Der Umgang mit dem Begriff „Ehe“ trägt Züge von George Orwells Roman „1984“: Begriffe werden geändert mit dem Ziel, den dahinterstehenden Inhalt verblassen zu lassen, bis niemand ihn mehr kennt und er verschwindet. (LINK)
Für uns Katholiken stellt sich so eine schwierige Frage: verteidigen wir unsere Ehe oder nicht? Und wenn ja, wie?
Grundsätzlich haben wir einen schweren Stand, egal, was wir tun. Verteidigen wir den Begriff, erscheinen wir als unflexibel und eng, als Menschen, die andere ausgrenzen. Da mit dem Begriff „Ehe“ Rechtsfolgen verbunden sind, setzen wir uns in den Augen der Öffentlichkeit ins Unrecht, indem wir scheinbar bestimmen wollen, wer alles nicht in den Genuss von Förderungen etc. kommen darf. Das sind schwere Vorwürfe.
Verteidigen wir den Begriff nicht, nehmen wir Folgen (auch handfeste Rechtsfolgen) in Kauf, die wir nicht gutheißen können.
Was tun?
Erst einmal sollte man, so denke ich, erkennen, dass hier zwei unterschiedliche logische Systeme um die Vorherschafft ringen.
Das System, das uns derzeit eine Diskussion aufzwingt, besagt: die Wahrheit lässt sich wandeln. Seine Streiter sagen: Indem ich die Sprache und ihre Bedeutung ändere, übernehme ich die Hoheit über die Inhalte, die dahinter stehen. Dieser Ansatz hat augenscheinlich einiges für sich: er funktioniert offenbar, denn er setzt Dinge in Bewegung, wenn auch nicht so, wie man es wünschen sollte. Die Aufweichung des Ehebegriffs richtet schweren Schaden an, oder, wie die Gegenseite es formulieren würde: setzt längst notwendige Änderungen in Gang. Und so gibt es heftige Diskussionen, ob es sich bei den ablaufenden Prozessen um Schäden oder Erfolge handelt. Wenn wir uns auf diese Diskussionen einlassen, haben wir, wie ich befürchte, bereits verloren. Die gegen uns erhobenen Vorwürfe sind innerhalb der Logik, in der sich alles abspielt, nicht zu widerlegen.
Unsere Stärke, die letztlich gewinnen wird, liegt nicht in der Diskussion. Sie liegt darin, dass das derzeit handelnde System in sich falsch ist und wir die richtige Logik kennen: die der Wahrheit. Weil sie ein Bund ist, den letztlich Gott schließt, ist die Ehe nicht nur schützenswert. Sie ist aus eben diesem Grunde auch unermesslich stark, denn sie ist schlicht wahr. Die Ehe ist, was sie ist, egal, wie man ihren Namen zu verunstalten sucht. Um im Bild des oben verlinkten Beitrags zu bleiben: der Würfel wird unter den Quadern immer auffallen. Daran kann keine Verdrehung etwas ändern – das ist so. Selbst wenn man bei Würfeln ungleiche Kantenlängen zulassen oder gar vorschreiben würde: allein dieses Gebot würde den wirklichen Würfel für alle sichtbar definieren. Schafft man das Wort ab, wird sich ein anderes bilden, weil der Würfel eben nicht mit dem Wort verschwunden ist. Man kann ihn nicht abschaffen.
Wir sitzen am längeren Hebel. Gott hat den Ehebund gestiftet. Dieser Bund ist so real wie eine geometrische Form: er gehört zur umfassenden Logik der Welt. Aus dieser Logik heraus muss die Argumentation erfolgen, denn sie bringt das andere System zum Einsturz. Solange wir über Begriffe streiten, unterliegen wir der Gesellschaft, die Begriffe kapern und den Inhalt prägen will. Zeigen wir aber, dass es die Ehe, wie Gott sie gegeben hat, gibt, funktioniert die ganze Begriffsdiskussion nicht mehr.
Man mag sich verloren vorkommen, angesichts der überschäumenden Diskussionen und Aufbrüche in die Irre, doch wir können ruhig sein: wir stehen auf dem festen Boden – die anderen nicht. Und wir haben, dem Katholizismus sei Dank, eine unermessliche Menge an Mitstreitern: alle Heiligen kennen die Wahrheit und sind höchst aktiv. Und so kann man, denke ich, die Antwort Gottes bereits erkennen: an vielen Stellen gibt es kleine Aufbrüche, Ehe und Familie zu stärken und sie den Menschen ins Bewusstsein zu rücken.
Fazit: Wir müssen nicht alles in Kauf nehmen. Ich denke, es ist wichtig, Stellung zu beziehen! Doch gleich, wie man es tut: auf die Logik der von Menschen geänderten Wahrheit sollte man sich nicht einlassen. Die wirkliche Wahrheit siegt am Ende, das ist sicher.
Donnerstag, Juni 29, 2017
Montag, Juni 19, 2017
Klimawandel
Johannes Hartl hat die Frage nach der Beurteilung des
Klimawandels gestellt. Ein paar Gedanken dazu.
Bei der Beurteilung des Klimawandels gibt es einige
grundsätzliche Probleme.
Eines: die fehlende Beobachtbarkeit im Detail. Es gab jedes
einzelne der Phänomene schon so oder ähnlich in früheren Zeiten. „Hier und
jetzt sehen Sie den Klimawandel an dem und dem Phänomen!“ – diese Aussage verbietet
sich daher.
Weiterhin: die fehlenden Vergleichsmöglichkeiten. Sollte es
das Phänomen geben, ist es in der Zeit der wissenschaftlichen Beurteilung
Neuland. Es gibt keine empirischen Daten, auf die man Phänomene zurückführen
könnte, sondern nur Modellberechnungen. Jede Verifizierung ist damit schwer.
Zudem: wissenschaftlich gibt es wohl keine einzige Theorie,
zu der es nicht auch mindestens eine plausibel erscheinende Gegentheorie gibt.
Wie soll man nun etwas beurteilen, das sich nicht plausibel
darstellen lässt, nicht einmal konkret vorhersagbar ist und zu dem es Gegenstimmen
gibt? Hier ist auf die Struktur der Diskussion zu achten, die in großen Teilen
am Problem vorbeigeht. Dabei ist die Gesellschaft eigentlich mit einer solchen
Problematik vertraut. So gibt es Lungenkrebs bei Rauchern und Nichtrauchern.
Anfangs reagierte die Tabakindustrie genau wie manche in der Gesellschaft
jetzt: solange eine Erkrankung nicht ausdrücklich auf das Rauchen zurückgeführt
werden konnte, wurde die Verbindung als nicht erwiesen betrachtet und mit
diesem Einzelfall gleich der ganze Zusammenhang angezweifelt. Gegentheorien
wurden präsentiert und wissenschaftlich untermauert. Doch dann wurde klar, dass
es Zusammenhänge gibt, die sich durch Häufung zeigen, ohne dass der Einzelfall
beweisbar wäre. Der größte Teil der Gesellschaft hat das begriffen. So gesehen
könnte man sarkastisch fragen, wie viele vernichtende Stürme die Welt erleben
muss, bis man die Häufung als Symptome eines Wandels akzeptiert. Doch dann wäre
es zu spät: Handeln ist angesagt, bevor
der Klimawandel sich klar manifestiert. Voraussetzung: es gibt ihn, er ist menschengemacht
und man kann etwas Sinnvolles dagegen tun. Da gibt es eine Menge Konjunktive.
Allerdings: eine unbekannte Gefahr wird nicht dadurch
ungefährlich, dass man feststellt, dass man noch nichts Genaues weiß. Ein
Luftfahrtingenieur, der errechnete Gefahren für Flugzeuge ignoriert, bis es zu Abstürzen
kommt, landet im Gefängnis, selbst wenn er als Grund anführt, das Problem habe
sich so noch nie gestellt und er habe deshalb keine verlässlichen Daten gehabt.
Der gesunde Menschenverstand lässt uns ein Brett über den Brunnen legen, bevor ein Kind hineinfällt. Das Fehlen
von Beweisen mag ein Schwachpunkt in der Verstehbarkeit des Klimawandels sein –
ein Argument gegen das Handeln ist es nicht.
Was aber ist mit Beispielen, die eher das Gegenteil der
düsteren Prognosen nahelegen? Das prognostizierte Waldsterben hat so nicht
stattgefunden. Das kann man nun interpretieren, wie man möchte. Tatsache ist,
dass die Ursachen mit einigem Erfolg bekämpft, aber keinesfalls vollständig
beseitigt wurden. Tatsache ist auch, dass es Schäden gab und gibt, die jedoch
weit hinter den Prognosen zurückbleiben. Manche sehen darin ein Indiz dafür,
dass es in der Natur größere Selbstheilungskräfte gibt, als in der Panikmache
anerkannt wurde. Andere sehen darin gar einen Beweis dafür, dass derartige
Prognosen substanzlos sind, dass sie möglicherweise gar bewusst falsch in die
Welt gesetzt wurden. Wieder andere finden es ermutigend, dass man etwas
bewirken kann. Die Frage, die bleibt, ist die Übertragbarkeit. Wieder gilt: das
hatten wir noch nicht. Ist der Wald ein Indiz für den Sinn von umweltbestimmtem
Handeln oder eines dafür, dass genau das überflüssig ist? Oder, um ein Bild zu
wählen: befinden wir uns auf einer Straße, auf des es gilt, voranzuschreiten,
und der Klimawandel ist ein unverantwortliches Ausbremsen? Oder befinden wir
uns auf dünnem Eis und nehmen die Tatsache, dass wir noch leben, gerade als
Indiz dafür, dass auch die nächste Scholle trägt, obwohl viele warnen, sie sei
zu schwach?
Unser Problem ist, dass wir das im Letzten nicht wirklich
wissen. Keiner von uns.
Worauf also sollen wir unser Urteil stützen? Es gibt zwei
sehr verschiedene Dinge, die mir da plausibel erscheinen.
Zum einen: es gibt bessere Indizien als den Wald. In der
Natur gilt, dass ein System umso empfindlicher auf Störungen reagiert, je
stabiler es normalerweise als System ist. Pflanzen, die regelmäßig großen
Temperaturunterschieden ausgesetzt sind, vertragen in dieser Hinsicht einiges.
Pflanzen, die immer im gleichen Klima leben, sind empfindlicher. Das stabilste
System, das wir haben, sind die Meere. Schon deshalb, weil sie so groß und
damit träge sind, dass Veränderungen sich nur sehr langsam vollziehen. Folglich
haben sich die dort lebenden Wesen an extrem stabile Verhältnisse gewöhnt und
mussten kaum Toleranz gegen Abweichungen entwickeln. Vielleicht am spektakulärsten
sind da die Korallenriffe; der artenreichste Lebensraum der Erde, angepasst an stabile
Temperaturen, die bis zur Grenze ausgereizt werden. In diesem Zusammenhang
googele man einmal die Stichworte reef, coral und bleaching: in den letzten 50
Jahren starben über 80% des Great Barrier Reefs, dass 50.000 Jahre lang wuchs. Im
Indischen Ozean schwinden die Riffe. Die Malediven, einst ein Paradies, sind
großenteils von toten Riffen umgeben. Es wird manche Insel ihre Existenz
kosten, da die natürlichen Wellenbrecher fehlen. Es wird die Fischerei
beeinträchtigen, weil die Kinderstuben der Fische fehlen. Und es kostet die
Welt ein unersetzliches Stück Vielfalt und Schönheit. Die Ursache ist
wissenschaftlich untersucht und klar: Das Wasser wird zu warm.
Kein Beweis für unsere Verantwortung, aber ein starkes Indiz.
Es passt ins Bild, das vorhergesagt wurde und erhöht dessen Plausibilität auf
traurige Weise. Das Riffsterben ist für mich ein entscheidender Punkt: davon
brauchen wir nicht noch mehr.
Damit bin ich beim zweiten für mich entscheidenden Punkt: es
gibt ein Motiv, das handeln lässt, ohne das letzte Beweise vorliegen: die
Liebe. Eine errechnete Gefahr für meine Kinder, eine unbekannte Bedrohung für
meine Frau ließen mich als Familienvater handeln. Eine Schöpfung Gottes, von
Ihm geliebt, über die ich verantwortlich eingesetzt wurde, muss ich schützen.
Wie man da argumentieren soll, ohne dass es pathetisch oder
schwülstig klingt, weiß ich nicht. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wie
man die Augen vor der Vernichtung von so viel Schönheit verschließen kann, mit
dem lapidaren Hinweis, das habe es schon immer gegeben. Nein, es gab das noch
nie, denn diesmal ist es mir anvertraut, was da vernichtet wird. Auch wenn es
Feuer schon immer gab, will ich nicht zusehen, wie mein Haus bedroht wird. Da
tue ich lieber etwas Überflüssiges, als dass ich Notwendiges auslasse. Wenn der
mögliche Beweis das Eintreten eines Unglücks ist, besteht die Tugend des
Handelns darin, nicht erst auf diesen Beweis zu warten.
Man kann dem entgegenhalten: So lässt sich die Menschheit
mit erdachten Bedrohungen steuern, wie man möchte. Doch man kann auch sagen:
schaut auf die Riffe und überlegt, ob ihr wirklich mehr davon wollt. Wer eine
Lebensgefahr bewiesen haben will, ist erst dumm und dann tot.
Donnerstag, Mai 11, 2017
Entweder - Oder
[Ein älterer Text, der mir selbst gefällt.]
Es gibt zwei Möglichkeiten, wie der Mensch zum Sein kommen kann: Schöpfung oder ein Weg ohne Schöpfung. Die Alternative hat Folgen.
Woher komme ich?
Angenommen, es gibt den Schöpfer. Wie vollzöge sich eine Schöpfung? Da sind die unterschiedlichsten Dinge denkbar. Jedes individuelle Ding und Wesen könnte sozusagen eine Einzelanfertigung sein. Der Schöpfungsakt könnte aber auch im Anstoß einer Entwicklung bestehen, die alles Gewollte hervorbringt: Der Beginn ist der Urknall, aber Gott hat es knallen lassen, und er wusste, was er tat. Auch allerhand Zwischenstufen sind denkbar. Auf jeden Fall aber wäre das, was ist, gewollt, wie es ist, und da, weil es gewollt ist.
Angenommen, es gibt keinen Schöpfer. Wie vollzöge sich eine Nicht-Schöpfung? Steven Hawking berechnete, dass das Universum keinen Anfang hat, weil im Urknall die Zeit erst beginnt und es daher kein „vor“ dem Universum gibt. Dasselbe gelte für sein einzig mögliches Ende – einen erneuten Zusammensturz. Es gibt weder ein „vor“ oder „nach“, noch ein „außerhalb“ des Universums. Es ist einfach da. Seine Entwicklung folgt den Gesetzen, die es hat, ohne dass diese Gesetze gewollt wären – auch sie sind einfach da. Diese Gesetze sind anfangs der Zufall, später die Qualifikation. Die Entwicklung aufgrund dieser Gesetze nennt man Evolution. Sie läuft so ab, dass sich (logischerweise) das weiterentwickelt, was dafür am besten qualifiziert ist. Dass man existiert, ist nicht gewollt, sondern ein Zeichen von Erfolg: man hat sich als eine von unzähligen Möglichkeiten durchgesetzt.
Was bin ich?
Angenommen, es gibt den Schöpfer. Der wäre dann Herr über die Schöpfung. Selbst wenn er seiner Schöpfung die völlige Freiheit ließe – er hätte zumindest festgelegt, was die Schöpfung ist, indem er sie so geschaffen hat. Die Frage, was ich eigentlich bin, wäre am sinnvollsten dem Schöpfer gestellt. Der könnte mir sagen, was mein Wesen ist, und ich hätte in seinem Wort einen Wegweiser, den zu befolgen mich tiefer in meine Freiheit und zu mir selbst führen würde. Um recht zu leben, müsste ich meinem Schöpfer folgen. Mein Leben hätte einen Sinn, weil es ein Ziel hätte. Ethik wäre das Erkennen des Ziels, Moral die Wegbeschreibung zu meinem Schöpfer.
Angenommen, es gibt keinen Schöpfer. Dann wäre ich grundsätzlich mein eigener Herr. Wegweiser auf meinem Weg durchs Leben kann nur meine eigene Beurteilung aufgrund meiner eigenen Erfahrungen sein. Was ich wirklich bin, kann ich nur selbst entdecken. Der Sinn meines Lebens wäre letztlich das Leben selbst, wenn man das einen Sinn nennen will. Um recht zu leben, müsste ich mir selbst und meinem Leben folgen. Ethik wäre die Erkenntnis, wie sich das Leben weiter entfalten kann, Moral die Wegbeschreibung hin zu mir selbst.
Wohin gehe ich besser nicht?
Angenommen, es gibt den Schöpfer. Was mir dann nicht passieren sollte, ist der Versuch, mein Leben abseits seiner Ideen zu gestalten. Da ich selbst eine dieser Ideen wäre, bedeutete jede Trennung vom Schöpfer einen Konflikt in mir selbst. Jeder Irrtum würde mich von meinem Ziel, nämlich ihm, entfernen.
Angenommen, es gibt keinen Schöpfer. Was mir dann nicht passieren sollte, wäre, in eine evolutionäre Sackgasse zu geraten. Aus dem Sieger würde der größtmögliche Verlierer.
So weit, so vereinfacht.
Was heißt das jetzt für mich?
Ich sollte mir klar sein, wo meine Lebensvorstellungen angesiedelt sind, und sie im Licht meiner Überzeugungen betrachten.
Die Folge eines gelungenen Lebens in der Evolution ist der Arterhalt: Erfolg ist, Nachkommen mit Nachkommen zu haben. Wenn man es einmal so in den Grundzügen beleuchtet, wird deutlich, dass es für die Ideen wie die der Kinderlosigkeit in der evolutionären Logik keinerlei Grundlage gibt. Kinderlosigkeit trägt gleichsam als Tatstrafe die totale Exkommunikation in sich: wer keine Nachkommen hat, stirbt, und das gründlich: er stirbt aus. Homosexualität beispielsweise oder auch jede andere Art von Ausstieg aus der Entwicklungskette sind evolutionär gesehen Sackgassen. Sie werden gnadenlos aus dem Weg geräumt. Es gibt nur einen erfolgreichen Weg: den der Fortpflanzung, denn er erhält das einzige, was in der Evolution Bestand haben kann: den Genpool, die Art. Der Einzelne ist bedeutungslos. Hmm…
Vor Gott hingegen ist Kinderlosigkeit durchaus eine Möglichkeit. Nicht das Leben selbst ist der Maßstab, sondern das rechte Leben gemäß dem Willen des Schöpfers. Eine Schöpfung hat Platz für individuelle Lebensentwürfe. Gott hat Interesse am Einzelnen. Man braucht keine Kinder, um geliebt zu sein: es gibt viele Wege. Hmm…
Wenn es also überhaupt einen Platz geben kann, an dem beispielsweise Homosexualität vertretbar ist, liegt dieser Platz im Religiösen. Irgendwie scheinen die Dinge anders zu liegen, als sie gemeinhin dargestellt werden.
Was heißt das jetzt allgemein?
Wie also gehen Religion und Evolution mit Dingen um, die nicht ins System passen?
Die Religion hat es einfach: sie kennt Fehler und Systemabweichungen. Man nennt sie Sünde und Schuld. Sie offenbaren das System als Bereich, von dem man sich entfernen kann. Umkehr und Vergebung ermöglichen die Rückkehr ins System. Schuld und Sünde ändern im Grundsatz nichts. Das System bleibt und bietet dem Einzelnen Orientierung. Der Weg mündet in die (hoffentlich gelingende) Ewigkeit.
