Montag, Februar 29, 2016

Ich fürchte, so sieh es aus

Die Lage im Nahen Osten ist instabil. Millionen von Flüchtlingen drängen aus Syrien hinaus in die Nachbarländer. Sollte die Lage eskalieren und beispielsweise der Libanon im Chaos versinken, besteht die Gefahr, dass Israel in einen Krieg verwickelt wird. Das wäre auch für uns kritisch. Die Türkei als Bündnispartner wäre dann ein zusätzliches großes Risiko.
Es war eine völlig unerwartete und dabei sehr sinnvolle politische Reaktion, diesen Druck durch massive Flüchtlingsaufnahme zu reduzieren. Neben dieser Reduktion wurde dadurch zudem die Blickrichtung geändert. Viele Menschen schauen nach Europa, um dort eine Lösung zu suchen. Ohne diese Hoffnung wäre das Gewalt- und Krisenpotential dort noch viel höher.
Die Lage im Nahen Osten ist gefährlich. Der Versuch, sie zu stabilisieren, könnte helfen, einen großen Krieg zu vermeiden. Sollte das ausbrechen, werden wir uns nach den jetzigen Flüchtlingszahlen zurück sehnen, wenn wir nicht sogar selbst hinein gezogen werden: Stichwort Bündnisfall.
Die Bundeskanzlerin versucht, durch Entlastung der Situation und Einbindung der Türkei die Eskalation zu vermeiden. Europa will jedoch keine Flüchtlinge aufnehmen, zumindest nicht in der Anzahl, wie es nötig wäre: sie sollen draußen bleiben. Wenn sie das nicht wollen und trotzdem versuchen, zu kommen, werden sie zu Gegnern. Dann werden sie früher oder später bekämpft. Die Folgen davon lassen sich nicht mehr kontrollieren.

Ich hätte vom intellektuellen Europa mehr erwartet, als eine derartige Kurzsichtigkeit. Dass der Kontinent, der von der Globalisierung lebt, an seinen Grenzen zu denken aufhört, spricht Bände über seinen Zustand. Dabei reicht das Denken nicht einmal bis an die EU-Grenzen. Nicht einmal den eigenen EU-Partnern wurde und wird vernünftig geholfen. Griechenland ist auf jeder Titelseite, wenn es seine Schulden nicht bezahlen kann, und auf Seite 19, wenn es mit dem Restgeld die Flüchtlinge nicht versorgen kann. Italien wurde mit den Bootsflüchtlingen allein gelassen, auch als es um Hilfe rief. Wir reden stattdessen davon, wie wir einzelne Transitrouten der Flüchtlinge unterbinden können. In der Zwischenzeit werden an den Grenzen Wasserwerfer eingesetzt.
Die Idee geschlossener Grenzen ist absurd. Wir haben langfristig die Wahl, als wohl erste der Geschichte eine Völkerwanderung friedlich abzufedern, die Zeichen zu verstehen und sie unnötig zu machen. Das wird sicher mehr Einsatz kosten, als jetzt irgendein Politiker zuzugeben bereit ist. Möglich ist es, Dinge als erster zu tun. Es hat auch noch niemals ein Land derart seine Grenzen geöffnet.
Flüchtlinge aufzunehmen ist gefährlich? Die Situation eskalieren zu lassen ist viel gefährlicher. Wir haben genug eigene Probleme? Mag sein. Nur, dass das andere Probleme nicht interessiert. Europa muss die Augen öffnen. Die Alternative wird (mittel- oder langfristig) sein, selbst erst isoliert, dann instabil, dann im Krieg und dann Geschichte zu sein.

Mittwoch, Februar 24, 2016

Ich muss mir mal Luft machen!

Ich muss mir mal Luft machen! Eine arrogante Betrachtung der Lage.
Angst herrscht vor der Flüchtlingswelle. Unser Wohlstand und unsere Identität sind bedroht! Sind sie?
Wirtschaftlich: 500 Millionen Europäer sollen ca. 2 Millionen Flüchtlinge aufnehmen, also vielleicht 0,5% der eigenen Bevölkerung, und gehen deswegen in die Knie.
Religiös: 2 Millionen Muslims stellen eine Gefahr für mehrere hundert Millionen Christen dar.
In der Gesellschaft tobt eine Diskussion darüber, was fremdenfeindlich ist und was berechtigte Sorgen sind. Oder besser gesagt geht es inzwischen darum, wer ein Rassist ist und wer ein blauäugiger Trottel.
Ich komme da nicht mehr mit. Offenbar ist es nötig, sich einmal ein paar eigene Gedanken zu machen.

Mir fällt als erstes eine gewaltige Diskrepanz auf. Da ist das Europa, das es zu schützen gilt. Christlich verwurzelt ist es, Freiheit und Wohlstand sind seine Attribute. Nur: sollte es stimmen, dass dieses Europa ein knappes Prozent Flüchtlinge nicht mehr wegsteckt, wäre es gesellschaftlich wie wirtschaftlich eine Ruine, die zu schützen sich nicht lohnt. Ja was denn nun?

Ich werde den Verdacht nicht los, dass hier nicht von den Ursachen her gedacht wird, sondern vom gewünschten Ergebnis her. Und das ist: Wohlstand und die nötige Ruhe, ihn zu genießen. Längst werden bei uns nicht mehr die gewählt, die die Grundlagen für unseren Wohlstand stärken. Wahlen gewinnt man, indem man den Leuten Konsum verspricht. Indem man ihnen beweist, dass es das Beste für alle ist, wenn es ihnen persönlich gut geht. Dass ein reiches Deutschland das Beste ist, was der Welt passieren kann. Und so liest man dann sogar bei Christen, dass Kapital grundsätzlich sozial sei, weil niemand es für sich behalte und es so Wohlstand für alle schaffe, und dergleichen Unsinn mehr. Das ist sehr überzeugend, vor allem, wenn es der sagt, dem das Kapital gehört. Und niemand merkt, dass das Gleichnis des Reichen, von dessen herunterfallenden Krümeln der elende Rest lebt, hier zur Tugend erhoben wird.
Dass man selbst die einzig wahre Adresse für Geld und Finanzhilfen ist, sitzt so tief, dass es bereits für Zusammenhänge blind macht. Die Kosten für die Flüchtlinge sind enorm. Milliarden. „Das wird problemlos bezahlt, aber für uns ist kein Geld da!“ Erstaunlich, dass so ein Blödsinn überhaupt über die Medien verbreitet wird! Kein Flüchtling nimmt das Geld, steckt es ein und lässt es in der Tasche. Er gibt es aus für Kleidung, Essen, Getränke, Möbel und ein wenig sonstigen Konsum. Dieses Geld landet tatsächlich zu 100% in der Wirtschaft und stellt so ein gigantisches Konjunkturprogramm dar. Dieses Programm wäre noch um einiges besser, könnte man den lokalen Faktor stärken. Derzeit schöpfen Ketten wie IKEA erhebliche Teile davon ab. Auch überall dort, wo statt Geld Sachleistungen geboten werden, geht die Investition an der Bevölkerung vorbei direkt in die Kasse des günstigsten Großanbieters. Doch in einer Gesellschaft, in der Geiz geil ist, werden Discounter eben groß.
Diese Betrachtung der Kosten ist die logische Folge der undurchdachten Einstellung „Hauptsache, für mich gibt es Geld und billige Angebote“.

Und was machen die Christen? Wie macht man es, dass man beim gelebten Prassertum und dem Ausgrenzen Hilfsbedürftiger noch in den Spiegel schauen kann? Man konstruiert.
Das Christentum sei kulturstiftend und unterstütze die Ordnung, auch die gesellschaftliche. Beides sei daher zu schützen. Nun, das stimmt erst einmal. Das Christentum ist nicht nur kulturfähig, sondern es bringt sozusagen automatisch Kultur und Wohlstand hervor, wenn es herrscht. Es gab schon viele große und stabile Reiche auf der Welt, doch niemals eine derartige Vielfalt, ein derartiges Wissen und einen derartigen Wohlstand wie in Europa während seiner christlichen Zeit. Soll man das alles aufgeben? Ist das nicht wert, verteidigt zu werden?
Nur: sind denn 10% Muslims für 90% Christen eine Gefahr? Wenn Andersgläubige für eine Religion zur Gefahr werden, deren Wesen die Mission ist, dann stimmt etwas nicht.
Christus sagt nicht: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt, verteidigt seine Früchte.“ Er sagt: „Wer in mir bleibt, bringt reiche Frucht.“
Das Christentum bringt Kultur (und noch viel mehr und Besseres) hervor, weil es in Christus wurzelt. Es wurzelt nicht in Christus, weil man seine Früchte schützt. Wir müssen am Weinstock hängen, um Früchte zu bringen. Wer stattdessen denkt, man müsse die Früchte einlagern und aufheben, damit der Weinstock eine Daseinsberechtigung hat, hat ein Problem. Ohne neue Früchte kann man sich keiner Herausforderung stellen. Bringt das Christentum nichts mehr hervor, wird das Alte irgendwann vergammeln, ohne nahrhaft gewesen zu sein.
Das schlägt sich in der Gesellschaft nieder. Konservativismus, wie er nötig ist, nämlich Treue zum Weinstock, vergeht. Man gibt diese Treue vor, doch man bringt nichts hervor, sondern verwaltet den Besitz. Man erklärt die Traube zum Weinstock selbst, verehrt sie und huldigt ihr. Heraus kommt ein formelhafter politischer Konservativismus, der so nahrhaft und einladend ist wie ein schimmeliger Sack alter Kartoffeln, der macht, dass der ganze Keller muffig riecht, auch wenn man ihn anderen im Zuge der Mission als Partyraum verkaufen will.
Bürgerlichkeit wird mit Christentum verwechselt, Unbeweglichkeit mit Gesundheit und der eigene Angstschweiß mit dem Wohlgeruch des Himmels. Und messerscharf wird geschlossen: der Islam ist stärker als das Christentum und eine Gefahr, wo man doch tatsächlich meint: diese Herausforderung könnte stärker sein als unser Wohlstand. Wäre man in Christus verwurzelt, wüsste man, dass es wieder und wieder neue Früchte geben wird. Dass der Weinstock wachsen muss, nicht sich unser Kühlschrank mit Trauben füllen muss. Das erste, was verginge, wäre die Angst. Und der Blick wäre ein anderer.
Diese Angst, die sich als Glaube tarnt, macht viele Christen unfruchtbar. Sie führt zu der paradoxen Situation, dass viele Ungläubige derzeit den Christen vormachen, was es heißt, der Botschaft Christi zu folgen.
Auch ich habe Angst und bin daher mein eigener Adressat. Ich bin an einen bestimmten Lebensstil gewöhnt. Einen sehr bequemen. Auch ich würde meinen Kindern gern ein Land im Wohlstand übergeben, in dem man ein gutes Leben haben wird. Doch noch lieber übergäbe ich ihnen ein Land, das nicht seinen Kühlschrank verwaltet, sondern liebevoll und zuversichtlich aus Gott heraus handelt und deshalb eine große Zukunft hat.

