Freitag, Juli 08, 2016

Ja ja, nein nein.

Nein heißt nein. Eine erstaunliche Erkenntnis, die jetzt sogar ins Gesetz soll. Da sage noch einer, wir seien kein Volk von Denkern mehr.
Die wichtige Sache, um die es dabei geht, ist der Sex. Eine Sache, bei deren Durchführung es allerdings weniger ums Denken an sich geht. Offensichtlich sind wir auch ein Volk von – nun ja, lassen wir das.
Der Anlass zu dieser geradezu philosophischen Herangehensweise an den Sexualtrieb, ein im wahrsten Sinne des Wortes drängendes Thema, ist das gehäufte Vorkommen von Fällen, in denen die Grenze zwischen Beischlaf und Vergewaltigung oder die zwischen Flirt und Nötigung zu verschwimmen beginnt oder massiv durchbrochen wird. Es sind schlimme Dinge, die da geschehen! Zurück bleiben Verletzungen, die es zu vermeiden gilt. Und die Gesellschaft, die sich mit Händen und Füssen dagegen wehrt, dass ihr irgendjemand ins Sexualleben hineinredet, sucht plötzlich nach gesetzlichen Regelungen. Wie soll das zusammengehen?
Man kann erst einmal durchaus eine Logik erkennen: ein großer Freiraum braucht eine starke Grenze, die die Freiheit schützt, indem sie die Unfreiwilligkeit aufs Schärfste sanktioniert: alles ist erlaubt, außer Zwang. Die Folge: da man, so ist es Konsens, nicht vorschreiben will, wer mit wem darf, wird eben geregelt, wer hinterher für was bestraft wird. Klingt komisch? Ist es auch, denn dies ist eine Logik, die nicht greift. Angesichts von Vergewaltigungen führt die gute deutsche Gesellschaft abstruse Diskussionen darüber, wie das verhindernde Nein denn formell auszusehen hat. Sagen? Wehren? Reicht ein Gesichtsausdruck? Oder gar ein ungutes Gefühl danach? Nur in den seltensten Fällen produzieren Gerichte etwas Sinnvolles, wenn sie nachträglich entscheiden sollen, was im Rausch der Sinne legitim war. Es ist absurd. Wie soll man in einem Rechtsstaat, in dem der Beklagte im Zweifelsfall freigesprochen wird, etwas verurteilen, für das es nur die Aussagen der Betroffenen gibt? Unser Rechtsverständnis bedeutet hier schlicht Pech für die Opfer, die keinen Beweis vorlegen können. Doch das kann es ja wohl nicht sein. Die ganze Diskussion geht offenbar am Ziel vorbei.

Vor Jahrzehnten befreite sich unsere Gesellschaft aus der sexuellen Bevormundung. Ihr Argument: man dürfe Liebe nicht verbieten. Doch diese gegenseitige Liebe ist längst nicht mehr Grundlage für Sexualität; schon bald wurde sie reduziert auf das Einverständnis der Partner zum sexuellen Vergnügen. Erlaubt war in den Augen der Gesellschaft, was beiden Spaß macht. Wozu lieben? Der/die hat doch sein/ihr Vergnügen, das reicht. Doch was macht dem Partner Spaß? Was ist erlaubt? Offenbar alles, wozu er/sie nicht nein sagt. Das ist zu wenig? Nun, genau darum scheint es aber zu gehen, denn genau das versuchen wir verzweifelt zu regeln: wie sagt man nein?
Dem Sexualtrieb, einem wilden Gaul, der ohnehin oft kaum zu reiten ist, wurden die Zügel abgenommen: zügellose Sexualität. Doch was als Befreiung gefeiert wurde, ging nach hinten los. Der Gaul tritt um sich und die Gesellschaft, die von einem heißen Rodeo auf seinem Rücken träumte, findet sich unter seinen Hufen wieder und ruft verzweifelt "nein, nein!". Und so treibt die selbstbezogene Leidenschaft im Bett und anderswo ihre traurigen Blüten.

Noch diskutieren wir darüber, wie man einem ausschlagenden Gaul mit einem entschiedenen Nein gegenübertritt. Noch spricht kaum einer aus, was auf der Hand liegt: Sinvollerweise redet man beim Sex vom Ja, aber nicht vom Nein. Die einzig richtige Regel wäre: nur ein ausdrückliches Ja darf die Grundlage sein. Doch damit tut man sich schwer: wie soll man das regeln? Mit einem kleinen Standardvertrag, in dem man vorher kurz gemeinsam die einvernehmlichen Praktiken, Techniken und Hilfsmittel ankreuzt? Mit einer Art Sex-AGB? Und wie dokumentiert man die Einhaltung der Vereinbarung?
Man kann es drehen und wenden, wie man möchte: beim Sex begibt man sich in einen Lebensbereich, der gesetzlich nicht zu fassen ist. In dem die einzige Sicherheit, die man hat, das Vertrauen den Partner/die Partnerin ist. Das Wohl des anderen muss dem eigenen Vergnügen mindestens ebenbürtig sein - eine Haltung, die zwischen Menschen, die sich lieben, selbstverständlich ist. Das Ja muss die Grundlage sein, damit es unnötig wird, ein Nein rechtlich durchzusetzen.
Jeder sexuelle Verstoß gegen das Wohl des Partners ist ein Vergehen, jeder gewaltsame Verstoß ein Verbrechen, sei es körperliche oder seelische Gewalt. Selbstverständlich muss es Sanktionen geben, doch in vielen Fällen wird ein Opfer nicht zu seinem Recht kommen – weder die direkten Opfer von Gewalt, noch die Opfer falscher Aussagen. Ein gesetzlicher Schutz, so wichtig er ist, wird niemals ausreichen.
Deshalb ist die Gesellschaft dringend gefragt, den Gaul wieder einzufangen: ein zügelloser Sexualtrieb, der überall und in jeder Form als auslebenswert hofiert und gepriesen wird, hat mit sexueller Freiheit so viel zu tun, wie Fressucht und Übergewicht mit gesunder Ernährung. Es ist erschütternd, dass die Gesellschaft zunehmende Nötigungen und Vergewaltigungen braucht, um anhand der verursachten Verletzungen langsam den Wert und die Tiefe der Sexualität wieder zu entdecken. Und doch ist es ein kleines Hoffnungszeichen.

Für diejenigen, die nicht warten können, bis die nötige Vertrauensbasis da ist, empfiehlt sich mittelfristig, beim One-Night-Stand für eine ausreichende Anzahl von Zeugen zu sorgen und zur Dokumentation wenigstens eine Tonaufnahme mitlaufen zu lassen. So ist man auf der rechtssicheren Seite. Alle anderen sollten überlegen, ob es vielleicht irgendwo eine Orientierung gibt, in der Sexualität, Verbindlichkeit, Liebe und Vertrauen zusammengehören und man mehr auf den Partner schaut, als auf sich selbst.

Mittwoch, Juni 29, 2016

Wieder hochgeholt

Irgendwie war uns danach, diesen Beitrag wieder einmal hoch zu holen.
Nicht ganz aktuell, aber er passt in die Stimmung der derzeitigen Diskussionen.

Es ist soweit: Herder gerät in Seenot. Nachdem der Prozess gegen Tolkiens Verlage wegen Namensrechtsverletzung („Herder Ringe“) verloren ging, sucht man verzweifelt per Umfrage nach einem erweiterten Kundenkreis. Dabei beschreitet man neue Wege: die Kompetenz der Macher dieser Umfrage wurde durch die Ankündigung eines „Dankeschöns“ ersetzt, das man sich sichern kann, indem man seine Emailadresse hinterlässt. Kaufen statt überzeugen – ein völlig neuer Missionsaspekt! Wie man auf diese Weise für die Kirche arbeiten kann, ist mir unklar. Ich finde das weder kirchentreu noch kritisch, sondern nur zum Kotzen. Oder, theologisch ausgedrückt: hier handelt es sich weder um eine Hermeneutik der Kontinuität, noch eine des Bruches, sondern um eine des Erbrechens.

Da man aber bekanntlich niemanden ausgrenzen soll, hier unsere Antwortvorschläge:

1. Brennen die Anliegen, die die Pfarrer-Initiative in Österreich vorbringt, vielen Gläubigen auf den Nägeln?
Mag sein. Interessanter ist die Frage, ob Nagelbrand dazu berechtigt, Bischöfen Feuer unterm Hintern zu machen.

2. Schaden die vielfältigen Forderungen nach Reformen bei uns der Einheit der Weltkirche?
Ja. Zugleich gefährden sie den Frieden, killen das Klima, schaffen Arbeitslosigkeit und Elend und stürzen Gott in Selbstzweifel. Soviel Selbstbewusstsein muss sein.

3. Gibt es zur Zusammenlegung von Gemeinden aufgrund des Priestermangels heute Alternativen?
Selbstverständlich: mehr Weihen vornehmen. Auf ähnliche Weise könnte man auch den Mangel an Landärzten, Statikern, Fluglotsen und OP-Schwestern beheben. Einfach ernennen.

4. Muss die Kirche vor Ort bleiben?
Natürlich! Nur wer vor Ort ist, kann von dort vertrieben werden. Ohne Kirche vor Ort würden ganze Zeitungen (Donaukurier) Konkurs gehen!

5. Schadet es der Liturgie, wenn Priester viele Gottesdienste an einem Wochenende feiern müssen?
Also wenn ich sehe, wie so manche Liturgie abläuft, meine ich, die können gar nicht genug üben!

6. Sind Wortgottesdienste mit Kommunionempfang am Sonntag eine Alternative zur Eucharistiefeier, wenn kein Priester zur Verfügung steht?
Sind Hochzeitstorten eine Alternative zur Hochzeitsfeier?

7. Sollte die so genannte Laienpredigt auch offiziell möglich sein?
Das würde ihnen den Charme des Aufmüpfigen nehmen. Zudem würde im Siegestaumel der predigenden Laien sofort die Frage laut, warum Hunde ausgeschlossen sind. Dasselbe Gekläff, doch mit was für treuen Augen!

8. Können neue Zugangswege zum Weiheamt die Probleme der katholischen Kirche lösen?
Die Mitarbeiter des neu zu gründenden Weiheamtes prüfen wohlwollend alle Anträge auf Weihe. Die Zugangswege sollten natürlich barrierefrei sein. Frauenparkplätze wären wünschenswert.