Die Evolution hat es noch einfacher: es gibt gar nichts außerhalb des Systems (solange man keine Schöpfung nachweist). Alles, was es gibt, ist alleine deshalb richtig sein, weil es existiert - schließlich hat es sich als evolutionärer Vorteil entwickelt. Fehlentwicklungen gehören zum System wie Weiterentwicklungen. Die einen verschwinden, die anderen bleiben. Wenn man in der Evolution eine Sünde formulieren wollte, wäre es die der Fortpflanzungsunfähigkeit. Die Evolution antwortet auf solche Abweichungen einfach und gnadenlos mit dem Todesurteil. Die Evolution bietet dem Einzelnen keinerlei Orientierung. Sein „Überleben“ besteht bestenfalls im Weiterbestehen seiner Art. Wenn er sich aus dem Genpool kegelt, erfährt er das Schicksal der totalen Bedeutungslosigkeit: nichts bleibt von ihm.
Drei Möglichkeiten...
Wie gehen die Menschen damit um? Warum argumentieren die Menschen, die sich am stärksten für „individuelle Lebensentwürfe“ stark machen, dann nicht religiös? Warum berufen sie sich auf eine Logik, die sie ausrottet? Der Grund ist einfach: die Evolution lässt sie zu Lebzeiten in Ruhe. Sie hat Zeit und begnügt sich mit dem natürlichen Wegsterben. In ihr regieren Arten und Genpools – das Individuum ist belanglos. Die Religion hingegen stellt den Menschen in eine Verantwortung, die das tägliche Leben betrifft. Man kann nicht tun und lassen, was man will. Oder besser: man kann schon. Nur dass man die Folgen selbst tragen muss.
Man hat also drei Möglichkeiten. Man kann sich der Evolution entsprechend sinnvoll verhallten und mich vermehren, oder man kann machen, wozu man gerade Lust hat und sich naturwissenschaftlich als Verlierer outen, oder man kann sich dem Schöpfer unterwerfen und verantwortlich sein.
... und ihre (unerwünschten) Folgen.
Viele Menschen wollen nichts dergleichen: keine Kinder, kein Verlierertum und vor allem: keine Verantwortlichkeit vor Gott (weil sie die als lästige Abhängigkeit empfinden). Sie suchen „Selbstbestimmung“ und, wenn sie den Mut haben, über sich nachzudenken, dafür eine Rechtfertigung. Doch hier begehen sie einen tragischen Irrtum. Sie suchen nämlich nicht Rechtfertigung vor Gott dafür, was sie sind (die ließe sich finden, und sie ist großartig!), sondern Rechtfertigung vor sich selbst dafür, wie sie sind.
Die Religion scheidet so von vorneherein aus, denn in ihr bin ich zwar grundsätzlich gewollt, doch eben verantwortlich dafür, wie ich bin. Bleibt nur die Evolution, die plötzlich alternativlos ist und sich so von der Theorie zum Paradigma wandelt. Sie muss daher passend gemacht werden, koste es, was es wolle.
Auf Stammtischniveau geschieht dies durch Behauptungen. Da werden Dinge geltend gemacht wie ein „Schwulengen“. Banale Einwände wie „Ein Gen, dass die Vermehrung verhindert, wäre doch sofort aus dem Genpool verschwunden“ werden freundlich übersehen oder aggressiv verteufelt (was mangels Teufel nicht einfach ist, dafür um so lautstärker). Besonders in intellektuellen Kreisen wird viel über Evolution geredet, doch wenig darüber gewusst. Man stellt sich darunter eine Art permanenter Inzucht vor: ein paar Starke überleben, während der Rest wegstirbt. Dass da nichts zusammenpasst, ist egal: man ist wissenschaftlich, und da sind die Dinge eben komplizierter.
Diese Komplikationen bekommen die Menschen mit Wissen zu spüren, die Wissenschaftler, die etlicher Kunstgriffe bedürfen, die Idee der Nicht-Vermehrung als Vorteil für den Arterhalt darzustellen. Geradezu komödiantisch ist der Versuch, ernsthaft zu behaupten, Gene, die zur Nicht-Vermehrung führen, hätten sich durch Selektion durchgesetzt. Die wenigsten Menschen haben eine Vorstellung davon, was man inzwischen aus der Evolutionstheorie geworden ist: es ist eine Sammlung von Teiltheorien, die oft kaum vereinbar sind, die Sonderfälle zur Regel erheben und tausend Gründe dafür finden, dass Unzulänglichkeiten und Widersprüche eben doch zutreffen. Doch was tut man als Wissenschaftler nicht alles, wenn man seinen Job behalten will und Gott gegenüber keine Verantwortung hat: auf ein wenig Unsinn kommt es da nicht an, wenn das Publikum ihn doch so sehr wünscht.
Und jetzt?
Das, was der Kirche jahrelang vorgehalten wurde, nämlich dass sie die Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen will und entgegen sinnvoller Einwände ein ideologisches Weltbild gegen die Vernunft aufrecht erhält – genau das kann man heute life in wissenschaftlichen Kreisen bewundern. Die Wissenschaft tut etwas, was ihr zutiefst zuwider läuft: sie beobachtet nicht, um daraus Schlüsse zu ziehen, sondern sie sucht nach Beweisen für Schlüsse, die vorher feststehen. Gegenargumenten wird dementsprechend nicht sachlich, sondern ideologisch begegnet: man wolle wohl wieder ins Mittelalter zurück und eine flache Erde propagieren, sei ein Kreationist (incl. aller negativen Eigenschaften), sei homophob und dergleichen hochkarätige Einwände mehr. Die Evolutionsforschung wäre heute wahrscheinlich viel weiter, wenn sie nicht ständig das Ergebnis vorweg nehmen würde.
Und damit sind wir am Ende angekommen. Wenn Du den Schöpfer glaubst, tust Du gut daran, den Glauben zu bewahren. Selbst wenn Du dich irren solltest, ist Dein Glaube derzeit die offenere, beweglichere und damit für die Wahrheit freiere Haltung.
Wenn Du nicht glaubst, solltest Du dich bemühen, das wirklich ehrlich zu tun und die Konsequenzen zu sehen. Gib Dich nicht damit zufrieden, dass andere Dir erzählen, nicht zu glauben legalisiere, was der Glaube verbiete. Halte Dich nicht daran fest, alles sei gut, weil es da ist. Die Evolution, die Dir den Grund liefert, wird Dich auch auf die Folgen blicken lassen. Es ist der Blick in den Abgrund völliger persönlicher Bedeutungslosigkeit. Unglaube führt geradewegs auf das Abstellgleis der Evolution. Dass Du dort machen kannst, was Du willst, liegt nur daran, dass nicht einmal sie sich noch darum kümmert. Die vermeintliche gesellschaftliche Reputation, die Du fühlst, ist die Anerkennung durch Haltlose, die Belanglosigkeiten beklatschen. Nach Dir die Sintflut? Nein, nicht einmal das. Nach Dir gar nichts. Du bist ausgeschieden. Die Evolution hat Dich abgeschrieben – Gott nicht.
Es gibt zwei Möglichkeiten, wie der Mensch zum Sein kommen kann: Schöpfung oder ein Weg ohne Schöpfung. Die Alternative hat Folgen.
Woher komme ich?
Angenommen, es gibt den Schöpfer. Wie vollzöge sich eine Schöpfung? Da sind die unterschiedlichsten Dinge denkbar. Jedes individuelle Ding und Wesen könnte sozusagen eine Einzelanfertigung sein. Der Schöpfungsakt könnte aber auch im Anstoß einer Entwicklung bestehen, die alles Gewollte hervorbringt: Der Beginn ist der Urknall, aber Gott hat es knallen lassen, und er wusste, was er tat. Auch allerhand Zwischenstufen sind denkbar. Auf jeden Fall aber wäre das, was ist, gewollt, wie es ist, und da, weil es gewollt ist.
Angenommen, es gibt keinen Schöpfer. Wie vollzöge sich eine Nicht-Schöpfung? Steven Hawking berechnete, dass das Universum keinen Anfang hat, weil im Urknall die Zeit erst beginnt und es daher kein „vor“ dem Universum gibt. Dasselbe gelte für sein einzig mögliches Ende – einen erneuten Zusammensturz. Es gibt weder ein „vor“ oder „nach“, noch ein „außerhalb“ des Universums. Es ist einfach da. Seine Entwicklung folgt den Gesetzen, die es hat, ohne dass diese Gesetze gewollt wären – auch sie sind einfach da. Diese Gesetze sind anfangs der Zufall, später die Qualifikation. Die Entwicklung aufgrund dieser Gesetze nennt man Evolution. Sie läuft so ab, dass sich (logischerweise) das weiterentwickelt, was dafür am besten qualifiziert ist. Dass man existiert, ist nicht gewollt, sondern ein Zeichen von Erfolg: man hat sich als eine von unzähligen Möglichkeiten durchgesetzt.
Was bin ich?
Angenommen, es gibt den Schöpfer. Der wäre dann Herr über die Schöpfung. Selbst wenn er seiner Schöpfung die völlige Freiheit ließe – er hätte zumindest festgelegt, was die Schöpfung ist, indem er sie so geschaffen hat. Die Frage, was ich eigentlich bin, wäre am sinnvollsten dem Schöpfer gestellt. Der könnte mir sagen, was mein Wesen ist, und ich hätte in seinem Wort einen Wegweiser, den zu befolgen mich tiefer in meine Freiheit und zu mir selbst führen würde. Um recht zu leben, müsste ich meinem Schöpfer folgen. Mein Leben hätte einen Sinn, weil es ein Ziel hätte. Ethik wäre das Erkennen des Ziels, Moral die Wegbeschreibung zu meinem Schöpfer.
Angenommen, es gibt keinen Schöpfer. Dann wäre ich grundsätzlich mein eigener Herr. Wegweiser auf meinem Weg durchs Leben kann nur meine eigene Beurteilung aufgrund meiner eigenen Erfahrungen sein. Was ich wirklich bin, kann ich nur selbst entdecken. Der Sinn meines Lebens wäre letztlich das Leben selbst, wenn man das einen Sinn nennen will. Um recht zu leben, müsste ich mir selbst und meinem Leben folgen. Ethik wäre die Erkenntnis, wie sich das Leben weiter entfalten kann, Moral die Wegbeschreibung hin zu mir selbst.
Wohin gehe ich besser nicht?
Angenommen, es gibt den Schöpfer. Was mir dann nicht passieren sollte, ist der Versuch, mein Leben abseits seiner Ideen zu gestalten. Da ich selbst eine dieser Ideen wäre, bedeutete jede Trennung vom Schöpfer einen Konflikt in mir selbst. Jeder Irrtum würde mich von meinem Ziel, nämlich ihm, entfernen.
Angenommen, es gibt keinen Schöpfer. Was mir dann nicht passieren sollte, wäre, in eine evolutionäre Sackgasse zu geraten. Aus dem Sieger würde der größtmögliche Verlierer.
So weit, so vereinfacht.
Was heißt das jetzt für mich?
Ich sollte mir klar sein, wo meine Lebensvorstellungen angesiedelt sind, und sie im Licht meiner Überzeugungen betrachten.
Die Folge eines gelungenen Lebens in der Evolution ist der Arterhalt: Erfolg ist, Nachkommen mit Nachkommen zu haben. Wenn man es einmal so in den Grundzügen beleuchtet, wird deutlich, dass es für die Ideen wie die der Kinderlosigkeit in der evolutionären Logik keinerlei Grundlage gibt. Kinderlosigkeit trägt gleichsam als Tatstrafe die totale Exkommunikation in sich: wer keine Nachkommen hat, stirbt, und das gründlich: er stirbt aus. Homosexualität beispielsweise oder auch jede andere Art von Ausstieg aus der Entwicklungskette sind evolutionär gesehen Sackgassen. Sie werden gnadenlos aus dem Weg geräumt. Es gibt nur einen erfolgreichen Weg: den der Fortpflanzung, denn er erhält das einzige, was in der Evolution Bestand haben kann: den Genpool, die Art. Der Einzelne ist bedeutungslos. Hmm…
Vor Gott hingegen ist Kinderlosigkeit durchaus eine Möglichkeit. Nicht das Leben selbst ist der Maßstab, sondern das rechte Leben gemäß dem Willen des Schöpfers. Eine Schöpfung hat Platz für individuelle Lebensentwürfe. Gott hat Interesse am Einzelnen. Man braucht keine Kinder, um geliebt zu sein: es gibt viele Wege. Hmm…
Wenn es also überhaupt einen Platz geben kann, an dem beispielsweise Homosexualität vertretbar ist, liegt dieser Platz im Religiösen. Irgendwie scheinen die Dinge anders zu liegen, als sie gemeinhin dargestellt werden.
Was heißt das jetzt allgemein?
Wie also gehen Religion und Evolution mit Dingen um, die nicht ins System passen?
Die Religion hat es einfach: sie kennt Fehler und Systemabweichungen. Man nennt sie Sünde und Schuld. Sie offenbaren das System als Bereich, von dem man sich entfernen kann. Umkehr und Vergebung ermöglichen die Rückkehr ins System. Schuld und Sünde ändern im Grundsatz nichts. Das System bleibt und bietet dem Einzelnen Orientierung. Der Weg mündet in die (hoffentlich gelingende) Ewigkeit.
Die Evolution hat es noch einfacher: es gibt gar nichts außerhalb des Systems (solange man keine Schöpfung nachweist). Alles, was es gibt, ist alleine deshalb richtig sein, weil es existiert - schließlich hat es sich als evolutionärer Vorteil entwickelt. Fehlentwicklungen gehören zum System wie Weiterentwicklungen. Die einen verschwinden, die anderen bleiben. Wenn man in der Evolution eine Sünde formulieren wollte, wäre es die der Fortpflanzungsunfähigkeit. Die Evolution antwortet auf solche Abweichungen einfach und gnadenlos mit dem Todesurteil. Die Evolution bietet dem Einzelnen keinerlei Orientierung. Sein „Überleben“ besteht bestenfalls im Weiterbestehen seiner Art. Wenn er sich aus dem Genpool kegelt, erfährt er das Schicksal der totalen Bedeutungslosigkeit: nichts bleibt von ihm.
Drei Möglichkeiten...
Wie gehen die Menschen damit um? Warum argumentieren die Menschen, die sich am stärksten für „individuelle Lebensentwürfe“ stark machen, dann nicht religiös? Warum berufen sie sich auf eine Logik, die sie ausrottet? Der Grund ist einfach: die Evolution lässt sie zu Lebzeiten in Ruhe. Sie hat Zeit und begnügt sich mit dem natürlichen Wegsterben. In ihr regieren Arten und Genpools – das Individuum ist belanglos. Die Religion hingegen stellt den Menschen in eine Verantwortung, die das tägliche Leben betrifft. Man kann nicht tun und lassen, was man will. Oder besser: man kann schon. Nur dass man die Folgen selbst tragen muss.
Man hat also drei Möglichkeiten. Man kann sich der Evolution entsprechend sinnvoll verhallten und mich vermehren, oder man kann machen, wozu man gerade Lust hat und sich naturwissenschaftlich als Verlierer outen, oder man kann sich dem Schöpfer unterwerfen und verantwortlich sein.
... und ihre (unerwünschten) Folgen.
Viele Menschen wollen nichts dergleichen: keine Kinder, kein Verlierertum und vor allem: keine Verantwortlichkeit vor Gott (weil sie die als lästige Abhängigkeit empfinden). Sie suchen „Selbstbestimmung“ und, wenn sie den Mut haben, über sich nachzudenken, dafür eine Rechtfertigung. Doch hier begehen sie einen tragischen Irrtum. Sie suchen nämlich nicht Rechtfertigung vor Gott dafür, was sie sind (die ließe sich finden, und sie ist großartig!), sondern Rechtfertigung vor sich selbst dafür, wie sie sind.
Die Religion scheidet so von vorneherein aus, denn in ihr bin ich zwar grundsätzlich gewollt, doch eben verantwortlich dafür, wie ich bin. Bleibt nur die Evolution, die plötzlich alternativlos ist und sich so von der Theorie zum Paradigma wandelt. Sie muss daher passend gemacht werden, koste es, was es wolle.
Auf Stammtischniveau geschieht dies durch Behauptungen. Da werden Dinge geltend gemacht wie ein „Schwulengen“. Banale Einwände wie „Ein Gen, dass die Vermehrung verhindert, wäre doch sofort aus dem Genpool verschwunden“ werden freundlich übersehen oder aggressiv verteufelt (was mangels Teufel nicht einfach ist, dafür um so lautstärker). Besonders in intellektuellen Kreisen wird viel über Evolution geredet, doch wenig darüber gewusst. Man stellt sich darunter eine Art permanenter Inzucht vor: ein paar Starke überleben, während der Rest wegstirbt. Dass da nichts zusammenpasst, ist egal: man ist wissenschaftlich, und da sind die Dinge eben komplizierter.
Diese Komplikationen bekommen die Menschen mit Wissen zu spüren, die Wissenschaftler, die etlicher Kunstgriffe bedürfen, die Idee der Nicht-Vermehrung als Vorteil für den Arterhalt darzustellen. Geradezu komödiantisch ist der Versuch, ernsthaft zu behaupten, Gene, die zur Nicht-Vermehrung führen, hätten sich durch Selektion durchgesetzt. Die wenigsten Menschen haben eine Vorstellung davon, was man inzwischen aus der Evolutionstheorie geworden ist: es ist eine Sammlung von Teiltheorien, die oft kaum vereinbar sind, die Sonderfälle zur Regel erheben und tausend Gründe dafür finden, dass Unzulänglichkeiten und Widersprüche eben doch zutreffen. Doch was tut man als Wissenschaftler nicht alles, wenn man seinen Job behalten will und Gott gegenüber keine Verantwortung hat: auf ein wenig Unsinn kommt es da nicht an, wenn das Publikum ihn doch so sehr wünscht.
Und jetzt?
Das, was der Kirche jahrelang vorgehalten wurde, nämlich dass sie die Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen will und entgegen sinnvoller Einwände ein ideologisches Weltbild gegen die Vernunft aufrecht erhält – genau das kann man heute life in wissenschaftlichen Kreisen bewundern. Die Wissenschaft tut etwas, was ihr zutiefst zuwider läuft: sie beobachtet nicht, um daraus Schlüsse zu ziehen, sondern sie sucht nach Beweisen für Schlüsse, die vorher feststehen. Gegenargumenten wird dementsprechend nicht sachlich, sondern ideologisch begegnet: man wolle wohl wieder ins Mittelalter zurück und eine flache Erde propagieren, sei ein Kreationist (incl. aller negativen Eigenschaften), sei homophob und dergleichen hochkarätige Einwände mehr. Die Evolutionsforschung wäre heute wahrscheinlich viel weiter, wenn sie nicht ständig das Ergebnis vorweg nehmen würde.
Und damit sind wir am Ende angekommen. Wenn Du den Schöpfer glaubst, tust Du gut daran, den Glauben zu bewahren. Selbst wenn Du dich irren solltest, ist Dein Glaube derzeit die offenere, beweglichere und damit für die Wahrheit freiere Haltung.
Wenn Du nicht glaubst, solltest Du dich bemühen, das wirklich ehrlich zu tun und die Konsequenzen zu sehen. Gib Dich nicht damit zufrieden, dass andere Dir erzählen, nicht zu glauben legalisiere, was der Glaube verbiete. Halte Dich nicht daran fest, alles sei gut, weil es da ist. Die Evolution, die Dir den Grund liefert, wird Dich auch auf die Folgen blicken lassen. Es ist der Blick in den Abgrund völliger persönlicher Bedeutungslosigkeit. Unglaube führt geradewegs auf das Abstellgleis der Evolution. Dass Du dort machen kannst, was Du willst, liegt nur daran, dass nicht einmal sie sich noch darum kümmert. Die vermeintliche gesellschaftliche Reputation, die Du fühlst, ist die Anerkennung durch Haltlose, die Belanglosigkeiten beklatschen. Nach Dir die Sintflut? Nein, nicht einmal das. Nach Dir gar nichts. Du bist ausgeschieden. Die Evolution hat Dich abgeschrieben – Gott nicht.
Mittwoch, April 26, 2017
Nein heißt angeblich immer noch nein...