In diesen ganzen ängstlichen Argumentationen verlieren sich die Menschen. Jeder pickt sich sein Körnchen heraus, betrachtet es ausgiebig von allen Seiten und erkennt, dass alle anderen nicht wirklich aufgeklärt sind, weil sie das Korn nicht haben. Borniert meditiert er es, das Körnchen Wahrheit, bis es ihm offenbart, dass seine Weltanschauung die wahre ist.
Für mich ist das an den ganzen Diskussionen derzeit das einzige, das sich zu betrachten lohnt: die Fantasie, mit der viele das Eigene zur Wahrheit erklären, und die Logik, die sie konstruieren, um zu zeigen, dass Europa Weichei und Held zugleich ist. Fehlt nur noch das sympathisch romantische Europa, der weiche Kern in harter Schale.
Irgendwoher kenne ich die doch, diese Diskrepanz zwischen stark und schwach. Richtig: von Sandburgen. Meine ist die stärkste, aber wehe, du stößt dran! Das christliche Europa ist zu einer Sandburg geworden und fürchtet sich vor der Flut. Mit Recht.

Dienstag, Februar 23, 2016

Interview mit Bischof Oesterhagen

Aus aktuellem Anlass hat sich Bischof Dr. Bernhard Oesterhagen vom Bistum Gnadensuhl (LINK) der Presse gestellt. In der nächsten Ausgabe der Kirchenzeitung wird das Interview zu lesen sein. Wir veröffentlichen es vorab.

Presse: Danke, Exzellenz, dass Sie sich für dieses Interview zur Verfügung stellen.

Bischof Oesterhagen: Gerne, aber bitte nennen Sie mich einfach Herr Bischof. Ich verzichte in der Fastenzeit auf Titel.

Presse:  Herr Bischof, Sie haben bei manchen Menschen einige Irritation ausgelöst, als Sie sagten, Sie seien froh, dass nun im Bistum regelmäßig die „Alte Messe“ zelebriert werde. Ohne diese, so sagten Sie, sei das Bistum nicht vollständig. Was macht den Neuen Ritus unvollständig bzw. was soll am Alten Ritus besser sein?

Bischof Oesterhagen: Es tut mir leid, aber diese Frage kann ich nicht beantworten. Sie ist falsch gestellt.

Presse:  Warum das? Bitte klären Sie mich auf.

Bischof Oesterhagen: Nun, Sie vergleichen in der Frage die beiden Formen des Messritus, als sei da irgendetwas zu bewerten. Genau diese Denkweise – entschuldigen Sie, dass ich deutlich werde – ist jedoch das Problem in vielen Diskussionen, die völlig am Ziel vorbei gehen. Die einzige Frage, auf die es ankommt, ist die: ist Christus zugegen? Ist er im Wort, das wir hören? Ist er leibhaftig in der Eucharistie? Eine Messe wird durch Christus geheiligt. Mit Ihm kann sie nicht wirklich falsch sein, ohne Ihn hilft der schönste Ritus nichts.

Presse:  Wenn das so ist – warum soll dann ohne den Alten Ritus etwas fehlen? Christus ist doch in der Eucharistie anwesend, genauso wie in der Schrift, in der wir jede Messe lesen.

Bischof Oesterhagen: Was fehlt, ist ein Teil der Fülle, die wir besitzen. Was fehlt, ist ein Teil des Zugangs zum Herzen der Menschen, die die Alte Form der Messe besonders lieben.

Presse:  Den Ritus nach dem Menschen auswählen, als sei er ein Service der Kirche für persönliche Vorlieben? Ist denn nicht Gott das Zentrum der Messfeier?

Bischof Oesterhagen: Komische Frage. Selbstverständlich ist Er das. Gerade darum ist es so wichtig, alle zu erreichen, weil Er genau das will. Es wird oft so getan, als sei die Messfeier menschengemacht und richte sich an Gott. Tatsächlich ist das nur ein sehr kleiner Teil der Wahrheit. Gott hat die Eucharistie geschenkt und sie ist für den Menschen. Das feiern wir. Der Ritus ist sozusagen die Tür, durch die Gott eintritt. Dadurch wird er selbst zu einem Teil der Begegnung. Das kann von Menschen nicht gemacht werden. Es ist eigentlich nur verständlich, wenn man begreift, dass Gott in der Kirche wirkt. Wenn es aber Gott ist, der wirkt, haben wir zwei Folgen: zum einen dürfen wir nicht einfach daran herumschrauben, als sei unser eigenes Wirken die Hauptsache. Zum anderen dürfen wir niemals das verurteilen, was Gott selbst heiligt. In keiner Richtung.

Presse:  Sie würden also keiner Form der Messe den Vorrang geben?

Bischof Oesterhagen: Ja und nein. Wie jeder Mensch habe ich Vorlieben, die hier aber nichts zur Sache tun. Abgesehen davon, also sachlich: nein. Wer glaubt, die vermeintlich richtige Messe sei irgendwie wirksamer, behandelt sie, als sei sie eine Art Beschwörungsformel. Wer aber glaubt, Gott beschwören zu können, macht sich zum Herrn über ihn.

Presse:  Herr Bischof, halten Sie es für denkbar, dass…

Bischof Oesterhagen: Ja!

Presse:  Entschuldigung? Äh.. halten Sie es für denkbar…

Bischof Oesterhagen: Ich sagte doch: Ja. Auf jeden Fall.

Presse:  Aber Sie kennen die Frage doch noch nicht.

Bischof Oesterhagen: Muss ich das? Können Sie sich eine Frage ausdenken, die nicht denkbar ist? „Denkbar“ ist alles, und entsprechend wird in der Presse auch alles daraus gemacht, wenn man etwas für „denkbar“ hält. „Bischof Oesterhagen hält es für denkbar, dass…“ – nein, danke. Ich vermute allerdings, Sie wollen mich nach einer Zustimmung oder Einschätzung fragen.

Presse:  …
Herr Bischof, halten Sie es für wahrscheinlich, dass die Kirche mit der außerordentlichen Form des Messritus hinter das 2. Vatikanische Konzil zurück geht?

Bischof Oesterhagen: Dazu braucht es die außerordentliche Form nicht. Wir sind weit hinter dem Konzil zurück. Es wird noch lange dauern, bis wir alles begreifen, was der Heilige Geist und die Konzilsväter uns hinterlassen haben. Sie sind uns weit voraus.

Presse:  So meinte ich die Frage nicht.

Bischof Oesterhagen: Das weiß ich. Sie meinten, ob ich glaube, dass wir uns wieder in den Zustand verwandeln, der VOR dem Konzil herrschte. Nein, das können wir nicht. Schon vergessen? Gott wirkt in der Kirche.

Presse:  Sie haben also am derzeitigen Zustand der Kirche nichts auszusetzen?

Bischof Oesterhagen: Am Zustand der Kirche? Ich halte es mit Mutter Teresa: zwei Dinge müssen sich ändern: Sie und ich. Und ich ergänze um ein Drittes: Ihre Fragen müssen präziser werden, aber das nur am Rande. Die Kirche, das sind wir. Und weil wir es sind, geht jede Kritik zuerst an uns selbst. Wenn ich dann die anderen mit der gleichen Langmut anschaue, die ich selbst benötige, schwindet meine Kritik erheblich.

Presse:  Mit „Wir sind Kirche“ sind Sie ja in bekannter Gesellschaft…

Bischof Oesterhagen: Ja. Nur, dass ich mit denen irgendwie nicht klar komme. In einer Podiumsdiskussion forderten sie, die Kirche müsse sich dringend ändern. Ich fragte nach, ob sie wirklich Kirche seien. Sie bestätigten das sehr vehement. „Ja, dann ändern Sie sich doch endlich, um Gottes willen!“ sagte ich. Das war dann auch wieder nicht richtig. Ich muss allerdings nicht alles verstehen.

Presse:  Herr Bischof, wir danken für dieses Gespräch. Schade, dass immer noch so viele Leute an Ihrer Existenz zweifeln.

Bischof Oesterhagen: (seufzt) Sie sagen es! Wenn ich im Internet bin, denke ich auch immer: das gibt's doch gar nicht!

Mittwoch, Februar 17, 2016

Abholen, wo man steht

Man muss die Leute abholen, wo sie stehen. Klare Sache - woanders kann man sie schließlich nicht abholen. Doch: wo stehen sie nur?

In der Gemeinde ist das klar definiert.
Sie stehen dort, wo:

  • der engagierte Bruder oder die noch engagiertere Schwester sie finden,
  • die Gemeindereferentin es erklärt,
  • der PGR es bschließt,
  • der KV es bezahlt,
  • der Pfarrer es genehmigt
  • und das Bistum es bezuschusst.

Wo kämen wir sonst hin?

Donnerstag, Februar 04, 2016

Lieber Herr Beck!

Nein, homosexuelle Neigungen an sich sind keine Sünde.
Nein, nicht nur Schwule und Lesben sind zur Keuschheit gerufen.
Ja, Gott verzeiht auch sexuelle Sünden. Es sind für ihn nicht die schlimmsten und er ist täglich damit konfrontiert.
Gott ist für jeden da, Herr Beck, wirklich für jeden einzelnen. Gott liebt jeden Menschen und sehnt sich nach ihm. Es gibt niemanden, dem er seine Vergebung nicht schenken würde.
Warum Sie allerdings dieses Geschenk nicht wollen und stattdessen aus der von Gott geschenkten Vergebung eine von Ihnen eingeforderte Zustimmung seinerseits konstruieren, erschließt sich mir nicht.

