Freitag, Oktober 07, 2011

Nachdenklich...

[Sierra Victor]

Beim Veröffentlichen des letzten Beitrags (Mainzelmännchen) hatte ich ein zwiespältiges Gefühl.
Ich habe die Petition unterschrieben und so den Bischöfen meine Unterstützung und Solidarität bekundet. Jetzt gehe ich einen von ihnen an.
Ich kann das eigentlich nur tun, weil ich meine, dass in der Kirche derzeit ein Prozess der Neufindung in Gang ist, der sehr polarisiert erfolgt. So wie auch jeder Nichtwähler eine Wahl beeinflusst, ist an diesem Prozess jeder beteiligt, ob er will oder nicht. In dieser polarisierten Situation erscheint es mir daher angebracht, Position zu beziehen. Nicht, weil ich meine Position für die wahre halte, sondern weil auch meine Stimme im Chor gefragt ist. Meine Solidarität mit der Kirche ist dabei keine Solidarität mit allem, was derzeit im Chor gesungen wird.
Ich unterscheide zwischen dem Bischofsamt, an dem es nichts zu rütteln gibt, den Personen, die dieses Amt innehaben (und schon deshalb meine Solidarität brauchen, weil es ein äußerst schweres Amt ist) und den Aktionen, die von den Bischöfen in ihrem Amt gestartet werden. Meine Kritik gilt nur dem Letztgenannten: den Aktionen. Auch Kardinal Lehmann hat daher meine Hochachtung, meinen Respekt und meine Unterstützung.
Ich halte es jedoch für ein gefährliches Spiel, Mainstreamforderungen öffentlich aufzugreifen und ihre Verwirklichung in Aussicht zu stellen, wie es hier von Kardinal Lehmann geschieht. Nicht, weil ich etwas gegen den Mainstream hätte und es vorzöge, chronisch gegen den Strom zu schwimmen. Vielmehr deshalb, weil ich die Aufgabe der Kirche darin sehe, die Menschen zu Gott zu führen, und zwar jeden einzeln. Zu Gott kommt man nur einzeln. Das Arbeiten mit dem Mainstream geht jedoch am Einzelnen vorbei, die Öffentliche Meinung übergeht das Individuum. Wenn Diakoninnen und neue Wege bei der Geschiedenenpastoral das Anliegen eines Bischofs sind, ist die Mobilisierung von Massen kein geeigneter Weg, dorthin zu kommen. Es ist ein Ansatz, der den Blick in die falsche Richtung lenkt: als sei es der öffentlichen Druck und die Mehrheit, die eine kirchliche Entscheidung lenkt. Die einzige Frage jedoch, die in kirchlichen Entscheidungen wirklich zählt, ist die, ob etwas von Gott gewollt ist. In einem wirklichen Dialog muss man dem Gegenüber ehrlich sagen, wie es läuft, und nicht mit seinen Bedürfnissen und Wünschen spielen. Ich kritisiere diese Aktion Kardinal Lehmanns daher klar – aufgrund der in meinen Augen unangemessenen Vorgehensweise. Es erscheint mir wie der Versuch, den gegenwärtigen Prozess in der Kirche dadurch zu besänftigen, den Menschen Sand in die Augen zu streuen, die anderen Bischöfe dafür zu vereinnahmen und mögliche Enttäuschungen durch Rom in Kauf zu nehmen. Das Ziel mag richtig sein – die Mittel sind es nicht. Inhaltlich überlasse ich diese Entscheidung gelassen Rom. Gegen eine Entscheidung, die mich erstaunt, hätte ich nichts einzuwenden; schließlich ordne ich mich Rom unter und nicht Rom mir und meiner Meinung.
Es ist ein Spagat, den ich (und dabei bin ich nicht allein) zu leisten habe, ein Spagat zwischen Offenheit und Solidarität, zwischen gelassenem Schweigen und manchmal erschrockenem Aufschrei. Sollte ich dabei den falschen Ton getroffen haben, bitte ich hier die Kirche, den Kardinal und alle Leser um Entschuldigung. Es war in diesem Beitrag nicht meine Absicht, jemanden ernsthaft zu beleidigen, und so wird es auch in meinen weiteren Posts sein.

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