Im Drogenrausch kommt es zu einer Vergewaltigung. Der Täter wird freigesprochen. Grund: es bestehen Zweifel daran, dass er erkannte, dass das Opfer es mir seinem Wehren ernst meinte. Kein nachweisbarer Vorsatz.
Emma berichtet, ich verlinke es nicht - zu widerlich.
Trotzdem hole ich einen alten Artikel wieder hoch, den ich schrieb, als es um die gesetzliche Verankerung von "Nein heißt nein" ging und der genau das voraussagte. Nein, ich bin kein Prophet, sondern habe nur 1+1 addiert...
Nein heißt nein. Eine erstaunliche Erkenntnis, die jetzt sogar ins Gesetz soll. Da sage noch einer, wir seien kein Volk von Denkern mehr.
Die wichtige Sache, um die es dabei geht, ist der Sex. Eine Sache, bei deren Durchführung es allerdings weniger ums Denken an sich geht. Offensichtlich sind wir auch ein Volk von – nun ja, lassen wir das.
Der Anlass zu dieser geradezu philosophischen Herangehensweise an den Sexualtrieb, ein im wahrsten Sinne des Wortes drängendes Thema, ist das gehäufte Vorkommen von Fällen, in denen die Grenze zwischen Beischlaf und Vergewaltigung oder die zwischen Flirt und Nötigung zu verschwimmen beginnt oder massiv durchbrochen wird. Es sind schlimme Dinge, die da geschehen! Zurück bleiben Verletzungen, die es zu vermeiden gilt. Und die Gesellschaft, die sich mit Händen und Füssen dagegen wehrt, dass ihr irgendjemand ins Sexualleben hineinredet, sucht plötzlich nach gesetzlichen Regelungen. Wie soll das zusammengehen?
Man kann erst einmal durchaus eine Logik erkennen: ein großer Freiraum braucht eine starke Grenze, die die Freiheit schützt, indem sie die Unfreiwilligkeit aufs Schärfste sanktioniert: alles ist erlaubt, außer Zwang. Die Folge: da man, so ist es Konsens, nicht vorschreiben will, wer mit wem darf, wird eben geregelt, wer hinterher für was bestraft wird. Klingt komisch? Ist es auch, denn dies ist eine Logik, die nicht greift. Angesichts von Vergewaltigungen führt die gute deutsche Gesellschaft abstruse Diskussionen darüber, wie das verhindernde Nein denn formell auszusehen hat. Sagen? Wehren? Reicht ein Gesichtsausdruck? Oder gar ein ungutes Gefühl danach? Nur in den seltensten Fällen produzieren Gerichte etwas Sinnvolles, wenn sie nachträglich entscheiden sollen, was im Rausch der Sinne legitim war. Es ist absurd. Wie soll man in einem Rechtsstaat, in dem der Beklagte im Zweifelsfall freigesprochen wird, etwas verurteilen, für das es nur die Aussagen der Betroffenen gibt? Unser Rechtsverständnis bedeutet hier schlicht Pech für die Opfer, die keinen Beweis vorlegen können. Doch das kann es ja wohl nicht sein. Die ganze Diskussion geht offenbar am Ziel vorbei.
Vor Jahrzehnten befreite sich unsere Gesellschaft aus der sexuellen Bevormundung. Ihr Argument: man dürfe Liebe nicht verbieten. Doch diese gegenseitige Liebe ist längst nicht mehr Grundlage für Sexualität; schon bald wurde sie reduziert auf das Einverständnis der Partner zum sexuellen Vergnügen. Erlaubt war in den Augen der Gesellschaft, was beiden Spaß macht. Wozu lieben? Der/die hat doch sein/ihr Vergnügen, das reicht. Doch was macht dem Partner Spaß? Was ist erlaubt? Offenbar alles, wozu er/sie nicht nein sagt. Das ist zu wenig? Nun, genau darum scheint es aber zu gehen, denn genau das versuchen wir verzweifelt zu regeln: wie sagt man nein?
Dem Sexualtrieb, einem wilden Gaul, der ohnehin oft kaum zu reiten ist, wurden die Zügel abgenommen: zügellose Sexualität. Doch was als Befreiung gefeiert wurde, ging nach hinten los. Der Gaul tritt um sich und die Gesellschaft, die von einem heißen Rodeo auf seinem Rücken träumte, findet sich unter seinen Hufen wieder und ruft verzweifelt "nein, nein!". Und so treibt die selbstbezogene Leidenschaft im Bett und anderswo ihre traurigen Blüten.
Noch diskutieren wir darüber, wie man einem ausschlagenden Gaul mit einem entschiedenen Nein gegenübertritt. Noch spricht kaum einer aus, was auf der Hand liegt: Sinnvollerweise redet man beim Sex vom Ja, nicht vom Nein. Die einzig richtige Regel wäre: nur ein ausdrückliches Ja darf die Grundlage sein. Doch damit tut man sich schwer: wie soll man das regeln? Mit einem kleinen Standardvertrag, in dem man vorher kurz gemeinsam die einvernehmlichen Praktiken, Techniken und Hilfsmittel ankreuzt? Mit einer Art Sex-AGB? Und wie dokumentiert man die Einhaltung der Vereinbarung?
Man kann es drehen und wenden, wie man möchte: beim Sex begibt man sich in einen Lebensbereich, der gesetzlich nicht zu fassen ist. In dem die einzige Sicherheit, die man hat, das Vertrauen den Partner/die Partnerin ist. Das Wohl des anderen muss dem eigenen Vergnügen mindestens ebenbürtig sein - eine Haltung, die zwischen Menschen, die sich lieben, selbstverständlich ist. Das Ja muss die Grundlage sein, damit es unnötig wird, ein Nein rechtlich durchzusetzen.
Jeder sexuelle Verstoß gegen das Wohl des Partners ist ein Vergehen, jeder gewaltsame Verstoß ein Verbrechen, sei es körperliche oder seelische Gewalt. Selbstverständlich muss es Sanktionen geben, doch in vielen Fällen wird ein Opfer nicht zu seinem Recht kommen – weder die direkten Opfer von Gewalt, noch die Opfer falscher Aussagen. Ein gesetzlicher Schutz, so wichtig er ist, wird niemals ausreichen.
Deshalb ist die Gesellschaft dringend gefragt, den Gaul wieder einzufangen: ein zügelloser Sexualtrieb, der überall und in jeder Form als auslebenswert hofiert und gepriesen wird, hat mit sexueller Freiheit so viel zu tun, wie Fressucht und Übergewicht mit gesunder Ernährung. Es ist erschütternd, dass die Gesellschaft zunehmende Nötigungen und Vergewaltigungen braucht, um anhand der verursachten Verletzungen langsam den Wert und die Tiefe der Sexualität wieder zu entdecken. Und doch ist es ein kleines Hoffnungszeichen.
Für diejenigen, die nicht warten können, bis die nötige Vertrauensbasis da ist, empfiehlt sich mittelfristig, beim One-Night-Stand für eine ausreichende Anzahl von Zeugen zu sorgen und zur Dokumentation wenigstens eine Tonaufnahme mitlaufen zu lassen. So ist man auf der rechtssicheren Seite. Alle anderen sollten überlegen, ob es vielleicht irgendwo eine Orientierung gibt, in der Sexualität, Verbindlichkeit, Liebe und Vertrauen zusammengehören und man mehr auf den Partner schaut, als auf sich selbst.
Trotzdem hole ich einen alten Artikel wieder hoch, den ich schrieb, als es um die gesetzliche Verankerung von "Nein heißt nein" ging und der genau das voraussagte. Nein, ich bin kein Prophet, sondern habe nur 1+1 addiert...
Nein heißt nein. Eine erstaunliche Erkenntnis, die jetzt sogar ins Gesetz soll. Da sage noch einer, wir seien kein Volk von Denkern mehr.
Die wichtige Sache, um die es dabei geht, ist der Sex. Eine Sache, bei deren Durchführung es allerdings weniger ums Denken an sich geht. Offensichtlich sind wir auch ein Volk von – nun ja, lassen wir das.
Der Anlass zu dieser geradezu philosophischen Herangehensweise an den Sexualtrieb, ein im wahrsten Sinne des Wortes drängendes Thema, ist das gehäufte Vorkommen von Fällen, in denen die Grenze zwischen Beischlaf und Vergewaltigung oder die zwischen Flirt und Nötigung zu verschwimmen beginnt oder massiv durchbrochen wird. Es sind schlimme Dinge, die da geschehen! Zurück bleiben Verletzungen, die es zu vermeiden gilt. Und die Gesellschaft, die sich mit Händen und Füssen dagegen wehrt, dass ihr irgendjemand ins Sexualleben hineinredet, sucht plötzlich nach gesetzlichen Regelungen. Wie soll das zusammengehen?
Man kann erst einmal durchaus eine Logik erkennen: ein großer Freiraum braucht eine starke Grenze, die die Freiheit schützt, indem sie die Unfreiwilligkeit aufs Schärfste sanktioniert: alles ist erlaubt, außer Zwang. Die Folge: da man, so ist es Konsens, nicht vorschreiben will, wer mit wem darf, wird eben geregelt, wer hinterher für was bestraft wird. Klingt komisch? Ist es auch, denn dies ist eine Logik, die nicht greift. Angesichts von Vergewaltigungen führt die gute deutsche Gesellschaft abstruse Diskussionen darüber, wie das verhindernde Nein denn formell auszusehen hat. Sagen? Wehren? Reicht ein Gesichtsausdruck? Oder gar ein ungutes Gefühl danach? Nur in den seltensten Fällen produzieren Gerichte etwas Sinnvolles, wenn sie nachträglich entscheiden sollen, was im Rausch der Sinne legitim war. Es ist absurd. Wie soll man in einem Rechtsstaat, in dem der Beklagte im Zweifelsfall freigesprochen wird, etwas verurteilen, für das es nur die Aussagen der Betroffenen gibt? Unser Rechtsverständnis bedeutet hier schlicht Pech für die Opfer, die keinen Beweis vorlegen können. Doch das kann es ja wohl nicht sein. Die ganze Diskussion geht offenbar am Ziel vorbei.
Vor Jahrzehnten befreite sich unsere Gesellschaft aus der sexuellen Bevormundung. Ihr Argument: man dürfe Liebe nicht verbieten. Doch diese gegenseitige Liebe ist längst nicht mehr Grundlage für Sexualität; schon bald wurde sie reduziert auf das Einverständnis der Partner zum sexuellen Vergnügen. Erlaubt war in den Augen der Gesellschaft, was beiden Spaß macht. Wozu lieben? Der/die hat doch sein/ihr Vergnügen, das reicht. Doch was macht dem Partner Spaß? Was ist erlaubt? Offenbar alles, wozu er/sie nicht nein sagt. Das ist zu wenig? Nun, genau darum scheint es aber zu gehen, denn genau das versuchen wir verzweifelt zu regeln: wie sagt man nein?
Dem Sexualtrieb, einem wilden Gaul, der ohnehin oft kaum zu reiten ist, wurden die Zügel abgenommen: zügellose Sexualität. Doch was als Befreiung gefeiert wurde, ging nach hinten los. Der Gaul tritt um sich und die Gesellschaft, die von einem heißen Rodeo auf seinem Rücken träumte, findet sich unter seinen Hufen wieder und ruft verzweifelt "nein, nein!". Und so treibt die selbstbezogene Leidenschaft im Bett und anderswo ihre traurigen Blüten.
Noch diskutieren wir darüber, wie man einem ausschlagenden Gaul mit einem entschiedenen Nein gegenübertritt. Noch spricht kaum einer aus, was auf der Hand liegt: Sinnvollerweise redet man beim Sex vom Ja, nicht vom Nein. Die einzig richtige Regel wäre: nur ein ausdrückliches Ja darf die Grundlage sein. Doch damit tut man sich schwer: wie soll man das regeln? Mit einem kleinen Standardvertrag, in dem man vorher kurz gemeinsam die einvernehmlichen Praktiken, Techniken und Hilfsmittel ankreuzt? Mit einer Art Sex-AGB? Und wie dokumentiert man die Einhaltung der Vereinbarung?
Man kann es drehen und wenden, wie man möchte: beim Sex begibt man sich in einen Lebensbereich, der gesetzlich nicht zu fassen ist. In dem die einzige Sicherheit, die man hat, das Vertrauen den Partner/die Partnerin ist. Das Wohl des anderen muss dem eigenen Vergnügen mindestens ebenbürtig sein - eine Haltung, die zwischen Menschen, die sich lieben, selbstverständlich ist. Das Ja muss die Grundlage sein, damit es unnötig wird, ein Nein rechtlich durchzusetzen.
Jeder sexuelle Verstoß gegen das Wohl des Partners ist ein Vergehen, jeder gewaltsame Verstoß ein Verbrechen, sei es körperliche oder seelische Gewalt. Selbstverständlich muss es Sanktionen geben, doch in vielen Fällen wird ein Opfer nicht zu seinem Recht kommen – weder die direkten Opfer von Gewalt, noch die Opfer falscher Aussagen. Ein gesetzlicher Schutz, so wichtig er ist, wird niemals ausreichen.
Deshalb ist die Gesellschaft dringend gefragt, den Gaul wieder einzufangen: ein zügelloser Sexualtrieb, der überall und in jeder Form als auslebenswert hofiert und gepriesen wird, hat mit sexueller Freiheit so viel zu tun, wie Fressucht und Übergewicht mit gesunder Ernährung. Es ist erschütternd, dass die Gesellschaft zunehmende Nötigungen und Vergewaltigungen braucht, um anhand der verursachten Verletzungen langsam den Wert und die Tiefe der Sexualität wieder zu entdecken. Und doch ist es ein kleines Hoffnungszeichen.
Für diejenigen, die nicht warten können, bis die nötige Vertrauensbasis da ist, empfiehlt sich mittelfristig, beim One-Night-Stand für eine ausreichende Anzahl von Zeugen zu sorgen und zur Dokumentation wenigstens eine Tonaufnahme mitlaufen zu lassen. So ist man auf der rechtssicheren Seite. Alle anderen sollten überlegen, ob es vielleicht irgendwo eine Orientierung gibt, in der Sexualität, Verbindlichkeit, Liebe und Vertrauen zusammengehören und man mehr auf den Partner schaut, als auf sich selbst.
Dienstag, März 14, 2017
Stimmt teilweise immer noch.
Wir haben einen neuen Papst!
Ein sympathischer Mann, der aus einem anderen Kulturkreis stammt. So anders, dass Weihnachten dort ein Sommerfest ist und Ostern etwa dort liegt, wo wie Erntedank kennen. Wo Armut nicht anhand des Durchschnittseinkommens definiert und in Berichten festgehalten, sondern auf der Straße erlebt wird. Wo… kurz: es ist anders.
Dieser Papst hat mir viel Neues beizubringen. Wenn aber etwas neu ist, tue ich gut daran, es mir genau anzuschauen und zu versuchen, es zu verstehen, denn ich kenne es nicht: so geht Lernen.
Wie Lernen hingegen NICHT geht, erläutert am Beispiel der Multiplikation:
Offenbar erscheint Ungewohntes gefährlich, auch wenn es vom Heiligen Geist eingefädelt wurde. Könnte ja sein, dass der im Konklave nicht stark genug war oder nicht ganz bei der Sache.
Den Ausweg haben die Medien jedoch längst gefunden. Die gefahrlose Alternative zum Lernen ist das Spekulieren. Da brauche ich mich nichts Neuem zu öffnen, sondern kann die Dinge getrost von meiner gewohnten Warte aus im Hypothetischen halten. Es reicht, festzustellen, was anders ist, um den Unterschied dann anhand des Bekannten zu verwursten. Darauf stürzen sich derzeit die Medien! Denn Medien können sich sehr viel vorstellen, nur eines nicht: dass sie selbst zu einem Urteil noch nicht in der Lage sind.
Und so wird vor allem über das geredet, was nicht ist: nicht da, wie rote Schuhe, nicht mehr, wie Benedikts Art, Papst zu sein, oder noch nicht, wie das, was aus Georg Gänswein einmal werden könnte. Wird dann tatsächlich einmal über Franziskus geredet, dann fast immer im Zusammenhang mit einem „Nicht“: ob er die Fortführung vom Nicht-Mehr-Papst ist oder nicht, ob seine Bescheidenheit echt ist oder nicht etc. pp. Es wird spekuliert ohne Ende.
Das Schönste ist, dass man, gerade indem man nichts weiß, den Papst dabei viel besser zu verstehen glaubt, als er es selbst kann. Dadurch, dass er ständig mit unpassenden Maßstäben gemessen wird, erscheint auch alles unpassend und fremd, was er so tut. Man könnte den Eindruck gewinnen, der Papst sende unentwegt Zeichen aus, deren tiefen Sinn er selbst jedoch nicht ganz versteht. Dabei sind es in Wahrheit wir selbst, die gleichsam mit einer Karte von Deutschland durch Argentinien fahren, und, intelligent, wie wir sind, feststellen, dass die Straßen falsch gebaut sind. Wir sind es, die es vorziehen, alles durch den Filter der Gewohnheit zu betrachten, anstatt Neues zu lernen. Durch diese Filter passt Franziskus nicht, und schon läuten die Alarmglocken. Kein Wunder, dass mancher sich Sorgen macht.
Es ist, denke ich, an der Zeit, sich Zeit zu lassen. Nicht nur der Papst braucht sie, sich in sein neues Amt zu finden – auch wir brauchen Zeit, ihn kennen zu lernen. Ihn und seine Art, Papst zu sein. Wir sollten uns selbst nicht so stressen! Nicht der vorschnelle Verdacht ist Stärke, nicht das Urteil ohne Basis, das gefällt wurde, bevor die Zeit dazu reif war, das Vorurteil. Hier liegt die katholische Kraft wirklich in der Ruhe, die nicht fragt „Was macht der Papst alles falsch“, sondern fragt: „Heiliger Geist, was willst Du von MIR?“
Ein sympathischer Mann, der aus einem anderen Kulturkreis stammt. So anders, dass Weihnachten dort ein Sommerfest ist und Ostern etwa dort liegt, wo wie Erntedank kennen. Wo Armut nicht anhand des Durchschnittseinkommens definiert und in Berichten festgehalten, sondern auf der Straße erlebt wird. Wo… kurz: es ist anders.
Dieser Papst hat mir viel Neues beizubringen. Wenn aber etwas neu ist, tue ich gut daran, es mir genau anzuschauen und zu versuchen, es zu verstehen, denn ich kenne es nicht: so geht Lernen.
Wie Lernen hingegen NICHT geht, erläutert am Beispiel der Multiplikation:
- missbilligen, dass man sie nicht kennt.
- missbilligen, dass etwas anderes als bei der Addition herauskommt.
- fragen, ob es überhaupt erlaubt ist, zu multiplizieren.
- dem Mathelehrer die Ehrfurcht vor der Addition absprechen.
- feststellen, dass das x für „mal“ anders aussieht als das + für „und“ und deshalb anzweifeln, dass es sich noch um Mathematik handelt.
- darüber diskutieren, ob Multiplikation nun die Fortführung der Addition oder ein Bruch damit ist.
- hoffen, dass der Papst endlich die Subtraktion abschafft oder die persönliche Fußnote zur Grundrechenart erhebt.
Offenbar erscheint Ungewohntes gefährlich, auch wenn es vom Heiligen Geist eingefädelt wurde. Könnte ja sein, dass der im Konklave nicht stark genug war oder nicht ganz bei der Sache.
Den Ausweg haben die Medien jedoch längst gefunden. Die gefahrlose Alternative zum Lernen ist das Spekulieren. Da brauche ich mich nichts Neuem zu öffnen, sondern kann die Dinge getrost von meiner gewohnten Warte aus im Hypothetischen halten. Es reicht, festzustellen, was anders ist, um den Unterschied dann anhand des Bekannten zu verwursten. Darauf stürzen sich derzeit die Medien! Denn Medien können sich sehr viel vorstellen, nur eines nicht: dass sie selbst zu einem Urteil noch nicht in der Lage sind.
