Dienstag, August 13, 2013

Zwohundertsiebenundfünfzig, eins bis drei.



[Peter Esser] In Erwartung des neuen Gotteslobs schreibt Alexander Görlach auf dem Blog von katholisch.de von Rohrkrepierern und Gassenhauern – und meint damit Liedgut, daß die Gottesdienstgemeinden seit dem Jahr 1972, dem Einführungsjahr des »Gotteslobs« Generationen von Katholiken geprägt hat. Rohrkrepierer – der Versuch, deutsche Psalmverse im Stil gregorianischer Antiphonen nachzuempfinden (»Freut euch, wir sind Gottes Volk, erwählt durch seine Gnade«); Gassenhauer, die nie wirklich Gassenhauer waren, sondern pflichtschuldigst von Themenmesse zu Themenmesse ihr kärgliches Überleben fristeten – zum Beispiel »Laß uns in deinem Namen, Herr, die nötigen Schritte tun«; niemand hat jemals jemanden auf einer Baustelle dieses Lied pfeifen gehört.

Soweit d’accord. Spätestens bei seiner etwas selbstgefälligen Anekdote zur Rettung des abendländischen Kulturgutes – der Schilderung, wie er in der Osternacht der Dorfgemeinde die Liederwünsche des Pfarrers ignoriert und die Missa de Angelis singen läßt, merke ich, daß meine Geduld überstrapaziert ist. Und dann die Erkenntnis: Hier redet einer, der ein Kulturgut retten will – was gut und schön ist –, aber selber der katholischen Praxis »Adieu« gesagt hat. Wie er so treffend sagt, übt er in Hinsicht auf den Gottesdienst Abstinenz.

Keine Frage: Ich hoffe, daß die Zeiten vorbei sind, in denen die Gemeinde genötigt ist, »Suchen und Fragen« (GL 049 AC) als Credolied zu singen. Aber ich plädiere doch dafür, einen Sinn für die liturgische Wirklichkeit zu entwickeln. Auch wenn Christentum kulturschaffend sein soll, geht es NICHT um die Rettung der abendländischen Kultur, sondern um das Heil jedes Menschen, um seine Christus- und Gottesbeziehung. Das »Heil« taucht als Begriff bei Görlach nur da auf, wo er sich mit ironischem Anklang von der zugehörigen Veranstaltung distanziert.

Die reale Fülle liturgischer Formen – auch weltkirchlich – zu realisieren, gehört für mich zur Wahrnehmung der kirchlichen Wirklichkeit. Es geht nicht um ein geschmäcklerisches Verharren in Althergebrachtem – nur um des Verharrens willen. Menschen sind begeistert von den Gesängen, die uns die ökumenische Gemeinschaft aus Taizé geschenkt hat, Liedern, die aus den geistlichen Gemeinschaften Allgemeingut geworden sind. Für mich ist es erstaunlich, daß längst eine Veränderung im Neuen Geistlichen Lied eingetreten ist. Das unerleuchtete »Aggiornamento« der späten sechziger und siebziger Jahre ist passé – in Zeiten explodierender Benzinpreise interessiert niemanden mehr, ob das »Rote Meer grüne Welle hat«. Die Bilder und Ausdrucksweisen dieser Zeit gehören längst ins pastorale Kuriositätenkabinett. Es mag postmodernes Schwelgen ohne Verankerung im tatsächlichen Leben sein, wenn der Weltjugendtagsschlager »Jesus Christ, you are my Life« gesungen wird, aber es zeigt eine Sehnsucht nach Personalität, nach Freundschaft mit Jesus Christus. Jemand, der die Heilsbedeutung der Kirche nicht akzeptiert, wird dafür schwerlich einen Blick entwickeln.

Und wenn wir schon päpstlicher sein wollen als der Papst: In die Osternacht gehört die Erste Choralmesse »Lux et Origo« (GL 410-413), nicht die achte. Soviel Zeit muß sein.

Montag, Juli 29, 2013

Offener Brief an einen Atheisten.

[Von Bastian]

„Wie kann ich einem Gott vertrauen, der die menschliche Natur mit so vielen Fehlern schuf und so viel Leid zulässt?“

Lieber Atheist, so bringt das nichts. Das Gespräch ist sinnlos, denn das kann niemand erklären. Warum? Weil Gott das nicht getan hat. Nicht Gott hat Falsches erschaffen. Nicht er ist für meine Fehler verantwortlich, sondern ich. Und nicht er ist für Deine Fehler verantwortlich, sondern Du.
Wenn Du Dich mit dem Christentum auseinandersetzen willst, bringt es nichts, abwegige Voraussetzungen zu postulieren und von ihnen aus zu urteilen.
Die Idee eines Gottes, der für jeden Zustand seiner Schöpfung verantwortlich zeichnet, ist nicht christlich. Sie ist stattdessen ziemlich genau das Gegenteil des Christentums, in dem nicht Gott eine unvollkommene Schöpfung ins Leben rief, sondern eine vollkommene, die sich selbst von ihm abwandte und die nun von ihm sozusagen zurückerobert wird.
Es ist das Wesen des Christentums, dass es etwas zu korrigieren gibt: die Sünde. Dass es jemanden zu korrigieren gibt: Dich und mich. Wenn Du von Christentum redest, beachte seine innere Logik: die der perfekten Schöpfung, des Abfalls und der Rettung. Beachtest Du sie nicht, redest Du von etwas anderem.