9. Sollten wiederverheiratete Geschiedene offiziell zum Kommunionempfang zugelassen werden können?
Der einmal im Jahr im Weiheamt stattfindende Große Kommunionempfang sollte jedermann offen stehen. Mit dem Erlös der Eintrittskarten und der Tombola wird das Hostienbäckereimuseum saniert.

10. Braucht es neue Gottesdienstformen, um auch jüngere Milieus anzusprechen?
Die Frage kann so nicht beantwortet werden, da es zum einen eigentlich keine Gottesdienstform mehr gibt, die noch nicht ausprobiert wurde (siehe auch Frage 5) und zum anderen in den entsprechenden Milieus noch die Abstimmung mit den Luftballons läuft.

11. Müssen die Gläubigen in der katholischen Kirche auf allen Ebenen besser an Entscheidungen beteiligt werden?
Eigentlich nicht. Die offizielle Einführung sogenannter Laiendogmen würde reichen, wenn diese mit der nötigen Autorität und Frauenpower durchgesetzt würden.

Freitag, Juni 24, 2016

Der Brexit ist da.

Der Brexit ist da, und was passiert?
Hofreiter fordert im Fernsehen mehr Demokratie und mehr Geld für Krisenländer. Beatrix von Storch hat „vor Freude geweint“ (widerlich!). Merkel muss weg oder endlich richtig ran, die Linken fordern mehr links, die Konservativen mehr Konservativismus – eben jeder mehr von dem, was er immer schon wollte. Jetzt erst recht.
So bleiben alle in ihren Strukturen kleben. Jeder sieht sich bestätigt. Jeder sagt, Europa müsse zusammenrücken, und meint damit, die anderen müssten näher zu ihm rücken. Niemand hat den Schuss gehört, denn jeder ist überzeugt, dass nur die anderen ihn hören mussten.

Jetzt gehen sie also raus, die Briten. Ab sofort läuft ein großer Teil der Abstimmungen ohne sie. Was wird passieren?
Keiner weiß es, doch eines fällt auf: Dass nämlich nahezu ausschließlich vom Geld und von der Wirtschaft die Rede ist, wenn über die Folgen gesprochen wird. Das Geld steht an erster Stelle. Und weil Europa von seiner Einheit lebt, Deutschland allen voran, wird man es den Briten richtig schwer machen. Man wird dafür sorgen, dass sie es spüren bis an den Rand des Tragbaren, und dass sie es schnell spüren, denn was sollte besseren Schutz vor weiteren Abspaltungen bieten, als diese eine, wenn sie wirtschaftlich misslingt?
Die Loslösung Englands vom restlichen Europa wird tiefer, als man jetzt glaubt. England kann dabei viel größere Probleme bekommen, als geplant, bis hin zu Spaltungstendenzen.
Wirtschaftlich dürfte das daneben gehen, sozial dürfte es ebenfalls sehr schwer werden für das Vereinigte Königreich. Es wird vielen Menschen dort materiell schlechter gehen.
Also ein Fehlschuss?

Ein klarer Fehlschuss, ja, wenn man das als Maßstab nimmt. Doch ist das der Maßstab? Es ist eines der größten Probleme Europas: dass die Vision eines friedlichen und geeinten Kontinents durch die Vision eines reichen Kontinents ersetzt wurde und die Vision von Menschlichkeit durch die Vision von Bürgerlichkeit. Die Aufbauphase eines zerstörten Europas ist im Suchen nach Wohlstand versickert. Übrig bleibt eine trübe Pfütze von „Gib mir genug Geld und ansonsten meine Ruhe“.
Europa ist im politischen Kleinkrieg nicht mehr visionsfähig. Ohne gemeinsame Vision brechen Nationalismen auf. Nicht, weil plötzlich alle braun denken, sondern weil sie schwarzsehen. Europa ist ein steiniger Weg. Wozu sollte man ihn gehen, wenn man kein Ziel hat? Ohne Licht am Ende des Tunnels in Form eines gemeinsamen Ziels jenseits des Wohlstands bleiben nur die Stolpersteine. Doch wozu ständig stolpern, wenn es nichts bringt? Den Krieg hat kaum einer noch erlebt, der Frieden als Vision hat nahezu ausgedient. Egal, wohin man schaut: jeder, der den Frieden beschwört, fordert zugleich harte Worte, klare Kanten, will etliches endlich einmal sagen dürfen und andere Tendenzen sanktionieren. Frieden nach den eigenen Vorstellungen. Und so bleibt als Vision nur die, Europa zu verlassen. Diese Vision trug in Großbritannien den Sieg davon.

Es wird sich zeigen, ob der Preis, den Britannien wird zahlen müssen, lohnt. Doch wenn Europa weiterhin agiert, wie es agiert, wenn es sich weiterhin weigert, die Herausforderungen der Zeit als Vision anzunehmen und kämpferisch anzugehen, wenn Europa sich weiterhin zersplittert, weil jeder besser weiß, wie man mit Geld umgeht, dann war es für die Briten vielleicht der unbequeme Entschluss, ins Rettungsboot zu springen. Dort ist es eng und unbequem und man hat wenig Vorräte. Aber man entkommt dem sinkenden Schiff.

Montag, Mai 30, 2016

Neues Gnadensuhler Interview

Vor einigen Tagen gab es ein neues Interview von Bischof Oesterhagen, Gnadensuhl, anlässlich der verbreiteten Papstkritik. (LINK)

Presse: Exzellenz – wir danken Ihnen für die Gelegenheit zu diesem Gespräch. Ich denke, ich darf Sie wieder Exzellenz nennen – die Fastenzeit ist vorbei.

Bischof Oesterhagen: Bitte nennen Sie mich einfach, wie Sie möchten. Soo wichtig ist das auch wieder nicht mit der Anrede. Clive Staples Lewis wollte Jack genannt werden, ich wollte aus irgendeinem Grund als Kind gerne Mr. Tom heißen. Später wollte ich König sein, mit einem ellenlangen Titel, oder sogar Kaiser. Ich fand das erstrebenswert, besonders wegen der vornehmen Anrede, durch die alle vernehmen könnten, was ich doch wichtig bin. Beckenbauer hat sich diesen Traum erfüllt, aber mit dem wollte ich nicht tauschen. Exzellenz, Herr Bischof, Herr Oesterhagen, Boss – alles ist in Ordnung.

Presse: Äh… gut. Meine erste Frage: Herr Bischof, was halten Sie vom Auftreten des Papstes?

Bischof Oesterhagen: Der Papst… Ach ja. Heidi Klum ist nichts dagegen!

Presse: Wie bitte?!

Bischof Oesterhagen: Haben Sie das denn niemals im Fernsehen angeschaut? Na ja, ich auch nur durch Zufall. Beim Suchen im Teletext nach einer präzisen Wettervorhersage für die letzte Fronleichnamsprozession wollte ich ein weiteres Wettermodell anschauen (sehr interessant!), bin aber bei „Next Model“ gelandet. Hat bei mir ein Donnerwetter ausgelöst und in meiner nächsten Predigt einen Sturm. Aber was wollte ich sagen?
Ach ja, der Papst. In dieser Show ging es darum, junge Mädchen genau zu beobachten und unter die Lupe zu nehmen. Jede Muskelzuckung wurde da zur Schicksalsfrage. Das schlimmste, was denen passieren konnte, war, irgendwelche Erwartungen nicht zu erfüllen. Merken Sie nicht, dass mit dem Papst genauso umgegangen wird, nur noch schlimmer? Der kann doch keine noch so kleine Regung zeigen, ohne dass jemand darin eine Aussage sieht, die über Tod und Leben entscheidet.

Presse: Sie meinen, das Problem ist, dass der Papst die Erwartungen nicht erfüllt?

Bischof Oesterhagen: Wieso? Wozu sollte er das? Und die Erwartungen von wem sollte er erfüllen? Nein. Das Problem ist, dass die Menschen vor lauter Erwartungen nicht mehr hören, was der Heilige Geist der Kirche sagt. Weil sie gedanklich nur noch darum kreisen, wo sie Unterschiede zu ihrer eigenen Meinung finden, oder Bestätigungen dafür. Der Papst ist dann wahlweise nicht mehr richtig katholisch oder die Zustimmung zu dem, was man im Katholizismus schon immer anders haben wollte. In jedem Fall haben sich die Menschen selbst zur letzten Instanz gemacht. Stellen Sie sich ein Schaf vor, das erwartet, dass der Hirte ihm folgt. Und davon ganz viele, die das untereinander ausdiskutieren. Das gibt eine Menge Geblöke, aber keine neuen Weideplätze.

Presse: Aber - entschuldigen Sie diesen Einwand - machen Sie es sich damit nicht sehr einfach? Was viele Katholiken umtreibt, sind wirkliche Einwände. Über die Jahrhunderte hat sich viel ergeben, das gläubig begründet und fundiert regelt, was katholisch und wahr ist. Sollte nicht der Heilige Vater dafür der Garant sein, statt es einfach zu übergehen?

Bischof Oesterhagen: Ach ja, geregelt. Am liebsten würde ich vielen Menschen erst einmal verbieten, sich an irgendwelche Regeln zu halten, seien sie katholisch oder nicht.

Presse: Sie möchten den Katechismus abschaffen?

Bischof Oesterhagen: Nein, ich möchte Ihnen einen schenken. Moment – hier habe ich einen für Sie. Ich schreibe nur eben eine Widmung hinein. Hier, bitte.

Presse: (liest) „Gewidmet: der Liebe. Tu dies, um Gott zu erfreuen, oder lasse es und suche zuerst die Liebe!“ Interessant!

Bischof Oesterhagen: Nein, nicht interessant, sondern essentiell! Wann haben Sie das letzte mal etwas getan, das keinerlei Sinn ergibt, außer Jesus zu erfreuen? Wann haben Sie das letzte mal etwas getan, einfach um Gott eine Freude zu machen? Ihrer Frau bringen Sie Blumen mit, und Gott geht leer aus? Wann hat der, der Sie am meisten liebt, zuletzt ein kleines Geschenk von ihnen bekommen?

Presse: Sie sprechen, als sei es Gott, der Seelsorge brauche. Als brauche er unsere Liebe und nicht wir seine.

Bischof Oesterhagen: Nein. Es ist nur so: am meisten Liebe können wir von dem annehmen, den wir selbst intensiv lieben. Und dazu gehört nun einmal liebevolles Verhalten. Ihre Frau wird Ihnen das jederzeit bestätigen.

Presse: Aber wie soll das funktionieren? Wie soll ich GOTT eine kleine Freude machen? Ich wüsste nicht, was ich da tun sollte!