Und so wird vor allem über das geredet, was nicht ist: nicht da, wie rote Schuhe, nicht mehr, wie Benedikts Art, Papst zu sein, oder noch nicht, wie das, was aus Georg Gänswein einmal werden könnte. Wird dann tatsächlich einmal über Franziskus geredet, dann fast immer im Zusammenhang mit einem „Nicht“: ob er die Fortführung vom Nicht-Mehr-Papst ist oder nicht, ob seine Bescheidenheit echt ist oder nicht etc. pp. Es wird spekuliert ohne Ende.
Das Schönste ist, dass man, gerade indem man nichts weiß, den Papst dabei viel besser zu verstehen glaubt, als er es selbst kann. Dadurch, dass er ständig mit unpassenden Maßstäben gemessen wird, erscheint auch alles unpassend und fremd, was er so tut. Man könnte den Eindruck gewinnen, der Papst sende unentwegt Zeichen aus, deren tiefen Sinn er selbst jedoch nicht ganz versteht. Dabei sind es in Wahrheit wir selbst, die gleichsam mit einer Karte von Deutschland durch Argentinien fahren, und, intelligent, wie wir sind, feststellen, dass die Straßen falsch gebaut sind. Wir sind es, die es vorziehen, alles durch den Filter der Gewohnheit zu betrachten, anstatt Neues zu lernen. Durch diese Filter passt Franziskus nicht, und schon läuten die Alarmglocken. Kein Wunder, dass mancher sich Sorgen macht.
Es ist, denke ich, an der Zeit, sich Zeit zu lassen. Nicht nur der Papst braucht sie, sich in sein neues Amt zu finden – auch wir brauchen Zeit, ihn kennen zu lernen. Ihn und seine Art, Papst zu sein. Wir sollten uns selbst nicht so stressen! Nicht der vorschnelle Verdacht ist Stärke, nicht das Urteil ohne Basis, das gefällt wurde, bevor die Zeit dazu reif war, das Vorurteil. Hier liegt die katholische Kraft wirklich in der Ruhe, die nicht fragt „Was macht der Papst alles falsch“, sondern fragt: „Heiliger Geist, was willst Du von MIR?“
Donnerstag, Februar 09, 2017
Aaah – ja!
„NRW will Polizistinnen besser schützen“ titelt RP online (LINK).
Das macht mich grübeln. Also die Polizei – die schützt uns nicht, sondern die braucht Schutz? Der alte Schupo hat offenbar ausgedient, und das gründlich. Hmm.
Wie wäre es damit, die Polizistinnen unter Polizeischutz zu stellen? Ach nee, geht ja nicht. Denn wer schützt dann diese Polizei?
Die emanzipierte Polizei, die endlich 40% Frauenanteil hat, muss notgedrungen diese Frauen unter Männerschutz stellen: jetzt sollen künftig die Polizistinnen nur noch in Männerbegleitung auf die Straße. War früher schon in der Gesellschaft so, fanden alle doof und unemanzipiert – jetzt kommt es als Lösungsvorschlag in der Polizei wieder zurück. Nur: in der Gesellschaft war das OK, es hatte was von gutem Benehmen. Bei der Polizei hingegen ist das ein Armutszeugnis.
Auf die gleiche Baustelle verweist ein anderer Abschnitt des Berichts:
„Innenminister Ralf Jäger … hingegen verwahrt sich gegen den Begriff (= No-Go-Area) und verweist darauf, dass es in NRW und ganz Deutschland keine Gegenden gibt, die von der Polizei gemieden werden. "Wir können in solche Gegenden aber nicht nur Frauen zu Einsätzen hinausschicken", betont ein Kriminalhauptkommissar.“
A-ha! Es gibt diese Gegenden nicht, aber wir können nicht nur Frauen hinschicken. Lieber Herr Minister, wenn es solche Gegenden nicht gibt, müssen wir eigentlich überhaupt niemanden hinschicken.
Lieber Herr Minister Jäger, wir müssen die Polizei nicht schützen. Es würde reichen, den Polizisten wieder die Mittel an die Hand zu geben, uns zu schützen. Und damit ist keine verstärkte Bewaffnung gemeint, sondern in erster Linie eines: Rückgrat der Politik. Vorgesetzte, die Einsätze unterstützen, nicht nachträglich auf Opportunität prüfen.
Wenn eine Polizistin nicht ernst genommen wird, liegt das nicht daran, dass sie schwächer ist, als ein Mann. Es liegt daran, dass sie nicht mehr mit der Autorität auftritt, die sie haben müsste. Sie vertritt nicht mehr den Staat, sondern muss sich gegen den Staat verteidigen, wenn sie einen Fehler machen sollte, wobei die Politik sich nicht zu schade ist, nachträglich festzulegen, was denn nun ein Fehler war.
Und so beschert uns die Politik Unisex-Klos und gemischte Polizeistreifen in Gegenden, die es nicht gibt und die Vorschrift zum Kavaliersdienst in gemischten Hundertschaften. Der Lichtblick: langsam beginnt die Komik des Ganzen die Tragik zu überstrahlen. Wir saufen kichernd ab. Wenigstens etwas.
Das macht mich grübeln. Also die Polizei – die schützt uns nicht, sondern die braucht Schutz? Der alte Schupo hat offenbar ausgedient, und das gründlich. Hmm.
Wie wäre es damit, die Polizistinnen unter Polizeischutz zu stellen? Ach nee, geht ja nicht. Denn wer schützt dann diese Polizei?
Die emanzipierte Polizei, die endlich 40% Frauenanteil hat, muss notgedrungen diese Frauen unter Männerschutz stellen: jetzt sollen künftig die Polizistinnen nur noch in Männerbegleitung auf die Straße. War früher schon in der Gesellschaft so, fanden alle doof und unemanzipiert – jetzt kommt es als Lösungsvorschlag in der Polizei wieder zurück. Nur: in der Gesellschaft war das OK, es hatte was von gutem Benehmen. Bei der Polizei hingegen ist das ein Armutszeugnis.
Auf die gleiche Baustelle verweist ein anderer Abschnitt des Berichts:
„Innenminister Ralf Jäger … hingegen verwahrt sich gegen den Begriff (= No-Go-Area) und verweist darauf, dass es in NRW und ganz Deutschland keine Gegenden gibt, die von der Polizei gemieden werden. "Wir können in solche Gegenden aber nicht nur Frauen zu Einsätzen hinausschicken", betont ein Kriminalhauptkommissar.“
A-ha! Es gibt diese Gegenden nicht, aber wir können nicht nur Frauen hinschicken. Lieber Herr Minister, wenn es solche Gegenden nicht gibt, müssen wir eigentlich überhaupt niemanden hinschicken.
Lieber Herr Minister Jäger, wir müssen die Polizei nicht schützen. Es würde reichen, den Polizisten wieder die Mittel an die Hand zu geben, uns zu schützen. Und damit ist keine verstärkte Bewaffnung gemeint, sondern in erster Linie eines: Rückgrat der Politik. Vorgesetzte, die Einsätze unterstützen, nicht nachträglich auf Opportunität prüfen.
Wenn eine Polizistin nicht ernst genommen wird, liegt das nicht daran, dass sie schwächer ist, als ein Mann. Es liegt daran, dass sie nicht mehr mit der Autorität auftritt, die sie haben müsste. Sie vertritt nicht mehr den Staat, sondern muss sich gegen den Staat verteidigen, wenn sie einen Fehler machen sollte, wobei die Politik sich nicht zu schade ist, nachträglich festzulegen, was denn nun ein Fehler war.
Und so beschert uns die Politik Unisex-Klos und gemischte Polizeistreifen in Gegenden, die es nicht gibt und die Vorschrift zum Kavaliersdienst in gemischten Hundertschaften. Der Lichtblick: langsam beginnt die Komik des Ganzen die Tragik zu überstrahlen. Wir saufen kichernd ab. Wenigstens etwas.
Dienstag, Januar 24, 2017
Make America What? Again?
Trump ist Präsident. Die einen wissen, dass ab sofort alles schiefgeht, sind aber erstaunlicherweise ziemlich deckungsgleich mit der Fraktion, die jede Art beispielsweise christlicher Prophetie als Humbug abtut. Die anderen sind, häufig religiös und wertebewusst, eher offen für Prophetien, derzeit aber auch für Häme, tut es doch gut, dass die linken Befürworter jeder Vielfalt endlich einmal eins zwischen die Hörner bekommen, müssen sie doch notgedrungen eine Vielfalt akzeptieren, die sie so gar nicht mögen.
Kurz: die einen schäumen, die anderen freuen sich, klammheimlich bis offen. Trump spaltet, und alle machen mit. Daher auch ich: bei derart vielen Meinungen macht eine weitere, die ungehört bleibt, wirklich nichts mehr aus.
Was die Politik Trumps angeht, erlaube ich mir kein Urteil. Wie auch – er hat schließlich noch keinerlei Politik betrieben. Zwar sind da durchaus Bedenken angebracht: ohne Übung wird man kein Meister. Trump erinnert da etwas an den Typen, der auf die Frage, ob er Klavier spielen könne, antwortete, er wisse es nicht, denn er habe es noch nie versucht, doch könne es nicht schwer sein, im richtigen Moment den richtigen Knopf zu drücken. Andererseits haben die Profi-Politiker bisher keine allzu heldenhafte Rolle gespielt, was schnell deutlich wird, wenn man sich die Welt anschaut. Mag sein, dass es Zeit wird, dass jemand den Laden einmal gründlich aufmischt, damit er neu sortiert wird. Prüfet alles, das Gute aber behaltet – könnte sein, dass Trump hier die Rolle der Prüfung spielt. Alles Weitere wird die Zukunft zeigen, und der lasse ich erst einmal Zeit sich zu zeigen. Urteile später.
Was mir allerdings sauer aufstößt, sind zwei Ankündigungen Trumps, was mich verwundert, ist, dass ich dies noch nirgends las: Diese beiden passen einfach nicht zusammen: „Make America Great Again“ und „America First“.
Denn was machte Amerika groß, das es zweifellos lange war und eigentlich in vielem auch heute noch ist: seine Konsequenz bis hin zum heldenhaften Edelmut, wenn es darum ging, das zu verteidigen, was es für gut hielt. Das Ansehen Amerikas in der Welt als wertebildende Institution beruhte auf seiner Bereitschaft, NICHT immer zuerst an sich zu denken. Vermischt mit einer puritanischen Moral, einem teils nervenden Sendungsbewusstsein, wirtschaftlichen Interessen und einer doch etwas schrägen Mentalität waren viele amerikanische Aktionen schwer auszuhalten, doch alle hatten sie irgendwo eine moralische Seite. Amerika mag üble Fehler begangen haben – sein Ringen um Moral war immer spürbar. Dieses Ringen ist Amerikas Größe. Wie wichtig es auch gerade den Amerikanern selbst ist, mag ein banales Beispiel zeigen: nahezu jeder amerikanische Spielfilm hat es letztlich zum Thema.
Und jetzt kommt Trump und will genau diese Größe abschaffen, indem er die Wirtschaft an die Stelle setzt, die bisher die Moral innehatte. Immer hat in den USA das Geld irgendwo der Moral gedient, und sei es nur, indem es das System finanzierte. Jetzt jedoch wird die Moral ausdrücklich dem Geld untergeordnet. Hätte der Slogan „Good for America“ gelautet – er wäre in Ordnung gewesen. „America First“ hingegen ersetzt die allgegenwärtige Priorität der Moral durch die Priorität des Geldes.
Amerika wird möglicherweise dadurch reicher – mit Sicherheit wird es moralisch kleiner. Great? Nein. Es wird kleiner, als es je war. Again? Auch nicht. Schade, Amerika.
Disclaimer: auch dies beruht auf Annahmen, die die Wirkung einzelner Worte in die Zukunft extrapolieren. Der Artikel ist damit nichts als eine Prophetie, die durch nichts gestützt wird als die Meinung des Autors.
Kurz: die einen schäumen, die anderen freuen sich, klammheimlich bis offen. Trump spaltet, und alle machen mit. Daher auch ich: bei derart vielen Meinungen macht eine weitere, die ungehört bleibt, wirklich nichts mehr aus.
Was die Politik Trumps angeht, erlaube ich mir kein Urteil. Wie auch – er hat schließlich noch keinerlei Politik betrieben. Zwar sind da durchaus Bedenken angebracht: ohne Übung wird man kein Meister. Trump erinnert da etwas an den Typen, der auf die Frage, ob er Klavier spielen könne, antwortete, er wisse es nicht, denn er habe es noch nie versucht, doch könne es nicht schwer sein, im richtigen Moment den richtigen Knopf zu drücken. Andererseits haben die Profi-Politiker bisher keine allzu heldenhafte Rolle gespielt, was schnell deutlich wird, wenn man sich die Welt anschaut. Mag sein, dass es Zeit wird, dass jemand den Laden einmal gründlich aufmischt, damit er neu sortiert wird. Prüfet alles, das Gute aber behaltet – könnte sein, dass Trump hier die Rolle der Prüfung spielt. Alles Weitere wird die Zukunft zeigen, und der lasse ich erst einmal Zeit sich zu zeigen. Urteile später.
Was mir allerdings sauer aufstößt, sind zwei Ankündigungen Trumps, was mich verwundert, ist, dass ich dies noch nirgends las: Diese beiden passen einfach nicht zusammen: „Make America Great Again“ und „America First“.
Denn was machte Amerika groß, das es zweifellos lange war und eigentlich in vielem auch heute noch ist: seine Konsequenz bis hin zum heldenhaften Edelmut, wenn es darum ging, das zu verteidigen, was es für gut hielt. Das Ansehen Amerikas in der Welt als wertebildende Institution beruhte auf seiner Bereitschaft, NICHT immer zuerst an sich zu denken. Vermischt mit einer puritanischen Moral, einem teils nervenden Sendungsbewusstsein, wirtschaftlichen Interessen und einer doch etwas schrägen Mentalität waren viele amerikanische Aktionen schwer auszuhalten, doch alle hatten sie irgendwo eine moralische Seite. Amerika mag üble Fehler begangen haben – sein Ringen um Moral war immer spürbar. Dieses Ringen ist Amerikas Größe. Wie wichtig es auch gerade den Amerikanern selbst ist, mag ein banales Beispiel zeigen: nahezu jeder amerikanische Spielfilm hat es letztlich zum Thema.
Und jetzt kommt Trump und will genau diese Größe abschaffen, indem er die Wirtschaft an die Stelle setzt, die bisher die Moral innehatte. Immer hat in den USA das Geld irgendwo der Moral gedient, und sei es nur, indem es das System finanzierte. Jetzt jedoch wird die Moral ausdrücklich dem Geld untergeordnet. Hätte der Slogan „Good for America“ gelautet – er wäre in Ordnung gewesen. „America First“ hingegen ersetzt die allgegenwärtige Priorität der Moral durch die Priorität des Geldes.
Amerika wird möglicherweise dadurch reicher – mit Sicherheit wird es moralisch kleiner. Great? Nein. Es wird kleiner, als es je war. Again? Auch nicht. Schade, Amerika.
Disclaimer: auch dies beruht auf Annahmen, die die Wirkung einzelner Worte in die Zukunft extrapolieren. Der Artikel ist damit nichts als eine Prophetie, die durch nichts gestützt wird als die Meinung des Autors.
Freitag, Januar 13, 2017
Neues Interview S. E. Bischof Oesterhagen
Presse: Herr Bischof, was halten Sie von der Mehr-Konferenz?Bischof Oesterhagen: Ach wissen Sie – für manche Dinge bin ich einfach zu alt. Deshalb…
Presse: Haben Sie denn einen Teil im Internet verfolgen können?
Oesterhagen: Bitte lassen Sie mich doch ausreden. Deshalb habe ich darauf verzichtet, zu tanzen, und mich immer ganz hinten auf die Tribüne gesetzt. Inkognito, damit ich keine Interviews geben musste.
Presse: Sie waren tatsächlich selber dort? Was war Ihr Eindruck?
Oesterhagen: Nun, einige der Aussagen waren mir etwas fremd.
Presse: Sie hatten theologische Probleme mit den Referenten?
Oesterhagen: Nein, eher grammatikalische mit den Besuchern. Wenn junge Leute im Gespräch begeistert kundtun, der heiße Lobpreis sei einfach cool oder sie seien ganz weg von der Idee, einfach da zu sein, dann glaube ich zwar zu verstehen, was sie meinen, aber ich würde es doch anders formulieren.
Presse: Damit sind wir gleich bei einem der Kritikpunkte: ist eine solche Sprache, ist ein solcher Stil geeignet, Menschen zurück in die Kirche zu führen? Das fragen sich viele, die sehen, dass sogar die Messe mit dem Bischof so gestaltet wurde.
Oesterhagen: Wo soll ich anfangen? Schauen Sie, wenn dort 8000 Menschen zusammen mit dem Bischof die Heilige Messe feiern – wie sollen die zurück in die Kirche? Sie sind doch gerade drin, oder? Also zumindest, wenn ich als Bischof die Messe feiere, habe ich schon den Eindruck, es finde im Rahmen der Kirche statt. Sie nicht?
Presse: Äh... sicher, doch… Aber Ihre Messen laufen auch anders ab.
Oesterhagen: Tun sie das? Schuldbekenntnis, Kyrie, Gloria, Lesungen, Evangelium, Homilie, Eucharistiefeier, Segen – das mache ich doch genauso.
Presse: Bei Ihnen ist es stiller…
Oesterhagen: Das hoffe ich doch nicht! Wenn in der Messe das Kyrie kein Schrei zu Gott ist, das Gloria kein Jubel und die Predigt keine flammende Ermutigung, dann taugt sie nichts. Dann ist die Eucharistiefeier eine Einladung an den Herrn in eine Gruppe, die ihn anschweigt oder ihm bestenfalls freundlich zunickt. Er kommt, denn er ist treu. Aber wir haben unseren Job nicht getan. Eine Messe muss laut sein. Laut vor Gott. Der Herr misst Lautstärke nicht in Dezibel, sondern in Leidenschaft. Wissen Sie, wenn wir am Hochaltar im Dom die Messe in der außerordentlichen Form zelebrieren, an unserem wunderbaren Hochaltar, den wir gerade von wirklichen Künstlern instandsetzen ließen, denn die Farbe wurde vom Weihrauch angegriffen, und billig war das nicht – aber wo war ich? Ach ja, richtig: warum tun wir das und feiern dort? Weil es für viele Menschen der Ort ist, an dem sie wahrhaft beten können. Form, Ruhe und Stille sind der Raum, in dem es laut vor Gott wird: Dank, Jubel, aber auch Hilfeschreie kommen von dort vor ihn. Und er kommt zu uns. Das ist Messe. Und genauso war es auf der Konferenz.
Presse: Doch in Ihrer Messe muss nicht jeder an allem teilnehmen, was die anderen denken. Lieder entarten nicht zum Geschrei, Gebete nicht zum öffentlichen Outing. Wo ist die Würde der Feier?
Oesterhagen: Ja, genau das ist die Frage: wo ist die Würde? Worin liegt sie? Sie liegt nicht in uns, sondern in Gott. Wir haben in jeder Messe zu Beginn ein öffentliches Outing: Herr, ich habe gesündigt. Ich bin ein schlechter Mensch. Und ich bitte alle Anwesenden, seien sie lebendig oder beim Herrn, dringend um Gebet. Ist es würdig, mit der eigenen Sünde hausieren zu gehen? Ja, weil Gott sie vergibt. Die Idee, ich könnte selbst würdig sein, ist absurd. Fällt denn niemandem auf, dass wir in jeder Messe, selbst nach einer Beichte, nachdem wir fast eine Stunde würdig beteten, sangen, knieten, saßen und standen, bekennen: Herr, ich bin NICHT würdig… Und erst dann begegnen wir ihm.
Presse: Müssen wir da nicht unterscheiden zwischen den Menschen und dem Ritus? Im würdigen Ritus kommt Gott zu unwürdigen Menschen.
