Donnerstag, Dezember 01, 2005

70 Jahre »Du bist Deutschland«

Gestern habe ich im Christ in der Gegenwart den Kommentar zur Motivationskampagne »Du bist Deutschland« gelesen«:

Für jede Zielgruppe haben die Werbetexter ein Vorbild gefunden: Hobby-Literaten sollen sich an Goethe ein Beispiel nehmen, Tüftler an Toto Lilienthal, Fernsehgucker an Günther Jauch, Unternehmer an August Thyssen oder Adi Dassler. Die meisten Vorbilder finden sich – wen wundert’s – unter den Sportlern: Du bist Franz Beckenbauer, Claudia Pechstein, Max Schmeling, Katharina Witt oder Michael Schumacher. Letzterer hätte es auch »in jedem anderen Job aufs Siegertreppchen geschafft«. Denn, so glauben die Erfinder der Kampagne, »sein Erfolgsrezept ist kein gottgegebenes Talent, Sondern Perfektionismus und außerirdischer Wille.«
Aber auch für diejenigen, die statt schneller Autos Sex und Erotik lieben, gibt es Ermutigung: »Du traust dich nicht, deine Leidenschaft zum Beruf zu machen? Wovor hast du Angst? Beate Uhse glaubte immer an ihre Vision. So wurde die Gesellschaft toleranter und sie zur Erfolgsunternehmerin.«
Im Land der Dichter und Denker mag man darüber schmuzeln oder die Stirn runzeln, daß es kein einziger Philosoph – geschweige denn ein Theologe – in die Riege der Vorbilder geschafft hat. Aber das ist nur konsequent. Denn der Leistungsbegriff, der hier eingesetzt wird, ist radikal subjektiv, zusammengesetzt aus den beiden Zutaten Ehrgeiz und Wille, und läßt sich messen an der öffentlichen Bewunderung oder am Einkommen. Er kennt prinzipiell keine Grenzen. »Bring die beste Leistung, zu der du fähig bist. und wenn du damit fertig bist, übertriff dich selbst.«

Christ in der Gegenwart, Nr. 49/05, S. 403f


In einem Buch über Ludwigshafen ist ganz offensichtlich eine Photographie aus den dreißiger Jahren aufgetaucht, die ein Spruchband mit der Aufschrift »Denn du bist Deutschland« zeigt. Darüber auf einem monströsen Transparent Hitlers Kopf mit dem unsäglichen Entscheide-dich-Blick. »Doppelschöpfung« zur aktuellen Du-bist-Deutschland-Kampagne? Der Spiegel berichtet.

Nein, es wäre sicher nicht richtig, zu behaupten, die Macher der Kampagne seien Nazis, oder die Kampagne in die Nähe des Nationalsozialismus zu rücken. Ich sehe andere Parallelen – wenn auch kaum schmeichelhaftere. Die Kampagne ist auf eine penetrante Weise »neuheidnisch« … und dumm.

(Und jetzt denke ich nach, ob ich Albrecht Dürer bin … oder doch eher Alfred E. Neumann.)

1 Kommentar:

  1. ne....du bist Peter..lach

    erstmalig, einmalig, letztmalig!

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