Bischof Oesterhagen: Sehen Sie – genau das ist der Punkt. Überlegen Sie mal. Wer könnte Ihnen da einen Tipp geben? Ich sage es Ihnen: der Heilige Vater. Über nichts Anderes spricht oder schreibt er: wo finden wir Gott und wie können wir Ihn lieben? Schauen Sie doch einfach einmal auf Ihr eigenes Leben. Sie bringen doch Ihrer Frau keine Blumen mit, weil Sie Angst haben, Sie bekämen sonst nichts zum Abendbrot. Und Sie stimmen mit mir überein, dass Sie dringend eine Eheberatung bräuchten, wenn es um Ihre Beziehung so bestellt wäre. Doch bei Gott glauben Sie, die Liebeserklärung durch Regelungen ersetzen zu können. Nein, erst kommt die Liebe. Immer. Und wenn Sie dann merken, dass Sie Gott lieben wollen, aber nicht gut genug lieben, weil Sie Ihn nicht kennen, dann lesen Sie das Buch, in dem steht, was er mag: den Katechismus. Aber bitte erst dann. Der dient genau dazu: das Band zwischen Ihnen und Gott immer fester zu machen. Versuchen Sie nicht, sich abzusichern! In der Liebe gibt es keine Sicherheit, außer dem Vertrauen.

Presse: Es gibt bei Gott keine Sicherheit?

Bischof Oesterhagen: Nein, nicht die geringste. Wenn Sie sich vollständig in die Hände eines anderen begeben, gibt es keine Sicherheit, außer der Liebe dessen, dem diese Hände gehören. Schauen Sie aufs Kreuz und überlegen Sie, ob diese Liebe vertrauenswürdig ist. Und wenn ja: vertrauen Sie. Sagen Sie Ihm, dass Sie Ihm vertrauen. Und dann, ganz banal: seien Sie nett zu ihm. Die Anleitung dazu steht, wie gesagt, im Katechismus.

Presse: Was möchten Sie also unseren Lesern mitgeben?

Bischof Oesterhagen: Nichts. Ich möchte Ihnen etwas mitgeben, denn Sie sind es, mit dem ich rede. Wenn sich ein Leser angesprochen fühlt – umso besser.

Presse: Was also möchten Sie mir mitgeben?

Bischof Oesterhagen: Den Auftrag, niemals wieder an Gott zu denken, ohne dass die Liebe im Zentrum steht.

Presse: Wie Sie es beschreiben Herr Bischof, habe ich wohl recht oft gegen die Liebe gefehlt. Ich will es versuchen.

Bischof Oesterhagen: Sehen Sie, da sind wir wieder bei der Anrede. Hier wäre ein „Alles klar, Boss!“ noch einen Ticken besser gewesen. Bleiben Sie bitte noch kurz hier und machen Sie das Mikrophon aus. Sie haben da etwas sehr wichtiges erkannt. Haben Sie da noch mehr auf dem Herzen? Für das Bekenntnis Ihrer Schuld würde ich Ihnen gern noch die Absolution erteilen. Was das ist, wissen Sie ja aus dem Katechismus. Wirklich – ein tolles Buch! Richtig gelesen sehr empfehlenswert!

Presse: Danke, Herr Bischof, für dieses Interview!

Donnerstag, April 28, 2016

Feindbild und Diskurs

Die Menge der Konfliktthemen wird immer unüberschaubarer. Die Anzahl der unterschiedlichen Lager kennt keiner mehr. Den Durchblick hat auch niemand mehr.
Viele Personen geben sich aufgeklärt und tragen durchaus interessante Analysen vor, legen ihre Finger in Wunden und fordern Lösungen, die logisch klingen. Je nach eigener Überzeugung findet man natürlich einige dieser Ansätze überzeugend, andere hingegen lehnt man ab, als dumm bis gefährlich. Jeder sieht es anders. Doch gleich welcher Meinung die Menschen sind, haben alle eines gemeinsam: die Überzeugung, dass die Lösung genau in ihrer besonderen Sicht der Dinge liegt.
Eigentlich klingt das für eine Demokratie noch nicht nach einer Krise, sondern nach Diskussionsbedarf. Doch wirkliche Diskussionen gibt es immer weniger, und das ist schlimm. Denn die Stimmung ist gekippt: Irrtum soll nicht mehr aufgeklärt werden, sondern ausgerottet, durch Rücktrittsforderungen, Verbote oder schlimmeres.

Das Problem ist ein Doppeltes: zum einen wird erheblich mehr Energie darauf verwendet, andere Meinungen zu falsifizieren, als die eigene Position argumentativ zu vertreten, was ein demokratisches Ringen massiv erschwert. Daraus resultiert das zweite: die Konzentration auf die eigene Verteidigung (anstatt auf positive Argumentation) schafft eine subjektive Bedrohungslage, in der nicht mehr das andere Denken zum Ziel wird, sondern der Andersdenkende. Und so sind wir längst an dem Punkt angekommen, in dem das Bekämpfen von Menschen moralisch geboten erscheint.
AfD-Wähler sind zu Bekämpfende, Politiker und Parteien sind es und Demonstranten (für jeden natürlich andere), der Papst ist es oder eben seine Gegner. Letztlich jeder. Nicht mehr die Qualität einer Aussage zählt, sondern die Person, die sie macht. Und da es jedem halbwegs intelligenten Menschen problemlos möglich ist, Dinge im gewollten Licht zu sehen, verstärkt jeder Versuch eines ehrlichen Disputs nur die Feindbilder. Der einzige Ausweg, der Dialog, erscheint so nur noch als Schwächung: die Wahrheit stellt man nicht zur Disposition; das wäre ihre Relativierung. Denn diskutiert man auf Augenhöhe, kann nur ein Kompromiss herauskommen. Die Zukunft jedoch erscheint schauerlich, wäre sie ein Kompromiss aus der Summe aller herrschenden abstrusen Meinungen. Das scheidet aus, schon aus Gewissensgründen: der Dialog wird verweigert, weil genau das moralisch geboten erscheint; seine Befürworter werden als dumm und blauäugig angesehen.

Faktisch jedoch ist der Dialog der einzige Weg, Wahrheit zu verbreiten, denn es ist der einzige Platz, in dem nicht nur gesprochen, sondern auch zugehört wird. Nur wo zugehört wird, kann überzeugt werden – der Dialog ist die einzige Alternative zum Zwang. Wer ihn aus Angst vor dem Kompromiss verweigert, sagt letztlich, dass er der eigenen Position so wenig Überzeugungskraft zutraut, dass sie untergehen wird, wenn sie nicht aufgezwungen wird. Wer den Dialog verweigert, predigt Gewalt.
Wir müssen zurück zum offenen Diskurs, damit das Versinken in Feindbildern aufhört, das ständige Drehen um den eigenen Standpunkt, in dem sich erkannte Wahrheit und persönliche Vorlieben vermischen. Wir müssen dringend aufhören, in Feindbildern zu denken! Denn wer in Feinden denkt, landet im Krieg.

Donnerstag, April 21, 2016

Mal anders gesehen

Im Internet kursiert der Link zu einem Bericht, der große Zustimmung findet: Nicht lustig – Diskriminierung von Christen. Anhand von teils wirklich heftigen Beispielen wird aufgezeigt, wie es gesellschaftlicher Konsens geworden ist, Satire kritisch zu hinterfragen, wenn sie zur Verunglimpfung wird, nur bei einer Zielgruppe nicht: den Christen. Der Schreiber kommt zu dem Schluss, dass es angebracht sei, sich dagegen zu wehren.
Ich habe den Artikel gelesen und finde, er geht mit großer Präzision genau am Ziel vorbei.

Grundsätzlich ist mir als Christ erst einmal nicht klar, warum Christen genauso behandelt werden sollten, wie andere Menschen. Eine Gesellschaft, der die eigenen Grundlagen unter den Füßen wegbrechen, spürt genau, wo die wirklichen Provokationen liegen. Und die liegen nicht dort, wo einem Menschen etwas heilig ist, sondern dort, wo etwas heilig ist. Nicht dort, wo Menschen etwas für wahr halten und verteidigen, sondern dort, wo etwas wahr ist. Allem kann man irgendwo zähneknirschend zustimmen, wenn man nur dabei derselbe bleiben kann. Wenn aber Gott ruft, kann man das nicht. Und die Gesellschaft reagiert mit Abwehr und haut drauf…

„Wir Christen dürfen gesellschaftlichen Respekt erwarten und einfordern – wie alle anderen auch.“ So heißt es im letzten Abschnitt. Dürfen wir das? Es ist uns vorhergesagt, von Christus selbst: Ihr werdet abgelehnt um meinetwillen. Wenn es aber um Seinetwillen ist, wird es nicht um unser willen aufhören. Unbequem, fürwahr, und oft schlimm, aber Tatsache. Ginge es um uns, hätten wir die gleichen Rechte: jedem das Seine – das ist erlaubt. Nur gehört unser Glaube nicht uns, sondern wir sind Gottes Eigentum. Er hat uns mit Seinem Blut erkauft, damit wir Ihn, die Wahrheit, verkünden. Er hat nicht sein Blut vergossen, damit wir sagen, wir wollten sein wie alle anderen.
Die Dunkelheit wehrt sich gegen das Licht. Das Licht wird niemals gleichberechtigter Bestandteil einer allgemeinen Dämmerung sein. Das ist die Gnade, die unsere Freude sein soll, nicht die Ungerechtigkeit, die wir beklagen sollen.
Anderenfalls empfehle ich, die Apostelgeschichte gerechtigkeitskonform zu lesen:
Sie … riefen die Apostel herein und ließen sie auspeitschen; dann verboten sie ihnen, im Namen Jesu zu predigen, und ließen sie frei. Sie aber gingen weg vom Hohen Rat und freuten sich, dass sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen Schmach zu erleiden und murrten: immer auf die Christen! Wir wollen behandelt werden, wie die Römer auch! Kein Mensch würde sich das bei Römern trauen!

Montag, April 18, 2016

Amoris laetitia

Ich habe angefangen, den Text zu lesen.
Jeden Abend schaffe ich ca. 5-7 Seiten.
Ich werde Kapitel 8 erst lesen, wenn ich dort angekommen bin.
Zwischenstand: ein einfach wunderschöner Text, der mich glücklich macht.