Wenn Du jetzt die Frage stellst, wie denn eine Schöpfung perfekt sein kann, die sich selbst derart zu pervertieren in der Lage ist, verstehst Du nicht, wie hoch Gott Dich einschätzt und wie groß er Dich geschaffen hat. Undenkbar für ihn, Dich so zu erschaffen, dass Du automatisch gut bist, ihn automatisch liebst. Es wäre überhaupt keine Liebe, nicht einmal Dressur. Es wäre nett, aber inhaltslos. Deine Liebe zu ihm würde sich gut anfühlen, aber sie wäre nicht echt, denn Du hättest gar keine Wahl. Wärst Du mit einer ewigen Selbsttäuschung glücklich?
Nein, der christliche Gott erschafft freie und verantwortliche Menschen. Menschen, die aufgrund ihrer Freiheit liebesfähig sind. Menschen, die er in ihrer Freiheit so ernst nimmt, dass er sie laufen lässt, auch wenn sie irren. Und die er so sehr liebt, dass er ihnen nachläuft, bis ins Leid hinein.

Lieber Atheist, das Christentum ist ein Drama, keine Happy Hour, und es geht einher mit Freiheit und Verantwortlichkeit. Der Mensch ist groß vor Gott, keine Marionette. Der Mensch kann verloren gehen: im Christentum geht es um nicht weniger als um Leben und Tod. Um das ewige Leben und den ewigen Tod. Darunter tut Gott es nicht. Wer die heile Welt sucht, in der der Mensch nicht bös sein kann, sucht nicht Gott, sondern ein privates Idealbild, das nett und bequem ist und den vermeintlichen Vorteil hat, dass man unschuldig ist. Zum Christentum gehört Mut: anzuerkennen, dass man schuldig ist. Wer bereit ist, sich dieser Tatsache zu stellen und sie nicht verzweifelt wegzudiskutieren versucht, dem beginnt sich zu erschließen, was Gott auf Golgota tat. Ohne dass Du begreifst, dass Du Sünder bist, wird Dir das Christentum fremd bleiben.

Du hast die Wahl: Erlösung light, die darin besteht, dass es keine Schuld gibt und ein netter Gott alles schön macht, oder Erlösung pur, die vor nichts die Augen verschließt, schon gar nicht vor Deinen Fehlern.
Erlösung light ist das Gottesbild, das sich die meisten Atheisten wünschen. Es hat im Christentum nichts verloren sondern ist eher etwas für Menschen, die den Blick in den Spiegel im Lichte Gottes nicht aushalten wollen, die eigene Schuld lieber wegdiskutieren und Gott leugnen, weil er nicht ist, wie sie ihn gern hätten.
Erlösung pur ist etwas für Mutige, die es wagen, die Seele zu öffnen für den, vor dem sie zugeben müssen, nicht zu sein, wie er sie will. Und die bereit sind, sich das schenken zu lassen, was ihnen fehlt. Das kann weh tun.

Ja, das Christentum hat mit Leid zu tun – nicht weil es das Leiden fördert, sondern weil es das Leiden bei seiner Wurzel packt. Es geht niemals darum, das Leid zur Tugend an sich zu machen. Es kann aber durchaus sein, dass man die Ursache des Leids erkennt, die Sünde, und Gott dabei hilft, diese Ursache auszuräumen. Ein Blick nach Golgota reicht, um zu wissen, dass das Leid bedeuten kann. Doch nicht, weil es gut ist, zu leiden, sondern weil es besser ist, zu leiden und zu lieben als nicht zu leiden, aber auch nicht zu lieben. Ein Christ kann Leid eher akzeptieren, weil er weiß, dass es endlich ist, die Liebe aber unendlich.
Letztlich bekommt der Christ genau das, wovon Du träumst, lieber Atheist: die heile Welt. Doch nicht eine automatisch heile kleine Erdkugel, die man ein knappes Jahrhundert bestaunen darf, um danach im Nichts zu verschwinden, sondern das wahrhaft heile Sein, das ehrliche und aufrichtige und herrliche Sein, dass die eigene Heilung einschließt und mit dem Tod nicht endet.