Oesterhagen: Das haben Sie schön gesagt. Genauso ist es. Wann also ist der Ritus würdig? Oder besser: für wen soll er würdig sein? Ich denke, man kann es ganz kurz sagen. Es gibt zwei Voraussetzungen: er muss vollständig sein und er muss Gott gefallen. Vollständig, weil ich vom Heil nichts abschneiden kann, ohne es letztlich zu verlieren, und gottgefällig, weil ER uns in der Feier begegnet.
Presse: Man hat jedoch den Eindruck, dass diese Vorträge und diese Lieder eher dazu angetan waren, den Menschen zu gefallen. Dass es doch sehr um eine gute Stimmung ging.
Oesterhagen: Nun, ich begreife immer weniger, was Sie wollen. In jeder Messe freut man sich, wenn die Musik gut ist. Mir ist noch nie jemand begegnet, der sich nach der Kirche für schlechtes Orgelspiel bedankt hätte oder dafür, dass ich heiser gesungen habe. Für eine gute Predigt habe ich Gott sei Dank schon ein paarmal Lob bekommen, für eine schlechte hat sich noch keiner bedankt. Über Schlechtes wird sich beschwert. Hier soll auf einmal der Gute falsch sein? Wo ist Ihre Logik geblieben!
Presse: Es ist halt nicht jedermanns Sache, solche Musik… Unwürdig, wie manche meinen.
Oesterhagen: Nein, es gefällt nicht jedem. Oder man hat andere Schwerpunkte. Ich höre am liebsten Palestrina und Bach. Das macht aber nichts, das ist in Ordnung, denn die Lieder werden nicht für die Kritiker gesungen, sondern für Gott. Wissen Sie, als ich ein junger Kaplan war, war ich Mitarbeiter bei einem alten Priester. Und der schickte mich regelmäßig an die Orgel, wenn er die Messe feierte, obwohl ich kaum spielen konnte. „Zur Ehre Gottes!“ sagte er. Ich sagte, man solle Ihn doch lieber mit guter Musik ehren, nicht mit einem solchen Gejaule. Er antwortete, er schicke mich so lange an die Orgel, bis ich gelernt hätte, dass man Gott nicht mit Perfektion, sondern mit Liebe ehrt. Ich könne natürlich auch versuchen, so gut Orgel zu lernen, bis es Gott imponiere. Es hat eine Weile gedauert, bis ich es wirklich begriffen hatte, aber es war heilsam. Gott muss es gefallen. Und ich versichere Ihnen: dieser Lobpreis war randvoll mit Liebe!
Presse: Man könnte Ihre Position im Streit um den Sinn solcher Konferenzen also wie folgt zusammenfassen:…
Oesterhagen: Nein! Kann man nicht.
Presse: Äh…
Oesterhagen: Sehen Sie, ich beziehe keine Position in einem Streit. Das wäre nicht im Sinne des Herrn.
Presse: Es gibt sie aber schon, diese Differenzen um Events dieser Art.
Oesterhagen: Wir reden über Liebe. Wenn ein junger Mann sich bis über beide Ohren verliebt – welch ein Event! Was tut er? Ich werde Ihnen sagen, was er NICHT tut. Er wird NICHT seine Freunde anrufen, um ihnen zu erklären, was gerade psychologisch in ihm vorgeht und warum das Kribbeln im Bauch eigentlich unwichtig ist, ja als schwärmerisches Gefühl sogar von der wahren Liebe ablenkt. Er wird hingegen seinen Freunden von seiner Liebsten vorschwärmen. Er wird die Blumen, die er ihr schenkt, selbst lieben, weil sie für SIE sind. Und wenn seine Freunde gute Freunde sind, werden sie ihn verstehen. Und wenn er ausruft: „Dieser Freu MUSS man einfach Blumen schenken!“, dann werden sie sich für ihn freuen. Was die Freunde NICHT tun werden: ihn zur Rede stellen und ihm vorwerfen, er sei unfrei, denke nur an sein Vergnügen und nötige sie zudem, einer unbekannten Frau Geschenke zu machen. Als gute Freunde werden sie erkennen, dass er gerade ganz besonders frei ist, weil er liebt.
Presse: Und zugleich werden sie wissen, dass dies nicht der Alltag ist.
Oesterhagen: Und wenn sie lebensklug sind, werden sie bedenken, dass eine Ehe in schweren Zeiten umso besser besteht, je mehr die Ehepartner in der Lage sind, sich einfach aneinander zu freuen. Wer im Überschwang des Glücks zu trinken vermag, steht Durststrecken besser durch. Eine sehr kluge alte Frau hat mir einmal das Geheimnis ihrer gelungenen Ehe verraten: Liebe, sagt sie, ist wichtig und gut. Aber ein wenig Verliebtheit muss man sich immer erhalten. Sehen Sie, der junge Mann gibt Zeugnis von seiner Liebe. Und seine Freunde erkennen das und lassen es als das stehen, was es ist. Daraus einen Streit zu machen wäre absurd. Ich hoffe sehr, dass ich in diesem Gespräch nicht wirke wie einer, der erklären will, warum Liebe sinnvoll ist, sondern wie einer, der liebt. Und darum beziehe ich keine wie auch immer geartete Position. Gott gefällt es, wenn wir Zeugen sind. Anwälte braucht er nicht.
Presse: Gefällt es Gott denn auch, wenn Katholiken und Freikirchler zusammen versuchen, an einem Strang zu ziehen? Besteht da nicht eine erhebliche Diskrepanz zwischen der katholischen Lehre und der aggressiven, der europäischen Frömmigkeit fremden Inszenierung eines Ben Fitzgerald, wie Magnus Striet sagte?
Oesterhagen: Sie erinnern sich daran, dass Ben Fitzgerald erzählte, wie er zusammen mit einem Katholischen Priester für einen Kranken betete?
Presse: Sie wollen doch nicht etwa sagen, das waren SIE?
Oesterhagen: Das sollten Sie jedenfalls nicht ausschließen.
Presse: Herr Bischof, ich höre an dieser Stelle lieber auf. Wir bedanken uns für dieses Interview.
Montag, Januar 02, 2017
Grüne erkennen Straftäter am Geruch.
GrünInnen-Chefin Simone Peter sprach sich nachdrücklich dagegen aus, potentielle Straftäter aufgrund ihres Aussehens zu beurteilen und rief damit einen Sturm der Entrüstung hervor. Doch zeigt Peter damit letztlich eine beispielhafte Konsequenz. So wird verständlich, warum die GrünInnen gegen Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen sind: aufgrund von Filmaufnahmen können Täter ausschließlich aufgrund ihres Aussehens gefunden werden – für Peter und ihre ParteigenossInnen ein Unding.
Man mag dieser Betrachtungsweise kritisch gegenüber stehen, doch sollte man sie verstehen, um sie richtig und differenziert beurteilen zu können. Die GrünInnen erkennen Straftäter nämlich am Geruch. Dabei gehen sie sehr klar und eindeutig vor: wer ihnen stinkt, ist ein Gefährder oder Täter. Wer ihnen hingegen nicht stinkt, muss geschützt werden. Teils hängt das von der Richtung ab, in der gesellschaftlich gerade der Wind weht, teils stinken bestimmte Gruppen für GrünInnen aber auch meilenweit gegen den Wind.
So ergibt sich ein eindeutiges Täterprofil. Die Polizei täte gut daran, es zu beachten, wenn sie nicht weiter an den Pranger gestellt werden will.
Man mag dieser Betrachtungsweise kritisch gegenüber stehen, doch sollte man sie verstehen, um sie richtig und differenziert beurteilen zu können. Die GrünInnen erkennen Straftäter nämlich am Geruch. Dabei gehen sie sehr klar und eindeutig vor: wer ihnen stinkt, ist ein Gefährder oder Täter. Wer ihnen hingegen nicht stinkt, muss geschützt werden. Teils hängt das von der Richtung ab, in der gesellschaftlich gerade der Wind weht, teils stinken bestimmte Gruppen für GrünInnen aber auch meilenweit gegen den Wind.
So ergibt sich ein eindeutiges Täterprofil. Die Polizei täte gut daran, es zu beachten, wenn sie nicht weiter an den Pranger gestellt werden will.
Samstag, Dezember 17, 2016
Von meinem Recht, dagegen zu sein.
In der Nacht, als Trump siegte, sangen vor dem Weißen Haus Chöre gegen Ausgrenzung und Rassismus. Sie sorgten damit bei mir für einen Schub des Nachdenkens, dessen Ergebnis dieser Artikel ist: warum, fragte ich mich, stellen sich da bei mir die Nackenhaare auf, obwohl ich weder Rassist bin noch irgendjemanden ausschließen möchte? Was ist daran falsch, oder erscheint mir zumindest so?
Das Problem, so scheint mir, ist, dass in weltanschaulichen Fragen heute keine Meinung mehr vertreten wird, sondern eine Nicht-Meinung. Genauer noch: es ist MEINE Nicht-Meinung, für die andere eintreten. Sie vertreten nicht ihre Meinung, sondern fordern, dass ich keine habe oder sie zumindest für mich behalte. Nicht mehr bestimmte Meinungen werden bekämpft, sondern Meinungen an sich. Sind nämlich persönliche Einstellungen erst Privatsache, entfallen alle Reibungspunkte in der Gesellschaft. Dann gibt es keinen Konflikt mehr und es herrscht Frieden. Weniger nett formuliert ist es die Logik jeder Diktatur: solange alle die Schnauze halten, herrscht Ruhe.
Folglich darf ich beispielsweise für mich entscheiden, niemals abzutreiben, aber ich darf dies von niemandem fordern. Schon die Äußerung, dass ich Abtreibungen möglicherweise für falsch hielte, darf nicht sein. Selbst die Idee, dass Kinder etwas Schönes sind, könnte jemanden stören, der sich gegen sein Kind entschieden hat, und darf folglich nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Nichts erscheint zu übertrieben, als dass es nicht Realität werden könnte: „Dear Future Mom“, ein Spot, der Eltern von Kindern mit Down-Syndrom ermutigen soll, darf in Frankreich nicht im Fernsehen gezeigt werden. Gerichtliche Begründung: Der Spot könne auf Frauen verstörend wirken, die abgetrieben haben.
Hier stehen zwei Rechte gegeneinander: das tatsächliche Recht zu reden und das vermeintliche, nichts hören zu müssen. In meiner Jugend kursierte ein dummer Spruch: Jeder hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern, aber niemand hat die Pflicht, ihm zuzuhören. Heute ist daraus eine noch viel dümmere Realität erwachsen: jeder Hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern, solange sichergestellt ist, dass niemand sie anhören muss. So werden Meinungen jeder Art immer weiter aus der Öffentlichkeit verbannt. In diesem Licht gesehen bekommen positive Aussagen plötzlich einen Beigeschmack. Wenn ein Chor singt, man solle niemanden ausgrenzen, meint er, ich dürfe nicht sagen, dass ich gegen ausgelebte Homosexualität sei. Aus "grenze nicht aus!" wird: "Schweig!". Daher die stehenden Nackenhaare.
Da Meinungen an sich schlimm sind, setzt man sich nicht mit ihnen auseinander. Stattdessen bekämpft man die, die eine Meinung haben, als Ursache des Übels. Nicht für Abtreibung wird demonstriert, sondern gegen Abtreibungsgegner. Nicht für die Rechte Ausgegrenzter gehen die Leute auf die Straße, sondern gegen Rassisten. Brücken werden gebaut, um die gespaltene Gesellschaft wieder zu einen. Doch die Brücken sind verlogen: sie tragen nur Nackte, die ihre Meinung nicht mitnehmen. Jeder ist willkommen, solange er die Schnauze hält; die geeinte Gesellschaft ist meinungsfrei. Nur ein Chor ist erlaubt: der, in dem gegen Meinungen polemisiert wird. Und jeder, der mit anderen Menschen eine Meinung teilt, gilt als Populist.
Es herrscht Angst, und es ist die Angst von Weicheiern. Angemessen wäre es, mir in Diskussionen zu sagen, dass ich Blödsinn rede, und zwar aus folgenden Gründen: erstens, zweitens, drittens. Das bringt etwas. Doch was ist von Menschen zu halten, die es nicht ertragen, dass ich auch nur beginne, in ihre Richtung Einwände vorzubringen? Die bei der bloßen Möglichkeit in Panik geraten und da ein Gesetz gegen machen wollen? In „1984“ fällten wenigstens noch grausame Menschen die Urteile über Meinungsverbrechen, die wussten, was sie taten – heute sind es dümmliche Mimosen, die aus lauter Panik vor dem, was sie selbst tun, die Augen verschließen. Um nicht erkennen zu müssen, dass es um Meinungen geht, flüchten sie sich in die Idee, es seien Krankheitsbilder: der Begriff „Homophobie“ spricht Bände. Dass damit die absurde Situation entsteht, dass eine Angst strafbar gemacht werden soll, ist ihnen egal. Wenn nur die andere Meinung keine Meinung mehr ist, sondern eine Erkrankung, und damit auf jeden Fall falsch. Und wenn die eigene Meinung nur endlich hinter der Idee verschwindet, sie sei keine Position unter anderen, sondern alle Andersdenkenden seien einfach krank. „Homophobie“ schafft keinen Konflikt, sondern ist der verzweifelte Versuch, einen zu vermeiden.
Und alles, was da nicht mitspielt, wird in Panik niedergebrüllt, intellektuell verlacht, verachtet oder sonstwie auf Distanz gehalten. Denn was man selbst vertritt, ist nicht etwas, das man auch anders sehen könnte. Man selbst vertritt die vermeintliche Grundlage der Gesellschaft überhaupt, Gesundheit, Freiheit. Nur eines ist wichtig: keine Auseinandersetzung mit anderen Meinungen, denn das ist gefährlich. Memmen! Sie folgen jedem, der ihnen erklärt, man müsse zu diesem oder jedem keine Meinung haben.
Ein anständiger Gegner hat eine Rüstung, doch innen ist er weich. So kann man ihn treffen und verwunden, doch man muss geschickt dazu sein. Und man kann die Rüstung ausziehen und sich mit ihm anfreunden. Die Gegner heute jedoch sind außen weich und offen für alles. Entsprechend werden sie von allem und jedem schwer getroffen und sind so verwundet, dass sie vor jeder Berührung Panik haben. Innerlich aber sind sie so verhärtet, dass sie nur noch äußerlich zu Freundschaften fähig sind. Mit ihnen zu ringen muss bedeuten, sie innerlich wieder weich zu machen. Irgendwie in den Bereich vorzudringen, in dem sie ihre Eigenschaften weggesperrt haben, um die Nicht-Eigenschaften nicht zu stören, wo sie ihr Geschlecht knechten, um ihr Gender vor Zweifeln zu schützen. Den ganzen anonymen Mitläufern der aggressiven Masse von Meinungsgegnern fehlt vor allem eines: Ermutigung zu sich selbst.
Das einzige, was wir tun können, ist, nicht nur zu unseren Meinungen zu stehen, sondern immer auch zu Meinungen an sich, seien sie nun unsere oder nicht. Kurz: zur politischen Freiheit zu stehen. Pluralismus können nur die garantieren, die ihr eigenes Singular zum Plural beisteuern und so die Idee als Unsinn entlarven, Vielfalt entstehe, wenn keiner mehr denkt. Mein Recht, dagegen zu sein, ist die Grundlage für andere, dafür zu sein. Wer es mir nehmen will, kann mir viel Ärger bereiten. Doch sich selbst nimmt er die Basis für Persönlichkeit.
Das Problem, so scheint mir, ist, dass in weltanschaulichen Fragen heute keine Meinung mehr vertreten wird, sondern eine Nicht-Meinung. Genauer noch: es ist MEINE Nicht-Meinung, für die andere eintreten. Sie vertreten nicht ihre Meinung, sondern fordern, dass ich keine habe oder sie zumindest für mich behalte. Nicht mehr bestimmte Meinungen werden bekämpft, sondern Meinungen an sich. Sind nämlich persönliche Einstellungen erst Privatsache, entfallen alle Reibungspunkte in der Gesellschaft. Dann gibt es keinen Konflikt mehr und es herrscht Frieden. Weniger nett formuliert ist es die Logik jeder Diktatur: solange alle die Schnauze halten, herrscht Ruhe.
Folglich darf ich beispielsweise für mich entscheiden, niemals abzutreiben, aber ich darf dies von niemandem fordern. Schon die Äußerung, dass ich Abtreibungen möglicherweise für falsch hielte, darf nicht sein. Selbst die Idee, dass Kinder etwas Schönes sind, könnte jemanden stören, der sich gegen sein Kind entschieden hat, und darf folglich nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Nichts erscheint zu übertrieben, als dass es nicht Realität werden könnte: „Dear Future Mom“, ein Spot, der Eltern von Kindern mit Down-Syndrom ermutigen soll, darf in Frankreich nicht im Fernsehen gezeigt werden. Gerichtliche Begründung: Der Spot könne auf Frauen verstörend wirken, die abgetrieben haben.
Hier stehen zwei Rechte gegeneinander: das tatsächliche Recht zu reden und das vermeintliche, nichts hören zu müssen. In meiner Jugend kursierte ein dummer Spruch: Jeder hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern, aber niemand hat die Pflicht, ihm zuzuhören. Heute ist daraus eine noch viel dümmere Realität erwachsen: jeder Hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern, solange sichergestellt ist, dass niemand sie anhören muss. So werden Meinungen jeder Art immer weiter aus der Öffentlichkeit verbannt. In diesem Licht gesehen bekommen positive Aussagen plötzlich einen Beigeschmack. Wenn ein Chor singt, man solle niemanden ausgrenzen, meint er, ich dürfe nicht sagen, dass ich gegen ausgelebte Homosexualität sei. Aus "grenze nicht aus!" wird: "Schweig!". Daher die stehenden Nackenhaare.
Da Meinungen an sich schlimm sind, setzt man sich nicht mit ihnen auseinander. Stattdessen bekämpft man die, die eine Meinung haben, als Ursache des Übels. Nicht für Abtreibung wird demonstriert, sondern gegen Abtreibungsgegner. Nicht für die Rechte Ausgegrenzter gehen die Leute auf die Straße, sondern gegen Rassisten. Brücken werden gebaut, um die gespaltene Gesellschaft wieder zu einen. Doch die Brücken sind verlogen: sie tragen nur Nackte, die ihre Meinung nicht mitnehmen. Jeder ist willkommen, solange er die Schnauze hält; die geeinte Gesellschaft ist meinungsfrei. Nur ein Chor ist erlaubt: der, in dem gegen Meinungen polemisiert wird. Und jeder, der mit anderen Menschen eine Meinung teilt, gilt als Populist.
Es herrscht Angst, und es ist die Angst von Weicheiern. Angemessen wäre es, mir in Diskussionen zu sagen, dass ich Blödsinn rede, und zwar aus folgenden Gründen: erstens, zweitens, drittens. Das bringt etwas. Doch was ist von Menschen zu halten, die es nicht ertragen, dass ich auch nur beginne, in ihre Richtung Einwände vorzubringen? Die bei der bloßen Möglichkeit in Panik geraten und da ein Gesetz gegen machen wollen? In „1984“ fällten wenigstens noch grausame Menschen die Urteile über Meinungsverbrechen, die wussten, was sie taten – heute sind es dümmliche Mimosen, die aus lauter Panik vor dem, was sie selbst tun, die Augen verschließen. Um nicht erkennen zu müssen, dass es um Meinungen geht, flüchten sie sich in die Idee, es seien Krankheitsbilder: der Begriff „Homophobie“ spricht Bände. Dass damit die absurde Situation entsteht, dass eine Angst strafbar gemacht werden soll, ist ihnen egal. Wenn nur die andere Meinung keine Meinung mehr ist, sondern eine Erkrankung, und damit auf jeden Fall falsch. Und wenn die eigene Meinung nur endlich hinter der Idee verschwindet, sie sei keine Position unter anderen, sondern alle Andersdenkenden seien einfach krank. „Homophobie“ schafft keinen Konflikt, sondern ist der verzweifelte Versuch, einen zu vermeiden.