Sie kritisieren Bischof Schwaderlapp dafür, dass er die Trauung homosexueller für falsch hält und das sagt (LINK).  «Von der frohen Botschaft Jesu und der Liebe Gottes ist in seinen ausgrenzenden Worten nichts zu vernehmen», sagen Sie. Nun, diese Aussage funktioniert nur, wenn Sie davon ausgehen, dass umgekehrt in dieser frohen Botschaft keine ausgrenzenden Worte zu hören sind. Denn anderenfalls wären Bischof Schwaderlapps Aussagen ja durch die Botschaft gedeckt. Leider liegen Sie da falsch: es gibt reihenweise Aussagen, die nicht nur ausgrenzend sind, sondern geradezu verdammend. Zwei sollen hier reichen:
Mt 5,29 Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.
Mt 23,33 Ihr Nattern, ihr Schlangenbrut! Wie wollt ihr dem Strafgericht der Hölle entrinnen?
Damit können auch wir gemeint sein, Herr Beck, Sie und ich. Das Frohe in der frohen Botschaft besteht nicht darin, dass Gott sagt: „Alles OK!“, sondern darin, dass er sagt: „Du weißt, dass nichts OK ist, aber das kriegen wir zusammen hin!“. Gott ist gut und liebt uns. Das heißt aber nicht, dass er ein Trottel ist, der die Realität nicht sieht und alles klasse findet. Das ist auch gut so, denn ehrlich gesagt wünsche ich mir schon, in der Ewigkeit etwas besser drauf zu sein, als ich es jetzt bin. Das sagt Gott mir zu und bittet mich, Ihm auf dem Weg dorthin zu vertrauen, und das ohne Ausnahme in jedem einzelnen Lebensbereich..

Wenn Sie all dem nicht zustimmen können und Ihr Glaube Ihnen etwas anderes sagt, dann bitte ich Sie, wenigstens zu akzeptieren, dass andere Menschen mit dem gleichen Recht es eben doch glauben. Warum fordern Sie, dass Katholiken aktiv gegen ihren Glauben verstoßen, damit Sie, Herr Beck, Ihre Meinung bestätigt bekommen? Aus demselben Recht heraus, mit dem Sie Ihr Leben leben, lassen Sie bitte auch Katholiken in der Kirche in Ruhe. Wenn jeder seinem Glauben folgen soll, holen Sie sich Ihre Trauungen doch dort, wo sie angeboten werden, und fordern Sie nicht von Dritten, gegen ihr Gewissen zu handeln, weil Sie es für richtig halten. Sowenig Sie der katholischen Lehre folgen möchten, sowenig muss die katholische Lehre Ihnen folgen. Gleiches Recht für alle. Das ist doch einleuchtend, oder?

Wenn Sie, Herr Beck, die Kirche jedoch nicht gleich behandeln wollen, weil sie etwas Besonderes ist und eine katholische Trauung etwas Wünschenswertes und Gutes, dann sollten Sie sich fragen, warum das so ist. Ob es da Dinge gibt, die die Kirche zu etwas besonderem machen? Bevor Sie also denken, dass die Kirche handeln sollte, wie Sie es für richtig halten, sollten sie einen Moment darüber nachdenken, dass die Menschen von der katholischen Kirche getraut werden möchten, und nicht von Ihnen oder dem ZdK.

Sie wünschen sich Barmherzigkeit. Damit sind Sie in guter Gesellschaft. In bester. Als der zweite Sohn nachhause kam, wusste er, dass er alles verloren hatte. Daraufhin hat der Vater ihm alles vergeben und ein Fest gefeiert. Das ist Barmherzigkeit: ein Geschenk. Es ist eine zweiseitige Sache. Der Sohn weiß, dass er sie nicht verdient, und der Vater schenkt sie. Wie Sie daraus eine berechtigte Forderung des Sohns ableiten, der Vater möge bitte das Verprassen des Erbes für gut erklären und ihm erlauben, auch weiterhin so zu verfahren, ist mir schleierhaft! Wollen Sie keine Vergebung, sondern stattdessen Akzeptanz der Sünde? Die bekommen Sie ebenso wenig wie ich.

Und all das, Herr Beck, gilt für jeden. Es hat mit schwul oder nicht schwul nichts zu tun, überhaupt nichts. Nicht das Schwul-Sein Sünde wäre, ist das Problem. Gott arbeitet mit Sündern. Er liebt sie. Zudem: Nicht-Sünder gibt es gar nicht. Das Problem ist, dass hier nicht gewünscht wird: „Segne mich mit Deinem Erbarmen“, sondern gefordert wird: „Segne mich mit Deiner Zustimmung“. Es ist ein grundsätzliches Problem, keines, das speziell die Sexualität betrifft.
Ich habe keinen Grund, Herr Beck, mich für besser zu halten, als Sie. Es geht überhaupt nicht um besser oder schlechter. Vor Gott ist das eine unglaublich lächerliche Frage: jeder braucht Vergebung, und Gott schenkt sie umso lieber, je größer sie sein muss. Das ist Seine Logik. Darum lassen Sie uns in allen Diskussionen und in allem Ringen bitte in dieser Logik bleiben, damit wir vor Ihm bleiben.

Mittwoch, Februar 03, 2016

Wie sagt man die Wahrheit?

„Wieviel ist 2+2? Sag’ die Wahrheit!“ - „4!“ – „Sehr gut!“ Das war einfach.

„Warum lächeln Sie mich so oft an?“ – „Weil ich mich freue, wenn ich Sie sehe!“ – „Wie schön!“ Das war nicht mehr ganz so einfach. Es war die etwas schräge Antwort, die die Heilige Terese von Lisieux einer Schwester gab, die ihr unglaublich auf die Nerven ging: sie freute sich über das Opfer, das sie für Christus bringen konnte (so kenne ich diese Geschichte). „Ich habe ihr nicht gesagt, was ich denke!“ soll sie sich bei Gott dafür entschuldigt haben, der offenbar nicht sauer war. Komisch, wenn man davon ausgeht, dass mit „die Wahrheit sagen“ gemeint ist, man solle mit den Fakten um sich hauen. Nicht ganz so komisch, wenn man begreift, dass es mehr zu berücksichtigen gibt.
Wie also sagt man die Wahrheit?

Anfänger setzen einfach „Wahrheit sagen“ und „Richtiges reden“ gleich. Es kommt ihnen nicht darauf an, ob die Wahrheit beim Gegenüber ankommt – Hauptsache, sie hat ihren Mund verlassen. So wähnen sie sich auf der sicheren Seite und sind gar stolz darauf, dem Gesprächspartner Unangenehmes ungeschminkt ins Gesicht zu sagen: so liegen die Dinge nun einmal; seht, wie ehrlich und sachlich ich bin.
Doch was ist erreicht? Der Gesprächspartner ist verletzt; er wehrt das, was ich mitteilen wollte, ab. Die Sache, die vermittelt werden sollte, ist zum Streitpunkt geworden - ein Mechanismus, der in der christlichen Verkündigung ständig vorkommt. Sich jetzt die Hände in Unschuld zu waschen wäre zu einfach: Die Wahrheit soll verkündet werden, nicht nur dahergeredet. Wer sie sagen will, muss sicherstellen, dass sie so gut wie möglich beim Gegenüber ankommt; anderenfalls ging es ihm nicht um die Wahrheit, sondern um sich selbst.
Dazu aber ist es nötig, den Gesprächspartner zu kennen: wie denkt er? Schließlich muss mein Gegenüber, will ich eine Wahrheit sagen, unter meinen Worten dasselbe verstehen wie ich. Wenn das nicht der Fall ist, suche ich nach anderen Begriffen um den Inhalt meines Glaubens zu beschreiben, oder ich versuche, den Begriff für beide zu definieren. Alles andere ist sinnlos: Begriffe taugen nur, wenn beide dasselbe darunter verstehen. Die Wahrheit ist das, was in guten Gesprächen mit Begriffen transportiert wird, nicht der Begriff selbst. Es hat keinen Sinn, jemandem das Wort Sünde vorzusetzen, der darunter Verurteilung versteht.
Sogar wenn danach gefragt wird: wer verantwortungsvoll verkündigen will, ist mit Begriffen vorsichtig, die falsch besetzt sind, auch wenn sie für ihn selbst noch so klar sind. Wenn ich die Wahrheit sagen will, ist im Gespräch der Partner der Maßstab; meine Dialogfähigkeit wird zur Voraussetzung. Wer sich selbst zum Maßstab macht, redet Richtiges, aber er verkündet nicht die Wahrheit. Gottes Aufgabe für uns ist jedoch die Verkündigung, nicht das Reden.

Dienstag, Februar 02, 2016

So geht es nicht.

[Von Bastian] „Sogar euer Bischof sagt, dass Schwulsein keine Sünde mehr ist“ schreit ein LGBT-Aktivist auf einer Demo. Eine katholische Kommunikationswissenschaftlerin hört das, googelt und findet: „Homosexualität als Sünde darzustellen, ist verletzend“ sagt Bischof Koch doch „tatsächlich“ in einem Interview. Auf Basis dieser beiden Aussagen baut sie daraufhin den neuen „Brief aus Siena“ auf, eine sanft und lieb vorgetragene Ohrfeige an den Bischof, die sachlich schlicht unhaltbar und formal eine Unverschämtheit ist.

Erst einmal die Aussage des Bischofs selbst: Homosexuell zu sein ist keine Sünde. Praktizierte Homosexualität ist Sünde, wie übrigens jede andere praktizierte Sexualität außerhalb der Ehe zwischen Mann und Frau auch. Sogar in der Ehe ist es Sünde, wenn die Sexualität nicht offen für Kinder ist. Der Personenkreis wird groß und ist keineswegs auf Schwule begrenzt. Doch die Kirche unterscheidet eben zwischen Versuchung und Sünde, zwischen Neigung und Handlung. Und sie sagt klar: Neigungen sind keine Sünde. Punkt. Die Aussage des Bischofs für sich ist daher inhaltlich nicht zu monieren.