Wenn Du, lieber Atheist, also mit Deinem Katalog an Forderungen kommst, die nicht zu Gott passen, mit Deinen Fragen, die eigentlich schon ablehnende Antworten sind, mit Deinem Gottesbild, das das Resultat will, ohne den Weg zurückzulegen, dann mache Dir bitte klar, dass Du über alles Mögliche redest, aber nicht über das Christentum. Du musst meinen Glauben nicht teilen. Nur begreife, dass Du nicht die Christen verantwortlich machen kannst, wenn sie Dir nicht die Fragen beantworten, die Du aufgrund einer nichtchristlichen Logik stellst. Würdest Du Dich bei BMW beschweren, wenn Dein selbsterdachter Motor nicht läuft? Mache Dir den Unterschied klar. Das macht Gespräche leichter. Und zudem: soviel Logik solltest Du Dir wert sein.

Mittwoch, Juli 24, 2013

Kritische Rechtgläubigkeit?

[Von Bastian]

Vorab:
- Mit „Rechtgläubigkeit“ meine ich hier keine bestimmte Lehre, sondern den Versuch (denn mehr kann es niemals sein) eines Glaubenslebens, das sich nicht im Eigensinn des privaten Horizonts erschöpft, sondern vielmehr die Erkenntnis einer Lehre akzeptiert und sich daran ausrichtet.
- Mit „Kritisch“ meine ich nicht die Neigung, allein aus der Existenz einer eigenen Meinung zu schließen, jede Form einer Lehre sei eine Bevormundung und jedes Ablehnen einer Meinung sei eine Einschränkung der Ganzheit der Wahrheiten, sondern eine fragende und hinterfragende Haltung, die bereit ist, die persönlichen Grenzen, Zweifel und auch Ablehnungen der Glaubenslehre gegenüberzustellen und den Widerspruch auszuhalten.

Kann also ein Glaube, der einer Lehre folgt, kritisch sein? Wäre das nicht ein Widerspruch, da die Lehre eben doch nicht einfach akzeptiert wird, sondern an den eigenen Fragen und damit an eigenen Maßstäben gemessen wird? Für diese Frage brauche ich gar nicht die Katholische Kirche und ihren Katechismus zu bemühen – der Versuch, der Schrift gemäß zu leben, reicht. Immer wieder stoße ich an Grenzen und Zweifel, und ich bin überzeugt, dass das jedem so geht. Es liegt in der Natur der Sache, denn wenn ich glauben will, schaue ich nicht auf ein Lehramt oder ein heiliges Buch, sondern durch beides hindurch auf Gott. Damit aber begegnet meine Begrenztheit der Unendlichkeit, und das führt zu Reibungen.

Meine Begrenztheit ist eine Tatsache. Oft habe ich nicht mehr als sie, was ich Gott geben kann. Das Interessante: Gott will genau das. Gott nimmt mich ernst. Die Evangelien sind voll von Berichten von Menschen, die mit Fragen zu Christus kamen. Er hat diese Fragen beantwortet. Niemals hat er gesagt, man solle mit der Fragerei aufhören und einfach glauben, sondern stets hat er genau an diesen Fragen angeknüpft, um sein Reich zu verkünden. Und stets wurde genau das zur heilenden Begegnung.
Wenn ich Gott begegnen will, wie er es wünscht, muss ich ihm genau das sagen, was mir auf dem Herzen liegt. Freunden begegnet man ehrlich. Es ist keine Tugend, so zu tun, als habe man keine Fragen und zweifele nicht. Unkritischer Glaube ist kein Glaube, sondern bestenfalls Naivität, schlechtesten Falls schlicht Selbstverdummung und Heuchelei, die entweder die eigenen Grenzen leugnet oder versucht, Gott auf ein handliches Format einzudampfen, damit er in das eigene Konzept passt.

Glaube ist für mich nicht das Leugnen meiner Fragen, sondern die Bereitschaft, sie mir von Gott beantworten zu lassen.

Dienstag, Juni 18, 2013

Ehrenvoller Besuch

Heute hatte ich hohen Besuch an meinem Arbeitsplatz.
Der Chef war auch dabei.


Dienstag, Juni 11, 2013

Schmuck.


Das Bild vom irdischen Jesus, der Leinen trug und in ausgetretenen Latschen übers staubige Land zog, wird oft strapaziert, wenn es um die Liturgie geht. Wäre dieser Wanderprediger nicht entsetzt, wenn er unsere Dome sähe (was voraussetzt, daß er sie aktuell nicht sieht)? Am Ende seines Lebens nahm man ihm auch sein Gewand und schlug ihn an das Kreuz.

Doch damit endet die Geschichte nicht. Jesus Christus ist nicht als Leichnam im Grab geblieben, sondern von den Toten auferstanden. Und auch das stellt die Liturgie dar. Vielleicht könnte man einmal in diesem Zusammenhang das erste Kapitel der Johannes-Offenbarung lesen.

