Mittwoch, November 16, 2011

Ein politisch korrekter Skandal?

[Von Bastian Volkamer]
Was erhält man, wenn man einen ökologisch nachhaltigen Transport, Nachhaltigkeit, und wirtschaftlichen Nutzen vereint? Sie haben es längst erraten: Weihnachten im Bistum Trier. Sind doch, wenn man dieser Website glauben darf, genau das die Kriterien, die man dort an ein gelungenes Weihnachtsgeschenk anlegt.

„Weihnachten im Schuhkarton“ leistet für Kinder in Not keine nachhaltige Entwicklungshilfe. Die Aktion bewirkt keine langfristige Verbesserung der Lebensbedingungen notleidender Kinder.“
Stimmt meist. Soll sie aber auch nicht vorrangig. Wir übertragen die Argumente einmal auf Hartz IV: keine Weihnachtsgeschenke für die Betroffenen. Sie verbessern die Lebenssituation nicht – jede Nachhaltigkeit fehlt. Keine Verbesserung der Ausbildungssituation oder der einseitigen Ernährung mit gesundheitsschädlichen Fertigprodukten.

„Der weltweite Transport der Kartons über Tausende von Kilometern ist nicht nur mit einem enormen finanziellen Aufwand verbunden, sondern auch aus ökologischen Gründen problematisch.“
Es gibt bei uns Dinge, die vom Transport oder anderem Energieverbrauch her ökologisch eigentlich unverantwortlich sind. Da ich einfach einmal unterstelle, dass die Kritiker weder auf Bananen, noch auf Orangen, ihren in Fernost hergestellten Computerprozessor oder gar auf ihr die Umwelt verschmutzendes Auto verzichten (wenn sie nicht sogar in Urlaub fahren!), kann ich aus dieser Argumentation nur schließen, dass selbstverständlich für ärmere Menschen in anderen Ländern andere Maßstäbe gelten. Die Kirchenvertreter propagieren hier ganz offen, was die Politik wenigstens zu umgehen versucht: die eigenen Vorstellungen von Nachhaltigkeit, Ökologie und Niveau kann man dadurch erreichen, dass mit klugen Begründungen bei denen gespart wird, die sich am wenigsten wehren können: den Fremden, Armen und den Kindern.

Wir fassen zusammen: Wer diesen Kindern eine Freude machen möchte, spende bitte an Hilfsaktionen, die nachhaltige Hilfe leisten. („Das Bistum Trier unterstützt keine derart aufwändigen Geschenkaktionen.Wir empfehlen denjenigen, die Kindern in Not helfen wollen, Hilfsaktionen zu unterstützen, die humanitäre Hilfe und nachhaltige Entwicklungshilfe leisten.“)


„Weihnachten im Schuhkarton“ ist in erster Linie eine evangelikale Missionsaktion.“
Viele Menschen wären sofort bereit, eine gleichwertige katholische Aktion zu unterstützen. Allerdings ist die Finanzierung von theologischen Kongressen und abstrakten Hilfsaktionen einfach nicht so motivierend.

„Die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ beschränkt sich nicht auf die Verteilung der gesammelten Geschenkkartons, sondern hat vor allem eine missionarische Zielsetzung.“
Wird eine solche Zielsetzung von der katholischen Kirche, insb. dem Heiligen Vater, neuerdings abgelehnt?

„Die Kinder, die die Geschenkkartons erhalten, sollen mit den christlichen Missionaren und Gemeinden, die die Verteilung organisieren, in Kontakt kommen. Daher wird mit den Kartons, wo immer möglich, eine Missionsbroschüre verteilt.“
Die Kartons werden auch ohne Broschüre verteilt. Sie sind daran nicht gekoppelt. Allerdings ist es durchaus sinnvoll, auch Informationen darüber parat zu haben, warum man die Geschenke macht. Christus ist nicht der schlechteste Grund. Und die Idee, geknüpfte Kontakte zur Mission zu verwenden, ist eigentlich genau, was wir brauchen. Oder sollen wir da missionieren, wo wir keine Kontakte haben, damit wir sie nicht ausnutzen? Tatsache ist doch, dass die Jugendarbeit nahezu jeder Gemeinde in Deutschland angesichts solcher positiv angebahnter Kontakte vor Neid erblassen könnte.

