Sonntag, Dezember 12, 2010

Da haben wir den Salat – öffentlich-theologischer Diskurs heute.

Ich sitze im Restaurant und bekomme einen Salat vorgesetzt, auf dem sich ein paar Raupen kringeln. Empört lasse ich den Salat zurückgehen und sage, der Koch hätte sie wohl nicht mehr alle.

Kurze Zeit später nähert sich ein Kellner, ohne neuen Teller, dafür mit Argumenten. Er stehe der Gemeinschaft der Restaurantbesucher „Wir sind Küche“ nahe und wolle einiges klarstellen. Der Salat sei absolut genießbar, problematisch hingegen sei mein Unmut.
Diese Raupen bestünden aus nichts anderem als Salatblättern. Sie entstammten dem gesunden Salatanbau. Sie seien viel lebendiger und beweglicher als üblicher Salat. Salat sei nicht einfach abzulehnen, nur weil die Blätter nicht dem konventionellen Salatbild entsprächen, an dem ich offensichtlich hinge.
Auch meine Schelte des Kochs sei unangemessen. Der Koch habe nachweislich bereits viele Salate auch ohne Raupen zubereitet – ein klares Indiz für die Genießbarkeit. Man müsse den Salat im Zusammenhang der ganzen Küche und all ihrer Ergebnisse sehen. Der Koch brauche die Raupen nicht – er könne mit und ohne zubereiten. Ich hingegen sei offensichtlich auf eine einzige Salatform versteift. Es sei typisch für Menschen meiner Geisteshaltung, sich mit Negativkritik an Einzelfälle zu klammern und außer Acht zu lassen, dass es darauf ankomme, in welchem Geist man koche.
Auch sei meine Aufregung nicht dazu angetan, das Thema nüchtern zu betrachten. Tatsache sei doch, dass die Raupen nichts anderes seien als ein notwendiges Zwischenstadium des Salatblatts auf seinem Weg zum Schmetterling. Man müsse aufpassen, dass die Salatentwicklung nicht aufgrund festgefahrener Bilder, wie ein Blatt auszusehen habe, zum Stillstand komme.

Ein Stammgast mischt sich ein, der mir klar macht, dass die Ablehnung der Köche typisch für die ganz reaktionären sei. Meine Sorte kenne er: die Typen, die nur welke alte Blätter von Tellern mit dem guten alten Muster drauf äßen. Ich hätte in einem lebendigen Restaurant nichts verloren.

Beide zusammen schwärmen dann noch von ihren Zukunftsplänen: ein großes Salatbuffet, an dem sich jeder selbst zusammenstellen könne, wie er es gerne hätte. Dort werde es dann sogar Hamburger, Currywurst und Pommes geben!


Meine Frage an die Kellner:
Sagt mal, ihr guten, habt Ihr Euren ideologischen Wald inzwischen so dicht bepflanzt, dass Ihr nicht mehr merkt, vor welchen Baum Ihr gerade rennt?

3 Kommentare:

  1. Schade dass du nicht mein Mann bist, er hätte aus den Raupen giftige Wörmer gemacht, mit Gewerbeaufsicht und Schließung gedroht und mindestens für das nächste Jahr freien Nachtisch rausgeschlagen und keiner hätte sich gewagt zu diskutieren ;-)))......

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  2. typo Würmer, nicht Wörmer war kein zusätzlicher hidden hint von wegen Haverkamp und Meyer oder so....

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  3. Hervorragend, danke dir für diese Satire,

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