Wenn die Jesusgeschichte die Geschichte eines tragischen Scheiterns ist, wenn wir uns in Jesus einen exemplarischen Armen vorzustellen haben … und nichts mehr, dann haben die Verächter einer feierlichen Liturgie Recht. Dann können wir uns nur neben den ohnmächtigen Gott setzen und mit ihm Tränen vergießen.

In der Liturgie wird vorweggenommen, was Christen glauben. Darum der Schmuck der Kirchen. Und darum widerspricht die ärmliche Dorfkapelle auch nicht dem prächtigen Dom.

Montag, Juni 10, 2013

Weder schön noch wahr.


Ein Artikel im Kölner Stadtanzeiger verleitete mich zu folgendem Kommentar. Da ich nicht weiß, ob die Redaktion ihn freischalten wird – der Andersdenkende ist schließlich das Problem für die Toleranz –, kommentiere ich im eigenen Blog:

»Was da ohne Kenntnis liturgischer Abläufe zusammengeschrieben wird, geht einfach auf keine Kuhhaut – auch nicht auf die berühmte Kuhhaut in der frühromanischen Klosterkirche St. Georg auf der Bodenseeinsel Reichenau, in der der mittelalterliche Künstler das Geschwätz der Frauen karikierte. Das sich auch Männer sinnbefreit äußern können, zeigt der Autor dieses Artikels über das Pontifikalamt in St. Kunibert. 

Das Auffällige am Pontifikalamt mit Weihbischof Dr. Klaus Dick war vor allem das Nicht-Museale, Junge. Ein Eindruck, der vor allem deshalb entstand, weil viele junge Menschen in die übervolle St. Kunibert-Kirche geströmt waren. Rechter Rand? Fehlanzeige! – Abgesehen davon, daß es eine ignorante Unverschämtheit ist, Seiner Exzellenz, Dr. Dick in irgendeiner Weise das Kokettieren mit einer »rechten Szene« vorzuwerfen. Ohne Beweise, ohne Fakten, nur durch die Macht evozierter und bedienter Vorurteile und pauschaler Verunglimpfungen.

Hätten Sie berichtet, lieber Herr Biskup, von welchem Komponisten das so schön gesungene Proprium war, ich hätte Ihrem Artikel wenigstens ETWAS Inhaltliches entnehmen können. Hätten Sie gewußt, daß ein Bischof eine Prozession nicht anführt, sondern an ihrem Ende schreitet, dann hätte ich es auch für der Mühe wert befunden, Sie darauf hinzuweisen, daß Sie in Ihrem Kommentar notorisch die nicht am Eucharistischen Kongreß beteiligte Piusbruderschaft mit den Laien von »Pro Missa Tridentina« verwechseln.

Liturgie hat es mit Schönheit zu tun. Und mit Wahrheit. Zwei Qualitäten, die diesem Kommentar völlig abgehen.«

Freitag, Mai 17, 2013

Ein Aspekt meiner Glaubenentwicklung


[Von Bastian]

In facebook von einem netten atheistischen Menschen auf die ewige Verdammnis angesprochen, habe ich spontan dies geschrieben.


Die Angst vor der Verdammnis ist eine schwierige Sache. Das stimmt - diese Schwierigkeiten kenne ich selbst.

Was mir dabei allerdings wichtig war, als ich damit kämpfte (und der Kampf war lang und hart!): es war mir klar, dass es nicht darum geht, ob mir dieser Gedanke gefällt, sondern ausschließlich darum, ob er stimmt. Wenn es die Verdammnis gibt, will ich nicht hinein geraten, weil ich den Gedanken an sie doof fand und deshalb nicht zu Ende dachte.
Die Frage, der ich nachging, war nicht: pass das Christentum zu meiner Philosophie oder gefallen mir seine Konsequenzen, sondern: ist es wahr?
Diese Frage war die einzige, die mich interessierte. Denn wenn ich das Christentum auch blöd fand - und das tat ich! - war mir doch klar, dass Gott, wenn es ihn denn gibt, am längeren Hebel sitzt. Ich fand das unerträglich, aber kam nicht um diesen Fakt herum: Wenn es Gott gibt, tue ich gut daran, auf ihn zu hören.
Gott sei Dank sagte ich mir dann allerdings auch, dass es in diesem Fall wohl mein eigener Fehler ist, wenn ich ihn blöd finde, obwohl er über sich etwas anderes aussagt.