Donnerstag, April 07, 2016

Funkstille

Derzeit herrscht von meiner Seite aus Funkstille. Wann sich das ändert, weiß ich nicht. Vor allem weiß ich noch nicht, wie es sich ändern soll.
Der Grund ist ein gewisser Frust über mich selbst. Denn wenn ich mir die Situation und den großen Mut der Christen in Arabien anschaue, in der Türkei, in China oder in Nordkorea, dann weiß ich, wo die Zukunft der Kirche liegt.
Die Idee, unser Glaube habe doch irgendwo eine europäische Komponente, zerbricht für mich. Nicht dass ich das bewusst geglaubt hätte. Ich bemerke das nur daran, dass ich mir verwundert die Augen reibe bei der Feststellung, dass Europa mir irgendwie geistig sehr leer vorkommt, und ich mit ihm, wohingegen sich der Glaube an anderer Stelle unter schärfsten Prüfungen bewährt und vermehrt.
Währenddessen beteilige ich mich an Diskussionen, ob es besser ist, die Heilige Messe nach Osten zu feiern oder nicht, wie genau man die Eucharistie zu empfangen hat, ob das neue geistliche Lied nun schädlich oder gut ist, wie katholisch unsere Bischöfe sind oder ob man politisch konservativ sein muss/darf, wenn man Christ sein will. Was ist das angesichts der Heldentaten, die derzeit im Namen Christi vollbracht werden? Mein einziger Anteil am wirklichen Glauben scheint mir der zu sein, ihn ab und zu zu beobachten, mir ein Urteil zu bilden und ein wenig über die Umstände zu klagen. So als ob ich auch nur ansatzweise in der Lage sei, zu beurteilen, was Märtyrer vor Gott sind. Zwischen der Verteidigung des eigenen Wohlstands und der Liebe zu Gott bis in lebenslange Lagerhaft oder in den Tod liegen Welten. Die Helden leben woanders – das Missionsgebiet sind wir.

Keinesfalls glaube ich dabei, dass es bei uns kein Elend gäbe. Mutter Teresa sprach von der großen, schlimmen Krankheit des Westens, schlimmer als Lepra in Indien: nicht geliebt zu sein. Sie rief uns auf, da etwas gegen zu tun. Ich glaube auch nicht, dass ich nicht das Recht hätte, von Christus zu reden, nur weil ich kein Glaubensheld bin. Es ist die Größe Christi, die verkündet werden muss, nicht meine Größe. Wenn man den Menschen die Nachricht bringt, dass sie einen Riesengewinn im Lotto gemacht haben, ist es egal, ob man als Lottobote ebenfalls reich ist oder nicht.
Kurz: ich halte viel von dem, woran ich mich beteiligt habe, für leer und nicht zielführend. Den Ansatz, mich an dem zu beteiligen, was ich hier und jetzt für notwendig erachte, habe ich noch nicht. Ich suche danach. Und bis ich da nicht wenigstens die grobe Richtung kenne, wird es bei wenigen Beiträgen bleiben.

Montag, März 14, 2016

Sensationelles Forschungsergebnis: Detektor für dunkle Materie spricht bei schweizer Banken an!

Es ist sie physikalische Entdeckung des Jahrhunderts: auf der Suche nach der geheimnisvollen dunklen Materie wurden die Forscher des CERN (Genf) in Schweizer Banken fündig. Offenbar handelt es sich dabei um eine erstaunlich große Menge.

Bei der Entdeckung handelt es sich um einen Zufall. Der Detektor sollte neu kalibriert werden und musste dazu auf ein großes, möglichst träges Objekt gerichtet werden. Zudem sollte es absolut lichtundurchlässig sein; jegliche Transparenz könnte die Messergebnisse verfälschen. Als Ziel wählten die Wissenschaftler daher ein schweizer Bankhaus.
„Wir hätten niemals gedacht, in unserer direkten Umgebung fündig zu werden“ erklärte der Pressesprecher. „Wir vermuteten immer einen Abstand von mehreren Millionen Lichtjahren.“
Seit Jahrzehnten gibt es bei der Erforschung des Alls ein gravierendes Problem: dem Universum fehlt es an Masse, um die vorhandene Schwerkraft zu erzeugen. Aufgrund dieser Tatsache wird schon länger die Existenz dunkler Materie vermutet. Hinzugezogene Fachleute der Bankenaufsicht bestätigten, dass der Fund zu diesen Theorien passe. Es handele sich bei der Substanz definitiv um den Stoff, der alles zusammenhalte. Von ihm gehe eine ungeheure Anziehungskraft aus.
Die Wissenschaftler entwickeln nun mit Nachdruck neue Ideen, um weitere Vorkommen zu entdecken. Ziel ist ein tragbarer Detektor, der auch auf kleine Mengen reagiert. Wichtiger ist jedoch, die großen Bestände zu finden. Denn vermischt sich die dunkle Materie erst einmal mit normaler Materie, ist sie kaum noch zu erkennen.

Die Wissenschaftler hoffen nun, einen großen Teil der entdeckten Materie zur Untersuchung zu erhalten. „Dann hätte sich unsere Arbeit wirklich gelohnt!“ hieß es dazu.

Nach der Wahl ist vor der Qual

Drei Dinge fallen mir bei der Beurteilung der Wahl auf, die irgendwie merkwürdig sind.

Einmal: Viel hat sich geändert, aber jeder fühlt seine alten Positionen bestätigt.
Und: Die CDU hat massiv Stimmen eingebüßt. Also ist ihre Politik falsch. Die AfD hingegen hat massiv Stimmen gewonnen. Aber ihre Politik ist auch falsch.
Und schließlich: Viele Menschen wehren sich in vielen Punkten vehement dagegen, sich von der Mehrheit Falsch und Richtig vorschreiben zu lassen. Doch sie nehmen das Abschneiden der CDU als ultimativen Beweis dafür, dass die Flüchtlingspolitik falsch ist.


Mittwoch, März 09, 2016

Gedanken zur Zeit

Erziehung und Fortschritt lehren, dass man die Gegenwart nur im Licht der Vergangenheit verstehen kann. Was war, ist die Grundlage dessen, was ist. Das ist die Idee allen Werdens und aller Dynamik: das Prinzip, jetzt das zu wandeln, was ist, ohne den Kontakt zu dem zu verlieren, das gerade noch war. Was wächst, wird von Moment zu Moment größer, doch immer in direktem Bezug zum Moment davor. Wäre ein Sämling von einem Moment zum nächsten ein großer Baum, hätte kein Wachstum stattgefunden, sondern eine Art plötzlicher Verwandlung. 
Das Prinzip des Wachstums bestimmt uns; nur so kann ich jetzt die Grundlage für das schaffen, das sein wird. Nur weil die Vergangenheit die Gegenwart prägt, hat es Sinn, heute für die Zukunft zu arbeiten. Es hat nur dann Sinn, etwas zu üben, wenn ich es morgen deshalb kann, weil ich heute geübt habe. Die Hoffnung auf Verwandlung ohne Werden, dass ich morgen etwas kann, ohne dass ich es heute übe, ist vergeblich.
Die Hoffnung der Gesellschaft ist, dass heute eine bessere Zukunft gestaltet werden kann.

Die Psychologie hingegen lehrt, dass diese Grundlage zugleich eine Gefangenschaft darstellt: frühere Erlebnisse machen den Menschen zu dem, was er ist. Ein Richter kann nur dann eine angemessene Strafe verhängen, wenn er weiß, in welchem Maße ein Täter so geprägt war, dass es seine Entscheidungsfreiheit beeinträchtigte. Kaum etwas prägt das Verhalten so sehr, wie frühere Verletzungen und schlechte Erfahrungen. Ein großer Teil der Gedanken im Leben kreist daher um das Problem, wie man die Vergangenheit hinter sich lassen kann. Techniken dazu werden entwickelt, die schon manchen Menschen aus einer Vergangenheit befreien konnten, die sich wie Ketten um die Gegenwart legten. Um eine sinnvolle Zukunft gestalten zu können, muss man frei von seiner Vergangenheit sein.
Die Freiheit der Gesellschaft ist, dass heute nicht gestern ist.

Doch was hat es für einen Sinn, jetzt die Zukunft prägen zu wollen, wenn man, sobald diese Zukunft das Jetzt ist, versuchen wird, sie hinter sich zu lassen?
Natürlich versucht man, solche Dinge für die Zukunft zu tun, die sinnvoll erscheinen. Doch das kann auch bei allem Bemühen der falsche Weg sein. Viele schlechte Erfahrungen macht man mit Menschen, die es gut meinten. Viel tat man selbst in bester Absicht und gut durchdacht, doch die Zeit zeigte, dass es der falsche Weg war.

Es ist ein Dilemma: handeln kann man nur aus der Vergangenheit heraus, doch gerechtfertigt wird das Handeln in der Zukunft. Weise ist schlicht, wer in der Zukunft eine hohe Trefferquote hat: wer die Vergangenheit so gut kennt, dass er die Gegenwart richtig zu lesen versteht, und in der Gegenwart erkennt, wohin sich die Dinge in der Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit wenden werden. Doch sicher ist auch der Weise nicht: auch wenn er sein Handeln durch die Vergangenheit erklären kann, liegt jede Rechtfertigung dafür in der Zukunft, also außerhalb der Zeit, die er unter Kontrolle oder auch nur im Blick hatte.

Faktisch lässt die Zeit uns wenig Spielraum: wir können unser Handeln nur möglichst gut meinen, doch haben wir es nicht in der Hand, ob es wirklich Sinn hat oder nicht. Sobald wir aber sehen, was sinnvoll gewesen wäre, können wir das gewesene Handeln nicht mehr ändern. Die Zeit macht uns einen Strich durch jede Gewissheit.
Was wir bräuchten, ist nach unserem Erleben der Zeit unmöglich: die nachträgliche Änderung dessen, was falsch war, eine Rechtfertigung für unser Handeln, bevor es vorbei ist, und am besten gleich noch eine Liste dessen, was sich in der Zukunft als sinnvoll erweisen wird und was nicht.

Christus liefert uns genau das: Orientierung, was richtig ist und sich im Nachhinein auch als richtig erweisen wird, die Vergebung dessen, was falsch war und eine letzte und endgültige Rechtfertigung all dessen, was wir in gutem Willen tun. Das Christentum ist nur begreifbar, wenn man eine Ewigkeit akzeptiert, die die ganze Zeit umfasst, ohne von ihrem Zwängen abhängig zu sein.

