Mittwoch, Februar 15, 2012

Ketzerische Überlegung

[Von Bastian]

Nach dem Konzil ist das katholische Christentum an vielen Stellen aus den Fugen geraten, zumindest in Europa und ganz zumindest im deutschen Sprachraum. Soviel ist klar.
Seitdem führen wir Diskussionen auf der Basis, dass das Konzil diese Änderungen verursacht hat. Aber hat es das?
Es ist inzwischen schwer, diesen Gedankengang zu verlassen. Zu offensichtlich ist das, was geschieht, eine Übertreibung dessen, was das Konzil wollte, und gedeiht auf dem Boden, den eben dieses Konzil bereitet hat. Die Gleichsetzung Konzil = Bodenbereiter ist nahezu allgegenwärtig.

Manchmal frage ich mich, ob das so richtig ist. Gerade die Zeitgleichheit lässt mich zweifeln. Die Veränderungen sind nicht nach dem Konzil erwachsen, sondern gleichsam aus ihm herausgeschossen. Als wenn das Konzil das Ventil eines Kochtopfes geöffnet hätte, in dem großer Druck herrschte. Der Druck ist das Problem, nicht das Ventil.

Mir ist klar, dass sich dieses Bild nicht beliebig ausschlachten lässt und ebenfalls nur einen Aspekt der Sache darstellt. Doch dieser Aspekt, dass möglicherweise in der Zeit vor dem Konzil ein großer Teil des Frusts entstanden ist, der sich so verhängnisvoll Bahn gebrochen und vermehrt hat, dieser Aspekt sollte nicht ganz vergessen werden.

Kommentare:

  1. Vorschlag:

    De Mattei - „Das Zweite Vatikanische Konzil“ lesen, dazu noch

    Michael M. Weber -Psychotechniken - die neuen Verführer Christiana Verlag lesen.

    Ich denke beides zusammen gibt einen guten Eindruck was zu dieser Zeit und davor abgegangen ist und im Konzil und danach gemacht wurde. Besonders das Phänomen der Psychotechniken, der geschichtliche Abriss und die Hintergründe durch M. M. Weber haben mich sehr erhellt und lassen mich einiges verstehen.

    Roger

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  2. De Mattei vertritt die Auffassung, dass "Modernisten" wie der Erzbischof von Köln, Frings, sein Peritus Joseph Ratzinger und die (später von Johannes Paul II. in den Kardinalsstand erhobeben) Theologen Lubac, Congar und von Baltasar das Konzil gekapert haben, um die Kirche restlos zu verderben. Man kann sich die Lektüre sparen, wenn man kein Freund vollkommen absurder Verschwörungstheorien ist.

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  3. Wieder mal gut auf den Punkt gebracht, Bastian. "Das" Konzil muss ja heutzutage für alles Mögliche herhalten - und ganz besonders für die Sachen, die in den Texten des Konzils überhaupt nicht vorkommen. Aber da die ja kaum einer gelesen hat, kann man ja einfach mal behaupten, das Konzil hätte es gesagt... :-P

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  4. Ich selber war zur fraglichen Zeit noch ein Kind (Jg 55) und kann meinen Erinnerungen daher nicht so ganz trauen, aber die Änderungen in der Kirche erfolgten rasend schnell und in einer Atmosphäre von Euphorie. Es schien damals wirklich so, als wäre die Moderne nie mehr aufzuhalten und als wäre das auch toll und gut so, als würde alles in der Welt immer besser.

    Auch unsere Elterngeneration (Jg 1925 und folgende) war sehr schnell mit dabei, 'alte Zöpfe abzuschneiden'. Ich vermute, dass die eine Entlastung nach ihrer durch Kriegs und Nachkriegszeit schweren Jugend haben wollten.

    Zusammengefasst : Ja, auch ich denke, daß schon lange vor dem Konzil Druck im Kessel war.

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  5. Die Dampfkesseltheorie beruht auf dem Prinzip, dass der Mensch, wenn er seine Triebe unterdrückt/nicht ausleben kann, es irgend wann zur Explosion kommt.
    Mit dieser Theorie wird immer wieder gegen den Zölibat vorgegangen. Wenn Mann nicht Sex haben, darf dann lässt er es irgendwann an Kinder aus oder er vergewaltigt.
    Das selbe wird auch gegen die Morallehre angeführt. Mann/Frau kann mit Sex nicht warten bis zur Ehe, es ist unzumutbar, macht krank, etc.
    Jeder der dauernd oder zeitweise zölibatär und es gelernt hat seine Triebe unter Kontrolle zu halten, weiss, dass dies nicht so ist und erfährt dadurch gerade eine gewisse Befreiung.

    Leider wurde diese Dampfkesseltheorie den Leuten nach dem Kriege eingeimpft.

    Wie Roger Michael, kann ich das Buch von Dr. Michael M. Weber für die Vertiefung der Materie sehr empfehlen. Darin sind auch Gründe zu erfahren, warum diese Veränderungen so rasend schnell erfolgt sind.