Als ich an dieser Stelle angekommen war, brauchte ich geistige Disziplin. Ich durfte auf keinen Fall in eine Art religiöses positives Denken abrutschen, dass wie eine selbsterfüllende Prophetie funktioniert: wenn ich zu allem ja sage und meine Kritikfähigkeit aufgebe, fühle ich mich im Glauben sehr wohl. Das kann und darf es nicht sein, denn Gott spricht von Freiheit. Ich musste mir meine Zweifel immer wieder bewusst machen, um glauben zu lernen. Ich musste ergebnisoffen sein, um Gott zu finden. Denn wenn er wirklich der ist, der er zu sein vorgibt, muss er zu finden sein, ohne dass man sich vergewaltigt. Ein dauerhafter religiöser Wahn wäre keine Alternative zur Hölle – das wäre die Hölle.

Die Frage, wie ich also Gott finden kann, ohne mich selbst zu manipulieren, hat mich lange umgetrieben, und das war gut so. Denn im Laufe der Zeit habe ich begriffen, dass ich falsch an die Sache heranging. Der Glaube war nicht durch Nachdenken allein erreichbar, ohne ihn selbst zu konstruieren. Den Glauben, begriff ich, gibt es nur im Zusammenspiel mit Gott selbst oder gar nicht. Und plötzlich wurde mir klar, dass ich ein sehr selektives Verhältnis zu Gott hatte: ich hatte versucht, ihn zu erreichen, ohne mir etwas einzubilden (was sich als unmöglich entpuppt hatte), aber ich hatte ihm keine Gelegenheit gegeben, mich zu erreichen. Ich hatte ihn als Prinzip verstanden, aber nicht als Person. Ich hatte Erkenntnis gesucht, aber nicht Begegnung. Ich hatte nicht gebetet.

Also habe ich gebetet, aber mit der bekannten geistigen Disziplin: ich habe versucht, dadurch aufrichtig zu sein, dass ich keinen Zweifel verschwiegen und kein falsches Versprechen gegeben habe. Denn so viel war mir klar geworden: entweder nimmt er mich, wie ich bin, oder er ist keine Alternative zur Verdammnis. Allerdings wusste ich zu unterscheiden zwischen mir und meinem halben Wissen: ich hatte lange genug in Zweifeln gelernt, dass ich mich selbst nicht zum Masstab machen kann. Gott durfte zu mir kommen und mich korrigieren, aber er musste das auch tun. Ich wollte keinen Widerstand leisten, aber auch nichts beschönigen.

Es gab kein gewaltiges Erlebnis oder so, aber es kam eine Entwicklung in Gang, die anhält. Langsam habe ich Gottes Art, die Dinge zu sehen, kennengelernt, und dabei mich selbst. Gott ist ein guter Erzieher mit viel Humor, aber er kann auch sehr deutlich und hart sein. Die meisten wichtigen Dinge bekam ich von Menschen gesagt, die ich nicht mochte. Und je mehr ich mit mir selbst konfrontiert wurde, desto einleuchtender wurde mir seine Logik: wenn ich nicht aus der Enge in mir selbst heraus komme in eine wirklich freie Begegnung mit ihm, mir selbst und den anderen, dann ist die Hölle keine Frage. So wie ich für mich bin, bin ich nicht ewigkeitstauglich. So wie Gott mich liebt, bin ich es wohl. Gottes Liebe zu mir ist das, was mich erst wirklich zu mir macht, wo es nicht eng ist und jeder Gedanke zu Ende gedacht werden kann.

Die Kunst der Manipulation aus Freiburg



[Peter Esser] Ich empfehle, diesen Vortrag von Professor Dr. Magnus Striet aufmerksam zu hören. Natürlich kann man dem Referenten dahin folgen, wenn er fordert, theologisch gelte es zu begreifen, »daß der Freiheitswille in der Moderne der frohen Botschaft vom menschenwilligen und unbedingt menschenfeundlichen Gott gerade nicht entgegensteht.« (04:30)

Aber was meint Striet eigentlich? – Das wird während des dreizehnminütigen Impulses nicht ausgesprochen. Er hätte die Sache ruhig verkürzen und sein Anliegen auf diesen Punkt eindicken können:

In der Moderne lernt nicht mehr die Welt von der Kirche; die Kirche bekehrt sich zur Welt. Nicht mehr der Bekehrungsweg des einzelnen ist gefordert, sondern die Bekehrung des Lehramtes.

Das sagt er natürlich nicht – und damit fängt die an sich belanglose Sache an, für mich interessant zu werden. Interessant ist für mich nämlich Striets codierte Sprache. Könnte ich wieder und wieder anhören. Theologie als Kunst der Manipulation. Nahezu dreizehn Minuten lang gelingt es ihm, seine Zuhörerschaft zum Zuhören, mitunter sogar zum Beifall zu bewegen, ohne die »hard facts«, die ich nur in den Bereichen »Kommunion für Wiederverheiratete, Segen für gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Frauenpriester, und (ganz wichtig!) Dezentralisierung des kirchlichen Lehramts« vermuten kann, auch nur ansatzweise beim Namen zu nennen. Die Codes werden verstanden. Am Ende hat er (natürlich ohne es so zu sagen), die (natürlich angstbesetzte) konservative Position als »Sünde« bezeichnet. – Und damit im letzten Halbsatz zum ersten Mal einen tradierten religiösen Begriff in seinen Impuls eingeflochten.

