafür bevorzuge ich eine strikte Trennung von Staat & Kirche. Natürlich entsteht hier ein Spannungsfeld, weil sich die Religiösen aller möglichen Couleurs im sicheren Besitz göttlicher Wahrheit wähnen und ergo meinen, sie wüssten, was am Besten für überhauptjedeneinzelnen ist. Und auch versuchen (denn das halten sie für ihren Auftrag), das in der Gesellschaft durchzusetzen.

    Wenn man Glück hat, sind die Religionen halbwegs kompatibel mit Menschenrechten. Wenn nicht, dann nicht - Fakt ist, sie halten ihre Sicht für die einzig wahre. Diese oben erwähnte Atheistin ist also nicht fanatisch verblendeter als die fanatisch Verblendeten aller Religionen, die nur ihre Sicht gelten lassen können.

    Das Problem sind nicht moderat Religiöse und Atheisten - sondern die Fanatiker auf ALLEN Seiten. Und irgendwie erleichtert anscheinend gerade der Glaube, die eigene Ansicht würde von der größten Macht des Universums unterstützt, das Abgleiten in Fanatismus. Insofern macht mir eine verbale Entgleisung von Atheistenseite wesentlich weniger Angst als randalierende islamistische Mobs.


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  4. »Natürlich entsteht hier ein Spannungsfeld, weil sich die Religiösen aller möglichen Couleurs im sicheren Besitz göttlicher Wahrheit wähnen und ergo meinen, sie wüssten, was am Besten für überhauptjedeneinzelnen ist. Und auch versuchen (denn das halten sie für ihren Auftrag), das in der Gesellschaft durchzusetzen.«

    Lieber anonymer Atheist, ich denke, es reicht völlig, sich im Besitz unumstößlicher Wahrheit zu wähnen. Sie muß gar nicht »göttlich« sein. Und da kann ich versichern, daß ich dieses Phänomen bei Atheisten und »Religiösen« kennengelernt habe. (Ich übernehme die Bezeichnung »religiöse«, obwohl ich sie als Sammelbezeichnung für fragwürdig halte.) Soweit es Atheisten betrifft, die sich sehr vom Neuen Atheismus Dawkins’scher Prägung haben beeinflussen lassen, scheint mit das Problem auch eine unreflektierte Hermeneutik zu sein, ein unreflektierter Umgang mit den eigenen weltanschaulichen Voraussetzungen. Manche Atheisten wissen gar nicht mehr, daß auch SIE von Prämissen ausgehen, sondern setzen sie einfach voraus. Die Wahrnehmung wird dem eigenen Weltbild angepaßt. Viele Debatten – teilweise mit im Internet und in Printmedien publizierenden Atheisten scheitern an diesem Strohmann-Prinzip. Guter Atheist - böse Kirche; wahrheitsliebender Wissenschaftler - böser Papst. Hier überleben ideologische Klischees vergangener Epochen. Zudem wird das Weltbild des Glaubenden oft tendenziös beschrieben, und anschließend zum genüßlichen Verzehr freigegeben. Hier ist auf die verschiedenen Veröffentlichungen von Karlheinz Deschner zu verweisen.

    Totalitäre Systeme aller Couleur kannten die Umerziehungslager für Religiöse, weil etwas anderes als ein fehlerhaftes Denken oder ein psychischer Defekt zur Erklärung der Religiosität nicht in Frage kam. (Und weil der Rückbezug auf andere als der eigenen Ideologie plausibel erscheinende Werte lästig war.) Ich verweise hier auf die gründlich recherchierte Arbeit von Prälat Moll, »Zeugen des Glaubens. Ein deutsches Martyrologium«.

    Den Streit, wieweit die Erklärung der Menschenrechte auf dem Hintergrund der christlich gedachten Individualität des Menschen überhaupt formuliert werden könnte, überlassse ich Historikern und Kultur-, beziehungsweise Religionsphilosophen. Mir erscheint es wenig plausibel, daß in der Reihe ihrer Vordenker die Persönlichkeiten eines Augustinus oder eines Thomas von Aquin nicht genannt werden könnten.

    Welche Ihrer bürgerlichen Freiheiten und Rechte auf »Betreiben von Religiösen« eingeschränkt werden könnten, kann ich mir zur Zeit nicht vorstellen. Gibt es da Beispiele? Dieser Punkt ist mir zu vage formuliert.

    Ich meine, daß es meiner Ansicht nach zur Reifung jeder Persönlichkeit gehört, »Ambiguitätstoleranz« zu entwickeln, das bedeutet das Aushalten widerstreitender Anschauungen in einem definierten Rahmen: In einer Familie, in einer Pfarrei, in der Gesellschaft. Ich kann beim besten Willen nicht sehen, daß irgendeine Gruppe von ihrer innerweltlichen Verfaßtheit her schlechtere oder bessere Voraussetzungen dazu mitbrächte. Vom Glauben her meine ich, daß ein Glaubender eine wichtige Voraussetzung mitbringt: Denn er ist wenigstens inne, daß er nicht selber im Besitz der Wahrheit und Weisheit ist – er muß seine eigene Einsicht nicht als Credo betonen. (Es berührt mitunter etwas peinlich, wenn Atheisten immer so betonen, daß sie eine rationale Weltsicht vertreten.)

    Vielleicht gibt es ja im Atheismus auch solche demutfördernden Ressourcen? Demut ist für mich nämlich eine Grundvoraussetzung dafür, daß man seine eigene Weltsicht anderen nicht als kleines Herrgöttle überzustülpen versucht.

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  5. Lieber Echo Romeo,
    natürlich haben Sie recht, wenn Sie sagen, dass ideologischer Fanatismus auch recht gut auskommt, ohne seiner Wahrheit das Adjketiv "göttlich" voranzustellen. Je nach Person reicht "Notwendigkeit der Geschichte" oder "wissenschaftlich" aus. Aber nichts ist so ein Diskussionskiller wie "Gott will es." Ein Indiz für mich ist, wie auch weltanschauliche Neutrale gerne zu "Respekt", "Toleranz" und "Achtung religiöser Gefühle" aufrufen und sich jede Kritik verbeißen, wenn ein Mob aus religiösen Gefühlen aus dem Ruder läuft statt aus politischen oder sonstigen. Ich habe noch nicht erlebt, dass ein Atheist damit argumentiert hätte, dass seine Weltanschauung so unfehlbar sei, dass von vorherein keine Diskussion mehr möglich und auch nötig sei. Vielleicht kenne ich aber auch nur die falschen Atheisten? Denen, die ich kenne, ist jedenfalls sehr klar, dass jede Weltanschauung (wozu ich die Religionen zähle) auf Prämissen aufbaut, die vielleicht nicht bis ins Letzte zweifelsfrei und wissenschaftlich überprüft werden können.
    Das allein ist, meines Erachtens nach, schon eine "demutsfördernde Ressource": ich kann nicht alles wissen; ich entscheide mich für eine Haltung aus guten Gründen, aber weiß, dass meine Einsicht ebenso fehlbar und begrenzt ist wie die aller anderen. Ansonsten fehlen dankbarkeits- und demutsfördernde Ressourcen im öffentlichen Diskurs durchaus; sie wären bitter nötig ganz allgemein in nichtreligiösen Kreisen, aber auch in den fanatisch religiösen Kreisen.

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