„Wo immer möglich, wird darüber hinaus mit der Verteilung der Geschenke die Einladung zu einem ausführlichen Missionskurs verbunden. Nicht nur die Kinder, auch deren Eltern sollen für diese evangelikalen missionarischen Programme gewonnen werden. Dafür wurden spezielle Materialien entwickelt, für die „Geschenke der Hoffnung“ ebenfalls Spenden sammelt.“
Die evangelikalen Christen wollen die Menschen nicht für irgendwelche Programme, sondern für Christus gewinnen – eine Einstellung, die manchem strukturorientierten Katholiken unglaublich erscheinen mag. Das zu unterstützen ist im Sinne Gottes, wenn auch vielleicht nicht im Sinne aller katholischen Vereine. Würde neben Gott noch seine Kirche bekannt gemacht – es wäre wunderschön! Doch Gott allein ist besser als besserwisserisches Nichtstun!

„Die Aktion richtet sich ausdrücklich auch an Angehörige nichtchristlicher Religionen, die das christliche Weihnachtsfest nicht feiern. Im Rahmen der weltweiten Aktion werden Geschenkkartons daher auch in Ländern verteilt, in denen mehrheitlich oder fast ausschließlich Buddhisten, Hindus oder Muslime leben, beispielsweise im Irak.“
Eigentlich ist es das Wesen von Mission, dass sie sich an Nicht-Christen wendet. Nur um Missverständnissen oder mangelnder Recherche vorzubeugen: sie tut es hier mit Weihnachtsgeschenken, nicht mit Waffen.

„Dabei kommt es immer wieder zu Konflikten.“
Im Zuge des Umdenkens kommt es zu Konflikten. In Ländern, in denen Mission verboten ist, geht das gar nicht anders. Hat Christus uns nicht gesagt, wir sollten uns nicht darüber wundern? Die Alternative, Missionsverbote zu akzeptieren und die frohe Botschaft dort nicht zu verkünden, kann doch kaum offizielle Meinung eines katholischen Bistums sein.

„Viele christliche Kirchen und viele Angehörige anderer Religionen lehnen diese Verteilung von Weihnachtsgeschenken und die damit beabsichtigte Missionierung von Juden, Muslimen, Buddhisten und Hindus ab. Sie betrachten dieses Vorgehen als respektlos oder empfinden es als Provokation.“
Das Bessere ist der Feind des Guten. Das Besser-Wissen allein allerdings nicht. Immer nur herein mit den guten Ideen! Wo kann ich eine katholische unterstützen, die in diesem Umfang Freude bereitet und zugleich Kinder zur Liebe erzieht?

Wir fassen zusammen: Wenn man von Christus erzählen und missionieren will, nutze man dafür bitte keine Kontakte. Mission von Menschen anderer Religionen ist ohnehin unangemessen. Verkopfte Theorie, die auf Kongressen theoretisch abgehandelt werden können, sind das Mittel der Wahl! („Das Bistum Trier lehnt Missionierungspraktiken ab, bei denen Geschenke für bedürftige Kinder als Werbemittel für Missionsaktivitäten eingesetzt werden. Das gilt besonders für die Missionierung von Angehörigen nichtchristlicher Religionen.
Stattdessen fördert das Bistum Trier den Dialog der Religionen und ein konstruktives gemeinsames Engagement der Weltreligionen für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung.“)


„Geschenke der Hoffnung e.V.“ ist eng mit dem christlich-fundamentalistischen Missionswerk „Samaritan´s Purse“ aus den USA verbunden.“
Die Fundamentalismus-Keule ist eine praktische Sache, wenn man etwas ablehnen will. Nur, dass man Fundis überall findet, auch bei uns Katholiken. Und jeder versteht etwas anderes darunter. Es gibt sicher Fragwürdiges. Solange aber jeder, der andere Christen zu Fundamentalisten erklärt, irgendwie im Glashaus sitzt, sollte man vielleicht auf Christus zurück greifen: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen!“ Es kann auch fundamentalistisch sein, Äpfel zu predigen, die man nicht hat, und dabei das Verschenken von Kirschen, die da sind, zu verteufeln.