So gelingt es den Wölfen, sich in Gegenwart der Hirten die Wollocken zu fönen, während die Schafe applaudieren.

Donnerstag, Mai 16, 2013

Die YOURS im Mai 2013


Mal was ganz anderes

[Von Bastian]

Ich bin Aquarianer, seit ich denken kann. Aquarien sind für mich eine Möglichkeit, sozusagen die Schöpfung zu meditieren. Die Beobachtungen sind für mich reine Erholung und Erkenntnis. Schon Konrad Lorenz schrieb: "Würfe ich alle Erkenntnis, die ich vor dem Aquarium  erlangte, in eine Waagschale, und in die andere das, was ich aus Büchern lernte - wie sehr schnellte diese empor!"  Ich verstehe ihn voll.

Vorgestern hatte ich die Gelegenheit, ein besonders schönes Meerwasserbecken zu fotografieren. Es steht im MegaZoo Düsseldorf und hat, wie ich finde, außergewöhnliche Farben.

Faszinierend, dass es sich bei allem Gezeigten um Tiere handelt. Pflanzen sind nicht im Bild.
Vielleicht gibt es ja außer mir noch einen Leser hier, dem bei diesen Bildern das Herz aufgeht.







Montag, Mai 13, 2013

Nachtrag zu Himmelfahrt


[Von Bastian]

Lange Zeit konnte ich mit Christi Himmelfahrt nichts anfangen. Bestenfalls war es ein Abschied, den ich eigentlich blöd fand.

Inzwischen ist mir die Himmelfahrt lieb und wichtig geworden, als Vollendung von Weihnachten.
Weihnachten kam Gott als Mensch auf die Erde - Christi Himmelfahrt stieg dieser Mensch als Gott in den Himmel auf.
An diesem Fest wird die Würde des Menschseins vollendet: einer von uns Menschen ist zugleich Gott im Himmel!
Das wurde selbst den Engeln und Cherubim nicht zuteil.
Unglaublich, was wir glauben dürfen.

Sonntag, Mai 12, 2013

ET IN ECCLESIA EGO



Nicolas Poussin, Die Hirten von Arkadien II. (1638–1640)


[Peter Esser] »In der Catholica bin auch ich« – manche Momente des Bloggertreffens in Bonn ließen die Assoziation mit diesem barocken Bildtypus zu. Vielleicht im Sinne eines saloppen »Hey, ich bin (doch) auch katholisch!« von Seiten der Blogger und von Seiten der oft gescholtenen (»gegrillten«) Medienverantwortlichen.

Vom Freitag bis zum Samstagabend trafen sich Blogger und Vertreter der kirchlichen Medienarbeit im Tagungshaus auf dem Venusberg. Vielleicht ist »Wahrnehmung« das Schlüsselwort dieser Tage. Es waren zwar nicht arkadische Faune, Schäferinnen und Gottheiten, die sich dort auf dem Venusberg begegneten, aber die Atmosphäre einer gespannten Erwartung war schier greifbar.

So tat es gut, daß wir die Praxis des ersten Bloggertreffens in Freiburg aufgriffen, den Tag durch das gemeinsame Gebet gliederten und so immer wieder auch zur Wahrnehmung des in unserer Mitte gegenwärtigen Gottes kamen.

Neben den offensichtlichen Wirken des Heiligen Geistes war es meiner Ansicht nach der umsichtigen Vorbereitung und Moderation durch Dr. Norbert Kebekus vom Erzbischöflichen Seelsorgeamt in Freiburg zu verdanken, daß alle Teilnehmer, die Blogger und Bloggerinnen selber, sowie die Vertreter von katholisch.de, der Geschäftsführer Dr. David Hober, die Redaktionsmitglieder Steffen Zimmermann und Christoph Meurer, der Politikwissenschaftler und Publizist Dr. Andreas Püttmann, sowie der Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, auf dem Venusberg zu einem guten und für alle Seiten sichtlich bereichernden Miteinander fanden.