Mittwoch, März 02, 2016

Die Sünde hassen, den Sünder lieben

Volker Beck wurde mit Drogen erwischt. Genaues ist nicht allgemein bekannt, aber es muss schon etwas Härteres gewesen sein: er stellt alle seine politischen Ämter zur Verfügung. Für manchen Katholiken scheint das eine gute Nachricht zu sein: den sind wir los. War er doch bisweilen ziemlich antikatholisch, was die Lehre der Kirche anging.

Ich bin erschüttert. Es muss sehr schwer sein, etwas mit sich herum zu schleppen, für das man sich wahrscheinlich selbst verurteilt, und zugleich im Licht der Öffentlichkeit zu stehen. Es muss sehr schwer sein, moralische Ansprüche zu vertreten, und zugleich zu wissen, dass man selbst unmoralisch handelt.
An dieser Stelle kommt der für mich entscheidende Punkt: verurteile ich Herrn Beck oder begreife ich, dass hier nur sichtbar wird, was wohl für jeden Christ, also auch für mich, gilt? Dass nämlich die eigene Lebensweise hinter dem Willen Gottes, den wir verkünden, meilenweit hinterher hinkt. Dass es Gott ist, der uns rechtfertigt, und nicht unsere eigene Moral. Ich nehme keine Drogen und handele nicht damit? Christus sagt nicht, ich sei besser, sondern er sagt, ich solle aufpassen, dass ich mich nicht für besser halte (Man ergänze Lukas 18,11 um Drogen).
Werden die eigenen Fehler derart ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt, so dass man sich zurückziehen muss, ist das ein extrem schmerzhafter Prozess. Ich habe nicht mit Herrn Beck übereingestimmt, aber ich respektiere, dass er seinem Gewissen gefolgt ist. Und ich bin jedem Menschen dankbar, der es riskiert, sich zu exponieren, um die Gesellschaft voran zu bringen, auch wenn ich seine Meinung nicht teile. Erst auf dieser Basis kann man streiten.

Nachtreten verbietet sich. Wer sich jetzt die Hände reibt, weil er glaubt, Gott sei darüber froh, kann gleich zur Beichte gehen. Politisch war er ein Gegner. Die Ämter hat er nicht mehr. Es bleibt vor Gott ein Bruder, dessen Probleme auch meine sind. Denn wenn ein Teil krank ist, leiden alle.
Ich sage Herrn Beck gerne meine Solidarität als Sünder und mein Gebet als Bruder zu.

Dienstag, März 01, 2016

Der gesunde Menschenverstand sitzt zwischen den Stühlen.

Der eine Stuhl:
Wir können nicht jeden aufnehmen, was im Klartext bedeutet, wir können fast niemanden aufnehmen. Auf jeden Fall sind es zu viele. Hätte Frau Merkel doch bloß die Grenzen dicht gelassen! Die syrischen Flüchtlinge wären geblieben, wo sie waren: im Libanon, in Jordanien, in der Türkei, in Ägypten. Da sind ohnehin schon einige Millionen. Auf unsere Million wäre es auch nicht mehr angekommen – die wären dort gar nicht aufgefallen, und alles wäre ruhig geblieben. Wir hätten in Ruhe diskutieren können, wer denn vor Ort nun den richtigen bombardiert, und ob das wirklich nötig ist. Wir hätten die humanitäre Katastrophe angeprangert und Geber-Konferenzen einberufen. Kurz: wir hätten weiter gemacht, wie bisher.

Der andere Stuhl:
Wer hier Hilfe sucht, wird erst einmal mit Rechten versehen. Die dürfen keinesfalls geringer sein, als die der eigenen Bevölkerung. Oder besser: man darf erst gar nicht auf die Idee kommen, es gäbe einen Unterschied zwischen Einwohnern und Flüchtlingen. Wie empfängt man doch gleich privat seine Gäste: kaum sind sie drinnen, gehören sie zur Familie und sind über jede Kritik erhaben. Nie würde man einen Gast rauswerfen, nur weil der ein wenig Besteck klaut, die Tischdecke anzündet oder die Tochter betatscht. Sonst würde man schließlich alle Gäste beschuldigen. Oder so ähnlich.
Und der Schreiber dieser Zeilen ist natürlich ganz unmöglich, weil er es wagt, Ausländer und Betatschen in einem Atemzug zu erwähnen, als seien das alles Vergewaltiger.

Ich denke:
Flüchtlinge müssen aufgenommen werden. Notfalls ohne Europa, denn wenn andere sich schlecht verhalten, rechtfertigt das kein eigenes Unrecht. Flüchtlinge aufzunehmen ist politisch sinnvoll, um eine gefährliche Krise zu entschärfen. Es ist eine Pflicht für jede christliche Gesellschaft und für alle, die menschlich empfinden. Wir haben uns daran gewöhnt, dass internationale Probleme außerhalb unserer Grenzen stattfinden. Diese Zeit ist vorbei. Dass uns diese Situation überrascht, mag sein; das ändert jedoch nichts an ihrer Existenz. Wir haben die Wahl, das zu begreifen oder eine Krise zu riskieren, gegen die unsere jetzige Aufgabe geradezu lachhaft ist.
Wenn aber ein Flüchtling zu uns kommt, ist er erst einmal ein Gast. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Wer dauerhaft hier bleibt, wird irgendwann einer von uns, mit allen Rechten. Bis dahin darf er hier sein, aber das nach unseren Regeln. Er bekommt gesagt, was er darf und wo er sich aufzuhalten hat. Das wird klar kommuniziert und beherzigt. Wer sich daran nicht halten will, geht. Wer dabei erwischt wird, wie er hier Autos anzündet, stiehlt, raubt, Polizisten bedroht, andere Religionen verfolgt oder Frauen bedrängt, muss das Land umgehend verlassen und darf nicht wiederkommen. Es sollte doch klar sein: wer die Gewalt, vor der er angeblich flieht, mitbringt, kann sofort wieder gehen. Das ist eine große Herausforderung für einen Menschen mit fremder Mentalität, aber eine notwendige. Jeder kann dabei Hilfe bekommen, Ausnahmen gibt es nicht. Dann können wir in Ruhe leben, und die ganzen friedlichen und wirklich bedürftigen Flüchtlinge auch.

Montag, Februar 29, 2016

Ich fürchte, so sieh es aus

Die Lage im Nahen Osten ist instabil. Millionen von Flüchtlingen drängen aus Syrien hinaus in die Nachbarländer. Sollte die Lage eskalieren und beispielsweise der Libanon im Chaos versinken, besteht die Gefahr, dass Israel in einen Krieg verwickelt wird. Das wäre auch für uns kritisch. Die Türkei als Bündnispartner wäre dann ein zusätzliches großes Risiko.
Es war eine völlig unerwartete und dabei sehr sinnvolle politische Reaktion, diesen Druck durch massive Flüchtlingsaufnahme zu reduzieren. Neben dieser Reduktion wurde dadurch zudem die Blickrichtung geändert. Viele Menschen schauen nach Europa, um dort eine Lösung zu suchen. Ohne diese Hoffnung wäre das Gewalt- und Krisenpotential dort noch viel höher.
Die Lage im Nahen Osten ist gefährlich. Der Versuch, sie zu stabilisieren, könnte helfen, einen großen Krieg zu vermeiden. Sollte das ausbrechen, werden wir uns nach den jetzigen Flüchtlingszahlen zurück sehnen, wenn wir nicht sogar selbst hinein gezogen werden: Stichwort Bündnisfall.
Die Bundeskanzlerin versucht, durch Entlastung der Situation und Einbindung der Türkei die Eskalation zu vermeiden. Europa will jedoch keine Flüchtlinge aufnehmen, zumindest nicht in der Anzahl, wie es nötig wäre: sie sollen draußen bleiben. Wenn sie das nicht wollen und trotzdem versuchen, zu kommen, werden sie zu Gegnern. Dann werden sie früher oder später bekämpft. Die Folgen davon lassen sich nicht mehr kontrollieren.

Ich hätte vom intellektuellen Europa mehr erwartet, als eine derartige Kurzsichtigkeit. Dass der Kontinent, der von der Globalisierung lebt, an seinen Grenzen zu denken aufhört, spricht Bände über seinen Zustand. Dabei reicht das Denken nicht einmal bis an die EU-Grenzen. Nicht einmal den eigenen EU-Partnern wurde und wird vernünftig geholfen. Griechenland ist auf jeder Titelseite, wenn es seine Schulden nicht bezahlen kann, und auf Seite 19, wenn es mit dem Restgeld die Flüchtlinge nicht versorgen kann. Italien wurde mit den Bootsflüchtlingen allein gelassen, auch als es um Hilfe rief. Wir reden stattdessen davon, wie wir einzelne Transitrouten der Flüchtlinge unterbinden können. In der Zwischenzeit werden an den Grenzen Wasserwerfer eingesetzt.
Die Idee geschlossener Grenzen ist absurd. Wir haben langfristig die Wahl, als wohl erste der Geschichte eine Völkerwanderung friedlich abzufedern, die Zeichen zu verstehen und sie unnötig zu machen. Das wird sicher mehr Einsatz kosten, als jetzt irgendein Politiker zuzugeben bereit ist. Möglich ist es, Dinge als erster zu tun. Es hat auch noch niemals ein Land derart seine Grenzen geöffnet.
Flüchtlinge aufzunehmen ist gefährlich? Die Situation eskalieren zu lassen ist viel gefährlicher. Wir haben genug eigene Probleme? Mag sein. Nur, dass das andere Probleme nicht interessiert. Europa muss die Augen öffnen. Die Alternative wird (mittel- oder langfristig) sein, selbst erst isoliert, dann instabil, dann im Krieg und dann Geschichte zu sein.

Mittwoch, Februar 24, 2016

Ich muss mir mal Luft machen!

Ich muss mir mal Luft machen! Eine arrogante Betrachtung der Lage.
Angst herrscht vor der Flüchtlingswelle. Unser Wohlstand und unsere Identität sind bedroht! Sind sie?
Wirtschaftlich: 500 Millionen Europäer sollen ca. 2 Millionen Flüchtlinge aufnehmen, also vielleicht 0,5% der eigenen Bevölkerung, und gehen deswegen in die Knie.
Religiös: 2 Millionen Muslims stellen eine Gefahr für mehrere hundert Millionen Christen dar.
In der Gesellschaft tobt eine Diskussion darüber, was fremdenfeindlich ist und was berechtigte Sorgen sind. Oder besser gesagt geht es inzwischen darum, wer ein Rassist ist und wer ein blauäugiger Trottel.
Ich komme da nicht mehr mit. Offenbar ist es nötig, sich einmal ein paar eigene Gedanken zu machen.