Daher stellt sich die Frage nach dem Kontext: war der vielleicht falsch? Der Bischof ist mit seiner Antwort offenbar einer Frage ausgewichen, die dazu angetan war, ihn zu einer Aussage zu bewegen, die man ausschlachten kann: „Stichwort Homosexualität: Hält die Kirche gleichgeschlechtliche Partnerschaften für Leben in Sünde?“ Die Frage zeigt klar, dass die korrekte Antwort längst bekannt war; sie enthielt diese Antwort bereits: diese Frage muss man katholisch mit „Ja!“ beantworten oder ihr ausweichen. Bischof Koch ist ihr ausgewichen. Und an dieser Stelle haut die Kommunikationswissenschaftlerin zu.
Die Antwort sei in diesem Zusammenhang faktisch eine Verneinung gewesen. Ihre Rezeption in „diversen Homozeitschriften“, die das offenbar als kirchlichen Freibrief verstehen wollen, sei die Folge. Diese Rezeption hat nach Ansicht der Schreiberin der Bischof zu verantworten. Das faktische Ziel der Schreiberin hier offenbar, dass man sich unterschiedlich äußert, je nachdem, wer es hört und was der damit macht. Also genau das Gegenteil dessen, was sie in Worten fordert.
Der Bischof verschweige die wahre kirchliche Meinung dazu und dementiere auch im Nachhinein nicht. Anlass, ihm lang und breit zu erklären, warum man gegen Regenbogenfamilien sein müsse und was die Kirche dazu sage, als brauche der Bischof Nachhilfe. Beispiele für bessere Kommunikation werden genannt. Es wird ausgewalzt, wie verletzend die Aussage für die sei, die sich an der Lehre der Kirche orientieren. Das ganze gewürzt mit ein paar wissenschaftlichen Untersuchungen, die die eigene Ansicht untermauern. Nur: zu all dem hat der Bischof gar nichts gesagt. Man kann jeden in die Pfanne hauen, greift man ihn für das an, was er nicht gesagt hat. Der „Brief“ ist eine als mitfühlend getarnte Inszenierung dessen, was man für katholisch korrekt hält, aufgebaut als Gegenpol zum Bischof, der damit offenbar nicht katholisch ist. Eine Aussage, die so natürlich nicht gemacht wird, dennoch im Raum steht und bei einer Kommunikations-wissenschaftlerin nur zwei Schlüsse zulässt: entweder ist sie schlecht und weiß nicht, was sie tut, oder sie manipuliert und nimmt dieses Bild bewusst in Kauf, plant es sogar und bedient so mehr oder weniger gekonnt die Ressentiments vieler, denen die Kirche nicht katholisch genug ist. Nebenbei inszeniert sie sich noch als fachliche und menschliche Autorität.

Das ganze Bild des unkatholischen Bischofs beruht nicht auf einer Falschaussage, sondern darauf, dass er ungeschickt kommunizierte. (Man kann darüber unterschiedlicher Meinung sein.) Dass er einer Frage auswich. Daraus aber derartige Interpretationen zu gewinnen geht am Ziel vorbei, und zwar gründlich. Man kann sicher unterschiedlicher Meinung sein, was richtig wäre. Auch ich frage mich immer wieder, ob Mut zum Profil nicht manchmal besser wäre. Ich bin aber auch nicht in der Verantwortung, zu entscheiden. Wenn ein Körperteil leidet, leiden alle – der Bischof wird gut daran tun, keine Aussagen zu liefern, die einer Amputation gleichkommen, auch wenn viele das wünschen.

„Herr Bischof: auch Homosexuelle sind Menschen. Geben Sie als Hirten bitte auch diesen Menschen die Chance, glücklich und heilig zu werden.“ So endet der „Brief“. Starker Tobak. Der Bischof hält offenbar Schwule für Unmenschen oder Tiere? Nur, wenn man der Schreiberin folgt, hat man eine Chance auf Glück und Heiligkeit? An Selbstbewusstsein scheint es nicht zu mangeln. Es ist legitim, um den richtigen Weg der Verkündigung zu ringen. Es ist gut, dass der Chor ein Vielstimmiger ist. Und es ist gut, Bedenken zu äußern, so man welche hat. Doch mit dem Wahrheitsanspruch sollte man vorsichtig sein, will man nicht ins Sektiererische abrutschen. Man kann auch gut katholisch großen Unsinn reden.

Moderne Kommunikationswissenschaft besteht nicht darin, mit freundlichen Worten unverschämte Unterstellungen in die Welt zu setzen. Auch in Watte verpackte Steine sind Steine und schmerzen, wenn man sie wirft. Offenheit (ja=ja, nein=nein) ist etwas Anderes. Stilistisch ist der Brief unaufrichtig. Inhaltlich hat er das Niveau eines Fans, der es stets besser weiß, als der Trainer seiner Mannschaft. Letztlich unternimmt die Schreiberin denselben Versuch, der im Interview unternommen wurde: Herr Bischof, rechtfertigen Sie sich, wenn ich es verlange!
Wäre ich der Bischof – kein Wort würde ich dazu sagen oder schreiben, auch wenn das der Schreiberin entgegenkäme, stärkte es doch das Bild meiner Unbelehrbarkeit. Ich distanziere mich von diesem „Brief“ – ich möchte als Katholik dafür nicht in Mithaftung genommen werden!

Samstag, Januar 16, 2016

Keine halben Sachen!

„Keine halben Sachen!“ habe ich gedacht, als ich die weichgespülten Korrekturen der Falschmeldung las, die Erzbischof Plaza zu Unrecht in den Dreck zogen. Haben die Zeitungen, Portale und Agenturen nicht mehr drauf, oder wenigstens mehr Anstand? Empört war ich!
Doch dann fiel mir die alte Tugend ein, vor der eigenen Türe zu kehren. Hatten wir Blogger nicht auch halbe Sachen gemacht? Hatten nicht auch wir nur angeprangert, aber keinen Lösungsvorschlag unterbreitet? Was, wenn die armen Medienprofis das gar nicht können!
Um die Sache also rund zu machen und die zweite Hälfte zu liefern, hier ein Textvorschlag, wie man die Sache aus der Welt (und auch aus anderen Zeitschriften, die sich bisher nicht trauen) schaffen könnte. Nachdrucken ausdrücklich erlaubt.


Liebe Leser,
vor kurzem brachten wir die Meldung, der Erzbischofs von Toledo, Braulio Rodriguez Plaza, habe sich in einer Predigt abschätzend über misshandelte Frauen geäußert: sie seien an ihrer Situation selbst schuld. Diese Meldung war falsch.
Wir entschuldigen uns bei Ihnen dafür, Sie falsch informiert zu haben. Noch nachdrücklicher jedoch entschuldigen wir uns bei Ihnen, Exzellenz!

Einen Link zu einer Übersetzung der Predigt finden Sie hier. Erzbischof Plaza wendet sich darin massiv gegen jede Form von Gewalt gegenüber Frauen, prangert die Täter an, lobt die rechtlichen Möglichkeiten der betroffenen Frauen und versucht, den Ursachen des Problems auf den Grund zu gehen. Die fehlerhaften Anschuldigungen lassen sich weder im Wortlaut der Predigt finden, noch durch Interpretation konstruieren. Es tut uns leid.


In eigener Sache dazu: das Verbreiten von Nachrichten ist ab und zu mit Stolperfallen versehen. Aktualität bedeutet Zeitdruck. Nachrichten breiten sich in großer Geschwindigkeit aus und werden, wenn man die Quelle als zuverlässig kennt, oft erst im Nachhinein geprüft. Das ist hier passiert. Eine aufmerksame Leserschaft hat den Irrtum rasch bemerkt und konnte ihn anhand einer Übersetzung nachweisen. So können wir ihn korrigieren; danke für die Hinweise!

Wir haben einen Fehler begangen - es wird nicht unser letzter gewesen sein. Korrekte Informationen aber müssen einem Nachrichtenportal wichtiger sein als die eigene reine Weste. Da es unser Anliegen ist, Sie stets aktuell und richtig zu informieren, also selbst eine zuverlässige Quelle zu sein, ist unser fest zugesagter Service der: Fehler werden korrigiert, und zwar so, dass es bemerkt wird. Sie bekommen die richtigen Informationen.

Ihre *werauchimmer*

Freitag, Januar 15, 2016

Gute Manieren sind gefragt.

Wer am Kaffeetisch versehentlich seine Tasse auf den Boden fallen lässt, tut gut daran, die Tasse in die Spülmaschine zu räumen und sich eine neue zu holen. Hat er allerdings dabei den Kaffee auf die Hose seines Sitznachbarn geschüttet, ist der mit Recht erstaunt, wenn es bei einer neuen Tasse bleibt. Ein „Entschuldigung!“ und ein paar Servietten wären da nicht zu viel erwartet. Eher angemessen – alles andere wäre nicht nur unhöflich, sondern ließe den Ungeschickten zusätzlich als Egoisten erscheinen: Die Hose bleibt dreckig, Hauptsache, meine Tasse ist sauber. So weit – so einsichtig.

Wenn ein Nachrichtenportal versehentlich eine Falschmeldung bringt, tut es gut daran, die zu löschen. Hat es dabei allerdings einen unschuldigen Menschen mit Dreck beworfen, tut es gut daran, eine Richtigstellung zu bringen, verbunden mit einer Entschuldigung. Und das so, dass beides auch wahrgenommen wird. Alles andere wäre nicht nur unprofessionell, sondern auch unglaubwürdig: Der Dreck bleibt kleben, Hauptsache wir haben keine Fehler auf dem Portal. Ist doch klar – oder?

Bei Domradio scheint man das anders zu sehen. Eine dreckschleudernde Falschmeldung ohne eigene Recherche zu übernehmen – das geht. Das ist sogar verständlich: den Agenturen, von denen man seine Nachrichten erhält, vertraut man. Domradio ist kein Riesenunternehmen.
Ein Versehen dieser Art ist nun passiert. Man hat eine skandalöse Meldung übernommen: Erzbischof Rodriguez Plaza habe misshandelten Frauen in seiner Predigt mitgeteilt, sie seien an ihrer Lage selbst schuld. Diese Meldung ist offenbar falsch. Und ist sie falsch, ist sie bösartig und für den Bischof (und die ganze Kirche!) eine schwere menschliche Verletzung. Doch bevor man das offen korrigiert, braucht man offenbar erst einmal viel Zeit zum Nachdenken: Der Artikel sei aufgrund vieler Rückmeldungen vorerst offline heißt es lakonisch auf Facebook, man habe keine Zugriffsberechtigung heißt es auf der Website. Keine Richtigstellung, keine Entschuldigung.

Es ist verständlich, dass man jetzt gründlich recherchiert, sogar wichtig ist das. Doch eins geht nicht: nur das eigene Portal zu putzen. Liebes Domradio, hier wurde ein Schaden angerichtet. „Unsere Meldung, Erzbischof Rodriguez Plaza habe misshandelten Frauen die Schuld an ihrem Zustand gegeben, war falsch. Wir bitten ihn und unsere Leser um Entschuldigung. Eine Übersetzung seiner Predigt, auf die wir uns bezogen, finden Sie hier.“ Seid Ihr unsicher, dann schreibt eben „…war offenbar falsch. Für diesen Fall bitten wir…“. Aber schreibt!