Dabei liefen die Wahrnehmungsprozesse keinesfalls konfliktfrei ab. Einige Blogger gestanden zu, daß sie das Portal katholisch.de kaum je rezipiert hatten, aber auch die Wahrnehmung der sogenannten Blogözese, also der nichtorganisierten katholischen Bloggerschaft als einer Gruppe von »Überzeugungstätern« schien für die Vertreter von katholisch.de eine neue Entdeckung zu sein. Mitunter gab es kurze Anfragen und Auseinandersetzungen, die besonders von Seiten der Blogger mit Nachdruck vorgetragen und geführt wurden. Aber auch der Auftrag des Internetportals katholisch.de, einen Fundus an spirituellen Angeboten, Hintergründen und verdaulichen Informationen über den christlichen Glauben bereitzustellen – und dabei Stimmen aus dem ganzen kirchlichen Spektrum bereitzustellen, wurde deutlicher. Anhand der Themen »Betreuungsgeld«, des »katholisch.de-Blogs« mit streitbaren Einzelthemen und des Kurzlexikons »Kirche von A-Z« wurde die Problematik der Themenfindung, aber auch der Kommentierung aktueller Entwicklungen in der Kirche diskutiert.

In diesem Zusammenhang war mir die Frage wichtig, wie man den Anspruch, »kein Missionsportal« zu sein, vor dem Hintergrund des Auftrags Jesu, »alle Menschen zu meinen Jüngern« zu machen, durchführen könne. Wir stehen in der Spannung zwischen der Rolle des distanzierten Beobachters und dem Verkündigungsauftrag der Kirche. Daß es nicht um die Rolle des Volksmissionars auf der Bretterkiste gehen kann, der auf das Volk herabpredigt, ist vorausgesetzt. Von Christus und seiner Kirche kann man jedoch nicht anders als mit Herzblut sprechen. Die ET-IN-ECCLESIA-EGO-Erkenntnis für mich war hier in erster Linie, daß wir mit katholisch.de ein empfehlenswertes Portal der Kirche haben. Die starke Präsenz der Redaktion von katholisch.de auf dem Bloggertreffen ist für mich eine deutliche Ermutigung, daß die Zeiten des Fremdelns zwischen professioneller katholischer Medienarbeit und frommer Freibeuterei der Blogger der Vergangenheit angehören.

Einen weiteren Themenschwerpunkt bildete die Begegnung mit Dr. Andreas Püttmann und Matthias Kopp. Dr. Püttmann skizzierte die Situation der katholischen Medienlandschaft in Deutschland – unter anderem nach dem Wegbrechen des katholischen »Flaggschiffs« des »Rheinischen Merkurs«. Seine Ausführungen fanden in vielem den Beifall der Blogger. Im internen Gespräch mit ihm und Matthias Kopp konnte die Problematik thematisiert werden, daß die gerühmte »Augenhöhe« im Dialogprozeß der Deutschen Bischofskonferenz oft nur zu erneuten Ausgrenzungen führt. Besonders da, wo Verbände wie das ZdK für sich beanspruchen, für katholische Laien zu sprechen, schien es mir wichtig, darauf hinzuweisen, daß sich katholische, »konservative«, also am Lehramt orientierte Christen oft mit ihren Anliegen marginalisiert fühlten. Auch hier gewann ich den Eindruck (»ET EGO IN…«), daß Blogger und Pressesprecher gegenseitig Verstehensbarrieren abbauen konnten.

Mein persönliches Fazit: Nicht nur die Freude am Glauben, sondern die auch Freude am Bloggen wurden während des Bloggertreffens gestärkt. Ein großes Dankeschön auch an den Stadtdechanten von Bonn, Msgr Wilfried Schumacher, der mit uns die Heilige Messe am Samstag feierte. Befreiend fand ich, daß die neuen Medien auch zu kurzen Wegen – nicht in einem ideellen Arkadien, sondern in der sehr konkreten ECCLESIA führen. Dabei ist für mich die Leitschnur das Gebet. Mir ist deutlicher geworden, wie oft Blogger und hauptberufliche Medienverantwortliche doch an einem Strang ziehen. Für mich ein Impuls, in die Bitte um den Heiligen Geist, die die Tage vor dem Pfingstfest liturgisch bestimmen, die Bitte um den Heiligen Geist für die kirchliche Medien einzuflechten. Komm herab, o Heiliger Geist!

Zum Weiterlesen:
Peter Winnemöller, Das Bloggertreffen war …
Pulchra ut luna: Gaudium verum res severa
St. Dymphnas Gedankenwelt
Religionspädagogik: Unterkomplex
Kalliopevorleserin: Bloggertreffen in Bonn
Beiboot Petri: Ein Wochenende in Bonn
Thomas sein Abendland: Wer recht spät kommt …
Non Draco sit mihi dux: Bloggertreffen 2013
Kathermometer: Bloggendentreffen auf dem Venusberg
Kreuzknappe: … reden miteinander
St. Christinas Ofenbank: #kbt13
Das Hörende Herz: Bloggertreffen, Review
Frischer Wind: Wir vom Seelsorgeamt
Bethanien bloggt: Teil I
Bethanien bloggt: Teil II
Pro Spe Salutis: Warum da nix bei rauskommen konnte

Donnerstag, Mai 02, 2013

Benedikt und Franziskus verstehen sich.

