Dienstag, Januar 12, 2016

Wie man es auch sehen kann

Im arabischen Sprachraum spielt sich ein Kulturkampf ab. Nachdem einige Regime stürzten, zeigte sich, dass das entstehende Machtvakuum nicht einfach durch demokratische Legitimation gefüllt werden konnte: Extremisten witterten Oberwasser, rekrutierten redegewandt Anhänger unter denen, die seit Jahren litten, und drängten mit Gewalt ins politische Geschehen. Sie waren seit Jahren vernetzt; schnell entstanden große Organisationen entstanden, die sich gegenseitig bekämpften und bekämpfen. Die Waffenlager der ehemaligen Diktatoren boten dazu eine hervorragende und reichhaltige Ausrüstung, eine korrupte und gewissenlose Rüstungsindustrie der industrialisierten Staaten sorgt bis heute für Nachschub. Doch in ihrem verbissenen Kampf um die lokale Vorherrschaft (wobei mit lokal hier Gebiete von der Größe Europas gemeint sind) haben all diese Gruppen einen gemeinsamen Feind: den Westen. Verständlich, verbindet der Westen doch gleich drei Aspekte auf einmal, die für die Kämpfer einer widerlicher als der andere sind: er ist ungläubig, er tritt weltweit selbsternannt als moralische, den Islam kritisierende Instanz auf und er hat eine dekadente, sich selbst vernichtende Kultur, die jeder klar sehen kann, außer ihm selbst. Klar, dass der Kampf letztlich gegen diesen Feind geführt werden muss.

Ein Feind aber will sorgsam gepflegt sein, damit wirklich alle gegen ihn sind. Nicht einfach in Zeiten des Internets, in denen Informationen mehr oder weniger frei verfügbar sind. Die beste Strategie ist da doch, dafür zu sorgen, dass der Westen von sich aus zum Feind wird. Wird er bei dieser Gelegenheit zugleich destabilisiert, ist er hinterher umso leichter zu bekämpfen.
So werden erst einmal Terroranschläge verübt. Die müssen den Westen an seiner schwächsten Stelle treffen: an der Freiheit, denn darüber wird sich die Bevölkerung entzweien. So geschieht es. Doch es klappt nicht – der Westen rückt zusammen.
Daraufhin wird offen angekündigt: wir werden euch tausende Flüchtlinge schicken. Unter ihnen werden Terroristen sein. Die Taktik ist dieselbe, die ein Terrorstützpunkt in einem Kindergarten darstellt: menschliche Schutzschilde. Der Westen wird die Flüchtlinge abweisen müssen. Gibt es eine bessere Propaganda, als so zu zeigen, wie gottlos er ist? Zumal man ihm am Status Quo problemlos eine erhebliche Mitschuld nachweisen kann. Erst zerstören, dann im Stich lassen – das wäre das Bild des Westens, das man braucht.
Doch wieder klappt es nicht: ein paar Länder machen doch tatsächlich ihre Grenzen auf. Nicht weil sie die Gefahr ignorieren, sondern weil sie die Bedürftigen sehen. Sie gehen das Risiko ein. Und sie gewinnen unter denen, die eigentlich kämpfen sollen, dafür teils große Sympathie. Damit hatten die Planer nicht gerechnet. Anfangs schonen sie diese Länder; Terror wird nur dort verübt, wo man sich militärisch engagiert. Zu groß ist die Gefahr, die eigenen Anhänger zu verwirren. Doch es zeigt sich, dass die Aufnahme von Flüchtlingen eine viel mächtigere Waffe ist als jede Bombe: sie tötet nicht, sondern schwächt, weil sie das Feindbild nachhaltig stört. Die Planer sind gezwungen, einen Schritt zu gehen, den sie eigentlich vermeiden wollten: sie setzen die eigenen Leute im großen Stil ins Unrecht. Sie sorgen dafür, dass es zu Ausschreitungen kommt, wie der Westen sie verabscheut: sexuelle Angriffe. Dabei wissen die Täter gar nicht, dass sie hier einem perfiden Plan gehorchen. Es wurde nur Stimmung unter ihnen gemacht, mit dem Handy problemlos möglich. Die Stimmung entlud sich planmäßig Silvester – die Täter waren die Ausführenden, instrumentalisiert vom großen Kampf. Was sie nicht weniger zu Tätern macht, dafür aber zeigt, wie perfide in diesem Kampf gehandelt wird. Doch was anderes ist zu erwarten, schaut man sich die Bilder von Folterungen und Enthauptungen an. Das Schlimmste ist zu erwarten.
Das System funktioniert erst einmal: in Deutschland bricht eine Welle der Ausländerfeindlichkeit auf. Nach ein paar Tagen beginnt das Land jedoch, sich wie üblich weniger mit dem Problem zu beschäftigen, als mit der Suche nach Schuldigen in den eigenen Reihen. Nachschlag muss her: in der Türkei werden deutsche Touristen erschossen. Irgendwie muss die Toleranz dieses Landes gebrochen werden, denn sie ist gefährlich! Da stehen wir heute.

Ich weiß nicht, ob das so stimmt, habe nur einmal versucht, diese Logik zu durchdenken. Es ist ein Gedankengang unter vielen, der nach seine Darstellung möglicherweise schnell weder in der Versenkung verschwindet. Doch wäre ich mitverantwortlich für die deutsche Sicherheit, ich würde über drei Dinge verstärkt in das Ringen um Entscheidungen einbringen:

  • Sind wir vielleicht gerade wegen unserer Offenheit stark und werden gerade instrumentalisiert, damit wir sie verlieren?
  • Was kommt als nächstes für ein „Nachschlag“, um diese Instrumentalisierung am Laufen zu halten, und wie kann ich ihn verhindern?
  • Woher bekomme ich die Mittel, um die Prüfung und notfalls die Überwachung der Flüchtlinge – nein, nicht aufzustocken, sondern zu verzwanzigfachen, um Sicherheit zu gewährleisten, ohne unsere mächtigste Waffe aufzugeben, die uns selbst stärkt, den Gegner aber schwächt: unsere Offenheit!

Kommentare:

  1. Ich weiß nicht, ob der Terror so durchdacht ist. Natürlich sind IS und Konsorten keine kleinen Spontis, da ist deutlich viel und genaue und teuflisch kluge Planung im Spiel. Aber ich habe meine Zweifel bezüglich globaler Planung, so wie Du sie beschreibst.
    Ich glaube eher, daß jetzt, wo der Terror seit vielen Jahren ungebrochen läuft, immer mehr Kleingruppen entstehen, verschiedene Größen, von einem Dutzend bis Hunderten, die untereinander höchstens locker vernetzt sind, aber dem großen Terrorismus grundsätzlich zustimmen. Sozusagen Wormwood, auf eigene Rechnung arbeitend.
    Das ist aus meiner Sicht nicht verharmlosend - eher beunruhigend. Denn wenn es kein großes organisatorisches Zentrum gibt, ist der Kampf gegen diese Banden noch schwerer - man weiß nicht, wo beginnen.

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  2. Das Problem, das ich dabei als Christ habe: fängt womöglich dort, wo die intellektuelle Planung der Terroristen endet, die perfide Planung des Bösen selbst an? Leider gibt es da eine weitere Instanz, die zu durchschauen vielleicht am wichtigsten ist.

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