Ohne eine solche Meldung an prominenter Stelle entsteht der Eindruck, oder besser: so wird klar, dass es mehr um die Firma geht als um die Inhalte. Dass man mit dem Werfen von Dreck schneller ist, als mit dem angesagten Aufräumen. Dass andere Schaden nehmen dürfen, nur man selbst nicht. Für ein katholisches und sogar kirchliches Unternehmen geht das gar nicht. Willst Du das sein, was Du zu sein vorgibst, Domradio, dann handele.


1. Ergänzung:

Inzwischen hat sich etwas getan (LINK). Nun, das ist sicher löblich, aber es ist feige.

Nein, das ist keine „mediale Fehlinterpretation“, sondern eine Falschaussage. Nein, es waren nicht „Einige Medien“, sondern KNA und Domradio selbst.
Der Bischof von Toledo weist keine Vorwürfe zurück – das täte jeder, gleich ob er recht hat oder nicht – sondern es ist klar, dass die Zitate falsch waren.
Wenn man erst jemanden unglaubwürdig macht und dann als Dementi in indirekter Rede, also im Konjunktiv, wiedergibt, wie er sich verteidigt, ist das unzureichend. Klare Zitate gibt es nur „laut dem vom Erzbistum verbreiteten Predigttext“. Verbreiten können die hinterher viel, denkt der Leser.
Um im Bild vom Kaffee oben zu bleiben: hier wird nicht "Entschuldigung" gesagt, sondern den anderen in der Runde wird mitgeteilt: "Mein Sitznachbar sagt, es sei eine gute Hose gewesen."
Komisches Verhalten!

Es geht hier nicht um das Aufklären eines Missverständnisses irgendwelcher Medien, sondern um Anstand, Entschuldigung und die Rücknahme einer eigenen Falschmeldung.
Nun, man kann nicht alles haben. Möglicherweise ist das so ja schon eine stramme Leistung.


2. Ergänzung:

Auf Facebook hat sich Domradio für die Falschmeldung entschuldigt. Man habe das auf der Website richtig gestellt. Der Link dorthin verweist allerdings nach wie vor auf die "mediale Fehlinterpretation".
Nun ja. Warten wir, ob da noch was kommt.

Donnerstag, Januar 14, 2016

Dienstag, Januar 12, 2016

Wie man es auch sehen kann

Im arabischen Sprachraum spielt sich ein Kulturkampf ab. Nachdem einige Regime stürzten, zeigte sich, dass das entstehende Machtvakuum nicht einfach durch demokratische Legitimation gefüllt werden konnte: Extremisten witterten Oberwasser, rekrutierten redegewandt Anhänger unter denen, die seit Jahren litten, und drängten mit Gewalt ins politische Geschehen. Sie waren seit Jahren vernetzt; schnell entstanden große Organisationen entstanden, die sich gegenseitig bekämpften und bekämpfen. Die Waffenlager der ehemaligen Diktatoren boten dazu eine hervorragende und reichhaltige Ausrüstung, eine korrupte und gewissenlose Rüstungsindustrie der industrialisierten Staaten sorgt bis heute für Nachschub. Doch in ihrem verbissenen Kampf um die lokale Vorherrschaft (wobei mit lokal hier Gebiete von der Größe Europas gemeint sind) haben all diese Gruppen einen gemeinsamen Feind: den Westen. Verständlich, verbindet der Westen doch gleich drei Aspekte auf einmal, die für die Kämpfer einer widerlicher als der andere sind: er ist ungläubig, er tritt weltweit selbsternannt als moralische, den Islam kritisierende Instanz auf und er hat eine dekadente, sich selbst vernichtende Kultur, die jeder klar sehen kann, außer ihm selbst. Klar, dass der Kampf letztlich gegen diesen Feind geführt werden muss.

Ein Feind aber will sorgsam gepflegt sein, damit wirklich alle gegen ihn sind. Nicht einfach in Zeiten des Internets, in denen Informationen mehr oder weniger frei verfügbar sind. Die beste Strategie ist da doch, dafür zu sorgen, dass der Westen von sich aus zum Feind wird. Wird er bei dieser Gelegenheit zugleich destabilisiert, ist er hinterher umso leichter zu bekämpfen.
So werden erst einmal Terroranschläge verübt. Die müssen den Westen an seiner schwächsten Stelle treffen: an der Freiheit, denn darüber wird sich die Bevölkerung entzweien. So geschieht es. Doch es klappt nicht – der Westen rückt zusammen.
Daraufhin wird offen angekündigt: wir werden euch tausende Flüchtlinge schicken. Unter ihnen werden Terroristen sein. Die Taktik ist dieselbe, die ein Terrorstützpunkt in einem Kindergarten darstellt: menschliche Schutzschilde. Der Westen wird die Flüchtlinge abweisen müssen. Gibt es eine bessere Propaganda, als so zu zeigen, wie gottlos er ist? Zumal man ihm am Status Quo problemlos eine erhebliche Mitschuld nachweisen kann. Erst zerstören, dann im Stich lassen – das wäre das Bild des Westens, das man braucht.
Doch wieder klappt es nicht: ein paar Länder machen doch tatsächlich ihre Grenzen auf. Nicht weil sie die Gefahr ignorieren, sondern weil sie die Bedürftigen sehen. Sie gehen das Risiko ein. Und sie gewinnen unter denen, die eigentlich kämpfen sollen, dafür teils große Sympathie. Damit hatten die Planer nicht gerechnet. Anfangs schonen sie diese Länder; Terror wird nur dort verübt, wo man sich militärisch engagiert. Zu groß ist die Gefahr, die eigenen Anhänger zu verwirren. Doch es zeigt sich, dass die Aufnahme von Flüchtlingen eine viel mächtigere Waffe ist als jede Bombe: sie tötet nicht, sondern schwächt, weil sie das Feindbild nachhaltig stört. Die Planer sind gezwungen, einen Schritt zu gehen, den sie eigentlich vermeiden wollten: sie setzen die eigenen Leute im großen Stil ins Unrecht. Sie sorgen dafür, dass es zu Ausschreitungen kommt, wie der Westen sie verabscheut: sexuelle Angriffe. Dabei wissen die Täter gar nicht, dass sie hier einem perfiden Plan gehorchen. Es wurde nur Stimmung unter ihnen gemacht, mit dem Handy problemlos möglich. Die Stimmung entlud sich planmäßig Silvester – die Täter waren die Ausführenden, instrumentalisiert vom großen Kampf. Was sie nicht weniger zu Tätern macht, dafür aber zeigt, wie perfide in diesem Kampf gehandelt wird. Doch was anderes ist zu erwarten, schaut man sich die Bilder von Folterungen und Enthauptungen an. Das Schlimmste ist zu erwarten.
Das System funktioniert erst einmal: in Deutschland bricht eine Welle der Ausländerfeindlichkeit auf. Nach ein paar Tagen beginnt das Land jedoch, sich wie üblich weniger mit dem Problem zu beschäftigen, als mit der Suche nach Schuldigen in den eigenen Reihen. Nachschlag muss her: in der Türkei werden deutsche Touristen erschossen. Irgendwie muss die Toleranz dieses Landes gebrochen werden, denn sie ist gefährlich! Da stehen wir heute.

Ich weiß nicht, ob das so stimmt, habe nur einmal versucht, diese Logik zu durchdenken. Es ist ein Gedankengang unter vielen, der nach seine Darstellung möglicherweise schnell weder in der Versenkung verschwindet. Doch wäre ich mitverantwortlich für die deutsche Sicherheit, ich würde über drei Dinge verstärkt in das Ringen um Entscheidungen einbringen:

  • Sind wir vielleicht gerade wegen unserer Offenheit stark und werden gerade instrumentalisiert, damit wir sie verlieren?
  • Was kommt als nächstes für ein „Nachschlag“, um diese Instrumentalisierung am Laufen zu halten, und wie kann ich ihn verhindern?
  • Woher bekomme ich die Mittel, um die Prüfung und notfalls die Überwachung der Flüchtlinge – nein, nicht aufzustocken, sondern zu verzwanzigfachen, um Sicherheit zu gewährleisten, ohne unsere mächtigste Waffe aufzugeben, die uns selbst stärkt, den Gegner aber schwächt: unsere Offenheit!

Montag, Januar 11, 2016

Deutschland schwelgt!

Deutschland schwelgt. Endlich darf frei gesprochen werden. Jetzt kommen – es wird höchste Zeit – die an den Pranger, die freie Rede nicht wollten und jahrelang die Meinung vorgaben, logen und vertuschten. Jetzt wird klar, wo die Probleme wirklich liegen. Deutschland spaltet sich und schwelgt dabei in Feindbildern und Emotionen.

Es ist gleich, ob es nun die gefährlichen Ausländer an sich oder nur bestimmte Muslims sind, ob es ewiggestrige Christen sind oder Feministen. Es ist egal, ob die Gesellschaft sich outet und zu ihrer Wut bekennt oder ob sie kollektiv ihren Ödipuskomplex auslebt und die vormals geliebte Mutti erledigt. Die Hauptsache scheint zu sein, endlich, endlich mal so richtig auf den Putz zu hauen. Und über die Wichtigkeit des Themas zu vergessen, zwischen Meinung und Person zu unterscheiden: plötzlich sind Andersdenkende persönliche Gegner. Nicht Haltungen werden bekämpft, sondern Menschen. Die Feindbilder haben Gestalt bekommen, die Aggression steigt. Herrlich! Deutschland schwelgt und jeder ist im Recht.
Nie haben mir unsere Politiker so gut gefallen, wie sie es jetzt tun. Worthülsen? Vielleicht. Aber bisher ziehen sie meistens an einem Strang. Ihre (sicher meist hilflosen und oft nervigen) Versuche gehen in die einzig richtige Richtung: Deeskalation. Im Gegensatz zu vielen, die sagen, sie könnten niemanden mehr wählen, könnte ich im Moment fast jeden wählen: die Fähigkeit der Politiker, sich auf die Sache zu beschränken und um ihrer willen auch gute Vorlagen auszulassen, übersteigt meine Erwartungen um Längen!