„„Weihnachten im Schuhkarton“ ist Teil der weltweiten Aktion „Operation Christmas Child“. Träger und Inhaber dieser Aktion ist das amerikanische Hilfs- und Missionswerk „Samaritan´s Purse“. „Geschenke der Hoffnung e.V.“ führt diese Aktion lediglich im deutschsprachigen Raum durch. „Geschenke der Hoffnung e.V.“ ist auch über diese Aktion hinaus personell und programmatisch eng mit „Samaritan´s Purse“ verbunden. „Samaritan´s Purse“ ist immer wieder durch fragwürdige und aggressive Missionsmethoden und –aktionen in Erscheinung getreten, nicht nur durch die "Operation 'Desert Save'" ("Operation ‚Rettung in der Wüste’") während des ersten Irakkriegs.
Franklin Graham, der Sohn des Predigers Billy Graham und Direktor von „Samaritan´s Purse“ wird immer wieder wegen seiner Polemik gegen andere Religionen kritisiert, die sich vor allem, aber nicht nur gegen den Islam richtet.“
Das ist sicher alles richtig. Allerdings sind die Weihnachtspäckchen nicht aggressiv, sondern gut. Dürfte ich nichts Gutes unterstützen, was Strukturen zugeordnet wird, in denen es auch große und aggressive Fehler gab und gibt – ich müsste sofort aus der katholischen Kirche austreten.

Wir fassen zusammen: Da wir Mission anders verstehen, wollen wir das nicht. Wir machen selbst viel. Davon bekommt man zwar kaum etwas mit, es gibt keine Geschenke, unsere Kinder können sich nicht daran beteiligen und eigentlich ist so eine Schuhkartonaktion eine wunderbare Ergänzung, aber mit diesen Typen wollen wir nichts zu tun haben. („Zwischen dem Bistum Trier und dem evangelikalen Missions- und Hilfswerk „Geschenke der Hoffnung e.V.“ bestehen wesentliche Unterschiede im Verständnis der christlichen Mission und der christlichen Entwicklungspartnerschaft. Es gibt es keine ökumenischen Kontakte und keine Zusammenarbeit. Gleiches gilt für „Samaritan´s Purse“. Im Unterschied dazu ist das Bistum Trier mit vielen christlichen Kirchen und Gemeinden durch eine lange und vertrauensvolle ökumenische Zusammenarbeit verbunden. Wir legen Wert auf die Feststellung, dass es sich bei diesen christlichen Kirchen und Gemeinden, beispielsweise bei den Freikirchen, nicht um christliche Fundamentalisten handelt.)

Es bleibt der Eindruck, dass aus Gründen, über die man nur spekulieren kann – was man besser nicht tun sollte, denn das Ergebnis ist zu traurig! – dass aus irgendwelchen Gründen eben Argumente konstruiert werden. Diese sind weder katholisch oder christlich, sondern nur eines: politisch korrekt.
Respekt, Nachhaltigkeit, Ökologie und Abkehr vom Fundamentalismus werden präsentiert. Demokratenherz, was willst du mehr!
Und das Herz meint: „Vielleicht etwas weniger Prinzipien und dafür etwas mehr Liebe?“

Kommentare:

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  2. Wer nach meinem Endlostext das Thema immer noch nicht leid ist - ich habe beim Schreiben nicht gemerkt, dass er viel zu lang ist - der findet hier einen Link, der auf bedenkenswerte Weise die Gegenposition bezieht:

    http://seitenichtgefunden.blogspot.com/2011/11/die-sache-mit-dem-teddy-im-schuhkarton.html

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  3. "Das Bistum Trier lehnt Missionierungspraktiken ab, bei denen Geschenke für bedürftige Kinder als W e r b e m i t t e l für Missionsaktivitäten eingesetzt werden."
    Wenn sie immer noch nicht kapiert haben, dass nicht nur die ganze Gegenaktion sondern in diesem Fall diese unglaubliche Wortwahl überaus verletzend ist für unsere freikirchlichen Geschwister, dann schäme ich mich jetzt mal an ihrer Stelle und bitte dafür um Verzeihung. Und freue mich der Päckchen, die sich bei uns allmählich türmen, die von Gebet begleitet gepackt werden und für die die Kinder liebevoll aussuchen ...

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