Und alles, was da nicht mitspielt, wird in Panik niedergebrüllt, intellektuell verlacht, verachtet oder sonstwie auf Distanz gehalten. Denn was man selbst vertritt, ist nicht etwas, das man auch anders sehen könnte. Man selbst vertritt die vermeintliche Grundlage der Gesellschaft überhaupt, Gesundheit, Freiheit. Nur eines ist wichtig: keine Auseinandersetzung mit anderen Meinungen, denn das ist gefährlich. Memmen! Sie folgen jedem, der ihnen erklärt, man müsse zu diesem oder jedem keine Meinung haben.
Ein anständiger Gegner hat eine Rüstung, doch innen ist er weich. So kann man ihn treffen und verwunden, doch man muss geschickt dazu sein. Und man kann die Rüstung ausziehen und sich mit ihm anfreunden. Die Gegner heute jedoch sind außen weich und offen für alles. Entsprechend werden sie von allem und jedem schwer getroffen und sind so verwundet, dass sie vor jeder Berührung Panik haben. Innerlich aber sind sie so verhärtet, dass sie nur noch äußerlich zu Freundschaften fähig sind. Mit ihnen zu ringen muss bedeuten, sie innerlich wieder weich zu machen. Irgendwie in den Bereich vorzudringen, in dem sie ihre Eigenschaften weggesperrt haben, um die Nicht-Eigenschaften nicht zu stören, wo sie ihr Geschlecht knechten, um ihr Gender vor Zweifeln zu schützen. Den ganzen anonymen Mitläufern der aggressiven Masse von Meinungsgegnern fehlt vor allem eines: Ermutigung zu sich selbst.
Das einzige, was wir tun können, ist, nicht nur zu unseren Meinungen zu stehen, sondern immer auch zu Meinungen an sich, seien sie nun unsere oder nicht. Kurz: zur politischen Freiheit zu stehen. Pluralismus können nur die garantieren, die ihr eigenes Singular zum Plural beisteuern und so die Idee als Unsinn entlarven, Vielfalt entstehe, wenn keiner mehr denkt. Mein Recht, dagegen zu sein, ist die Grundlage für andere, dafür zu sein. Wer es mir nehmen will, kann mir viel Ärger bereiten. Doch sich selbst nimmt er die Basis für Persönlichkeit.
Freitag, Dezember 09, 2016
Geht und vergrätzt alle Völker
Gerade auf Facebook einen kleinen kontroversen Thread über den Papst gefunden. Ein Statement mit 8 Antworten, die ich in Auszügen zitiere:
Das macht pro Beitrag 3 Entgleisungen. Alles im Namen des richtigen Glaubens, versteht sich.
Papst Benedikt hat aufgerufen, zu verkündigen. Ihr Lieben, ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er damit Euch gemeint hat.
- Fatal
- Kommunist
- Lügen
- "stellt Grundsätzliches in Frage, damit Unklarheit entsteht"
- Claqueure
- Oberlehrer
- stockkonservativ
- anarchistischer Gleichheitsbegriff
- "gehören zu den Piusbrüdern"
- pathologischer Sozialpessimismus
- Flegelkardinäle
- Oberlehrer
- demontieren das Lehramt
- Kadavergehorsam
- Unverschämtheit
- absolute Frechheit
- „Genauso haben die Linksliberalen auch immer argumentiert“
- Spalter
- denunzieren
- „In jedem Unternehmen fliegen Sie raus“
- „Sie wollen hier doch nicht ernsthaft“
- illegitime Kritik
- schlechtester Konservatismus
- „nicht mehr danach fragt, worum es geht“
Das macht pro Beitrag 3 Entgleisungen. Alles im Namen des richtigen Glaubens, versteht sich.
Papst Benedikt hat aufgerufen, zu verkündigen. Ihr Lieben, ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er damit Euch gemeint hat.
Donnerstag, Dezember 08, 2016
Brücken und ihre Erbauer
Jede Brücke besteht aus Pfeilern und dem Bereich, in dem sie frei trägt und etwas überspannt, dem Überbau. Bestünde sie nur aus Pfeilern, wäre sie keine Brücke, sondern eine Säulenreihe. Hätte sie hingegen keine Pfeiler und bestünde nur aus Überbau, wäre sie eine schlichte Straße. Ohne Pfeiler steht sie nicht, ohne Überbau ist sie nicht begehbar und erreicht nichts.
Dieses Prinzip lässt sich auf die Situation des Papstes übertragen, dessen Funktion bekanntlich die ist, der größte aller Brückenbauer zu sein. Und damit hat er es schwer, denn derzeit beäugen sich Pfeiler und Überbau äußerst misstrauisch.
Während den einen alles häretisch erscheint, was nicht selbst direkt auf dem Fundament befestigt ist, halten andere jede solide Gründung für überflüssig und betonen, es käme auf Reichweite an, nicht auf Standpunkte. Viele der Ersteren wittern Verrat am Fundament, sobald sie Brücke auskragt. Sie weisen dem Überbau nach, dass er unter sich keine Substanz hat, und vergessen, dass sie es sind, die ihn tragen. Viele Mitarbeiter des Überbaus hingegen würde am liebsten die Pfeiler von den Fundamenten abreißen, um sie waagerecht zu drehen und so noch etwas weiter zu reichen.
So schwächen sich beide Bereiche gegenseitig, anstatt zu erkennen, dass sie nur gemeinsam in der Lage sind, irgendjemanden zu erreichen. Der (schlechte) Witz ist, dass beide Fraktionen dasselbe erreichen oder besser: nicht erreichen, wenn sie versuchen, einen Fluss zu überqueren. Die einen bauen einen undurchlässigen Damm, der zwar überall sauber auf dem Grund steht, aber den Fluss nicht überquert, sondern staut. Der Fluss wird steigen und ihn überspülen. Die anderen queren den Fluss sehr schnell und reichen weit, liegen aber auf dem Boden und werden daher ebenfalls überspült. Diese sehr volksnah, die Dammbauer dafür auf höherem Niveau. Erreichen tun sie beide nichts.
Diesen Kampf zu beenden und wieder ein Verständnis für das Wesen von Brücken zu wecken versucht der Papst. Mit mäßigem Erfolg, sind doch beide Seiten bisher vor allem darauf aus, ihn für ihre Erkenntnisse zu vereinnahmen oder aufgrund ihrer Erkenntnisse abzulehnen. Heute werden große Brücken gebraucht, nicht Streitereien auf der Baustelle. Doch leider ist die Zeit noch nicht gekommen, in der die einen die anderen in Glauben und Gebet tragen und die anderen sich getragen wissen und sich, darauf vertrauend, weit hinauslehnen. Die Zeit ist noch nicht da, in der die einen die anderen nicht verurteilen, sondern unterstützen und bei Bedarf korrigieren: Achtung, die Sache beginnt zu kippen! Oder: Wir müssen noch weiter hinaus – verankert euch noch fester!
Die Dubia sind dabei ihrer Zeit voraus. Bei ihnen handelt es sich um einen Hinweis, was Pfeiler zu tragen in der Lage sind und wo es kippen könnte. Entgegen der verbreiteten Wahrnehmung sind sie keine Positionierung innerhalb dieses sinnlosen Kampfes, sondern eine Korrektur im Sinne des Brückenbaus. Jeder Versuch, sie gegen andere auszuspielen, dient weder der Sache, noch ist er im Sinn der vier Kardinäle. Hinweise wie diese wird es in einer aktiven Kirche immer wieder geben. Durchaus auch von anderer Seite. Doch die Arbeiter auf der Baustelle können nicht damit umgehen, weil sie nicht mehr das ganze Bauwerk sehen. Während die einen verkünden, alles breche zusammen, jubeln die anderen, dass die lästigen Pfeiler endlich kippen. Nichts dergleichen ist der Fall. Doch das Gebrüll der beiden Fraktionen, die bis in höchste Kirchenämter reichen, verhindert, dass der Papst reden kann. Er weiß, dass jede Stellungnahme sofort falsch interpretiert und vereinnahmt würde und er schweigt.
Sollte der Punkt kommen, an dem der Papst erst einmal den leidigen Kompetenzstreit beendet, bevor weiter gebaut wird – dann knallt es. Und jeder, der jetzt schreit, wird sich schlecht behandelt vorkommen, denn er wird verdonnert werden zu schweigen. Lieber nicht.
Dieses Prinzip lässt sich auf die Situation des Papstes übertragen, dessen Funktion bekanntlich die ist, der größte aller Brückenbauer zu sein. Und damit hat er es schwer, denn derzeit beäugen sich Pfeiler und Überbau äußerst misstrauisch.
Während den einen alles häretisch erscheint, was nicht selbst direkt auf dem Fundament befestigt ist, halten andere jede solide Gründung für überflüssig und betonen, es käme auf Reichweite an, nicht auf Standpunkte. Viele der Ersteren wittern Verrat am Fundament, sobald sie Brücke auskragt. Sie weisen dem Überbau nach, dass er unter sich keine Substanz hat, und vergessen, dass sie es sind, die ihn tragen. Viele Mitarbeiter des Überbaus hingegen würde am liebsten die Pfeiler von den Fundamenten abreißen, um sie waagerecht zu drehen und so noch etwas weiter zu reichen.
So schwächen sich beide Bereiche gegenseitig, anstatt zu erkennen, dass sie nur gemeinsam in der Lage sind, irgendjemanden zu erreichen. Der (schlechte) Witz ist, dass beide Fraktionen dasselbe erreichen oder besser: nicht erreichen, wenn sie versuchen, einen Fluss zu überqueren. Die einen bauen einen undurchlässigen Damm, der zwar überall sauber auf dem Grund steht, aber den Fluss nicht überquert, sondern staut. Der Fluss wird steigen und ihn überspülen. Die anderen queren den Fluss sehr schnell und reichen weit, liegen aber auf dem Boden und werden daher ebenfalls überspült. Diese sehr volksnah, die Dammbauer dafür auf höherem Niveau. Erreichen tun sie beide nichts.
Diesen Kampf zu beenden und wieder ein Verständnis für das Wesen von Brücken zu wecken versucht der Papst. Mit mäßigem Erfolg, sind doch beide Seiten bisher vor allem darauf aus, ihn für ihre Erkenntnisse zu vereinnahmen oder aufgrund ihrer Erkenntnisse abzulehnen. Heute werden große Brücken gebraucht, nicht Streitereien auf der Baustelle. Doch leider ist die Zeit noch nicht gekommen, in der die einen die anderen in Glauben und Gebet tragen und die anderen sich getragen wissen und sich, darauf vertrauend, weit hinauslehnen. Die Zeit ist noch nicht da, in der die einen die anderen nicht verurteilen, sondern unterstützen und bei Bedarf korrigieren: Achtung, die Sache beginnt zu kippen! Oder: Wir müssen noch weiter hinaus – verankert euch noch fester!
Die Dubia sind dabei ihrer Zeit voraus. Bei ihnen handelt es sich um einen Hinweis, was Pfeiler zu tragen in der Lage sind und wo es kippen könnte. Entgegen der verbreiteten Wahrnehmung sind sie keine Positionierung innerhalb dieses sinnlosen Kampfes, sondern eine Korrektur im Sinne des Brückenbaus. Jeder Versuch, sie gegen andere auszuspielen, dient weder der Sache, noch ist er im Sinn der vier Kardinäle. Hinweise wie diese wird es in einer aktiven Kirche immer wieder geben. Durchaus auch von anderer Seite. Doch die Arbeiter auf der Baustelle können nicht damit umgehen, weil sie nicht mehr das ganze Bauwerk sehen. Während die einen verkünden, alles breche zusammen, jubeln die anderen, dass die lästigen Pfeiler endlich kippen. Nichts dergleichen ist der Fall. Doch das Gebrüll der beiden Fraktionen, die bis in höchste Kirchenämter reichen, verhindert, dass der Papst reden kann. Er weiß, dass jede Stellungnahme sofort falsch interpretiert und vereinnahmt würde und er schweigt.
Sollte der Punkt kommen, an dem der Papst erst einmal den leidigen Kompetenzstreit beendet, bevor weiter gebaut wird – dann knallt es. Und jeder, der jetzt schreit, wird sich schlecht behandelt vorkommen, denn er wird verdonnert werden zu schweigen. Lieber nicht.
Montag, Dezember 05, 2016
Autsch!
"Wenn Jesus vergeben kann, muss ich es als Mensch doch auch können!"
Sagt der Chef der Bundesagentur für Arbeit und Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Frank-Jürgen Wiese. (LINK)
Lieber Herr Wiese, diese Aussage beinhaltet derart viele Fehler, dass ich bestimmt die Hälfte übersehe.
Jesus ist also kein Mensch? Doch, ist er. Weihnachten bekommen Sie das noch einmal erklärt, wenn Sie in die Kirche gehen.
Was Jesus kann, müssten Sie auch können? Ja verflixt noch eins - es will einfach nicht klappen? Vielleicht beginnen Sie erst einmal mit etwas einfacherem als Vergebung. Auf dem Wasser gehen vielleicht.
Ihre Vergebung ist vergleichbar mit der Vergebung, die Jesus gab? Immerhin setzen Sie das gleich. Nun, da vergessen Sie einen kleinen Unterschied: Sie können das vergeben, was Ihnen angetan wurde, und zwar dem, der es Ihnen angetan hat. Jesus dagegen hat das vergeben, was irgendeinem Menschen angetan wurde, und zwar jedem, der Ihn bittet. Ihre Vergebung bringt etwas Frieden, die Vergebung durch Jesus bringt ewiges Leben. Um es klar zu sagen: wenn ich Ihnen auf die Füsse trete, können Sie mir das vergeben; Jesus hingegen kann allen Menschen vergeben, dass sie irgendwann irgendwem auf die Füsse traten (nach C.S. Lewis). Der hat einfach mehr drauf als Sie, auch wenn das vielleicht hart klingt. Das liegt daran, dass Er jeden Menschen mehr liebt, als dieser Mensch sich selbst, und Er daher stets der Hauptbetroffene ist.
Lassen Sie sich aber nicht demotivieren. Vergeben ist wichtig und nötig und gut. Nur die Annahme, man müsse das eigentlich können, ist, sagen wir, mutig. Und die Begründung, man müsse es doch hinkriegen, wenn doch sogar Jesus das konnte - hmm, gibt es unter den zahlreichen Fortbildungen Ihrer Agentur nicht irgendeine gute über christliche Basics? Das wäre doch was.
Sagt der Chef der Bundesagentur für Arbeit und Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Frank-Jürgen Wiese. (LINK)
Lieber Herr Wiese, diese Aussage beinhaltet derart viele Fehler, dass ich bestimmt die Hälfte übersehe.
Jesus ist also kein Mensch? Doch, ist er. Weihnachten bekommen Sie das noch einmal erklärt, wenn Sie in die Kirche gehen.
Was Jesus kann, müssten Sie auch können? Ja verflixt noch eins - es will einfach nicht klappen? Vielleicht beginnen Sie erst einmal mit etwas einfacherem als Vergebung. Auf dem Wasser gehen vielleicht.
Ihre Vergebung ist vergleichbar mit der Vergebung, die Jesus gab? Immerhin setzen Sie das gleich. Nun, da vergessen Sie einen kleinen Unterschied: Sie können das vergeben, was Ihnen angetan wurde, und zwar dem, der es Ihnen angetan hat. Jesus dagegen hat das vergeben, was irgendeinem Menschen angetan wurde, und zwar jedem, der Ihn bittet. Ihre Vergebung bringt etwas Frieden, die Vergebung durch Jesus bringt ewiges Leben. Um es klar zu sagen: wenn ich Ihnen auf die Füsse trete, können Sie mir das vergeben; Jesus hingegen kann allen Menschen vergeben, dass sie irgendwann irgendwem auf die Füsse traten (nach C.S. Lewis). Der hat einfach mehr drauf als Sie, auch wenn das vielleicht hart klingt. Das liegt daran, dass Er jeden Menschen mehr liebt, als dieser Mensch sich selbst, und Er daher stets der Hauptbetroffene ist.
Lassen Sie sich aber nicht demotivieren. Vergeben ist wichtig und nötig und gut. Nur die Annahme, man müsse das eigentlich können, ist, sagen wir, mutig. Und die Begründung, man müsse es doch hinkriegen, wenn doch sogar Jesus das konnte - hmm, gibt es unter den zahlreichen Fortbildungen Ihrer Agentur nicht irgendeine gute über christliche Basics? Das wäre doch was.
Sonntag, Dezember 04, 2016
4. Türchen, Betrachtungen
Betrachtungen von Papst Franziskus
Auszüge aus bisher unveröffentlichten persönlichen Ansichten eines Oberhirten.Es ist eine Freude, die neuen bisher unbekannten Betrachtungen von Franziskus auf sich wirken zu lassen. Denn was könnte aufbauender sein, als auf diese Weise hineingekommen zu werden in die unmittelbare Nähe unseres Heiligen Vaters, den man so auf völlig neue Weise kennenlernt.
Vier Betrachtungen sind es, für jeden Adventssonntag eine. Nehmt Euch die nötige Ruhe und Zeit, damit die Betrachtungen das Herz und das Gemüt erreichen und erhellen können.
Und immer tiefer werden wir in das Geheimnis hineingeführt.

- Am ersten Adventssonntag setzt man sich dem Blick des Geschehens aus, betrachtet es sozusagen frontal.
- Am zweiten Sonntag löst man sich von der eigenen Betroffenheit. Man tritt einen Schritt zur Seite und betrachtet so aus einer neuen Perspektive.
- Nun ist man darauf vorbereitet, an diesem Sonntag hinter die Dinge zu schauen, sozusagen die Rückseite der Medaille kennenzulernen. Sie ist nicht weniger faszinierend, wenn sie einen auch seltener anspricht.
- Am vierten Advent schließlich nähert man sich der Perspektive Gottes an. Von oben betrachtet scheint alles kleiner, aber nicht weniger wichtig.
Morgen erbaut uns Josef Bordat.
Montag, November 28, 2016
Halt, rote Linie!
Was macht man, wenn eine mathematische Gleichung nicht aufgehen will? Ganz einfach: man zwingt sie dazu. Per Gesetz. Frei nach Woody Allen, der auch bereits vorschlug, bisher unlösbaren Gleichungen Repressalien anzudrohen.
Ehrlich gesagt mag ich solche Witze. Absurditäten können unterhaltsam sein. Also gleich noch so einen: Was macht eine Arbeitsministerin, wenn die Rente zu teuer wird: sie verbietet das. Per Gesetz. Womit wir mit den Witzen am Ende wären, denn dies ist die Realität.
Ein neues Rentenkonzept wurde vorgelegt. Zwei „rote Linien“ gibt es darin, die nie und nimmermals überschritten werden dürfen: die Rente darf einen bestimmten Betrag nicht unterschreiten, die Beiträge dafür dürfen einen bestimmten Betrag nicht überschreiten. Und wenn das nicht passt? Wenn auch die höchsten erlaubten Einnahmen nicht reichen, die niedrigste erlaubte Rente zu finanzieren, was in wenigen Jahren der Fall sein dürfte? Ich meine, was soll das? Macht sich die Rente dann strafbar?
Kein Mensch hat etwas von solchen Regelungen, die so absurd sind, dass nicht einmal das Wort peinlich darauf noch passt. Sie besagen nichts anderes als: ab einem bestimmten Betrag wissen wir nicht weiter und greifen in die Steuerkasse. Wer hätte das gedacht. Dann gibt es eben höhere Steuern, vielleicht einen Rentensoli. Die Regelung jetzt ist nichts anderes als die Legitimierung der Verlegenheit demnächst. Der Bescheid, den man dann bekommt, hat ungefähr diesen Inhalt:
Lieber Bürger, wir bräuchten monatlich 100,-€ mehr von dir, um die Renten zu bezahlen. Da wir den Beitrag nicht erhöhen dürfen, bekommen wir künftig eben 100,-€ Rentensoli von dir. Da dieser neue Soli allerdings einen erheblichen Verwaltungsaufwand bedeutet, erhöht sich der Beitrag um 20%. Der Betrag von monatlich 120,-€ wird künftig mit der Steuer automatisch einbehalten.