Einen Standpunkt finden ist schwer.  Natürlich habe auch ich eine Meinung. Es ist wichtig, eine zu haben, wenn es derart ans Eingemachte geht. Ich finde zum Beispiel die Äußerungen Augsteins auf Twitter zutiefst widerlich. Auch von anderen Personen wünschte ich, ihre Gedanken erschienen derzeit nicht auf der Bildfläche.
Doch insgesamt bin ich mir unsicher. Ich weiß nicht, wie man Flüchtlinge von Terroristen unterscheiden soll, Friedfertige von Krawallmachern, Bedürftige von Schmarotzern. Ich weiß nicht, wie man schwerst traumatisierte Menschen integriert, die seit Jahren im Krieg lebten, von brutalen Milizen unterdrückt, und die sich hier fremd und ohne Halt fühlen. Ich weiß nicht, wie man verhindern soll, dass 1.000.000 Fremde Parallelgesellschaften bilden oder wie man Jungs, die sich chauvinistisch als überlegen betrachten und nichts anderes je kennen gelernt haben, beibringen soll, dass sie es nicht sind. Ich weiß aber auch nicht, wie man die Grenzen dicht machen könnte, um unsere „christlichen Wurzeln“ zu verteidigen, oder wie man noch ohne schlechtes Gewissen in der Leichengrube Mittelmeer baden soll. Oder wie es besser sein soll, wenn nicht wir unsere Grenzen dicht machen, sondern jemand anders weiter im Süden das für uns tut. Jemand, der im Umgang mit den Kurden brutal ist und nun Geld von uns dafür bekommt, andere Fremde abzuwehren, damit wir es nicht tun müssen.

Ja, die Probleme machen mir Sorgen. Schaffen wir das? Wir müssen, denn die Situation ist, wie sie ist. Wir werden nicht gefragt. An dieser Stelle kommen inzwischen reflexartig zwei Gedanken hoch: Ja, ich wurde nicht gefragt, und: hätte man mich gefragt, ich hätte es schon lange besser gewusst. Schuld sind die anderen. Die eigene Rechtfertigung beginnt, die eigentlichen Probleme aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Daher ist im Moment meine größte Sorge eine Gesellschaft, die Probleme nicht angeht, sondern sich auf Schuldzuweisungen beschränkt. Die sich auf allen Seiten immer tiefer in ihre Abneigungen verrennt. Und so hauen Rechte auf die Ausländer, Linke auf die Rechten, konservative auf die Linken und Intellektuelle auf die Emotionalen, die ihrerseits auf alles Mögliche hauen, das sich dann natürlich wehrt. Deutschland wird langsam aber sicher gewaltbereit, und jeder glaubt, er wehrt sich nur. Große Teile der Gesellschaft vergessen völlig die Probleme, so high sind sie von ihrer Meinung. Deutschland schwelgt in Emotionen und wird sich, so beginne ich zu fürchten, kräftig den Magen daran verderben.

Samstag, Januar 09, 2016

Noch Fragen, Focus? Noch Fragen, Gesellschaft?

Am Freitag demonstrierte eine Frau vor dem Bahnhof, völlig nackt - auch so sei sie kein Freiwild!
Inhaltlich stimme ich ihr da völlig zu. Die Form kann ich zumindest verstehen: nach so einem Vorfall wie in der Silvesternacht schreit es sicher in vielen, durch eine deutliche Provokation ein Zeichen zu setzen. Doch auch, wenn ich sie verstehe, halte ich nichts von der Form: die Kollateralschäden sind zu hoch. Besser gesagt, sie bestimmen sogar die Wahrnehmung und überdecken den Zweck. Nein, nicht wegen lüsterner Migranten, sondern wegen einer durchsexualisierten Gesellschaft, die gar nicht mehr merkt, wie sie tickt.

Beweis gefällig?
Auf der Seite von FOCUS online befanden sich heute gleich untereinander zwei Berichte von gleicher Aufmachung und gleicher Wertigkeit: Die demonstrierende Künstlerin und – sensationell! - eine Art versehentlicher Busenblitzer in Übersee. Sogar die Fotos sind ähnlich: unbekleidete Frau, von hinten. Man ist schließlich diskret.



Für Focus zählt offenbar nur eines: die nackte Frau. Und die damit verbundenen Klickzahlen natürlich. Ob Auflehnen gegen üble Demütigungen bei uns im Land oder ein dummes Versehen am anderen Ende der Welt – egal. Hauptsache Fleisch. Und Berichte, die an Sex denken lassen.
So präsentieren große Teile der Presse unsere Kultur. Einen Zusammenstoß mit dem anderen Extrem haben wir gerade erlebt, oder besser: mussten einige Frauen erleben. Das Erlebte ist übel, darum verzichte ich aus Respekt auf bedauernde Worte, die ohnehin nicht treffen.
Mit Aktionen wie diesen macht Focus die Opfer von Köln erneut zu Opfern – von Spannern. Was hier betrieben wurde, ist öffentlicher Missbrauch. Nicht an einer bestimmten Person, sondern an den Frauen schlechthin. Und in gewisser Weise vieler Männer dazu, die angesichts einer großen Reizflut mehr damit beschäftigt sind, ihre Sexualität zum Schweigen zu bringen, als sich an ihr zu freuen.
Die Künstlerin muss sich leider klar machen, dass sie dafür Futter lieferte. Doch der Vorwurf geht an den Focus.

(Edit: um 11:47 hatte der Focus übrigens seine Prioritäten gesetzt: der Bericht über den Protest war weg. Der Busenblitzer war noch drin. Da ich keinen Screenshot von etwas machen kann, was nicht da ist, muss meine Behauptung den Beweis schuldig bleiben.)

Es tut mir übrigens leid, dass ich dieses Foto hier poste. Doch nachweisen musste ich das schon. Ich hoffe nur, dass ich damit nicht denselben Fehler mache, wie die Künstlerin.

Freitag, Januar 08, 2016

Jetzt mal konkret!

Es ist entlarvend für die Politik, hört man genauer auf ihre Worte:     …!
Eben: nichts. Hülsen ohne Inhalt, Kraftmeierei. Wie geht man mit der Krise um? Man redet von Taten, die folgen müssen, und kündigt an, Personen abzuschieben, die man nicht kennt. Warum denke ich, mit Verlaub, derzeit beim Anblick von Politikern an leere Hülsenfrüchte und beim Hören ihrer Worte an die passenden Geräusche? Zufall?

Im Fernsehen treffen sich Runden, die über notwendige Konsequenzen reden. Integration muss verbessert werden, Geld wird gebraucht, Zeit ist nötig. Wohnungen müssen her, Schulen und Berufsausbildungen. Alles schön, alles richtig und alles im Moment eher uninteressant, denn die aktuelle Frage ist doch die: wie kann man aus der Menge der Flüchtlinge und Migranten die aussortieren, die hier nicht hin gehören, und wie wird man sie kurzfristig wieder los?
Das klingt hart, aber ohne genau diese Frage zu beantworten, dürfte jede Form einer menschlichen Flüchtlingspolitik künftig scheitern. Die Bevölkerung wird es nicht hinnehmen, wenn die Taten darin bestehen, Angst und Empörung klein zu reden und mangels Personal die Verfolgung der Straftäter aufzugeben, weil das Geld, das die Polizei bräuchte, in Wohnungen für Migranten gesteckt wird. Eine konkrete Reaktion muss her, sonst ist jede humane Flüchtlingspolitik am Ende und mit ihr Deutschlands Menschlichkeit.

Was ich daher nicht begreife – nein, das verstehe ich wirklich nicht: wir haben 113 StGB: Widerstand gegen die Staatsgewalt. Wer einen Vollstreckungsbeamten (u.a. Polizist) behindert, der im Rahmen seines Dienstes z.B. Personalien feststellen will, weil er die Ordnung wieder herstellen muss, der begeht eine Straftat. (LINK). Greift er dabei den Polizisten an, so kann er mit mehreren Jahren Haft bestraft werden. In Köln hat man einige Identitäten festgestellt. Wo bleiben die Konsequenzen?
Selbstverständlich müssen die Haupttäter noch ermittelt werden, doch wer hier einwandert und sich dann mit der Polizei Schlägereien liefert oder sie behindert, darf meiner Meinung nach nicht bleiben. Stets wird davon geredet, geltendes Recht konsequent anzuwenden – wie wäre es also damit? Der Vorteil: klare Beweislage. Die Zeugen sind die festnehmenden Polizisten. Der große weitere Vorteil: wer sich nichts zuschulden kommen lässt, hat auch nichts zu befürchten.
Es will mir nicht in den Kopf, warum da nicht sofort eingeschritten wird. Mit einer angedrohten Freiheitsstrafe von bis zu 3 Jahren (evtl. sogar 5) sind die Voraussetzungen für eine sofortige Abschiebung erfüllt.
Ich bin kein Jurist, daher habe ich da sicher einiges übersehen. Doch dann sollte mir wirklich jemand plausibel erklären, warum nach unserem Recht eine Person hier bleiben darf, die sich gewaltsam unserer Polizei widersetzt. Und dieses Warum wäre sofort zu ändern – eine Reaktion dieser Art wünsche ich mir von der Politik.

Es hat sich offenbar herumgesprochen, dass es bei uns möglich ist, rechtsfreie Räume zu schaffen. Genauso wird es sich herumsprechen, dass die nun endgültig weg sind. Jede Abschiebung verhindert so neue Straftaten. Nur schnell muss es gehen.
Es muss doch möglich sein, klar zu machen: Kommt ein möglicherweise bedürftiger Mensch zu uns, darf er erst einmal hinein. Das ist gut so und letztlich nicht verhandelbar, anderenfalls verspotten wir die Werte, auf deren Basis unser Grundgesetz steht. Doch wer unsere Hilfe annimmt, muss sie annehmen, wie wir sie bieten und nicht anders. Der Mensch bekommt Unterkunft, Verpflegung, wird registriert und bekommt in irgendeiner Form vorläufiger Papiere. Damit darf er sich hier aufhalten. Dieses Dürfen ist, so denke ich, zugleich Pflicht: er muss sich am zugewiesenen Ort aufhalten, diese Papiere mit sich führen und sich auf Aufforderung Kontrollen unterziehen. Tut er dies nicht, schwinden seine Chancen auf eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Leistet er aktiv Widerstand, war’s das.