Mir fällt als erstes eine gewaltige Diskrepanz auf. Da ist das Europa, das es zu schützen gilt. Christlich verwurzelt ist es, Freiheit und Wohlstand sind seine Attribute. Nur: sollte es stimmen, dass dieses Europa ein knappes Prozent Flüchtlinge nicht mehr wegsteckt, wäre es gesellschaftlich wie wirtschaftlich eine Ruine, die zu schützen sich nicht lohnt. Ja was denn nun?

Ich werde den Verdacht nicht los, dass hier nicht von den Ursachen her gedacht wird, sondern vom gewünschten Ergebnis her. Und das ist: Wohlstand und die nötige Ruhe, ihn zu genießen. Längst werden bei uns nicht mehr die gewählt, die die Grundlagen für unseren Wohlstand stärken. Wahlen gewinnt man, indem man den Leuten Konsum verspricht. Indem man ihnen beweist, dass es das Beste für alle ist, wenn es ihnen persönlich gut geht. Dass ein reiches Deutschland das Beste ist, was der Welt passieren kann. Und so liest man dann sogar bei Christen, dass Kapital grundsätzlich sozial sei, weil niemand es für sich behalte und es so Wohlstand für alle schaffe, und dergleichen Unsinn mehr. Das ist sehr überzeugend, vor allem, wenn es der sagt, dem das Kapital gehört. Und niemand merkt, dass das Gleichnis des Reichen, von dessen herunterfallenden Krümeln der elende Rest lebt, hier zur Tugend erhoben wird.
Dass man selbst die einzig wahre Adresse für Geld und Finanzhilfen ist, sitzt so tief, dass es bereits für Zusammenhänge blind macht. Die Kosten für die Flüchtlinge sind enorm. Milliarden. „Das wird problemlos bezahlt, aber für uns ist kein Geld da!“ Erstaunlich, dass so ein Blödsinn überhaupt über die Medien verbreitet wird! Kein Flüchtling nimmt das Geld, steckt es ein und lässt es in der Tasche. Er gibt es aus für Kleidung, Essen, Getränke, Möbel und ein wenig sonstigen Konsum. Dieses Geld landet tatsächlich zu 100% in der Wirtschaft und stellt so ein gigantisches Konjunkturprogramm dar. Dieses Programm wäre noch um einiges besser, könnte man den lokalen Faktor stärken. Derzeit schöpfen Ketten wie IKEA erhebliche Teile davon ab. Auch überall dort, wo statt Geld Sachleistungen geboten werden, geht die Investition an der Bevölkerung vorbei direkt in die Kasse des günstigsten Großanbieters. Doch in einer Gesellschaft, in der Geiz geil ist, werden Discounter eben groß.
Diese Betrachtung der Kosten ist die logische Folge der undurchdachten Einstellung „Hauptsache, für mich gibt es Geld und billige Angebote“.

Und was machen die Christen? Wie macht man es, dass man beim gelebten Prassertum und dem Ausgrenzen Hilfsbedürftiger noch in den Spiegel schauen kann? Man konstruiert.
Das Christentum sei kulturstiftend und unterstütze die Ordnung, auch die gesellschaftliche. Beides sei daher zu schützen. Nun, das stimmt erst einmal. Das Christentum ist nicht nur kulturfähig, sondern es bringt sozusagen automatisch Kultur und Wohlstand hervor, wenn es herrscht. Es gab schon viele große und stabile Reiche auf der Welt, doch niemals eine derartige Vielfalt, ein derartiges Wissen und einen derartigen Wohlstand wie in Europa während seiner christlichen Zeit. Soll man das alles aufgeben? Ist das nicht wert, verteidigt zu werden?
Nur: sind denn 10% Muslims für 90% Christen eine Gefahr? Wenn Andersgläubige für eine Religion zur Gefahr werden, deren Wesen die Mission ist, dann stimmt etwas nicht.
Christus sagt nicht: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt, verteidigt seine Früchte.“ Er sagt: „Wer in mir bleibt, bringt reiche Frucht.“
Das Christentum bringt Kultur (und noch viel mehr und Besseres) hervor, weil es in Christus wurzelt. Es wurzelt nicht in Christus, weil man seine Früchte schützt. Wir müssen am Weinstock hängen, um Früchte zu bringen. Wer stattdessen denkt, man müsse die Früchte einlagern und aufheben, damit der Weinstock eine Daseinsberechtigung hat, hat ein Problem. Ohne neue Früchte kann man sich keiner Herausforderung stellen. Bringt das Christentum nichts mehr hervor, wird das Alte irgendwann vergammeln, ohne nahrhaft gewesen zu sein.
Das schlägt sich in der Gesellschaft nieder. Konservativismus, wie er nötig ist, nämlich Treue zum Weinstock, vergeht. Man gibt diese Treue vor, doch man bringt nichts hervor, sondern verwaltet den Besitz. Man erklärt die Traube zum Weinstock selbst, verehrt sie und huldigt ihr. Heraus kommt ein formelhafter politischer Konservativismus, der so nahrhaft und einladend ist wie ein schimmeliger Sack alter Kartoffeln, der macht, dass der ganze Keller muffig riecht, auch wenn man ihn anderen im Zuge der Mission als Partyraum verkaufen will.
Bürgerlichkeit wird mit Christentum verwechselt, Unbeweglichkeit mit Gesundheit und der eigene Angstschweiß mit dem Wohlgeruch des Himmels. Und messerscharf wird geschlossen: der Islam ist stärker als das Christentum und eine Gefahr, wo man doch tatsächlich meint: diese Herausforderung könnte stärker sein als unser Wohlstand. Wäre man in Christus verwurzelt, wüsste man, dass es wieder und wieder neue Früchte geben wird. Dass der Weinstock wachsen muss, nicht sich unser Kühlschrank mit Trauben füllen muss. Das erste, was verginge, wäre die Angst. Und der Blick wäre ein anderer.
Diese Angst, die sich als Glaube tarnt, macht viele Christen unfruchtbar. Sie führt zu der paradoxen Situation, dass viele Ungläubige derzeit den Christen vormachen, was es heißt, der Botschaft Christi zu folgen.
Auch ich habe Angst und bin daher mein eigener Adressat. Ich bin an einen bestimmten Lebensstil gewöhnt. Einen sehr bequemen. Auch ich würde meinen Kindern gern ein Land im Wohlstand übergeben, in dem man ein gutes Leben haben wird. Doch noch lieber übergäbe ich ihnen ein Land, das nicht seinen Kühlschrank verwaltet, sondern liebevoll und zuversichtlich aus Gott heraus handelt und deshalb eine große Zukunft hat.

In diesen ganzen ängstlichen Argumentationen verlieren sich die Menschen. Jeder pickt sich sein Körnchen heraus, betrachtet es ausgiebig von allen Seiten und erkennt, dass alle anderen nicht wirklich aufgeklärt sind, weil sie das Korn nicht haben. Borniert meditiert er es, das Körnchen Wahrheit, bis es ihm offenbart, dass seine Weltanschauung die wahre ist.
Für mich ist das an den ganzen Diskussionen derzeit das einzige, das sich zu betrachten lohnt: die Fantasie, mit der viele das Eigene zur Wahrheit erklären, und die Logik, die sie konstruieren, um zu zeigen, dass Europa Weichei und Held zugleich ist. Fehlt nur noch das sympathisch romantische Europa, der weiche Kern in harter Schale.
Irgendwoher kenne ich die doch, diese Diskrepanz zwischen stark und schwach. Richtig: von Sandburgen. Meine ist die stärkste, aber wehe, du stößt dran! Das christliche Europa ist zu einer Sandburg geworden und fürchtet sich vor der Flut. Mit Recht.

Dienstag, Februar 23, 2016

Interview mit Bischof Oesterhagen

Aus aktuellem Anlass hat sich Bischof Dr. Bernhard Oesterhagen vom Bistum Gnadensuhl (LINK) der Presse gestellt. In der nächsten Ausgabe der Kirchenzeitung wird das Interview zu lesen sein. Wir veröffentlichen es vorab.

Presse: Danke, Exzellenz, dass Sie sich für dieses Interview zur Verfügung stellen.

Bischof Oesterhagen: Gerne, aber bitte nennen Sie mich einfach Herr Bischof. Ich verzichte in der Fastenzeit auf Titel.

Presse:  Herr Bischof, Sie haben bei manchen Menschen einige Irritation ausgelöst, als Sie sagten, Sie seien froh, dass nun im Bistum regelmäßig die „Alte Messe“ zelebriert werde. Ohne diese, so sagten Sie, sei das Bistum nicht vollständig. Was macht den Neuen Ritus unvollständig bzw. was soll am Alten Ritus besser sein?

Bischof Oesterhagen: Es tut mir leid, aber diese Frage kann ich nicht beantworten. Sie ist falsch gestellt.

Presse:  Warum das? Bitte klären Sie mich auf.

Bischof Oesterhagen: Nun, Sie vergleichen in der Frage die beiden Formen des Messritus, als sei da irgendetwas zu bewerten. Genau diese Denkweise – entschuldigen Sie, dass ich deutlich werde – ist jedoch das Problem in vielen Diskussionen, die völlig am Ziel vorbei gehen. Die einzige Frage, auf die es ankommt, ist die: ist Christus zugegen? Ist er im Wort, das wir hören? Ist er leibhaftig in der Eucharistie? Eine Messe wird durch Christus geheiligt. Mit Ihm kann sie nicht wirklich falsch sein, ohne Ihn hilft der schönste Ritus nichts.

Presse:  Wenn das so ist – warum soll dann ohne den Alten Ritus etwas fehlen? Christus ist doch in der Eucharistie anwesend, genauso wie in der Schrift, in der wir jede Messe lesen.

Bischof Oesterhagen: Was fehlt, ist ein Teil der Fülle, die wir besitzen. Was fehlt, ist ein Teil des Zugangs zum Herzen der Menschen, die die Alte Form der Messe besonders lieben.

Presse:  Den Ritus nach dem Menschen auswählen, als sei er ein Service der Kirche für persönliche Vorlieben? Ist denn nicht Gott das Zentrum der Messfeier?