[Von Bastian]

Zum alten und zum neuen Papst:
Ich habe immer als Bild den Bau einer Kathedrale vor den inneren Augen.

Benedikt hat die Pläne gemacht und das Fundament gelegt. Das ist groß und kräftig geworden, sicher und fest verankert, und man konnte an ihm immer den Umriss des Bauwerks erkennen. Solide Wertarbeit.

Jetzt kommt Franziskus und baut auf den Fundamenten Pfeiler, Strebebögen, filigrane Säulen und große Fenster. Plötzlich ist der klare Umriss weg und alles wird zur Baustelle. Es ist beeindruckend, aber nicht mehr so einfach abzulesen. Es sieht viel zerbrechlicher aus, unfertiges muss noch von Gerüsten gestützt werden, Kunstwerke sind unfertig, Gewölben fehlt noch der Schlussstein.
Doch es ist der logische nächste Schritt - die logische Folge des soliden Fundaments. Kein Wunder, dass beide Päpste sich verstehen: sie bauen am selben Haus und wissen zu schätzen, was jeder tut.

Diskussionen, welcher Bauabschnitt der wichtigere ist, zeugen hingegen nur von mangelndem Sachverstand, genauso wie der Versuch, die Baustelle zur Ruine umzudeuten, weil man selbst zum Bauen zu faul ist und daher lieber klagt.

Samstag, April 06, 2013

Der Unterricht ist vorbei.

[Von Bastian]
Wenn man eine Sprache lernt, bekommt man Vokabeln beigebracht und die Grammatik erklärt. Hat man Glück, hat man einen Lehrer, der es versteht, das interessant zu machen. Hat man die Sprache bis zu einem gewissen Niveau gelernt, verlässt man die Schule und setzt das Gelernte ein. Jetzt, wo man sie nicht mehr ständig wiederholt, zeigt sich, ob die Übungen erfolgreich waren. Man lernt dabei im täglichen Einsatz weiter.

Wir hatten einen Lehrer, der uns die Sprache des Glaubens lehrte, die des Herzens und des Verstandes. Auf höchstem Niveau, unbeschreiblich interessant und faszinierend. Die Zeit an seiner Schule ist um. Der neue Chef wünscht nun unseren Einsatz als Lehrer und Übersetzer! Die Glaubenssprache muss denen, die sie nicht kennen, verständlich gemacht werden.

Er sagt nicht mehr so oft: „Lernt das und das“, sondern meistens „denkt an das, was Ihr könnt, und setzt es ein!“. Er hat Recht. Wozu hätten wir es sonst gelernt?
Nie käme er auf die Idee, damit zu meinen, es sei unwichtig, was wir gelernt hätten – im Gegenteil: genau damit schickt er uns los.

Ich weiß, dass meine ersten Schritte sicher stolpernd sein werden und meine Sprache stotternd.. Gott weiß das auch. Und solange es ihm nichts ausmacht, kann es mir egal sein.

Freitag, April 05, 2013

Das richtige gesagt, aber das falsche weggelassen.

[Von Bastian]

Es ist schon merkwürdig.
Auf Facebook gab es eine Diskussion über meinen letzten Beitrag (LINK).
Worum es ging: passend dazu um etwas, das ich NICHT erwähnt hatte: den Missbrauch. Dort sei Wandel dringend nötig (stimmt in vielen Dingen!) und der Text sei ein Plädoyer, das nach großer Angst vor Veränderung klinge.

Das Frappierende: die Diskussion mit der Person, die sich da engagiert, ist interessant und gut, auch wenn die Meinungen in ein paar Dingen sehr weit auseinander liegen. Und ich bin dankbar dafür, dass Menschen, die eine andere Meinung haben als ich, bereit sind, mit mir intensiv zu diskutieren und dafür richtig Arbeit in ihre Beiträge stecken. Darin steckt eine Bereitschaft zur Gemeinsamkeit auch mit Personen, deren Meinung als sehr defizitär empfunden wird, die ich bewundere und die vielleicht eine größere Einheit schafft, als viele ökumenische Bemühungen es könnten. Danke an dieser Stelle dafür.

Ich muss allerdings zugeben, dass es mich etwas fassungslos macht, dass ein Beitrag, in dem ich zur Ruhe angesichts von Änderungen aufrufe, als ängstlich kritisiert wird, und dass ein Thema, dass den Umgang mit der Schuhwahl des Papstes behandelt, sofort unter dem Missbrauchsaspekt gesehen wird.

Reden wir über Sex, kennt die moralinsaure Kirche kein anderes Thema. Reden wir nicht über Sex, ist gerade die Aussage darüber, dass wir Perversitäten gutheißen oder zumindest nicht anprangern.
Wie, ja wie nur können wir noch etwas vermitteln, was nicht unsere Sexualität respektive ihre Verzerrungen behandelt?