Eigentlich finde ich es peinlich und beschämend, gleichsam als Wutbürger zu beginnen, sich Rechtsvorschriften vorzunehmen und der Justiz Vorschläge zu machen. Doch ja, inzwischen erscheint mir das sinnvoll, angesichts der grassierenden politischen Hilflosigkeit, in der der Radikalismus täglich erstarkt. Zudem: Eine Gesetzgebung ist mir unvorstellbar, die es Flüchtlingen erlaubt, die Unruhen, vor denen sie fliehen, gleich mitzubringen.

Ach ja, eines noch: angesichts der beschämenden Personalstärke unserer Polizei (darf man hier überhaupt noch von Stärke sprechen?) gilt das selbstverständlich auch für Deutsche und andere, die dauerhaft hier leben, nur dass die nicht rausfliegen, sondern reinkommen. In den Knast.

Ich kann's nicht mehr hören!

Ich kann "Generalverdacht" nicht mehr hören!
Wenn in einem roten Opel Fahrerflucht begangen wurde und die Polizei daraufhin nach einem roten Opel sucht, äußert sie keinen unangemessenen Generalverdacht gegen alle Opelfahrer, sondern sie geht einem Hinweis nach!

Donnerstag, Januar 07, 2016

Worüber reden wir eigentlich?

Es wird immer schwerer, einen klaren Gedanken zu fassen.
Vergewaltigung und Raub sind Verbrechen. Das ist klar, aber banal. Soweit war ich, ehrlich gesagt, vor Köln auch schon. Doch kaum denkt man nach, wie man damit umgehen soll, bekommt man Gegenwind. Daher verlasse ich einmal das Thema selbst und suche nach einem Beispiel.
(Vorab: nein, ich vergleiche hier nicht Flüchtlinge mit bissigen Hunden, sondern, wenn überhaupt, Räuber, Schänder und Vergewaltiger und habe ein schlechtes Gewissen höchstens den Hunden gegenüber. Ein Hundebiss und eine Vergewaltigung sind nicht vergleichbar! Ich weiß, dass das Beispiel hinkt, und wie, doch ein besseres fällt mir nicht ein. Und irgendwie muss ich meine Gedanken mal ordnen.)

Das Beispiel: eines meiner Kinder wird auf dem Spielplatz von einem Hund aus der Nachbarschaft gebissen. Die erste Frage ist: wie vermeide ich Wiederholungen? Noch bevor ich mich auf die Suche nach Köter und Herrchen begebe, warne ich meine Kinder: „Haltet Abstand von Hunden – hier beißt offenbar mindestens einer. Bis wir den haben, seid vorsichtig!“ Ich würde ehrlich gesagt am Verstand meiner Kinder zweifeln, bekäme ich zur Antwort: „Willst du etwa UNS die Schuld daran geben, wenn wir gebissen werden? Wir dürfen rumlaufen, wo wir wollen!“ Natürlich dürfen sie, aber was, bitte, hat das mit Vorsicht zu tun?
Dann mache ich mich auf die Suche nach dem Vieh. Wo suche ich? Sinnvollerweise bei den Hundehaltern? „Keinesfalls!“ meint mein Nachbar. Das würde die ja schließlich alle unter Generalverdacht stellen. Und es gibt doch so viele gute Hunde und vorbildliche Herrchen! Ich wolle wohl militante Hundegegner stärken? „Oh doch!“ findet hingegen die alte Dame von gegenüber. „Hunde waren mir schon immer verdächtig. Hundehaltung gehört verboten!“
Jetzt reden sie alle durcheinander. „Ich will auf den Spielplatz!“ „Hunde raus!“ „Keine Vorverurteilung guter Herrchen!“

Auf der Polizeiwache erfahre ich nach langem Zögern, dass das Problem bissiger Hunde hier bekannt ist, dass aber die Beamten fehlen, um dem effektiv nachzugehen. Ständig werde das Personal gekürzt. Es sei ziemlich aussichtslos, das Tier zu ermitteln. Andere Eltern melden sich – auch ihre Kinder wurden schon gebissen. Angst macht sich unter Eltern und Kindern breit: die Gefahr ist da, und kann offenbar so einfach nicht beendet werden.
Die Sache beginnt, Kreise zu ziehen. Der Minister weist nach, dass es genug Polizisten gebe. Promis melden sich zu Wort und warnen vor einer „irrationalen Stimmung“ gegen ganze Bevölkerungsgruppen. Abgesehen von der Frage, was denn eine rationale Stimmung sein soll (vielleicht so etwas wie durchdachter Appetit oder gefühlte Logik?): Wer von einem Hund gebissen wurde, hat danach Angst vor Hunden. Wurden in einer Siedlung viele Leute gebissen, macht sich Angst vor Hunden breit. Das ist irrational, aber Fakt. Doch Fakten fangen längst an, unterzugehen.
Hundehalter bekommen Drohbriefe, meine Kinder werden als Tierfeinde beschimpft, jeder beschuldigt den anderen, ihn zu beschuldigen. Leserbriefe werden geschrieben, Podiumsdiskussionen finden statt. Militante Tierschützer werben unerlaubt mit Fotos meiner Kinder gegen Hundehaltung.
Mir bleibt nur eins: ich nehme meine Kinder tröstend in die Arme. Denn sie sind die Leidtragenden.

Manchmal frage ich mich: worüber reden wir hier eigentlich? Aufforderungen zur Vorsicht werden als Schuldzuweisung verstanden. Sinnvolle Suche wird zum Generalverdacht erklärt. Berechtigter Angst wird die Rationalität abgesprochen, die Rationalität hingegen wird ob ihrer Gefühlslosigkeit aufs Schärfste kritisiert. Sind wir noch krisenfähig?

(Und noch einmal: ich bitte jeden um Verzeihung, der sich durch das Beispiel in irgendeiner Weise verletzt fühlen könnte! Es soll KEIN Vergleich sein, sondern eine Parallelkonstruktion, die mir hilft, das Chaos, das ich sehe, zu beschreiben.)

Mittwoch, Januar 06, 2016

Kollektiv in den falschen Hals

Wir sind es gewohnt, draufzuhauen. Sensibilisiert, wie wir sind, erkennen wir rasch das Ziel und – patsch! „Aufschrei“ nennt man das oder „im Keim ersticken“. Da auch unsere Gegner regelmäßig aufschreien und dabei durchaus Treffer landen, ziehen wir die Schilde noch höher. Noch schneller müssen wir werden, noch vorausschauender und noch treffsicherer. Die Folge: ein rasantes gegenseitiges Draufhauen in den sozialen Netzen, das kein Mensch mehr überschauen kann und von dem nur noch die Teilnehmenden denken, es habe irgendeine Bedeutung. Gut, die Teilnehmenden und die Politiker, denn die orientieren sich bekanntlich an Volkes Stimmung. Und die ist, was die Kölner Vorfälle angeht, schlecht. Aus teilweise völlig unterschiedlichen Gründen, aber schlecht ist sie auf jeden Fall. Gerne würde sich die Politik so manchen Aufschrei zu Eigen machen; nirgends kann man sich besser an die Spitze der Emotionen setzen, als in der Krise. Geht das daneben, riskiert man allerdings, selbst getroffen zu werden. Frau Reker hat das Ziel offenbar um Armeslänge verfehlt und wird nun selbst nun selbst zum Ziel – patsch!

Natürlich mache ich mich selbst zur Zielscheibe, wenn ich hier sage: Frau Reker hat Recht mit Ihrer Idee. Der Grund für die hoch gehenden Emotionen zum vorgeschlagenen Sicherheitsabstand, so scheint mir, ist die erwähnte Schlagbereitschaft. Da war ein falsches Wort, ein missverständliches – hauen wir drauf. Doch warum?
Da heißt es: man darf die Schuld nicht den Frauen zuschieben. Nur dass es hier noch gar nicht um Schuld geht, sondern um Gefahrenvermeidung. Und in diesem Zusammenhang werden viele Frauen künftig genau darauf achten. Aus einer einfachen Erkenntnis heraus: Natürlich haben nicht sie den Fehler gemacht haben, sondern die Täter, doch solange die sind, wie sie sind, und das auch noch in Freiheit, ist es sicher besser, aufzupassen. Mir ist jedenfalls keine Frau bekannt, die sich in den nächsten Tagen leicht bekleidet in ein muslimisches Männergewühl stürzen will, mit dem Hinweis auf den Lippen: „Nicht ich liege falsch, sondern Ihr!“. Zwischen einer Vorsichtsmaßnahme und einem Schuldeingeständnis liegen Welten. Es ist schlicht unsinnig, wenn Selbstverständlichkeiten nicht ausgesprochen werden dürfen, weil man sie uminterpretieren könnte.
Auch wird kritisiert, der Vorschlag sei schlicht unsinnig. Er sei unpraktikabel und wirke nur bei Männern, die ohnehin nichts wollen. Nicht unlogisch - schließlich ist für die anderen ein Frauenarm nichts, was sie abhält, eher im Gegenteil. Zudem fehlt in der Einkaufsschlange, der U-Bahn oder auf einer vollen Straße einfach der Platz dazu, irgendeinen Sicherheitsradius zu definieren und zu verteidigen. Das stimmt alles. Selbstverständlich ist der Vorschlag keine eierlegende Wollmilchsau. Die Idee verhindert ebenso wenig Übergriffe wie ein Rauchmelder Brände. Doch beide schaffen das, was am besten weiter hilft: Gefahrenbewusstsein. Und das muss eine Frau derzeit leider haben, da gibt es nichts zu deuteln. Bis diese Gefahr weitestgehend ausgeräumt ist, muss frau leider auf genau das achten, was Frau Reker anregt: zur Sicherheit einen gewissen Abstand, und, wo der nicht möglich ist, erhöhte Wachsamkeit.

Es ist ein schmerzliches Thema! Gerade deshalb ist es für politische Diskussionen ungeeignet. Die Feinfühligkeit, die hier gebraucht wird, scheint mir doch sehr in eine gewisse Hysterie umzuschlagen: wir Sensiblen bekommen offenbar alles, was sperrig ist, sofort kollektiv in den falschen Hals und husten uns dann öffentlich und publikumswirksam aus. Dass wir uns zugleich Politiker wünschen, die den Mut haben, nicht ständig nur Aalglattes von sich zu geben versteht sich. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht nur einer einzigen Sache erlauben, sperrig zu sein: dem eigenen Brett vor dem Kopf.