Bischof Oesterhagen: Komische Frage. Selbstverständlich ist Er das. Gerade darum ist es so wichtig, alle zu erreichen, weil Er genau das will. Es wird oft so getan, als sei die Messfeier menschengemacht und richte sich an Gott. Tatsächlich ist das nur ein sehr kleiner Teil der Wahrheit. Gott hat die Eucharistie geschenkt und sie ist für den Menschen. Das feiern wir. Der Ritus ist sozusagen die Tür, durch die Gott eintritt. Dadurch wird er selbst zu einem Teil der Begegnung. Das kann von Menschen nicht gemacht werden. Es ist eigentlich nur verständlich, wenn man begreift, dass Gott in der Kirche wirkt. Wenn es aber Gott ist, der wirkt, haben wir zwei Folgen: zum einen dürfen wir nicht einfach daran herumschrauben, als sei unser eigenes Wirken die Hauptsache. Zum anderen dürfen wir niemals das verurteilen, was Gott selbst heiligt. In keiner Richtung.

Presse:  Sie würden also keiner Form der Messe den Vorrang geben?

Bischof Oesterhagen: Ja und nein. Wie jeder Mensch habe ich Vorlieben, die hier aber nichts zur Sache tun. Abgesehen davon, also sachlich: nein. Wer glaubt, die vermeintlich richtige Messe sei irgendwie wirksamer, behandelt sie, als sei sie eine Art Beschwörungsformel. Wer aber glaubt, Gott beschwören zu können, macht sich zum Herrn über ihn.

Presse:  Herr Bischof, halten Sie es für denkbar, dass…

Bischof Oesterhagen: Ja!

Presse:  Entschuldigung? Äh.. halten Sie es für denkbar…

Bischof Oesterhagen: Ich sagte doch: Ja. Auf jeden Fall.

Presse:  Aber Sie kennen die Frage doch noch nicht.

Bischof Oesterhagen: Muss ich das? Können Sie sich eine Frage ausdenken, die nicht denkbar ist? „Denkbar“ ist alles, und entsprechend wird in der Presse auch alles daraus gemacht, wenn man etwas für „denkbar“ hält. „Bischof Oesterhagen hält es für denkbar, dass…“ – nein, danke. Ich vermute allerdings, Sie wollen mich nach einer Zustimmung oder Einschätzung fragen.

Presse:  …
Herr Bischof, halten Sie es für wahrscheinlich, dass die Kirche mit der außerordentlichen Form des Messritus hinter das 2. Vatikanische Konzil zurück geht?

Bischof Oesterhagen: Dazu braucht es die außerordentliche Form nicht. Wir sind weit hinter dem Konzil zurück. Es wird noch lange dauern, bis wir alles begreifen, was der Heilige Geist und die Konzilsväter uns hinterlassen haben. Sie sind uns weit voraus.

Presse:  So meinte ich die Frage nicht.

Bischof Oesterhagen: Das weiß ich. Sie meinten, ob ich glaube, dass wir uns wieder in den Zustand verwandeln, der VOR dem Konzil herrschte. Nein, das können wir nicht. Schon vergessen? Gott wirkt in der Kirche.

Presse:  Sie haben also am derzeitigen Zustand der Kirche nichts auszusetzen?

Bischof Oesterhagen: Am Zustand der Kirche? Ich halte es mit Mutter Teresa: zwei Dinge müssen sich ändern: Sie und ich. Und ich ergänze um ein Drittes: Ihre Fragen müssen präziser werden, aber das nur am Rande. Die Kirche, das sind wir. Und weil wir es sind, geht jede Kritik zuerst an uns selbst. Wenn ich dann die anderen mit der gleichen Langmut anschaue, die ich selbst benötige, schwindet meine Kritik erheblich.

Presse:  Mit „Wir sind Kirche“ sind Sie ja in bekannter Gesellschaft…

Bischof Oesterhagen: Ja. Nur, dass ich mit denen irgendwie nicht klar komme. In einer Podiumsdiskussion forderten sie, die Kirche müsse sich dringend ändern. Ich fragte nach, ob sie wirklich Kirche seien. Sie bestätigten das sehr vehement. „Ja, dann ändern Sie sich doch endlich, um Gottes willen!“ sagte ich. Das war dann auch wieder nicht richtig. Ich muss allerdings nicht alles verstehen.

Presse:  Herr Bischof, wir danken für dieses Gespräch. Schade, dass immer noch so viele Leute an Ihrer Existenz zweifeln.

Bischof Oesterhagen: (seufzt) Sie sagen es! Wenn ich im Internet bin, denke ich auch immer: das gibt's doch gar nicht!

Mittwoch, Februar 17, 2016

Abholen, wo man steht

Man muss die Leute abholen, wo sie stehen. Klare Sache - woanders kann man sie schließlich nicht abholen. Doch: wo stehen sie nur?

In der Gemeinde ist das klar definiert.
Sie stehen dort, wo:

  • der engagierte Bruder oder die noch engagiertere Schwester sie finden,
  • die Gemeindereferentin es erklärt,
  • der PGR es bschließt,
  • der KV es bezahlt,
  • der Pfarrer es genehmigt
  • und das Bistum es bezuschusst.

Wo kämen wir sonst hin?

Donnerstag, Februar 04, 2016

Lieber Herr Beck!

Nein, homosexuelle Neigungen an sich sind keine Sünde.
Nein, nicht nur Schwule und Lesben sind zur Keuschheit gerufen.
Ja, Gott verzeiht auch sexuelle Sünden. Es sind für ihn nicht die schlimmsten und er ist täglich damit konfrontiert.
Gott ist für jeden da, Herr Beck, wirklich für jeden einzelnen. Gott liebt jeden Menschen und sehnt sich nach ihm. Es gibt niemanden, dem er seine Vergebung nicht schenken würde.
Warum Sie allerdings dieses Geschenk nicht wollen und stattdessen aus der von Gott geschenkten Vergebung eine von Ihnen eingeforderte Zustimmung seinerseits konstruieren, erschließt sich mir nicht.

Sie kritisieren Bischof Schwaderlapp dafür, dass er die Trauung homosexueller für falsch hält und das sagt (LINK).  «Von der frohen Botschaft Jesu und der Liebe Gottes ist in seinen ausgrenzenden Worten nichts zu vernehmen», sagen Sie. Nun, diese Aussage funktioniert nur, wenn Sie davon ausgehen, dass umgekehrt in dieser frohen Botschaft keine ausgrenzenden Worte zu hören sind. Denn anderenfalls wären Bischof Schwaderlapps Aussagen ja durch die Botschaft gedeckt. Leider liegen Sie da falsch: es gibt reihenweise Aussagen, die nicht nur ausgrenzend sind, sondern geradezu verdammend. Zwei sollen hier reichen:
Mt 5,29 Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.
Mt 23,33 Ihr Nattern, ihr Schlangenbrut! Wie wollt ihr dem Strafgericht der Hölle entrinnen?
Damit können auch wir gemeint sein, Herr Beck, Sie und ich. Das Frohe in der frohen Botschaft besteht nicht darin, dass Gott sagt: „Alles OK!“, sondern darin, dass er sagt: „Du weißt, dass nichts OK ist, aber das kriegen wir zusammen hin!“. Gott ist gut und liebt uns. Das heißt aber nicht, dass er ein Trottel ist, der die Realität nicht sieht und alles klasse findet. Das ist auch gut so, denn ehrlich gesagt wünsche ich mir schon, in der Ewigkeit etwas besser drauf zu sein, als ich es jetzt bin. Das sagt Gott mir zu und bittet mich, Ihm auf dem Weg dorthin zu vertrauen, und das ohne Ausnahme in jedem einzelnen Lebensbereich..

Wenn Sie all dem nicht zustimmen können und Ihr Glaube Ihnen etwas anderes sagt, dann bitte ich Sie, wenigstens zu akzeptieren, dass andere Menschen mit dem gleichen Recht es eben doch glauben. Warum fordern Sie, dass Katholiken aktiv gegen ihren Glauben verstoßen, damit Sie, Herr Beck, Ihre Meinung bestätigt bekommen? Aus demselben Recht heraus, mit dem Sie Ihr Leben leben, lassen Sie bitte auch Katholiken in der Kirche in Ruhe. Wenn jeder seinem Glauben folgen soll, holen Sie sich Ihre Trauungen doch dort, wo sie angeboten werden, und fordern Sie nicht von Dritten, gegen ihr Gewissen zu handeln, weil Sie es für richtig halten. Sowenig Sie der katholischen Lehre folgen möchten, sowenig muss die katholische Lehre Ihnen folgen. Gleiches Recht für alle. Das ist doch einleuchtend, oder?

Wenn Sie, Herr Beck, die Kirche jedoch nicht gleich behandeln wollen, weil sie etwas Besonderes ist und eine katholische Trauung etwas Wünschenswertes und Gutes, dann sollten Sie sich fragen, warum das so ist. Ob es da Dinge gibt, die die Kirche zu etwas besonderem machen? Bevor Sie also denken, dass die Kirche handeln sollte, wie Sie es für richtig halten, sollten sie einen Moment darüber nachdenken, dass die Menschen von der katholischen Kirche getraut werden möchten, und nicht von Ihnen oder dem ZdK.

Sie wünschen sich Barmherzigkeit. Damit sind Sie in guter Gesellschaft. In bester. Als der zweite Sohn nachhause kam, wusste er, dass er alles verloren hatte. Daraufhin hat der Vater ihm alles vergeben und ein Fest gefeiert. Das ist Barmherzigkeit: ein Geschenk. Es ist eine zweiseitige Sache. Der Sohn weiß, dass er sie nicht verdient, und der Vater schenkt sie. Wie Sie daraus eine berechtigte Forderung des Sohns ableiten, der Vater möge bitte das Verprassen des Erbes für gut erklären und ihm erlauben, auch weiterhin so zu verfahren, ist mir schleierhaft! Wollen Sie keine Vergebung, sondern stattdessen Akzeptanz der Sünde? Die bekommen Sie ebenso wenig wie ich.

Und all das, Herr Beck, gilt für jeden. Es hat mit schwul oder nicht schwul nichts zu tun, überhaupt nichts. Nicht das Schwul-Sein Sünde wäre, ist das Problem. Gott arbeitet mit Sündern. Er liebt sie. Zudem: Nicht-Sünder gibt es gar nicht. Das Problem ist, dass hier nicht gewünscht wird: „Segne mich mit Deinem Erbarmen“, sondern gefordert wird: „Segne mich mit Deiner Zustimmung“. Es ist ein grundsätzliches Problem, keines, das speziell die Sexualität betrifft.
Ich habe keinen Grund, Herr Beck, mich für besser zu halten, als Sie. Es geht überhaupt nicht um besser oder schlechter. Vor Gott ist das eine unglaublich lächerliche Frage: jeder braucht Vergebung, und Gott schenkt sie umso lieber, je größer sie sein muss. Das ist Seine Logik. Darum lassen Sie uns in allen Diskussionen und in allem Ringen bitte in dieser Logik bleiben, damit wir vor Ihm bleiben.