Viele liebe Grüße, Rentenkasse und Finanzamt.
Vom Konzept her übrigens eine feine Sache: da Renten besteuert werden, zahlen die Rentner so ihre eigene Rente. Ich höre es schon: „Wer verbraucht, soll auch einzahlen“ oder Ähnliches – irgendein brauchbarer Slogan, der nach gerechter Verteilung klingt, wird sich dafür schon finden lassen.
Wenn die Politik mir einmal nicht in die Tasche greift, dann nur deshalb, weil sie Zugriff auf mein Konto hat. Bezahlen werden alles die jetzt jung sind. Deren Eltern werden übrigens weniger Rente bekommen, da sie Rentenzahler großzogen, anstatt zu arbeiten, ihre Energie also in die einzige Tätigkeit steckten, die auch künftig Renten garantiert, allerdings nicht bezahlt wird. Ich habe es meinem Sohn schon erklärt: Du wirst die Renten bezahlen, die in deiner Arbeitszeit anstehen. Die geringsten wirst du deinen und anderen Eltern bezahlen, weil die so große Kinderpausen hatten. Die höchsten wirst du denen bezahlen, die Karriere statt Kindern wollten. Das ist nur gerecht so. Er hat mich verstanden.
Rote Linien? Kein Politiker bleibt davor stehen. Der für Staatsmänner ausgerollte rote Teppich ist nichts als das Symbol der roten Linien, die er schon überschritten hat. Je mehr, desto länger.
Feierlich und selbstverständlich nur zu unserem Wohl.
Ehrlich gesagt mag ich solche Witze. Absurditäten können unterhaltsam sein. Also gleich noch so einen: Was macht eine Arbeitsministerin, wenn die Rente zu teuer wird: sie verbietet das. Per Gesetz. Womit wir mit den Witzen am Ende wären, denn dies ist die Realität.
Ein neues Rentenkonzept wurde vorgelegt. Zwei „rote Linien“ gibt es darin, die nie und nimmermals überschritten werden dürfen: die Rente darf einen bestimmten Betrag nicht unterschreiten, die Beiträge dafür dürfen einen bestimmten Betrag nicht überschreiten. Und wenn das nicht passt? Wenn auch die höchsten erlaubten Einnahmen nicht reichen, die niedrigste erlaubte Rente zu finanzieren, was in wenigen Jahren der Fall sein dürfte? Ich meine, was soll das? Macht sich die Rente dann strafbar?
Kein Mensch hat etwas von solchen Regelungen, die so absurd sind, dass nicht einmal das Wort peinlich darauf noch passt. Sie besagen nichts anderes als: ab einem bestimmten Betrag wissen wir nicht weiter und greifen in die Steuerkasse. Wer hätte das gedacht. Dann gibt es eben höhere Steuern, vielleicht einen Rentensoli. Die Regelung jetzt ist nichts anderes als die Legitimierung der Verlegenheit demnächst. Der Bescheid, den man dann bekommt, hat ungefähr diesen Inhalt:
Lieber Bürger, wir bräuchten monatlich 100,-€ mehr von dir, um die Renten zu bezahlen. Da wir den Beitrag nicht erhöhen dürfen, bekommen wir künftig eben 100,-€ Rentensoli von dir. Da dieser neue Soli allerdings einen erheblichen Verwaltungsaufwand bedeutet, erhöht sich der Beitrag um 20%. Der Betrag von monatlich 120,-€ wird künftig mit der Steuer automatisch einbehalten.
Viele liebe Grüße, Rentenkasse und Finanzamt.
Vom Konzept her übrigens eine feine Sache: da Renten besteuert werden, zahlen die Rentner so ihre eigene Rente. Ich höre es schon: „Wer verbraucht, soll auch einzahlen“ oder Ähnliches – irgendein brauchbarer Slogan, der nach gerechter Verteilung klingt, wird sich dafür schon finden lassen.
Wenn die Politik mir einmal nicht in die Tasche greift, dann nur deshalb, weil sie Zugriff auf mein Konto hat. Bezahlen werden alles die jetzt jung sind. Deren Eltern werden übrigens weniger Rente bekommen, da sie Rentenzahler großzogen, anstatt zu arbeiten, ihre Energie also in die einzige Tätigkeit steckten, die auch künftig Renten garantiert, allerdings nicht bezahlt wird. Ich habe es meinem Sohn schon erklärt: Du wirst die Renten bezahlen, die in deiner Arbeitszeit anstehen. Die geringsten wirst du deinen und anderen Eltern bezahlen, weil die so große Kinderpausen hatten. Die höchsten wirst du denen bezahlen, die Karriere statt Kindern wollten. Das ist nur gerecht so. Er hat mich verstanden.
Rote Linien? Kein Politiker bleibt davor stehen. Der für Staatsmänner ausgerollte rote Teppich ist nichts als das Symbol der roten Linien, die er schon überschritten hat. Je mehr, desto länger.
Feierlich und selbstverständlich nur zu unserem Wohl.
Donnerstag, November 10, 2016
Wissen macht machtlos!
Die Meinungsforscher wussten, dass Clinton gewinnt.
Die Presse wusste, dass Trump letztlich keine Chance hat.
Die Fachleute wussten, dass die Aktien einbrechen, sollte Trump gewinnen.
Das wussten die schon immer. Verlasst euch drauf!
Das war vor der Wahl.
Jetzt ist nach der Wahl.
Heute weiß die Presse, warum es gar nicht anders kommen konnte.
Heute weiß die Presse, was kommen wird.
Heute weiß die Politik, dass das auch bei uns passieren kann. Und sie zittert. Denn sie hat ein Problem: die einzige Lösung, zu der sie sich aufraffen kann, ist, noch stärker genau so weiter zu machen, wie bisher.
Maybrit Illner zeigte es:
Alice Schwarzer weiß, dass ungebildete weiße Männer die Ursache waren, weil sie mit einer starken Frau nichts anfangen konnten.
Lafontaine weiß, dass die soziale Kluft die Ursache ist, die wiederum daher rührt, dass die Menschen nicht links genug sind.
Aus dem Lager der Grünen heißt es: „Wir müssen den Menschen noch besser erklären, was wir tun!“
Mehr vom Alten.
Fazit: der Schuss wurde gehört. Er soll die anderen aufrütteln.
Die Politik schaut von den Menschen weg und versteht den Tritt, der notgedrungen von hinten kommt, als beschleunigenden Impuls in ihre Richtung. Denn jeder hat eine ganz besondere Qualität in diesem ganzen Tohuwabohu: er kennt sich aus und weiß. Als einziger, versteht sich.
Politik und Presse sind gefangen in ihrem Anspruch an sich selbst, immer den Weg zu kennen und der Bevölkerung zu vermitteln. So gefangen, dass sie lieber blanken Unsinn von sich geben als einfach einmal still zu sein. Und damit verpassen sie das Entscheidende: das Hören, weil sie ständig reden. Sie, die immer alles wissen, übersehen das Banalste, das in jedem Kommunikationstraining gelehrt wird: erst einmal den Anderen reden lassen. Ihn fragen lassen. Vertrauen schafft man, indem man sich Fragen anhört und sie stehen lässt. Beantwortet man sie sofort, schafft man Abneigung. Doch zu dieser Erkenntnis sind Politik und Presse unfähig. Schon prasseln wieder Antworten und Erklärungen auf uns ein, ohne Basis, oft mit einer Halbwertszeit von nur Stunden. Antworten und Erklärungen, die nur noch nerven.
Niemandem fällt auf, was Trump sagte: „Ihr werdet nicht länger ungehört bleiben!“
Er versprach zu hören. Und das kam an. Die teils abstrusen Antworten, die er gab, waren kein besserwisserisches Herunterleiern von Lösungen, die niemand mehr hören wollte, sondern Impulse, die die Stimmung aufgriffen, die er hörte. Nicht weil sie jeden Latino rauswerfen wollten, wählten sie ihn, sondern weil sie merkten: der hat uns zugehört. Denn eins wissen die Wähler genau: Politiker und Reporter, die alles wissen, haben keine Ahnung. Und sie vertrauen dem, der vermittelt, zuzuhören und die Ärmel hochzukrempeln.
Unsere Politik hingegen und unsere Presse sind nicht nur unfähig, zu hören – sie verteufeln das Hören noch dazu. „Populismus“ ist die Diagnose, die sie jedem zuordnen, der auf die Menschen einzugehen versucht. Sie sind es gewohnt, Ungeliebtes so zu bedrängen und zu ächten, dass es sich wieder zurückzieht. Und sie überlassen das Hören anderen. Eine Frage der Zeit, bis sie sich verwundert die Augen reiben, weil sie entmachtet wurden.
Und wir können froh sein, wenn wir mit denen, die dann an die Macht kommen, nicht ins totale Chaos versinken. Die danach greifen, sind mehr als bedenklich.
Die Presse wusste, dass Trump letztlich keine Chance hat.
Die Fachleute wussten, dass die Aktien einbrechen, sollte Trump gewinnen.
Das wussten die schon immer. Verlasst euch drauf!
Das war vor der Wahl.
Jetzt ist nach der Wahl.
Heute weiß die Presse, warum es gar nicht anders kommen konnte.
Heute weiß die Presse, was kommen wird.
Heute weiß die Politik, dass das auch bei uns passieren kann. Und sie zittert. Denn sie hat ein Problem: die einzige Lösung, zu der sie sich aufraffen kann, ist, noch stärker genau so weiter zu machen, wie bisher.
Maybrit Illner zeigte es:
Alice Schwarzer weiß, dass ungebildete weiße Männer die Ursache waren, weil sie mit einer starken Frau nichts anfangen konnten.
Lafontaine weiß, dass die soziale Kluft die Ursache ist, die wiederum daher rührt, dass die Menschen nicht links genug sind.
Aus dem Lager der Grünen heißt es: „Wir müssen den Menschen noch besser erklären, was wir tun!“
Mehr vom Alten.
Fazit: der Schuss wurde gehört. Er soll die anderen aufrütteln.
Die Politik schaut von den Menschen weg und versteht den Tritt, der notgedrungen von hinten kommt, als beschleunigenden Impuls in ihre Richtung. Denn jeder hat eine ganz besondere Qualität in diesem ganzen Tohuwabohu: er kennt sich aus und weiß. Als einziger, versteht sich.
Politik und Presse sind gefangen in ihrem Anspruch an sich selbst, immer den Weg zu kennen und der Bevölkerung zu vermitteln. So gefangen, dass sie lieber blanken Unsinn von sich geben als einfach einmal still zu sein. Und damit verpassen sie das Entscheidende: das Hören, weil sie ständig reden. Sie, die immer alles wissen, übersehen das Banalste, das in jedem Kommunikationstraining gelehrt wird: erst einmal den Anderen reden lassen. Ihn fragen lassen. Vertrauen schafft man, indem man sich Fragen anhört und sie stehen lässt. Beantwortet man sie sofort, schafft man Abneigung. Doch zu dieser Erkenntnis sind Politik und Presse unfähig. Schon prasseln wieder Antworten und Erklärungen auf uns ein, ohne Basis, oft mit einer Halbwertszeit von nur Stunden. Antworten und Erklärungen, die nur noch nerven.
Niemandem fällt auf, was Trump sagte: „Ihr werdet nicht länger ungehört bleiben!“
Er versprach zu hören. Und das kam an. Die teils abstrusen Antworten, die er gab, waren kein besserwisserisches Herunterleiern von Lösungen, die niemand mehr hören wollte, sondern Impulse, die die Stimmung aufgriffen, die er hörte. Nicht weil sie jeden Latino rauswerfen wollten, wählten sie ihn, sondern weil sie merkten: der hat uns zugehört. Denn eins wissen die Wähler genau: Politiker und Reporter, die alles wissen, haben keine Ahnung. Und sie vertrauen dem, der vermittelt, zuzuhören und die Ärmel hochzukrempeln.
Unsere Politik hingegen und unsere Presse sind nicht nur unfähig, zu hören – sie verteufeln das Hören noch dazu. „Populismus“ ist die Diagnose, die sie jedem zuordnen, der auf die Menschen einzugehen versucht. Sie sind es gewohnt, Ungeliebtes so zu bedrängen und zu ächten, dass es sich wieder zurückzieht. Und sie überlassen das Hören anderen. Eine Frage der Zeit, bis sie sich verwundert die Augen reiben, weil sie entmachtet wurden.
Und wir können froh sein, wenn wir mit denen, die dann an die Macht kommen, nicht ins totale Chaos versinken. Die danach greifen, sind mehr als bedenklich.
Mittwoch, November 09, 2016
Trump und Chesterton
Anlässlich der Wahl in den Staaten ein paar Gedanken von Chesterton zum Konservativismus:
Wer das Alte, das er für wertig erkannt hat, erhalten will, darf nicht konservativ, sondern muss progressiv sein. Zum Erhalt braucht es immer wieder eine Revolution. Wer seinen weißen Gartenzaun erhalten will, darf ihn nicht sich selbst überlassen, sondern muss ihn regelmäßig neu streichen, sonst wird er schwarz. Bewahren geschieht durch regelmäßige Erneuerung. Erneuert man es nicht, wird man von dem, was man zu bewahren versucht, letztendlich tyrannisiert. Soweit Chesterton.
Was in den USA geschehen ist, war der Versuch einer derartigen Erneuerung: die Revolution mit dem Ziel des alten großen Traumes. Abgestraft wurde hingegen die Kandidatin, die das Establishment in seiner Entwicklung belassen und nichts ändern wollte. Es ist ein Sieg des Progressivismus über den Konservativismus.
Kein Mensch weiß, was daraus werden wird. Der Wahlkampf legt Übles nahe. Jeder Moderator und Schreiber versucht derzeit, sich mittels analytischer Gedanken als Prophet zu erweisen. Keinem gelingt es und das meiste wirkt peinlich. Vor allem deshalb, weil die Schablone, die angelegt wird, lautet: Clinton = progressiv, Trump = konservativ. Diese Schablone ist falsch; sie beruht darauf, bestimmte Positionen als beweglich anzusehen und andere als unbeweglich, was Unsinn ist. Und so haben weltweit Progressive Angst vor Veränderungen, die sie als Stillstand kennzeichnen, und viele Konservative freuen sich darüber, dass nichts beim Alten bleiben wird. Schlechte Voraussetzungen für eine politische Zusammenarbeit.
Was in den USA geschieht, ist ein Aufbruch. Weiß der Kuckuck wohin.
Wer das Alte, das er für wertig erkannt hat, erhalten will, darf nicht konservativ, sondern muss progressiv sein. Zum Erhalt braucht es immer wieder eine Revolution. Wer seinen weißen Gartenzaun erhalten will, darf ihn nicht sich selbst überlassen, sondern muss ihn regelmäßig neu streichen, sonst wird er schwarz. Bewahren geschieht durch regelmäßige Erneuerung. Erneuert man es nicht, wird man von dem, was man zu bewahren versucht, letztendlich tyrannisiert. Soweit Chesterton.
Was in den USA geschehen ist, war der Versuch einer derartigen Erneuerung: die Revolution mit dem Ziel des alten großen Traumes. Abgestraft wurde hingegen die Kandidatin, die das Establishment in seiner Entwicklung belassen und nichts ändern wollte. Es ist ein Sieg des Progressivismus über den Konservativismus.
Kein Mensch weiß, was daraus werden wird. Der Wahlkampf legt Übles nahe. Jeder Moderator und Schreiber versucht derzeit, sich mittels analytischer Gedanken als Prophet zu erweisen. Keinem gelingt es und das meiste wirkt peinlich. Vor allem deshalb, weil die Schablone, die angelegt wird, lautet: Clinton = progressiv, Trump = konservativ. Diese Schablone ist falsch; sie beruht darauf, bestimmte Positionen als beweglich anzusehen und andere als unbeweglich, was Unsinn ist. Und so haben weltweit Progressive Angst vor Veränderungen, die sie als Stillstand kennzeichnen, und viele Konservative freuen sich darüber, dass nichts beim Alten bleiben wird. Schlechte Voraussetzungen für eine politische Zusammenarbeit.
Was in den USA geschieht, ist ein Aufbruch. Weiß der Kuckuck wohin.
Sonntag, Oktober 30, 2016
Zensur?
Eine Unart der Auseinandersetzung, von deren Beispielen die Kommentarspalten katholischer Posts oft voll sind:
Darf ich als Katholik Dinge nicht sagen, weil die Falschen sie schon sagten? Können mir folglich diese Personen faktisch vorschreiben, was ich sagen oder denken darf?
Es ist kaum möglich, ein umweltpolitisches Problem anzuschneiden, ohne Kommentare dieser Art zu hören oder lesen. Auch bei sozialen Fragen ist es ähnlich: es gibt Unpersonen, und deren Themen sind Unthemen. Ein Unding!
Viele genau der Christen, die bei Fragen der Sexualität (mit Recht!) sofort zwischen Sünder und Sünde zu differenzieren wissen, sind in anderen Fällen nicht einmal in der Lage, Problem und Lösung zu unterscheiden. Sie reagieren ganz so als würde ich, sehe ich ein Problem, automatisch eine falsche Lösung dafür unterstützen, nur weil sie bereits gesagt wurde.
Also als meine Kinder klein waren, habe ich jedem zugehört, der feststellte, sie hätten die Windeln voll, völlig wurscht ob der Entdecker nun dafür war, Pampers zu nehmen oder Ökowindeln. Mich hat die Info interessiert, nicht dessen Weltanschauung. Mir kommt es vor, als seine viele Schreiber in Blogs und auf facebook der Meinung, man dürfe Kinder nur wickeln, wenn, mit Verlaub, die Scheiße von einem moralisch unbedenklichen Menschen entdeckt und benannt wird. Und so bleibt viel Scheiße liegen und stinkt zum Himmel, weil es für Christen (Bürger, Konservative etc…) nicht opportun ist, sie zu sehen, da Lafontaine bereits reingetreten ist. Heraus kommen Diskussionen, bei denen man sich die Haare raufen will.
Glatzköpfige Intellektuelle tun mir leid!
- Diese Aussage könnte auch von Lafontaine sein!
- Das sind linksgrüne Forderungen!
- Wie kann man den zitieren? Der ist doch bekannt für seine antikirchlichen Positionen!
- Etc…
Darf ich als Katholik Dinge nicht sagen, weil die Falschen sie schon sagten? Können mir folglich diese Personen faktisch vorschreiben, was ich sagen oder denken darf?
Es ist kaum möglich, ein umweltpolitisches Problem anzuschneiden, ohne Kommentare dieser Art zu hören oder lesen. Auch bei sozialen Fragen ist es ähnlich: es gibt Unpersonen, und deren Themen sind Unthemen. Ein Unding!
Viele genau der Christen, die bei Fragen der Sexualität (mit Recht!) sofort zwischen Sünder und Sünde zu differenzieren wissen, sind in anderen Fällen nicht einmal in der Lage, Problem und Lösung zu unterscheiden. Sie reagieren ganz so als würde ich, sehe ich ein Problem, automatisch eine falsche Lösung dafür unterstützen, nur weil sie bereits gesagt wurde.
Also als meine Kinder klein waren, habe ich jedem zugehört, der feststellte, sie hätten die Windeln voll, völlig wurscht ob der Entdecker nun dafür war, Pampers zu nehmen oder Ökowindeln. Mich hat die Info interessiert, nicht dessen Weltanschauung. Mir kommt es vor, als seine viele Schreiber in Blogs und auf facebook der Meinung, man dürfe Kinder nur wickeln, wenn, mit Verlaub, die Scheiße von einem moralisch unbedenklichen Menschen entdeckt und benannt wird. Und so bleibt viel Scheiße liegen und stinkt zum Himmel, weil es für Christen (Bürger, Konservative etc…) nicht opportun ist, sie zu sehen, da Lafontaine bereits reingetreten ist. Heraus kommen Diskussionen, bei denen man sich die Haare raufen will.