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  6. @ Anonym:
    Diese Dampfkesseltheorie ist nicht gemeint. An Sexualität habe ich überhaupt nicht gedacht.
    Zur Theorie, von der Sie sprechen: Es ist natürlich Blödsinn, dass man automatisch neurotisch wird, wenn man zölibatär lebt. Der Umkehrschluss, dass eine sexuelle Störung nur an mangelnder Disziplin liegt, ist natürlich genauso dämlich. Aber, wie gesagt: das war hier nicht gemeint.

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  7. Martin Mosebach schildert in "Die Bilder aus dem Herzen reißen" (in Häresie der Formlosigkeit) die Generation, die tatsächlich für das Schlimmste verantwortlich ist: 'Ich bin nach dem Krieg, 1951, geboren. Als Kind erlebte ich bei meinen Eltern ältere Herrschaften, Intellektuelle mit schlohweißem Haar ... Die Moderne hatte für mich ein greisenhaftes Antlitz. Die prägende Erfahrung dieser Menschen war die Jugendbewegung vor dem Ersten Weltkrieg. Sie ist der große Ideenkochtopf des Jahrhunderts. Politische Bewegungen, die Todfeinde wurden, haben Pate gestanden. Und nicht nur Nacktkultur, Feminismus, Vegetarismus, Lebensreform, Neuheidentum, pseudoindische Meditation, Gay Liberation, Klampfenmusik und das Bauhaus haben hier Wurzeln und Ursprünge, sondern auch die Liturgiereform. Daß am Grund all dieser Bewegungen auch der glühende Idealismus von guten Menschen zu finden ist, die mißbraucht und verraten wurden, steht auf einem anderen Blatt. Aber die Zerstörungslust ... hatte sich aus der infantilen Phase is in ein erstaunlich hohes Alter erhalten. ... Un diesem vergreisten Avantgardismus meinte sich die Kirche in ihrem Aggiornamento öffnen zu müssen, um zu überleben."

    Mosebach hat doch was. :)

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  8. Mein Gott! Der wirft den Bauhaus-Stil und Gitarrenmusik in einen Topf mit Gay Liberation? Selten habe ich so einen Blödsinn gelesen.
    Da kann man doch gleich schreiben, alles was mir fremd ist, ist genauso vom Teufel wie die Dinge, bei denen es offensichtlich ist.
    Wenn das da so steht, nimmt da jemand Sünden als Vorwand, seinen eigenen Geschmack zu inszenieren.
    Hammer!
    Ist das wirklich so gemeint?

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  9. NA ja, es gibt einen Grund, warum ich beim Thema Mosebach immer noch Schaum vor dem Mund bekomme....

    Jedenfalls, Bastian, ich stimme Dir zu. Man darf doch nicht vergessen, daß nach dem Zweiten Vatikanum in der Welt eine andere Form der Revolution passierte, nämlich die Studentenrevolte - mit allem, was da dazukam. Manchmal kam es mir vor, als wäre diese andere Revolution die Antwort (und Perversion) des Teufels auf das 2VK.

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  10. Interessant, wie verschieden man so eine Stelle auffassen kann. Ich weiß jetzt nichts von Herrn Mosebachs persönlichen Ansichten. Ich habe das nur so gelesen, dass hier Dinge aufgezählt werden, die sich zeitlich benachbart sind. Wobei er ja selbst vieles davon als gut in seinem Ursprung bezeichnet.

    Es gibt natürlich zahlreiche Zeugnisse von jeweils kontemporären Schriftstellern, die Haltungen belegen, wie sie nach dem Vaticanum II die Oberhand erhielten. Oder man kann sich die Enzykliken ab Ende des 19. Jahrhunderts zu der Thematik durchlesen. Die römisch-katholische Kirche war gegenüber diesen Bestrebungen lange Zeit ein Block, an dem sie weitgehend abprallten. Die Schleusentore wurden nur zu hastig geöffnet, mit zum Teil recht verheerenden Folgen. Mit der Öffnung, die durchaus nötig war, wie Johannes XXIII erkannt hatte, brach eine Sturmflut von Dingen über die gesamte Kirche herein, die durch ihre Masse und ihren Impetus nur noch von wenigen nach den Kriterien der geistlichen Unterscheidung betrachtet wurden.
    Aufgestaut hatte sich all das aber schon über mindestens anderthalb Jahrhunderte.
    So gab es ja auch vor dem Konzil schon Priester die in selbstgerechtem Ungehorsam vieles von dem praktizierten, was plötzlich für alle verbindlich gemacht wurde.
    Die 68er Revolution war da nur noch ein zusätzlicher Auslöser, dem wenig Widerstand geleistet wurde. Sie wurde ja auch von vielen Vertretern der älteren Generation der Intellektuellen gefördert. Und auch diese hatten bereits ältere Lehrmeister gehabt.

    Wären die Schleusen aber gar nicht geöffnet wurden, hätte es vielleicht auch zu einem Dammbruch kommen können, der noch schlimmer gewesen wäre.

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