Mittwoch, Februar 03, 2016

Wie sagt man die Wahrheit?

„Wieviel ist 2+2? Sag’ die Wahrheit!“ - „4!“ – „Sehr gut!“ Das war einfach.

„Warum lächeln Sie mich so oft an?“ – „Weil ich mich freue, wenn ich Sie sehe!“ – „Wie schön!“ Das war nicht mehr ganz so einfach. Es war die etwas schräge Antwort, die die Heilige Terese von Lisieux einer Schwester gab, die ihr unglaublich auf die Nerven ging: sie freute sich über das Opfer, das sie für Christus bringen konnte (so kenne ich diese Geschichte). „Ich habe ihr nicht gesagt, was ich denke!“ soll sie sich bei Gott dafür entschuldigt haben, der offenbar nicht sauer war. Komisch, wenn man davon ausgeht, dass mit „die Wahrheit sagen“ gemeint ist, man solle mit den Fakten um sich hauen. Nicht ganz so komisch, wenn man begreift, dass es mehr zu berücksichtigen gibt.
Wie also sagt man die Wahrheit?

Anfänger setzen einfach „Wahrheit sagen“ und „Richtiges reden“ gleich. Es kommt ihnen nicht darauf an, ob die Wahrheit beim Gegenüber ankommt – Hauptsache, sie hat ihren Mund verlassen. So wähnen sie sich auf der sicheren Seite und sind gar stolz darauf, dem Gesprächspartner Unangenehmes ungeschminkt ins Gesicht zu sagen: so liegen die Dinge nun einmal; seht, wie ehrlich und sachlich ich bin.
Doch was ist erreicht? Der Gesprächspartner ist verletzt; er wehrt das, was ich mitteilen wollte, ab. Die Sache, die vermittelt werden sollte, ist zum Streitpunkt geworden - ein Mechanismus, der in der christlichen Verkündigung ständig vorkommt. Sich jetzt die Hände in Unschuld zu waschen wäre zu einfach: Die Wahrheit soll verkündet werden, nicht nur dahergeredet. Wer sie sagen will, muss sicherstellen, dass sie so gut wie möglich beim Gegenüber ankommt; anderenfalls ging es ihm nicht um die Wahrheit, sondern um sich selbst.
Dazu aber ist es nötig, den Gesprächspartner zu kennen: wie denkt er? Schließlich muss mein Gegenüber, will ich eine Wahrheit sagen, unter meinen Worten dasselbe verstehen wie ich. Wenn das nicht der Fall ist, suche ich nach anderen Begriffen um den Inhalt meines Glaubens zu beschreiben, oder ich versuche, den Begriff für beide zu definieren. Alles andere ist sinnlos: Begriffe taugen nur, wenn beide dasselbe darunter verstehen. Die Wahrheit ist das, was in guten Gesprächen mit Begriffen transportiert wird, nicht der Begriff selbst. Es hat keinen Sinn, jemandem das Wort Sünde vorzusetzen, der darunter Verurteilung versteht.
Sogar wenn danach gefragt wird: wer verantwortungsvoll verkündigen will, ist mit Begriffen vorsichtig, die falsch besetzt sind, auch wenn sie für ihn selbst noch so klar sind. Wenn ich die Wahrheit sagen will, ist im Gespräch der Partner der Maßstab; meine Dialogfähigkeit wird zur Voraussetzung. Wer sich selbst zum Maßstab macht, redet Richtiges, aber er verkündet nicht die Wahrheit. Gottes Aufgabe für uns ist jedoch die Verkündigung, nicht das Reden.

Dienstag, Februar 02, 2016

So geht es nicht.

[Von Bastian] „Sogar euer Bischof sagt, dass Schwulsein keine Sünde mehr ist“ schreit ein LGBT-Aktivist auf einer Demo. Eine katholische Kommunikationswissenschaftlerin hört das, googelt und findet: „Homosexualität als Sünde darzustellen, ist verletzend“ sagt Bischof Koch doch „tatsächlich“ in einem Interview. Auf Basis dieser beiden Aussagen baut sie daraufhin den neuen „Brief aus Siena“ auf, eine sanft und lieb vorgetragene Ohrfeige an den Bischof, die sachlich schlicht unhaltbar und formal eine Unverschämtheit ist.

Erst einmal die Aussage des Bischofs selbst: Homosexuell zu sein ist keine Sünde. Praktizierte Homosexualität ist Sünde, wie übrigens jede andere praktizierte Sexualität außerhalb der Ehe zwischen Mann und Frau auch. Sogar in der Ehe ist es Sünde, wenn die Sexualität nicht offen für Kinder ist. Der Personenkreis wird groß und ist keineswegs auf Schwule begrenzt. Doch die Kirche unterscheidet eben zwischen Versuchung und Sünde, zwischen Neigung und Handlung. Und sie sagt klar: Neigungen sind keine Sünde. Punkt. Die Aussage des Bischofs für sich ist daher inhaltlich nicht zu monieren.

Daher stellt sich die Frage nach dem Kontext: war der vielleicht falsch? Der Bischof ist mit seiner Antwort offenbar einer Frage ausgewichen, die dazu angetan war, ihn zu einer Aussage zu bewegen, die man ausschlachten kann: „Stichwort Homosexualität: Hält die Kirche gleichgeschlechtliche Partnerschaften für Leben in Sünde?“ Die Frage zeigt klar, dass die korrekte Antwort längst bekannt war; sie enthielt diese Antwort bereits: diese Frage muss man katholisch mit „Ja!“ beantworten oder ihr ausweichen. Bischof Koch ist ihr ausgewichen. Und an dieser Stelle haut die Kommunikationswissenschaftlerin zu.
Die Antwort sei in diesem Zusammenhang faktisch eine Verneinung gewesen. Ihre Rezeption in „diversen Homozeitschriften“, die das offenbar als kirchlichen Freibrief verstehen wollen, sei die Folge. Diese Rezeption hat nach Ansicht der Schreiberin der Bischof zu verantworten. Das faktische Ziel der Schreiberin hier offenbar, dass man sich unterschiedlich äußert, je nachdem, wer es hört und was der damit macht. Also genau das Gegenteil dessen, was sie in Worten fordert.
Der Bischof verschweige die wahre kirchliche Meinung dazu und dementiere auch im Nachhinein nicht. Anlass, ihm lang und breit zu erklären, warum man gegen Regenbogenfamilien sein müsse und was die Kirche dazu sage, als brauche der Bischof Nachhilfe. Beispiele für bessere Kommunikation werden genannt. Es wird ausgewalzt, wie verletzend die Aussage für die sei, die sich an der Lehre der Kirche orientieren. Das ganze gewürzt mit ein paar wissenschaftlichen Untersuchungen, die die eigene Ansicht untermauern. Nur: zu all dem hat der Bischof gar nichts gesagt. Man kann jeden in die Pfanne hauen, greift man ihn für das an, was er nicht gesagt hat. Der „Brief“ ist eine als mitfühlend getarnte Inszenierung dessen, was man für katholisch korrekt hält, aufgebaut als Gegenpol zum Bischof, der damit offenbar nicht katholisch ist. Eine Aussage, die so natürlich nicht gemacht wird, dennoch im Raum steht und bei einer Kommunikations-wissenschaftlerin nur zwei Schlüsse zulässt: entweder ist sie schlecht und weiß nicht, was sie tut, oder sie manipuliert und nimmt dieses Bild bewusst in Kauf, plant es sogar und bedient so mehr oder weniger gekonnt die Ressentiments vieler, denen die Kirche nicht katholisch genug ist. Nebenbei inszeniert sie sich noch als fachliche und menschliche Autorität.

Das ganze Bild des unkatholischen Bischofs beruht nicht auf einer Falschaussage, sondern darauf, dass er ungeschickt kommunizierte. (Man kann darüber unterschiedlicher Meinung sein.) Dass er einer Frage auswich. Daraus aber derartige Interpretationen zu gewinnen geht am Ziel vorbei, und zwar gründlich. Man kann sicher unterschiedlicher Meinung sein, was richtig wäre. Auch ich frage mich immer wieder, ob Mut zum Profil nicht manchmal besser wäre. Ich bin aber auch nicht in der Verantwortung, zu entscheiden. Wenn ein Körperteil leidet, leiden alle – der Bischof wird gut daran tun, keine Aussagen zu liefern, die einer Amputation gleichkommen, auch wenn viele das wünschen.

„Herr Bischof: auch Homosexuelle sind Menschen. Geben Sie als Hirten bitte auch diesen Menschen die Chance, glücklich und heilig zu werden.“ So endet der „Brief“. Starker Tobak. Der Bischof hält offenbar Schwule für Unmenschen oder Tiere? Nur, wenn man der Schreiberin folgt, hat man eine Chance auf Glück und Heiligkeit? An Selbstbewusstsein scheint es nicht zu mangeln. Es ist legitim, um den richtigen Weg der Verkündigung zu ringen. Es ist gut, dass der Chor ein Vielstimmiger ist. Und es ist gut, Bedenken zu äußern, so man welche hat. Doch mit dem Wahrheitsanspruch sollte man vorsichtig sein, will man nicht ins Sektiererische abrutschen. Man kann auch gut katholisch großen Unsinn reden.

Moderne Kommunikationswissenschaft besteht nicht darin, mit freundlichen Worten unverschämte Unterstellungen in die Welt zu setzen. Auch in Watte verpackte Steine sind Steine und schmerzen, wenn man sie wirft. Offenheit (ja=ja, nein=nein) ist etwas Anderes. Stilistisch ist der Brief unaufrichtig. Inhaltlich hat er das Niveau eines Fans, der es stets besser weiß, als der Trainer seiner Mannschaft. Letztlich unternimmt die Schreiberin denselben Versuch, der im Interview unternommen wurde: Herr Bischof, rechtfertigen Sie sich, wenn ich es verlange!
Wäre ich der Bischof – kein Wort würde ich dazu sagen oder schreiben, auch wenn das der Schreiberin entgegenkäme, stärkte es doch das Bild meiner Unbelehrbarkeit. Ich distanziere mich von diesem „Brief“ – ich möchte als Katholik dafür nicht in Mithaftung genommen werden!