Glatzköpfige Intellektuelle tun mir leid!
Donnerstag, Oktober 20, 2016
Gelungen und gesegnet
Wenn sich das Bistum zur Wallfahrt nach Rom aufmacht, sollte man mehr als eine Gruppenreise in frommer, netter Gemeinschaft erwarten, denn man bekommt mehr: ein kleiner Bericht über eine beeindruckende Reise.
Am Montag, dem 10.10., ging es los. Zur Wallfahrt passte die Herrgottsfrühe, in der wir aufstehen mussten, um rechtzeitig am Flughafen zu sein. In guter Stimmung flogen wir nach Rom, fuhren dort in unsere Unterkunft „Casa Mater Mundi“, bezogen unsere Zimmer, die schon fertig auf uns warteten, bekamen ein paar Informationen und hatten erst einmal bis zum Abend frei. Mancher blieb im Gästehaus, das von Schwestern betrieben wurde und einfach, aber sehr nett und gut geführt war. Andere nutzten den Tag in der Stadt, bis wir uns am Abend gegen 20:00h alle auf dem Platz St. Maria in Trastevere trafen. Die Anfahrt erfolgte in Eigenregie, was im Wesentlichen bedeutete, zu warten: der ÖPNV Roms trug sicherlich einen wesentlichen Teil dazu bei, dass man merkte, in einem anderen Land zu sein, bei längerer Wartezeit in einer anderen Kultur und sich am Ende gar in einer anderen Welt wähnte. Dieses Grauen hat einen Namen, oder besser, eine Nummer: 870, der Bus, auf den wir mindestens 15min, höchstens aber 70min warteten. Eine Tatsache, die über die ganze Woche hinweg Gesprächsstoff lieferte, doch letztlich nichts verdarb: am Ende funktionierte immer alles.
In Trastevere nahmen wir dann teil am Abendgebet der Gemeinschaft Sant´Egidio und wurden von unserem Kardinal begrüßt. Diese Gemeinschaft engagiert sich sozial als gelebte Nachfolge Jesu. Ihre Grundlagen sind Gebet, Solidarität, Ökumene und Dialog – ein Einblick, der nachdenklich machte. Nach dem Abendgebet gab es „Brot und Wein“, ein gemeinsames Abendbrot mit interessanten Gesprächen. Reisebusse brachten uns nach Hause – eine Erleichterung.
Am nächsten Morgen, Dienstag 11.10., geht es früh weiter: 9:00h Treffen vor der Engelsburg. Anfahrt wieder in Eigenregie, also Aufbruch noch deutlich vor 8:00h. Viele sind müde. Von der Engelsburg geht es gemeinsam in einer Prozession zum Petersplatz und durch die dortigen Kontrollen. Es ist traurig zu erleben, wie die Kirche ihr Zentrum, das offen für alle sein soll, schützen muss. Doch nach der Kontrolle geht es in den Dom, durch die Heilige Pforte, die das Eintreten in die barmherzige Gegenwart Gottes versinnbildlicht. Viele bekreuzigen sich, berühren kurz die Türflügel. Es ist bewegend und still, der Schritt verlangsamt sich. Die Andacht ist greifbar und dicht, fast als könne man die gewährten Gnaden mit den Sinnen wahrnehmen. Auch das „Avanti, avanti!“ der Türsteher änderte daran nichts: es ist der Eintritt ins Herz der Kirche. Ein großes Herz im wahrsten Sinne: als sich die weit über 1000 Pilger am Altar der Kathedra versammelt haben, ist vom Dom nur ein kleiner Teil besetzt. Der Publikumsbetrieb geht weit hinter uns seinen gewohnten Gang, während wir mit unserem Kardinal die Heilige Messe feiern.
Der Nachmittag kann zum Besuch „besonderer Orte“ genutzt werden. Engelsburg, Katakomben, Petrusgrab, Radio Vatikan und vieles mehr steht zur Auswahl, wenn es gebucht wurde: viele Führungen erfolgen in kleinen Gruppen. Meine Familie und ich besuchen in Eigenregie das Pantheon und trinken am Platz davor einen Kaffee, der im Vergleich zur Heimat mindestens um so viel besser ist wie der ÖPNV schlechter.
Es beginnt zu regnen. Ich weiß nicht, was Petrus wollte, aber er wollte es nachdrücklich: in kurzer Zeit sind wir so nass, dass nur noch ein Taxi nach Hause uns helfen kann. Alles klebt klitschnass am Körper, auch wenn der Himmel inzwischen wieder großenteils blau ist. So verpassen wir und etliche andere die Lichterprozession durch die vatikanischen Gärten, die verspätet und verkürzt am Ende doch noch stattfand. Sehr schade.
Am Mittwoch, 12.10., ist Papstaudienz. Um 8:00h sollen wir am Petersplatz sein – mit Ausschlafen wird das nichts in Rom. Sogar an diesem Tag gibt es ein Morgengebet. Inzwischen ist auch bei mir angekommen, dass man die Linie 870 vermeiden kann, wenn man etwas weiter bis hinunter zum Supermarkt geht – dort fahren gleich zwei Linien, und beide häufiger. Auf dem Petersplatz kommen wir in den bestuhlten Bereich vorn in der Mitte. Wirklich viele Stühle stehen da. Ein kurzer Überschlag – Stühle pro Reihe mal Anzahl der Reihen mal Blöcke – ergibt rund 20.000 Stühle. Und sie bedecken doch nur einen Teil der vorderen Hälfte des Platzes.
Ein Sprecher begrüßt die anwesenden Gruppen – allein die Aufzählung und der kurze Jubel der genannten Gruppen dauern eine viertel Stunde. Als der Papst kommt und die Reihen abfährt, stehen plötzlich viele auf den Stühlen. Man sieht fast nichts mehr, aber das ist auch nicht nötig, denn das Papamobil ist hoch, und oft scheint Papst Fanciscus über den Reihen zu schweben. Er strahlt, winkt und segnet. Ein paar Kinder nimmt er ein Stück mit im Papamobil. Es ist heiter, wie überhaupt die Stimmung Roms in seinen großen Kirchen heiter ist. Die Predigt ist ein Aufruf, die Nachfolge Christi im Leben umzusetzen. Sie behandelt besonders die sieben leiblichen und die sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit. Genaueres hier: LINK
Die päpstliche Ansprache ist auf Italienisch, doch danach wird sie in vielen Sprachen zusammengefasst, von Sprechern, die bei dieser Gelegenheit den Papst grüßen und ihm danken. Dass einer von ihnen den Heiligen Vater versehentlich mit Johannes bezeichnet, lässt viele zusammenzucken – den Papst selbst allerdings nicht. Es ist schön, den Heiligen Vater zu treffen. Ja, wir sind wirklich in Rom, im Herzen der Kirche.
Nach der Audienz ist freie Zeit. Ich besuche das vatikanische Museum und die Sixtina. Die Vorstellung, dass hier das Konklave abgehalten wird und der Heilige Geist wirkt, trifft mich mehr als alle Kunstwerke, obwohl die wirklich gewaltig sind. Hinterher bin ich sehr müde. Keiner meiner Familie schafft es, am Treffen in Sant’Ignazio mit Abendgebet und offenem Singen teilzunehmen.
Donnerstag, 13.10. Nach Morgengebet und Frühstück ist der Vormittag und frühe Nachmittag wieder frei für die „besonderen Orte“. Wir besuchen die Domitilla-Katakomben. Die Anfahrt erfolgt in Eigenregie. Bitte pünktlich, wegen der geplanten Führung. Wir schauen auf den Stadtplan, den wir erhalten haben: dort sind die Katakomben eingezeichnet, zwischen zwei Brücken am Tiberufer. Wir fahren dorthin. Doch vor Ort gibt es nichts, was nach Katakomben aussieht. Wir fragen und erfahren zu unserem Erstaunen, dass sie ca. 7km entfernt liegen. Das Handy sagt: 2h zu Fuß. Wir sind ratlos. Plötzlich taucht ein Mann auf, der neben uns auch andere Ratlose einsammelt, und erklärt: was im Plan eingezeichnet ist, sind nicht die Katakomben, sondern der Abfahrtsplatz dorthin. Die Anreise ist im Viator-Bus, in Eigenregie erfolgte nur die Anreise zur Anreise. Das soll man wissen? Doch wieder: am Ende klappt alles.
Die Gruppe ist nett. Der Ausflug enthält neben den Katakomben vorab noch einen Besuch der Kirche, die dort errichtet wurde, wo Paulus enthauptet wurde, im Kloster Tre Fontane. Drei Quellen sollen dort entsprungen sein, wo das Haupt des Apostels nach seiner Hinrichtung im Jahre 67 den Boden berührte. Die Quellen und die Hinrichtungsstätte sind hinter Glas, aber ganz nah – bewegend!
Dort zu beten ist – irgendwie anders!
Nach Tre Fontane geht es in die Katakomben.
Die Führung hat eine junge Frau, die die Gänge so gut kennt, dass sie anderen Gruppen ausweichen und den Weg improvisieren kann. Bei 17km Gängen auf 4 Ebenen eine wirkliche Leistung! Eine schwer zu beschreibende Faszination geht von diesem Ort aus, der seinerzeit so grauenvoll gerochen haben muss, dass in den Licht spendenden Öllampen stets auch Parfümöl verbrannt wurde. Doch es ist nicht Makabres oder Morbides hier, sondern Stille und Ruhe. Interessant ist es überdies. Die meisten Grabstätten sind offen, da Eindringlinge einst nach Grabbeigaben suchten, bei den Christen jedoch nichts fanden und deshalb das einzige mitnahmen, was Wert hatte: die Ton- und Marmorplatten, mit denen die Grabnischen verschlossen waren. Im feuchtwarmen Klima der Gänge ist von den Gebeinen heute nichts mehr übrig, außer manchmal einem hellen Fleck auf dem porösen Gestein. Mit den Platten, die übrig bleiben, wurde die dazugehörige Kirche eingerichtet und geschmückt.
Am Abend ist Messe mit unserem Kardinal in der Lateranbasilika. Noch eine Heilige Pforte und schon die zweite der ganz großen katholischen Kirchen, an deren Altar wir feiern dürfen.
Am Freitag, 14.10., ist nach Morgengebet und Frühstück wieder Zeit für „besondere Orte“. Wieder nehmen wir die 870 und warten 20min. Unser Pastor schafft es, auf die Sekunde genau zur Abfahrt zu kommen – das muss eine besondere Amtsgnade sein!
Für mich bringt dieser Tag das intensivste Erlebnis der Fahrt – ich bin noch immer damit beschäftigt, es zu verarbeiten: Meine Familie und ich besuchen das Petrusgrab unter dem Dom. Die Führung ist hervorragend. Ein junger Priester, der bestens Bescheid weiß, zeigt uns, was es zu sehen gibt: Fundamente, die über 1000 Jahre alt sind, schon den ersten Dom trugen und teilweise aussehen, als wären sie gestern gemauert. Sarkophage der ausgegrabenen römischen Nekropole, deren Reliefs und Inschriften teils die römischen, teils die ägyptischen Götter anrufen. Dazwischen auch Sarkophage mit christlichen Texten und Motiven. Gott zwischen Göttern – die Situation der frühen Christen. Ca. 10m unter dem Altar des Petersdoms dann das erste Grab des Petrus, über dem man mehrere kleine Monumente errichtet hatte, deren Fundament ein Gewölbe über der Grabstelle hatte: das Märtyrergrab wurde nicht angetastet. In die Wände eingeritzte Fürbittgebete, die den Ort bestätigen. Doch das Grab ist leer, als einziges der vielen dort: als in einer Verfolgungszeit sogar die Gräber geschändet wurden, brachte man - für Forscher ein wichtiges Indiz - genau diese Gebeine in den Sebastianus-Katakomben in Sicherheit. Auch dieser Ort wurde gefunden. Als dann der erste Petersdom gebaut wurde, wurden die noch übrigen Gebeine zurückgeholt und nahe der ersten Grabesstätte in einer Nische in den Kirchenfundamenten erneut beigesetzt. Dort fand man sie bei den Grabungen. Die Knochen wurden inzwischen untersucht: es sind die Überreste eines Mannes, der 60-70 Jahre alt wurde, in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts starb und möglicherweise viel am Wasser arbeitete. Dass wir an dieser Nische standen, die freigelegt wurde, die Gebeine sahen und dort gemeinsam beteten, dafür fehlen mir die Worte.
Ob das alles stimmt? Was ich hier schreibe, ist was ich verstanden und behalten habe. Beweisen kann man es nicht. Doch wie es auch in der Führung gesagt wurde: unser Glaube beruht auf geschichtlichen Ereignissen, nicht auf Sagen. Christus hat auf Erden gelebt, ebenso Petrus und Paulus. Wir dürfen nach diesen Tatsachen suchen und der Wissenschaft trauen, wo sie Aussagen dazu machen kann. Es ist ein starkes Erlebnis, vor diesen Tatsachen wirklich zu stehen!
Am Grab des Petrus darf man nicht fotografieren. Doch diesem Ort auf dem Foto ist es ganz nah: ca. 10m darunter, ca. 10m nach vorn: der Altar des Petersdoms steht darüber.
Der Abend ist der letzte in Rom. Die Abschlussmesse ist in Sankt Paul vor den Mauern. Die Dritte der großen Kirchen in Rom, und wir feiern dort mit unserem Kardinal die Messe. Wieder eine Heilige Pforte. Für mich mit Abstand die eleganteste der großen Kirchen.
Nach der Messe gibt es vor der Kirche gute Nudeln, Getränke und wie immer eine schöne Gemeinschaft. Unsere Bischöfe sind wieder dabei.
Dann werden die einzelnen Unterkünfte per Schild zusammen gerufen. Nach Hause geht es im Viator-Bus – eine große Erleichterung, da es morgen sehr früh losgehen muss. Deshalb trifft man sich an diesem Abend im Gästehaus auch nicht auf ein Glas Wein, wie an früheren Abenden oft: es war eine schöne Gemeinschaft!
Man kann nicht alles erzählen. Von den ganzen Gesprächen, der Stadt, den anderen Kirchen, den Gassen, dem Kaffee und dem italienischen Essen. Jede der Predigten hätte eine ausführliche Zusammenfassung verdient! Es war viel.
Der Rückflug war dann schließlich, wie Rückflüge eben sind: man war eher müde und voll mit Eindrücken. Eindrücke, die noch lange nachwirken werden. Dafür ein herzlicher Dank an alle Organisatoren und Reiseführer, besonders aber an unseren Kardinal Woelki, unsere Bischöfe und an unseren Pastor für Messen, Gebete und Segen. Es war für mich eine rundum gelungene Fahrt.
Dienstag, Oktober 18, 2016
Die Pilotenfrage
Vor etlichen Jahren war ich in der Ausbildung zum Fluglotsen. Ich habe sie damals nicht beendet, sondern mich umentschieden. Doch ich bin weit genug eingestiegen, um mitreden zu können.
Das Thema „Konfliction“ war damals immer präsent – der Fall, dass zwei Flieger den Mindestabstand unterschreiten. Im Grunde erst einmal harmlos, die Mindestabstände sind so groß, dass sie einiges an Sicherheit bieten. Aber: jedes der kleinen Targets auf dem Radarschirm stand für 100 oder mehr Menschen. Der Alptraum war, etwas zu übersehen und so eine Kollision zu verursachen, eine Belastung, der man bereits in der Ausbildung durch psychologische Pflichtveranstaltungen zu begegnen versuchte.
Doch nicht der Unfall war unser Hauptthema, sondern die ständig drohende Rechtsunsicherheit. „Wenn etwas schief geht, setzen sich Experten monatelang zusammen und finden in endlosen Debatten heraus, was Sie in wenigen Sekunden unter Stress entscheiden und wissen mussten.“
Das war unsere Situation auf den Punkt gebracht. Und davor hatte jeder Angst, denn jeder wusste, dass seine Kapazitäten begrenzt waren und einer solchen Untersuchung niemals standhalten würden.
Das Problem, das in dem gestrigen Film völlig ausgeblendet wurde, war dies: kann ich ein unvollkommenes Werkzeug nach seinem Versagen überhaupt an perfekten Maßstäben messen und beurteilen? Oder, um den Menschen nicht zum Objekt zu machen: darf ich Personen, die naturgemäß Grenzen haben, in Situationen schicken, in denen diese Grenzen sichtbar werden, um sie danach an Gesetzen zu messen, die diese Grenzen gar nicht berücksichtigen?
Es ging um die Frage, ob sich die Passagiere in Gefahr bringen, wenn sie ein Flugzeug besteigen. Besser wäre es um die Frage gegangen, ob sich der Staat in Gefahr begibt, wenn er Menschen in derartige Extremsituationen bringt. Er tut es, und er tut es offenen Auges, denn er besteht aus Menschen. Wenn sich aber ein Mensch bereit erklärt, sich solchen Situationen auszusetzen, braucht er dazu den Rückhalt des Staates, auch wenn eine Katastrophe geschieht. Die Würde des Menschen wurde ausdiskutiert auf dem Rücken eines Menschen, dem man sein Menschsein absprach, indem man Perfektion von ihm forderte. Wo waren der Mediziner und der Psychologe, die erklärten, wie in einer solchen Situation der Stress wirkt? Die ganze Diskussion war aufgesetzt und in sich falsch.
Das Thema „Konfliction“ war damals immer präsent – der Fall, dass zwei Flieger den Mindestabstand unterschreiten. Im Grunde erst einmal harmlos, die Mindestabstände sind so groß, dass sie einiges an Sicherheit bieten. Aber: jedes der kleinen Targets auf dem Radarschirm stand für 100 oder mehr Menschen. Der Alptraum war, etwas zu übersehen und so eine Kollision zu verursachen, eine Belastung, der man bereits in der Ausbildung durch psychologische Pflichtveranstaltungen zu begegnen versuchte.
Doch nicht der Unfall war unser Hauptthema, sondern die ständig drohende Rechtsunsicherheit. „Wenn etwas schief geht, setzen sich Experten monatelang zusammen und finden in endlosen Debatten heraus, was Sie in wenigen Sekunden unter Stress entscheiden und wissen mussten.“
Das war unsere Situation auf den Punkt gebracht. Und davor hatte jeder Angst, denn jeder wusste, dass seine Kapazitäten begrenzt waren und einer solchen Untersuchung niemals standhalten würden.
Das Problem, das in dem gestrigen Film völlig ausgeblendet wurde, war dies: kann ich ein unvollkommenes Werkzeug nach seinem Versagen überhaupt an perfekten Maßstäben messen und beurteilen? Oder, um den Menschen nicht zum Objekt zu machen: darf ich Personen, die naturgemäß Grenzen haben, in Situationen schicken, in denen diese Grenzen sichtbar werden, um sie danach an Gesetzen zu messen, die diese Grenzen gar nicht berücksichtigen?
Es ging um die Frage, ob sich die Passagiere in Gefahr bringen, wenn sie ein Flugzeug besteigen. Besser wäre es um die Frage gegangen, ob sich der Staat in Gefahr begibt, wenn er Menschen in derartige Extremsituationen bringt. Er tut es, und er tut es offenen Auges, denn er besteht aus Menschen. Wenn sich aber ein Mensch bereit erklärt, sich solchen Situationen auszusetzen, braucht er dazu den Rückhalt des Staates, auch wenn eine Katastrophe geschieht. Die Würde des Menschen wurde ausdiskutiert auf dem Rücken eines Menschen, dem man sein Menschsein absprach, indem man Perfektion von ihm forderte. Wo waren der Mediziner und der Psychologe, die erklärten, wie in einer solchen Situation der Stress wirkt? Die ganze Diskussion war aufgesetzt und in sich falsch.
Abonnieren
Posts (Atom)