Mittwoch, Dezember 16, 2015

Verschobene Maßstäbe: Jubel über Unsinn

Jammern auf hohem Niveau – das sind wir in Deutschland gewohnt. Die Jammernden selbst bestreiten das meist, doch eine große Menge von Zuwanderern beweist: was uns oft schlecht oder zu wenig erscheint, ist anderen Anreiz genug, die Heimat zu verlassen. Man mag in der Flüchtlingsfrage stehen, wo man eben steht: allein die Tatsache, dass man sich Sorgen um etwas im Lande macht, zeigt, dass es hier etwas gibt, das man behalten möchte. Jeder setzt da einen anderen Schwerpunkt, doch eines haben wir alle gemeinsam: nach Syrien auswandern wollen wir nicht. Manche Diskussion wäre milder und menschlicher, würden sich die Teilnehmer vorher den Unterschied klar machen, der zwischen dem Leben hier und dem Leben in einem Kriegsgebiet besteht.
Nun liegt das Problem liegt nicht darin, dass wir versuchen, die Dinge hier zu verbessern, wenn wir Fehler oder Schwächen entdecken. Vielmehr liegt es darin, dass wir darüber vergessen, dass vieles bereits sehr gut ist. Das kostet uns im Inneren Freude und nach außen hin Glaubwürdigkeit. Zudem werden wir systemblind: verschieben sich die Relationen gegenüber den Tatsachen, beginnt man, Unsinn zu reden. Man schätzt man die Lage falsch ein und entscheidet falsch.

Umgekehrt geht es genauso: man kann den Gesamtzusammenhang auch über vermeintlich Gutes vergessen. Dann ist es kein Jammern auf hohem Niveau, sondern Feiern auf niedrigem. Die Folgen sind die gleichen; unsinnige Schlüsse werden gezogen. Genau das passiert in diesen Tagen beim Betrachten der Bevölkerungsentwicklung. Die Geburtenrate steigt seit Jahren, wird gefeiert. Nie war sie seit der Wiedervereinigung so hoch wie heute! Die Maßnahmen greifen, weiter so! Jedoch: die Kinderzahlen, die hier gefeiert werden, liegen nach wie vor sehr sehr weit unter denen, die wir bräuchten, um unser zügiges Aussterben zu verhindern: „1,47 Kinder durchschnittlich pro gebärfähiger Frau“. (Anm.: meiner Meinung nach sollte man weder Kinder noch gebärfähige Frauen als „durchschnittlich“ ansehen, doch auf dieser Ebene wird das Problem behandelt: ins Unmenschliche hinein abstrahiert und damit falsch.)
Das heißt im Klartext: von 4 Paaren bleiben in der nächsten Generation noch knapp 3, und so geht es weiter. Faktisch eine Katastrophe. Diesen Zustand zu als Erfolg feiern ist absurd. Oder feiert man es, wenn ein ertrinkendes Kind satt 50 Meter nur noch 48 Meter vom rettenden Ufer entfernt ist und jeder sehen kann, dass es keine 10 mehr schwimmen kann? Feiert man die guten Bremsen eines Autos, das anstatt mit Hundert „nur“ mit Fünfundneunzig vor die Wand fährt?
Wenn man verschobene Maßstäbe hat, dann tut man es. Denn dann schaut man nicht auf das Ganze, sondern auf den Einzelpunkt. Das Kind kommt näher, das Auto wird langsamer und die Geburtenrate steigt – für solche Erfolge kann man wiedergewählt werden, wenn man ein guter Verkäufer ist.

Die Liste dieser falschen Freuden ist lang: Wir exportieren etwas weniger Waffen in Krisengebiete, beuten andere Länder und natürliche Ressourcen etwas weniger aus. Man könnte tausende Einzelpunkte nennen - alles als Erfolg verkauftes Übel. Es geht sogar bis ins Mathematisch Absurde: der Anteil der sprachgestörten Kinder steigt langsamer. Erfolg! Da würde man den Autofahrer mit Kurs auf die Wand sogar dafür loben, dass er nur noch wenig beschleunigt.

Diese ganzen Dinge sind im Grunde unglaublich dumm. Genauso dumm sind wir, lassen wir uns darauf ein, auf dieser Basis zu diskutieren. Was ist vom Intellekt derer zu halten, die aufgrund solcher Entwicklungen messerscharf schließen, KiTas seien ein Erfolgsmodell?

Mittwoch, Dezember 09, 2015

Westliche Hybris

[Von Bastian]
Wie können wir den Terrorismus stoppen? Diese Frage treibt Politik und Gesellschaft um, doch sie ist falsch gestellt.
Den Terrorismus stoppen können nur die Terroristen. Tun sie es nicht, können wir nur die Terroristen stoppen. Wenn sie uns angreifen, dürfen wir uns selbstverständlich verteidigen. Das moralisch infrage zu stellen, ist schlicht Unsinn. Die große Frage ist: wie?

Zum einen können wir sie bekämpfen. Das können wir hier vor Ort und dort, wo sie herkommen. Keiner wünscht sich das, doch jeder würde einen Angreifer, der ihn oder seinen Bruder töten will, ohne Zögern niederstrecken. Mit Recht. Ihn danach zu verarzten, wenn das noch geht, und ihm einen fairen Prozess zu machen, ist ein Gebot der Nächstenliebe und Gott sei Dank auch eines unserer westlichen Verfassungen. Gut so.
Zum anderen können (und müssen!) wir versuchen, zu verhindern, dass Menschen zu Terroristen werden. Das ist gut für uns und gut für diese Menschen. Und wieder die Frage: wie?

Als Antwort wird nach den Gründen gesucht, aus denen jemand zum Terroristen wird. Diese Suche geht mit einer Art politischer Demutsübung einher: offen für eigene Fehler suchen wir die Schuld bei uns selbst, da es unmoralisch ist, andere für irgendetwas zu beschuldigen. Doch diese Denkweise ist in Wahrheit alles andere als demütig und offen: Wenn ich ernsthaft glaube, der Fehler, den ein ausländischer Selbstmordattentäter begeht, liege letztlich bei mir begründet, muss ich mich für den Nabel der Welt und den Rest der Menschheit für meine Marionetten halten. In jeder anderen Logik erscheint diese Idee absurd, doch genauso denken große Teile unserer Gesellschaft.
Ich kann der Meinung sein, die westliche Präsenz, sei sie wirtschaftlich oder militärisch, zerstöre andere Kulturen und bringe Terroristen hervor. Genauso gut kann ich sagen, noch viel mehr Intervention in den Herkunftsländern der Terroristen sei notwendig. Gleich welcher Argumentation ich folge: die Lösung des Problems, davon sind wir alle überzeugt, liegt bei uns. Wie könnte es anders sein? Sind wir doch daran gewöhnt, die Probleme der Welt zu lösen. Eines steht für uns felsenfest: die Welt wird nur gut, wenn sie ist, wie wir sind: demokratisch, offen für alles und tolerant. Alles und jedes darf bekämpft werden, nur wir und unsere Vorstellungen nicht. Wir sind Ursache und Grund für alles. Und so benehmen wir uns auch. Deswegen exportieren wir erst unsere „Werte“ und dann Waffen zu ihrer Verteidigung. Das ist geistiger Kolonialismus.

Was auch immer geeignete Maßnahmen sind: der Westen muss als erstes seinen falschen Hochmut aufgeben. Er muss erkennen: unsere vermeintliche Überlegenheit ist Einbildung. Kein (vernünftig denkender) Mensch vom „Rest der Welt“ will sein, wie wir: wer außer uns betrachtet kaputte Familien, die für den Arbeitsmarkt geschleift wurden, als Errungenschaft? Wer den Verlust der eigenen Identität bis hin zur Geschlechtslosigkeit? Oder radikalen Individualismus von Individuen, die jedes für sich ganz individuell politisch korrekt, trendy und gleich sind? Wer vertraut jemandem, der seine Konsumgüter billig im Ausland produzieren lässt, auch wenn die Menschen dort dann hungern? Oder jemandem, der seine Entwicklungshilfe an die Übernahme von Ideologien wie Gender koppelt? „Übernimm meine Meinung, oder du musst leider verhungern!“ sagt der Westen heute, und wendet sich zugleich vollmundig gegen jede Unfreiheit in der Welt. Kein Mensch will sein, wie wir. Nicht einmal wir selbst, wie die Auflösungserscheinungen unserer Kultur zeigen.

Wenn wir uns für den Heilsbringer halten, der das Wertesystem schlechthin notfalls mit üblem Druck vertritt, aber zugleich nicht wissen, ob wir uns selbst überhaupt verteidigen dürfen, sind wir für Terroristen leicht zu provozieren und zu erschüttern, doch für den Rest der Welt nicht berechenbar. Jede militärische Option kann so zum Selbstmordkommando werden, denn sie steht auf einer Basis, die keine ist. Sie zeigt Stärke, wo nichts dahintersteht. Ihre einzige Rechtfertigung ist, dass es noch gefährlicher erscheint, nichts zu tun. Armer Westen!

Niemand weiß, was passiert, wenn der Westen in sich geht. Wenn er Bündnisse mit Diktaturen beendet, Knebelverträge stoppt und auf so manchen Billigimport verzichtet. Niemand weiß, was innenpolitisch passiert, wenn sich die demokratischen Staaten auf ihre Wurzeln besinnen, anstatt mit dem Fundamentalismus gleich die eigenen Fundamente zu bekämpfen. Doch jeder kann sehen, was passiert, wenn wir weitermachen, wie bisher: Instabilität, Flüchtlingsströme und Terrorismus sind erst der Anfang. Nicht weil wir der Grund für all das sind, sondern weil wir zum Ziel werden. In einer Welt, die uns zum eigenen Schutz immer stärker ausgrenzt, doch unser Geld noch gut gebrauchen kann, bevor wir uns selbst auflösen. Mitleid ist nicht angebracht, denn wenn wir die Kurve nicht mehr kriegen, werden wir überzeugt sein, unsere Auflösung sei der Gipfel der Werte.

Dienstag, Dezember 08, 2015

SM in Münster.

(Peter) Leute, das hat der SM-Praktikant in Münster Wochenenddienst gehabt. Also, der mit den Sozialen Medien.

»Bleib halt präsent, poste was Nettes. Vielleicht was zum Nikolaus.«

Klar, was rauskommt, ist dann nicht einmal mehr Prilblumen-Theologie. Aber seien wir doch froh, daß die nicht auch noch theologisch werden!